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27. 09. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Liebe, Vorbild, Können

Programm der Robert Bosch Stiftung für nationale Berufsstandards in der Frühpädagogik

Bild

Mädchen: Quelle Photocase

Pik − und Ass. Ein Kartenspiel ist gewonnen. Indes das Spiel des Lebens, das mit der Kindergartenzeit anbricht, ist so einfach nicht zu gewinnen. Die Karten für den Lebensweg werden bereits in den ersten Lebensjahren gemischt. Gute Karten haben die Kinder, die schon ganz früh in der Kita auf kindliche Weise zum Lernen angeregt werden, wie man von Kindern skandinavischer Länder weiß. Doch die Bedeutung der Kinderzeit für den Lebensweg wurde hierzulande in Politik und Gesellschaft lange unterschätzt.  

Im internationalen Vergleich gibt es kaum Länder, die weniger Geld in die frühkindliche Bildung stecken als  Deutschland. "Grundsätzlich gilt: Je jünger die Kinder, umso schlechter ausgebildet die Fachkräfte und umso geringer die Investition in die öffentliche Förderung der Bildung", heißt es auf der neuen Plattform www.profis-in-kitas.de. Das möchte die Bosch-Stiftung ändern. Deutsche Erzieherinnen sind aufgrund des geringen Qualifikationsniveaus in Europa nicht vermittelbar.   

Was Kindergärtner alles können sollen, ist nirgendwo national einheitlich geregelt. Deswegen bringt die Robert Bosch Stiftung die zentralen Akteure und Erziehungswissenschaftler für frühkindliche Förderung an einen Tisch. Bezeichnenderweise spricht sie auch weniger von Kindergärtnern oder Erziehern, sondern von "Frühpädagogen". Das Ziel: Die gebündelte Expertise soll in einen "nationalen Qualifikationsrahmen" münden. Damit sollen der "Kern der Profession" des Frühpädagogen und verschiedene Kompetenzstufen herausgeschält werden, die in der Aus- und Weiterbildung der Frühpädagogen vermittelt werden.  

Das am 18. September online gegangene Bildungsportal flankiert das Programm zur Professionalisierung von Frühpädagogen der Robert Bosch Stiftung. Das Bildungsportal ist Teil des Schwerpunktes "Frühkindliche Förderung" eines Programmbestandteils der Bosch Stiftung, mit dem auf die PISA-Studie reagiert wird. Zunächst ist das Programm auf fünf Jahre angelegt. Eine Million Euro pro Jahr ist der Stiftung die Professionalisierung in der frühkindlichen Förderung wert. Mittel mit einer Signalwirkung, die über das Projekt hinausweist.  

Je jünger die Kinder, umso schlechter die Ausbildung der Pädagogen
Kitas galten lange als Orte, an denen Kinder spielten und bastelten − aber bitte nicht mit Bildung in Kontakt gebracht werden sollten. Erzieher waren Spielanimateure und Bastelanleiter. Fürs Spielen, Basteln und Betreuen brauchten Erzieherinnen und Erzieher einen Berufsschulabschluss, aber keine Hochschulausbildung wie in vielen anderen europäischen Ländern. Natürlich arbeiteten die Erzieherinnen und Erzieher auch früher schon professionell.    

Aber die Ansprüche an die Professionalisierung der Frühpädagogen sind gestiegen. Die Herausforderungen der Gegenwart reichen von den Bemühungen um Anschluss des Nachwuchses an das internationale Bildungsniveau über Chancengerechtigkeit durch frühe Bildungsprozesse bis hin zur Integration von Kindern mit Zuwanderungshintergrund, die in der Kita beginnt.    

Mit der Verabschiedung von Bildungsplänen in den 16 Ländern sind die Grundschulen nicht mehr die erste Bildungsstufe im Leben der Kinder. Der Ernst des Spiels wird jetzt von Verantwortlichen in den Ländern erfasst. Je früher Chancen zur Entwicklung der Kinder verkannt werden, umso folgenreicher ist dies im weiteren Lebenslauf: "Geht man von den Erkenntnissen der Neurobiologie und Entwicklungspsychologie zur Bedeutung frühkindlicher Bildung aus, müsste der Akzent genau umgekehrt gelegt werden: Die Priorität der Investition müsste bei den Jüngeren liegen, weil hier die Fundamente für die spätere Lernfähigkeit gelegt werden", so die Bosch Stiftung.   

