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07. 11. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Alle, die an dem Projekt mitarbeiten, sind von einer großen Begeisterung erfüllt"

Prof. Dr. Hilde von Balluseck über den Studiengang Erziehung und Bildung im Kindesalter

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Hilde von Balluseck

Bildung PLUS: Im Sommersemester 2004 begann an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin das Studium "Erziehung und Bildung im Kindesalter - Bachelor of Arts" als erster Studiengang für Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland. Was ist das Neue an diesem Studium gegenüber der herkömmlichen Erzieherinnenausbildung?

Balluseck: Zum einen brauchen unsere Studierenden als Zulassungsvoraussetzung das Abitur. Die Fachschulen ändern das zwar gerade, spätestens ab dem nächsten Jahr werden die Erzieherinnenfachschulen auch nur noch Abiturienten zulassen, aber bei den Erzieherinnen, die jetzt in der Praxis sind, reichte ein erweiterter Haupt- oder Realschulabschluss. Zum anderen sind die Bildungsvorstellungen, die in den letzten Jahren sehr klar artikuliert worden sind - Kita als Bildungsplatz, Bildung für Kinder - nicht in alle Fachschulen so deutlich eingegangen. Dies zeigt sich, wenn wir Studierende in die Praxis schicken. Der Anspruch, den viele Erzieherinnen an ihre Arbeit stellen, ist zwar zum Teil sehr hoch, aber sie können ihm nicht in vollem Maße gerecht werden. Unsere Studierenden haben in der Praxis oft hohen "Leidensdruck", weil die Art, wie einige Erzieherinnen mit den Kindern umgehen, nicht zeitgemäß ist und nicht den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht. Es gibt Kindertageseinrichtungen, in denen Erzieherinnen ohne Abitur, ohne Studium mit einer Fachschulausbildung ihre Arbeit hervorragend machen, aber es gibt eben auch viele, da ist das nicht der Fall.

Bildung PLUS: Was können die zukünftigen Absolventinnen und Absolventen besser als bereits praktizierende Erzieherinnen?

Balluseck: Wir bieten zum Beispiel zwei Module zur Sprachentwicklung und Sprachförderung an, so dass ich sagen würde, wenn eine Erzieherin eine Fachschulausbildung gemacht hat, ist sie nicht so gut darauf vorbereitet, wie wenn sie bei uns die Ausbildung absolviert. Aber wir wissen auch, dass es Träger gibt, die Fort- und Weiterbildungen anbieten und die Erzieherinnen in dieser Hinsicht stark fördern.
Wir haben erlebt, dass Erzieherinnen im Rahmen des Praktikums zu uns gesagt haben, Sprachförderung, da haben wir so viele Fortbildungen gemacht, das brauchen wir gar nicht, wir brauchen zum Beispiel Musik. Wir bieten auch Musik an, allerdings bisher nur als Wahlfach. Der große Wunsch seitens der Studierenden, der Lehrkräfte und auch von mir ist es, das zu ändern und das Fach für alle anzubieten. Aber das ist eine Frage der Finanzierung. Wir entwerfen gerade im Rahmen einer Förderung der Bosch Stiftung in Kontakt mit vier anderen Hochschulen ein neues Studienkonzept, in das wir die Erfahrungen, die wir mit dem Curriculum gemacht haben, integrieren und es verändern.

Bildung PLUS: Wie können die bereits praktizierenden Erzieherinnen auf den neuesten Stand gebracht werden, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben? Sind Fortbildungen vorgesehen?

