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04. 09. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Eine Brücke schlagen

Den Übergang zwischen Kita und Grundschule erleichtern

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Lässt sich eine Brücke zwischen Kita und Grundschule schlagen? Bildquelle: Photocase

"Und wie ist es Ihnen in den letzten beiden Wochen ergangen?", fragt Sabine Roder interessiert in die Runde. Die gelernte Erzieherin und Sozialpädagogin ist Moderatorin im Projekt "ponte" und trifft sich regelmäßig mit Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrkräften zum Meinungsaustausch. Als Moderatorin begleitet und unterstützt sie den Prozess der Pädagogen, ein gemeinsames Bildungsverständnis zwischen Kindergarten und Grundschule in Brandenburg zu entwickeln.

Den Übergang von Kita und Grundschule erleichtern
Das Projekt "ponte" ist ein Kindergarten- und Schulentwicklungsprojekt der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie - INA gGmbH - an der Freien Universität Berlin und wurde von Prof. Jörg Ramseger, Dr. Annette Dreier, Dr. Christa Preissing und Prof. Dr. Jürgen Zimmer konzipiert. In Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Deutsche Bank Stiftung sowie unter Beteiligung des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg werden seit dem Jahr 2004 im Land Brandenburg mit diesem Projekt neue Wege zwischen Kindergärten und Grundschulen erprobt. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung übernimmt die Gesamtsteuerung, Vernetzung und Dokumentation.

Ziel der Kooperation ist die inhaltlich und strukturell engere Zusammenarbeit von Kita und Grundschule, um ein gemeinsames Bildungsverständnis zu entwickeln. "Unterschiedliche Bildungsansätze sind aus pädagogischer Sicht unsinnig", so Dr. Heike Kahl von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Eine engere Kooperation beider Institutionen soll helfen, den künstlich herbeigeführten Bruch in der Bildungsbiographie der Kinder aufzuheben. Getreu dem Namen, soll eine Brücke (ponte) zwischen beiden Einrichtungen geschlagen werden. "Es geht darum, früher mit dem Bildungsprozess anzufangen und diesen in die Grundschule mitzunehmen", erklärt Frauke Hildebrandt von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und Leiterin des Projekts. Ein gegenseitiges Interesse beider Einrichtungen und eine bessere Koordinierung erleichtern den Übergang. Grundlage für die Weiterentwicklung ist ein Bildungsverständnis, das bereits jüngere Kinder als aktive Gestalter ihrer Lern- und Lebenssituation begreift. Lern- und Erziehungsbegriffe werden bei ponte diskutiert, um langfristig spezifische gemeinsame Curricula zu entwickeln. Die Projektgruppe an der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik liefert dafür den Wissenschaftsinput und die theoretische und fachliche Begleitung.

Zusammenarbeit im Tandem
Im Rahmen des Projektes arbeiten Tandems aus jeweils einer Grundschule und ein bis zwei Kitas eng zusammen, um den Kindern kontinuierliche Lebens- und Lernwege zu ermöglichen. Begonnen hat das Projekt mit sechs Tandems in einer Pilotphase im Raum Cottbus. Heute gibt es zehn Tandems in Brandenburg. Jedem steht eine Moderatorin zur Seite. Unter ihrer Anleitung führen die Pädagoginnen und Pädagogen beider Einrichtungen vierzehntägig Gespräche durch. "Das ist nicht immer leicht", berichtet Frauke Hildebrandt. Über Jahre eingeübte pädagogische Grundhaltungen lassen sich nur schwer aufbrechen. Doch die Bereitschaft ist auf beiden Seiten vorhanden. "Die Beteiligten merken, dass etwas in Bewegung kommt. Vor allem die Frauen aus den Kitas. Erzieherinnen haben der Grundschule gegenüber nach wie vor einen Minderwertigkeitskomplex und das Bedürfnis, auf gleicher Augenhöhe agieren und verhandeln zu können. Sie merken, dass sie mit ponte zu ihrem Recht kommen". Denn gerade was die Eigenaktivität und das Individuelle der Kinder anbelangt, sind die Kitas oft weiter, ergänzt sie. Die Lehrer sind meist etwas unbeweglicher und verstecken sich hinter den Rahmenlehrplänen, meint Sabine Roder.

Nachdenken über pädagogisches Handeln
Auch wenn sich die Kooperation von Grundschule und Kindergarten auf inhaltlicher und auf struktureller Ebene vollzieht, steht im Vordergrund das Nachdenken über das pädagogische Handeln. Alle Beteiligten überlegen, wo ihre Stärken und Schwächen sind und entwickeln gemeinsam Ideen, wie die pädagogische Arbeit verbessert werden kann. "Das ist für viele neu", erzählt Sabine Roder. "Die meisten verfallen in Aktionismus, wollen etwas tun. Aber darum geht es ja nicht. Unser Projektziel ist, das Verständnis darüber zu befördern, was Menschen tun, wenn sie sich mit Kindern befassen" so Frauke Hildebrandt.

