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17. 10. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Die Kinder sollen Lebens- und Lernaufgaben bewältigen und an der Gesellschaft teilhaben können"

Monika Klöver über Bildungsprozesse im Kindergarten

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Monika Klöver

Bildung PLUS: Der Bildungsauftrag für die Kitas ist 2003 vom Land Nordrhein-Westfalen festgeschrieben worden. Was gehört für Sie zur "Bildung" im Kindergartenalter?

Klöver: Wir hatten 2004 in unserer Kita zwei Konzeptionstage, an denen wir uns ausschließlich mit der Bildungsvereinbarung und unserem Bildungskonzept beschäftigten. Begonnen haben wir unseren Tag mit dem oder unserem Bildungsverständnis. Es wurde viel diskutiert, ausgetauscht und zusammengefasst - für mich als Leiterin war es besonders schön zu erkennen, dass wir ein gleichgerichtetes Bildungsverständnis im Team haben.
Entsprechend diesem Bildungsverständnis nehmen wir beobachtend die individuellen Kräfte und Fähigkeiten des Kindes in den Blick und unterstützen und begleiten das Kind. Für den Selbstbildungsprozess benötigt das Kind unserer Ansicht nach ein herausforderndes Umfeld, Erwachsene bzw. Pädagogen, die sich von dem ansprechen lassen, was Kinder beschäftigt, damit sie sie zu sinnvollen Tätigkeiten anregen können. Kinder sollen das Erlebte verarbeiten können, um sich Neuem zuzuwenden. Auf der Linie eines solchen Bildungsverständnisses werden Kinder auf künftige Lebens- und Lernaufgaben vorbereitet, sie werden befähigt, Probleme produktiv und selbstständig zu lösen.

Bildung PLUS: Nach welchen Kriterien haben Sie in der Kita Sonnenstrahl Ihre Bildungsziele entwickelt und wie werden sie umgesetzt?

Klöver: Uns war es wichtig, in unserem Bildungskonzept weniger die Ziele zu formulieren, als vielmehr die Bildungsprozesse der Kinder aufzuzeigen, wahrzunehmen, zu unterstützen, zu begleiten und zu dokumentieren. Bildungsprozesse regen die Entwicklung von Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit und Identität an und unterstützen sie. Außerdem fördern sie dem Alter entsprechend die Persönlichkeitsentwicklung.

Unsere Bildungsziele darüber hinaus sind:
o Vorbereitung auf zukünftige Lebenssituationen, Lebens- und Lernaufgaben und Teilhabe an der Gesellschaft.
o Ausgleich von individuellen und sozialen Benachteiligungen.
o Intensive Vorbereitung auf die Schule, insbesondere im letzten Jahr vor der Einschulung, und die Gestaltung eines gelingenden Übergangs.

Die Umsetzung erfolgt tagtäglich in unserer Einrichtung durch den Situationsansatz, durch gezielte und frei gewählte Projektarbeit, durch vielseitige Arbeitsgemeinschaften und natürlich durch das aktive Miteinander.

Zur Stärkung und Sicherstellung der Bildungsarbeit ist es von großer Bedeutung, dass jeder Kindergarten über eine einrichtungsspezifische Konzeption verfügt, die sich auf das Bildungskonzept bezieht und regelmäßig im Team überarbeitet wird. Ein weiterer Schritt ist die Selbstreflexion der pädagogischen Arbeit und die Reflexion der Arbeit im Team. Darüber hinaus gilt es, sich fachlich zu orientieren über Fachliteratur, durch Fortbildung und Nutzung von Fachberatung.

Bildung PLUS: Werden die pädagogischen Kräfte den neuen Anforderungen noch gerecht? Wo und wie werden sie gegebenenfalls qualifiziert?

Klöver: Ich versuche diese Frage vorsichtig zu beantworten: Meiner Meinung nach können die pädagogischen Fachkräfte diesen Anforderungen sehr wohl gerecht werden. Allerdings stellen die Begleitung und Unterstützung von Kindern in der heutigen Zeit hohe fachliche und persönliche Anforderungen an die pädagogische Fachkraft. Neben einem wissenschaftlich fundierten Fachwissen gehören dazu ganz besonders die Liebe und Achtsamkeit zum einzelnen Kind. Hier ist der Träger gefordert, den pädagogischen Kräften auch die Möglichkeit der Fort- und Weiterbildung zu geben, Konzeptionstage zu schaffen und Supervision anzubieten. Zudem erfordert die intensive Dokumentation des Bildungsprozesses jedes einzelnen Kindes, wozu die Kindertagesstätten in der Bildungsvereinbarung aufgefordert werden, einen sehr genau strukturierten Dienstplan, so dass die Pädagogen auch entsprechende Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit erhalten. Wenn dann auch der Pädagoge gewillt ist, sich diesen Anforderungen gerne zu stellen, so dürfte es sicherlich gelingen.