Balluseck: Wir versuchen das. Wir haben das Projektstudium, in dem die Studierenden des vierten Semesters in eine dreimonatige Praxisphase gehen, mit einem Weiterbildungsangebot für Erzieherinnen gekoppelt, in dem wir ähnliche Inhalte, wie sie die Studierenden von uns bekommen, vermitteln. Das Problem ist, dass die Erzieherinnen durch die Gruppensituation und die Personalengpässe Schwierigkeiten haben, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen.
Wir versuchen "gleiche Augenhöhe" zwischen Studenten und Erziehern herzustellen, denn es ist ja für eine Erzieherin in der Tat eine schwierige Aufgabe, eine Studentin von uns anzuleiten, die schon drei Semester lang sehr viele Inhalte mitbekommen hat, die die Erzieherin nicht gelernt hat. Wir versuchen das durch Weiterbildungen und durch einen intensiven Kontakt mit den Erzieherinnen in der Praxis aufzufangen.

Bildung PLUS: Wie ist das Studium aufgebaut und welche Inhalte werden den Studenten und Studentinnen in den sieben Semestern vermittelt?

Balluseck: Es gibt insgesamt fünf Studienbereiche. Der Studienbereich eins umfasst die wissenschaftlichen Grundlagen wie Theorie und Geschichte der Erziehung, Sozialisationsprozesse bei Jungen und Mädchen, Bildung, Erziehung und kindliche Entwicklung, ethische Grundlagen der Pädagogik, Bildungsbegriff und Bildungspolitik, wissenschaftliches Arbeiten und Forschungsmethoden.
Studienbereich zwei betrifft das pädagogische Handeln im sozialen Kontext. Dazu gehören Selbst- und Fremdbilder im pädagogischen Beruf, Spielpädagogik, Pädagogik der Differenz, die unterschiedlichen Kategorien von Diversity, Methoden im pädagogischen Feld wie Konfliktmediation, Zusammenarbeit mit Eltern, Sozialraumorientierung und Netzwerkarbeit.
Bildung und Didaktik sind Inhalte des dritten Studienbereiches. Da wäre einmal der Bildungsbereich Sprache, Kommunikation und Schriftkultur, der Bildungsbereich Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik, der Bildungsbereich Kunst, Kultur und Medien, der Bereich Körperbewegung und Gesundheit und der Bildungsbereich soziale und kulturelle Umwelt.
Studienbereich vier beinhaltet die Arbeitsfelder der Pädagogik. Dieser Studienbereich umfasst sämtliche Praxisfragen, die wir anbieten und der Studienbereich fünf beschäftigt sich mit den rechtlichen, organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen.

Bildung PLUS: Ein strammes Programm. Welche Rolle spielt die Praxis während der Ausbildung?

Balluseck: Eine recht große. Zunächst ist ein dreimonatiges Praktikum Voraussetzung für die Zulassung. Direkt im ersten Semester gehen die Studierenden für eine dreitägige "Schnupperphase" in die Praxis, im Anschluss an das erste Semester hospitieren die Studierenden dann eine Woche lang in ihrer vorlesungsfreien Zeit in einer Einrichtung im Vorschulbereich. Sie halten mit einer Videokamera fest, wie die Kinder miteinander umgehen und präsentieren und diskutieren die Ergebnisse im nächsten Semester im Seminar. Auch im zweiten Semester gibt es Module, in denen die Studierenden von den Lehrkräften in die Praxis geschickt werden.

Im dritten Semester absolvieren die Studierenden eine zweiwöchige Praxisphase. Dabei haben sie auch Gelegenheit, zu erproben, ob die Institution das Richtige für sie ist, bevor sie im vierten Semester dort eventuell ein dreimonatiges Praktikum machen. Während der zweiwöchigen Praxisphase können sie mehrere Module von der praktischen Seite aus betrachten, so dass die wissenschaftlichen Inhalte immer auch mit praktischen Erfahrungen unterfüttert werden.