Die Überlegungen der Pädagoginnen finden Eingang in Zielvereinbarungen, aus denen dann ganz konkrete Projekte hervorgehen, die Kindergarten und Schule gemeinsam gestalten und durchführen. Die Schwerpunkte der Zusammenarbeit werden von den Tandems individuell gesetzt. In Beeskow beispielsweise hat man beschlossen, in einen gemeinsamen Prozess der Selbstreflexion zu treten. Dazu gehört der Austausch über gemeinsame Erziehungsziele genauso wie die Erarbeitung gemeinsamer Bildungsstandards. Als Basis dienen den Beteiligten die Rahmenlehrpläne und Grundsätze elementarer Bildung des Landes Brandenburg. "Wichtig ist am Anfang das gegenseitige Kennenlernen der Einrichtungen", betont Sabine Roder, die fast alle Cottbusser Einrichtungen betreut. "Beim gegenseitigen Hospitieren erfährt man, was die Pädagogin tut, um den Bildungsprozess der Kinder zu begleiten". Strukturen, Konzepte, Arbeitsweisen und Projekte der Einrichtungen müssen bekannt gemacht werden. Die Vermittlung der Moderatoren spielt dabei eine große Rolle. "Es ist wichtig, dass wir Gespräche anstoßen und immer wieder auf den Punkt bringen", kommentiert Sabine Roder. Das Tandem Beeskow arbeitet seit zwei Jahren intensiv am Aufbau einer gemeinsamen Elternarbeit und am Austausch über Beobachtungs- und Dokumentationsmethoden. Es führt Einschulungsuntersuchungen und Fortbildungen gemeinsam durch und evaluiert seine Arbeit durch schriftliche Befragungen und Elterngespräche.

Konkrete Projekte
Andere Projekte können pädagogische Sachthemen wie die Sprachentwicklung, die Naturerforschung durch Kinder, gemeinsamer Englischunterricht oder Sportunterricht sein. Obwohl es nicht leicht ist, das Bildungsverständnis beider Institutionen neu zu gestalten und auf einen einheitlichen Nenner zu bringen, ist in den letzten beiden Jahren schon einiges erreicht worden. "Ohne ponte wären wir in der Zusammenarbeit mit der Kita lange nicht so weit", meint Lothar Nagel von der Regine-Hildebrandt-Grundschule in Cottbus. "Es hat schon jetzt viel in Bewegung gesetzt: Vom gemeinsamen Englisch in der Kita und Grundschule über regelmäßigen Austausch zwischen Erzieherinnen und Lehrerinnen bis hin zu gemeinsamen Fortbildungen zu Spracherwerb und Beobachtung und unserem Vorhaben, mit der Kita unter ein Dach zu ziehen." Durch gegenseitige Hospitationen, moderierte Gesprächsrunden und Projekte mit Kindergarten- und Grundschulkindern erweitern und reflektieren die Erzieherinnen und Lehrkräfte ihre Kompetenzen: Erzieherinnen erwerben didaktische Kenntnisse in verschiedenen Lernbereichen, die Lehrerinnen und Lehrer erfahren mehr über die Entwicklungs- und Lernwege jüngerer Kinder, freut sich Dr. Annette Dreier.

Workshops zu Entwicklungs- und Bildungsprozessen
Die angestrebten Veränderungen werden von Wissenschaftlern der FU Berlin, Praxisberatern und Vertretern der Administration begleitet, die Ergebnisse an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin evaluiert. Die Moderatoren nehmen dabei eine Schlüsselrolle ein: Sie dokumentieren die Aktivitäten in den Einrichtungen, begleiten den Austausch der Pädagoginnen und Pädagogen und kooperieren mit dem Wissenschaftlerteam. Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter Leitung von Prof. Ramseger organisieren und gestalten außerdem regelmäßig Workshops zu kindlichen Entwicklungs- und Bildungsprozessen, in denen Experten beispielsweise über den Sinn und Unsinn von Beobachtung und Dokumentation sowie über aktuelle Konzepte des Schriftspracherwerbs und der Naturwissenschaften berichten. So besuchte die Pädagogin Dr. Donata Elschenbroich im November 2004 einen Workshop in Cottbus und präsentierte ihren Film "Kinder als Naturforscher". Im Anschluss an die Präsentation führten Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen unter Anleitung von Prof. Brunhilde Marquard-Mau von der Universität Bremen naturwissenschaftliche Experimente durch. Die Inhalte wurden später mit den Moderatorinnen in den Einrichtungen unter der Fragestellung, "Welche Erkenntnisse sind bedeutsam für unsere Praxis?" reflektiert und bearbeitet.

Ponte weitet sich aus
An den Workshops nehmen alle Lehrkräfte, Erzieher und wissenschaftlichen Mitarbeiter bundeslandübergreifend teil. Denn seit diesem Jahr wird ponte mit sechs Tandems auch in Sachsen durchgeführt. Und diesen September startet das Projekt mit vier Tandems in Berlin. Jetzt heißt es dort, kontinuierliche Gespräche zwischen Kindergärten und Grundschulen in Gang zu bringen und spezielle Projekte durchzuführen.

Eine lohnenswerte Aufgabe, die für alle Bundesländer interessant sein könnte.

 

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 04.09.2006
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