Bildung im Zusammenspiel von Familie und öffentlicher Erziehung
Die Stiftung sieht die Kindertagesstätten als festen Bestandteil einer Bildungslandschaft der Zukunft. Traditionell sind Kitas in Deutschland aber der Kinder- und Jugendhilfe angegliedert, so dass mit dem Bildungsauftrag ein grundlegender Sichtwechsel eingetreten ist. Kitas haben in Ergänzung zur Erziehung durch die Eltern eine Bildungsfunktion. Schon Zweijährige profitieren von öffentlichen Angeboten an Bildung und Betreuung mit ihrer größeren Vielfalt an Lerngelegenheiten als in der Familie.  

"Daher gelingen Bildungsprozesse am besten im Zusammenspiel von Familie und öffentlicher Erziehung", so das Credo der Stiftung. Die meisten Kinder von drei bis sechs Jahren besuchen heute den Kindergarten. Eine Gruppe schert dabei aus: Rund zehn Prozent der Fünf- bis Sechsjährigen hat bis zur Einschulung keinen Kindergarten von innen gesehen. Genau diese Gruppe gilt aber als gefährdet, rekrutieren sich die Kinder doch überwiegend aus benachteiligten Familien. Die Benachteiligung drohe sich zu verfestigen. Und auch das letzte Kindergartenjahr reiche nicht mehr aus, um die sich anbahnende Verschlechterung der Chancen aufzuhalten.   

Die Besten für die Kleinsten will die Bosch Stiftung. "Die Ausbildung zur Erzieherin gehört in die Hochschule, weil wir einen Nachwuchs brauchen, der die gesellschaftliche Relevanz der Frühpädagogik erkennt", sagt Monika Lüke-Entrup. Erzieherinnen und Erzieher leisteten einen wichtigen Beitrag zur Familienpolitik, Bildungspolitik und Gesellschaftspolitik. Ein Beispiel: Im Westen Deutschlands steigt in Kitas der Anteil der Kinder mit unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft, die kaum Deutschkenntnisse aufweisen. Viele Mütter von Kindern mit Zuwanderungshintergrund beherrschen nicht immer die deutsche Sprache und sind wenig mit den hiesigen Einrichtungen und ihren Abläufen vertraut. Vor diesem Hintergrund steigen nach Lüke-Entrup die Anforderungen an die pädagogischen Fachkräfte in Kitas.   

Kindergärtner mit Hintergrund
"Der Kindergartenbesuch wirkt sich positiv auf die Sprachentwicklung aus, aber auch auf die notwendigen frühkindlichen Kontakte zwischen deutschen und ausländischen Kindern untereinander. Für den späteren Schulbesuch werden damit die entscheidenden Weichen gestellt", heißt es im Familienhandbuch, das vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen herausgegeben wird. Der Integration dienlich sind Erzieherinnen, die ein ausgeprägtes Sprachverständnis und einen breiteren Wissenshorizont mitbringen. "Wir brauchen Erzieherinnen und Erzieher, die bildungsnah sind", so Lüke-Entrup, denn "wir leben in einer Gesellschaft und nicht in vielen Gesellschaften".    

Die Aus- und Fortbildung der Frühpädagogen aller Couleur wird anspruchsvoller. Die Berufsschulen für Erzieherinnen und Erzieher sollen im Austausch mit Partnerhochschulen besser werden. "Dazu brauchen wir professionell arbeitende Kitas und Profis in Kitas, die einen ähnlichen Ausbildungsstand wie Grundschullehrer haben", sagt Monika Lütke-Entrup, Projektleiterin des Programms zur Professionalisierung von Frühpädagogen in Deutschland (PiK). Kinder, die aus den Kitas in die Grundschule kommen, sollen keinen Übergangsschock erleben.  