Das dreimonatige Projektpraktikum im vierten Semester wird dann durch eine Unterrichtsveranstaltung in der Hochschule und durch Supervision begleitet. Für das fünfte Semester ist vorgesehen, dass die Studierenden erneut in die Institutionen gehen und erkunden, wie sich die Arbeit vor Ort weiter entwickelt hat. Denn Ziel des Praktikums ist es ja auch, eine Kooperation zwischen Erzieherinnen und Studierenden anhand der Entwicklung eines individuellen Bildungsplans für ein Kind und eines Bildungsplans für die gesamte Gruppe herbeizuführen. Im sechsten Semester gehen die Studentinnen und Studenten schließlich noch einmal für drei Monate in die Praxis. Sie können jetzt auch mit Schulkindern arbeiten, in einem Hort oder in einer Einrichtung der Jugendhilfe, die einer Schule angegliedert ist. Im siebten Semester schreiben sie ihre Bachelorarbeit, in der sie ein Thema, möglichst aufgrund ihrer praktischen Erfahrungen, wissenschaftlich reflektieren können.

Bildung PLUS: Lange spielte Bildung im Kindergarten ja nur eine untergeordnete Rolle. In Kindergärten wurde gespielt, erzogen und betreut. Um den Anschluss an die internationale Bildungselite wieder zu erreichen, wird jetzt auch in Deutschland auf frühe Förderung gesetzt. Welcher Bildungsbegriff liegt dem Studiengang an der Alice-Salomon-Hochschule zugrunde?

Balluseck: Wir stützen uns auf die Entwicklungspsychologie und die Elementarpädagogik. Bildung umfasst den Prozess, in dem das Kind seine anthropologisch angelegte Neugier und seinen Forscherdrang allein oder mit der Unterstützung Erwachsener befriedigt und in dem sich seine Persönlichkeit und seine Fähigkeiten entwickeln. Bildung kann man nicht von außen oktroyieren. Es geht also bei diesem Bildungsbegriff darum, die Eigenaktivität des Kindes zu unterstützen. Die Erzieherinnen müssen gut ausgebildet sein, damit sie die Facetten der Neugier des Kindes auch erkennen und entsprechend unterstützen können.

Bildung PLUS: Seit PISA werden immer wieder Länder, vor allem die skandinavischen, aufgrund ihrer Ausbildung lobend hervorgehoben. Orientiert sich der Studiengang "Erziehung und Bildung im Kindesalter - Bachelor of Arts" der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin an diesen Ländern?

Balluseck: Wir hatten als Ideal eine gemeinsame Ausbildung von Erzieherinnen und Lehrerinnen geplant und uns deswegen auf den einzigen Studiengang, der uns hierin bekannt ist, den Studiengang für Lehrerinnen und Erzieherinnen in Bozen, gestützt. Da wir aber nun keine Lehrerinnen ausbilden, konnten wir nur einen Teil übernehmen. Ansonsten haben wir uns nicht an den internationalen Studiengängen orientiert, werden das aber jetzt bei der Umformulierung des Studienkonzepts nachholen.

Bildung PLUS: Mit der Verlagerung der Erzieherinnenausbildung an eine Fachhochschule wird ein typischer Frauenberuf aufgewertet und soll so auch für Männer attraktiver werden. Gibt es jetzt tatsächlich mehr männliche Bewerber bzw. Studenten?

Balluseck: Also ich kenne die Quote an Fachschulen nicht, bei uns ist die Männerquote noch äußerst gering. Ich denke aber, das ist eine Frage der Zeit. Im ersten Studiengang hatten wir drei Männer, jetzt haben wir vier.

Bildung PLUS: Wird das Studium die Erzieherinnenausbildung in Zukunft bundesweit ersetzen?