Bildung PLUS: Es ist im Gespräch, demnächst schon zweijährige Kinder regulär im Kindergarten aufzunehmen. Ist Ihre Kindertagesstätte darauf eingestellt?

Klöver: Ja, das Team der Kita Sonnenstrahl hat sich darauf eingestellt, zukünftig schon Zweijährige regulär aufzunehmen, gedanklich, aber auch bereits in der Praxis: Zurzeit besucht ein zweijähriges Mädchen, bedingt durch eine familiäre Notsituation, unsere Einrichtung. Wir Pädagogen sahen der Aufnahme von zweijährigen Kindern zunächst etwas zögernd und auch neugierig entgegen. Im Team beschlossen wir nach zahlreichen Überlegungen und Vorbereitungen, dem Antrag der in Not geratenen Familie zu entsprechen, um so in Ruhe Erfahrungen sammeln zu können.
Die pädagogische Betreuung und die pflegerischen Tätigkeiten für zweijährige Kinder sind bedeutend zeitaufwendiger als bei älteren Kindern. Wir würden uns deshalb wünschen, dass das Tagesstättenausbaugesetz den Personalschlüssel bei der Umstrukturierung der Gruppen nochmals überdenkt. Unserer Meinung nach besteht die Gefahr, dass der Bildungsauftrag durch die Aufnahme der zweijährigen Kinder bei gleicher Personalbesetzung nicht einzuhalten ist.
Um den unter Dreijährigen eine sichere, altersentsprechende und qualitativ gute Betreuung zu ermöglichen, ist es außerdem wichtig, die sozialen Einrichtungen finanziell zu unterstützen, um ihre Räumlichkeiten und die Spielmaterialien dem Alter entsprechend, dem Entwicklungsstand und den Bedürfnissen der zu betreuenden Kinder anzupassen.

Bildung PLUS: Die Kinder werden im letzten Jahr vor ihrer Einschulung intensiv auf den Übergang zur Grundschule vorbereitet. Wie erfolgt diese Vorbereitung in Ihrer Kita?

Klöver: Besonders wichtig ist unserem Team an dieser Stelle zu sagen, dass wir sicherlich nicht der Schule in dem Sinne vorarbeiten, dass eine Vorwegnahme schulischer Inhalte und Fertigkeiten erfolgt. Für uns heißt Schulvorbereitung, die Kinder in spielerischer Form auf zukünftige Lebenssituationen vorzubereiten. Die Kinder sollen Lebens- und Lernaufgaben bewältigen und an der Gesellschaft teilhaben können. Sie müssen ihre ganz individuelle Entwicklung machen dürfen. Insbesondere im letzten Jahr vor der Einschulung erfolgt im Rahmen einer wöchentlich stattfindenden Vorschul-AG eine intensive Vorbereitung auf die Schule, um den Kindern einen gelingenden Übergang zur Schule zu ermöglichen. Auf folgende Schwerpunkte wird in dieser Vorschularbeit besonders geachtet:

o Motorik: Grob- und Feinmotorik
o Wahrnehmung: Förderung der Sinne
o Umgang mit Aufgaben: Spiel - Lernverhalten, Konzentration - Aufmerksamkeit - Anstrengungsbereitschaft, Neugierde
o Soziale Kompetenz: Kontaktfähigkeit, Zählfähigkeit, Mengenverständnis, Raum- und Lagebeziehung
o Fachliche Kompetenz: Sprachfähigkeit, Regelbewusstsein, Miteinander spielen, sich von Eltern lösen (Übernachtungen)
o Verkehrserziehung durch die Polizei vor Ort einmal im Monat: Kennenlernen der Umgebung und der Verkehrslage; der Weg zur Schule mit Überquerung der Straße (Fußgängerpass), Fahrsicherheit mit dem Fahrrad (Fahrradführerschein)

Bildung PLUS: Wie arbeiten Kita und Grundschule zusammen, um einen gelungenen Start ins Schulleben zu vollziehen?

Klöver: Seit dem Frühjahr 2004 findet jährlich eine Informationsveranstaltung für die Eltern der Vierjährigen statt. Die Themen Bildungsauftrag, Sprachfördermöglichkeiten, vorzeitige Einschulung und Feststellung der Schulfähigkeit stehen dabei ganz oben auf der Liste. Diese Themen werden an dem Informationsabend gemeinsam von Vertretern der Grundschule, der Kindergärten und der Stadtverwaltung vorgetragen.
Angestrebt werden hier in Hoffnungsthal erstmalig in diesem Jahr regelmäßige Arbeitskreistreffen. Lehrer und Pädagogen der Einrichtungen in Hoffnungsthal sollen die Möglichkeit erhalten, sich über Inhalte, Konzeptionen und Informationen auszutauschen.
Auch sind die ersten regelmäßigen gegenseitige Besuche und Hospitationen bereits angelaufen: Die Lehrerinnen, die dieses Jahr Schulkinder übernommen haben, stellten sich uns und den Kindern vor. Wir dürfen einmal im Jahr mit den Vorschulkindern die Schule besuchen und an einer Unterrichtstunde teilnehmen. Zudem laden wir uns gegenseitig zu Festen und Veranstaltungen ein.