Balluseck: Das ist eine Frage, die im Moment auf mehreren Ebenen diskutiert wird. Es gibt hier sehr unterschiedliche Vorstellungen. Es gibt diejenigen, die sagen, alle Erzieherinnen müssen auf Hochschulebene ausgebildet werden. Dann gibt es Fachschulen, die Fachhochschulen werden wollen. Beides halte ich nicht für sinnvoll. Ich denke, dass es Fachschulen und Hochschulen durchaus nebeneinander geben kann, allerdings für unterschiedliche Levels. Es wird eine zentrale Frage in den nächsten Jahren sein, zu klären, wo stehen die Fachschulen, wo stehen die Hochschulen. Ich befürworte eine enge Kooperation, sowohl inhaltlich, als auch personell, aber das sind Dinge, die sich entwickeln müssen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir bestimmte Fachschulmodule in der Hochschulausbildung anerkennen und dass gute Fachschüler und Fachschülerinnen nach einer bestimmten Zeit an die Hochschule wechseln können.

Bildung PLUS: Welche positiven und welche negativen Erfahrungen haben Sie in den ersten eineinhalb Jahren gemacht?

Balluseck: Zum einen kann ich wirklich sagen, dass alle, die an dem Projekt mitarbeiten, die Lehrkräfte, die Professionellen in der Praxis und die Studierenden von einer großen Begeisterung erfüllt sind. Wir mussten ja zunächst in der Praxis um genügend Praxisstellen werben. Wir hatten damit großen Erfolg und bekamen viel positives Feedback. Unsere Studierenden sind unglaublich engagiert und die Lehrkräfte unterstützen dieses Engagement mit ihrem Engagement. Denn das ist der Knackpunkt: Wenn die Lehrkräfte Verbindlichkeit einfordern, dann sind die Studierenden auch verbindlich. Wir haben ein phantastisches Lehrpersonal an der Hochschule, wir haben Lehrkräfte vom Berliner Bildungsprogramm, Kitaberaterinnen, Juristen, Sozialpädagogen, Erziehungswissenschaftler oder auch Naturwissenschaftler von der FU, die alle ein ausgesprochen hohes Niveau in den Studiengang bringen. Es ist ein tolles Projekt. Wir alle haben zusammen etwas Neues aufgebaut.

Zum anderen bin ich in der Konzeption dieses Studienganges, den ich ja praktisch alleine entworfen habe, von einem etwas antiquierten Theorie-Praxis-Modell ausgegangen, das ich im Studiengang Sozialarbeit/Sozialpädagogik seit vielen Jahren praktizierte. Ich habe als frühere Theoretikerin den Aspekt der Übersetzung der theoretischen Erkenntnis in praktisches Handeln zu wenig berücksichtigt. Das spiegelt sich auch im Studiengang wider, in den Modulen. Und das versuche ich jetzt nachträglich zu korrigieren, in dem ich die Praxisphasen in alle Module, auch in die theoretischen, immer stärker reinbringe. Wir müssen den Studierenden ermöglichen, ihr praktisches Handeln mit den theoretischen Kenntnissen zu verknüpfen.

Nicht zuletzt, und damit sind wir bei einem dritten Punkt, ist dieses sehr schwierig, weil sich die Umsetzung der Konzepte, die die Studierenden an der Hochschule erfahren und lernen, in die Praxis als kompliziert erweist. Einmal, aufgrund der Arbeitsbedingungen und der fehlenden Kenntnisse der Erzieherinnen und zum zweiten aufgrund der Motivation der Erzieherinnen, die sich wohl im Laufe der Jahre und Jahrzehnte abschwächt. Und da müsste man dringend etwas machen, also Weiterbildung von Erzieherinnen ist eines der Themen, die wir in der nächsten Zeit angehen werden.


Hilde von Balluseck, seit 1981 Professorin an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin (ASFH) im Studiengang Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Forschungsprojekte und Veröffentlichungen im Bereich Abweichendes Verhalten, Gerontologie, Sozialpolitik und Soziale Arbeit, Kinder- und Jugendhilfe, Kita-Politik, Familien im Sozialpädagogischen Dienst, minderjährige Flüchtlinge. 2003 Entwicklung des Curriculums für den ersten Studiengang für Erzieher und Erzieherinnen in Deutschland, seit 2004 Leiterin dieses Studienganges.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.11.2005
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