Bildung PLUS: Werden die Bildungsdokumentationen, die im Verlauf der Kindergartenzeit über die Kinder erstellt werden, den Lehrern ausgehändigt und in die Kooperation einbezogen?

Klöver: Ja, wir werden unsere Bildungsdokumentationen mit Beginn der Grundschulzeit an die Eltern überreichen. Diese entscheiden selbst, ob sie diese Dokumentation an die Schule weitergeben. Inwieweit die Schulen, sofern sie die Dokumentationen erhalten, diese mit einfließen lassen, weiß ich heute noch nicht. Vielleicht erfahren wir mehr darüber durch die zukünftig angestrebte Zusammenarbeit.

Bildung PLUS: Welchen Wert legen Sie auf Elternarbeit und wie arbeiten Sie in Ihrer Kita mit den Eltern der Kinder zusammen?

Klöver: Da wir eine Elterninitiative sind, erübrigt sich die Frage eigentlich schon. Wir legen sehr viel Wert auf eine gute und konstruktive Zusammenarbeit mit Eltern. Mit dem ersten Gespräch bei der Anmeldung des Kindes für die Warteliste beginnen wir mit der Zusammenarbeit. Seit September 2005 findet jeden Freitag eine Spielgruppe für die zweijährigen Kinder unserer Warteliste statt. Die Kinder kommen in Begleitung eines Elternteils, so dass auch die Eltern die Möglichkeit haben, die gesamte Einrichtung vor Beginn der eigentlichen Kindergartenzeit kennen zu lernen. Weiterhin bieten wir den Eltern und den Kindern eine individuelle Eingewöhnungsphase und Hospitationen. Zweimal im Jahr finden in den jeweiligen Gruppen Elternsprechtage statt. Elternabende werden regelmäßig angeboten. Es gibt Aushänge, Rundbriefe und zukünftig auch eine Kita-Zeitung, die den Eltern, Besuchern und Interessierten zur Verfügung stehen.
Die Eltern können bei allen Festen und Veranstaltungen mithelfen und Anregungen geben. Außerdem besteht für die Eltern die Möglichkeit, in verschiedenen Gremien mitzuwirken: In der Mitgliederversammlung, der Elternversammlung, dem Elternrat, dem Rat der Tageseinrichtung und dem Vorstand.

Bildung PLUS: Was halten Sie persönlich von der Bewegung, die in die frühe Förderung gekommen ist?

Klöver: Ich persönlich freue mich sehr über diese Bewegung, denn sie hat den Fokus auf uns Kindertagesstätten gelenkt. Dadurch haben wir die Möglichkeit erhalten, den Auftrag des Kindergartens und unsere Arbeit in den Vordergrund zu stellen. Oder sagen wir mal so, unsere Arbeit wird jetzt mehr unter die Lupe genommen. Auch die Eltern werden durch die Presse aufgeweckt und interessieren sich plötzlich mehr für die Bildungsarbeit in den Tagesstätten und nicht nur für die in den Schulen.
Ich sehe für alle Einrichtungen, die aus eigenem Antrieb bereits Qualitätssicherung im Hause geleistet haben, nur Vorteile, denn sie können jetzt ihre gute Arbeit präsentieren. Ihr Wert wird jetzt geschätzt.

 

Monika Klöver, Jahrgang 1965, Mutter einer Tochter, hat bis 1993 als stellvertretende Leiterin in einer Integrativen Einrichtung gearbeitet. In den Jahren 1993 bis 1995 hat sie sich zur Musikpädagogin in Rostock weiterbilden lassen und war von 1995 bis 1999 als Selbständige Musikpädagogin tätig. 1998 hat sie in Wismar einen Verein zur Gründung einer evangelischen Grundschule nach Maria Montessori ins Leben gerufen, bei dem sie als 1. Vorsitzende bis zur Eröffnung der Schule im Jahr 2000 ehrenamtlich gearbeitet hat. Von 1999 bis April 2002 hat sie in der Mutter-Kind-Kur-Klinik Boltenhagen/Wismar die Leitung der Freizeit- und Kulturabteilung inne gehabt. Seit April 2002 leitet sie die Kindertagesstätte Sonnenstrahl in Rösrath-Hoffnungsthal.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 17.10.2005
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