Es gilt, die Übergänge zwischen Kita und Grundschule sanft zu überbrücken. Federnd, nicht stolpernd sollen Kinder diese Stufen auf je eigene Weise nehmen. Für die "durchgehende Pädagogik"  von der Frühpädagogik bis zur Schulpädagogik bringt die Bosch Stiftung fünf PiK-Standorte mit PiK-Partnerhochschulen ins Spiel: Berlin (Alice Salomon Fachhochschule), Bremen (Universität Bremen), Dresden (Technische Universität), Freiburg (Evangelische Fachhochschule), Koblenz (Fachhochschule Koblenz/Remagen). Das bundesweite Nord-Süd-West-Ost-Kreuz ist nicht sehr engmaschig gestrickt. Das ist allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass die Erforschung der frühen Kindheit in der deutschen Forschungslandschaft bisher stiefmütterlich behandelt und nur an den wenigsten Hochschulen gelehrt wird. An den PiK-Standorten werden die Curricula für Frühpädagogik in Zusammenarbeit mit den Kitas oder den Praxiseinrichtungen entworfen.    

Was beinhaltet Professionalität im Umgang mit Kindern heute? "Professionelles Handeln ist die Anwendung theoretisch-wissenschaftlichen Wissens in Verbindung mit Reflexion, Überprüfung und Weiterentwicklung dieses Wissens anhand der im Berufsalltag gemachten Erfahrungen", sagt Hilde von Balluseck, Leiterin des frühpädagogischen Studiengangs an der Alice Salomon Fachhochschule in Berlin. Neue Konzepte für die Professionalisierung entstehen in Kooperation mit Akteuren aus Praxis, Forschung und Lehre.    

"... unabhängiger Dritter, der vorangeht"
Den Weg von der regionalen Fragmentierung zur Vereinheitlichung des Professionalisierungsprozesses in Deutschland verläuft über die bundesweite Innovationswerkstatt. Die Innovationswerkstatt hat sich auf ein gemeinsames Bild vom Kind verständigt. Am Leitfaden dieses Kindverständnisses werden die Bildungsinhalte und Methoden für das Lernen in Kitas konzipiert. Ob Workshops, Konferenzen oder Symposien - die Innovationswerkstatt bündelt den fachlichen Austausch der Erzieherinnen, Pädagogen und Forschern. Sie ist die gemeinsame Plattform für die Verständigung zwischen Hochschulen und Bundesländern. Einen Beitrag zur Anhebung professioneller Standards leistet zudem die Internetseite www.profis-in-kitas.de. Zudem fließt auch die Expertise von internationalen Experten in die Innovationswerkstatt ein.  

Vereinheitlichung ist hierbei notwendig. Eigentlich sind die Zuständigkeiten über die Kindertagesstätten verteilt auf Sozialministerien und heute, da die Länder Bildungspläne aufgelegt haben, zunehmend auch auf Kultusministerien und Wissenschaftsministerien in den 16 Ländern. Weitere Träger und Zuständigkeiten liegen auf den Schultern von Kommunen, Wohlfahrtsverbänden und Kirchen sowie Elterninitiativen. Bildung und Betreuung in Kitas - ein unüberschaubarer Flickenteppich.   

Worin liegt die Bedeutung von Stiftungen für die Bildungsverläufe der Kleinsten? Für den Leiter des Deutschen Jugendinstituts, Thomas Rauschenbach, braucht es eines "tatkräftigen, unabhängigen Dritten, der sich einmischt, fördert, nachhakt und selbstbewusst vorangeht". Die Robert Bosch Stiftung versteht sich als Advokat und Avantgarde für frühkindliches Lernen.   

Die Professionalisierungskampagne der Robert Bosch Stiftung ist ein wichtiger Schritt, um auf die erhöhten Anforderungen an die frühkindliche Erziehung zu reagieren. Beobachten, beurteilen, bilden, beraten und natürlich weiter basteln − die Bandbreite der Tätigkeiten von Frühpädagogen erweitert sich laufend. Die Bergspitze im Sinne bundesweit geltender Standards für den Beruf des Frühpädagogen ist noch lange nicht erreicht. Die Anstrengung lohnt sich, und Ökonomen würden sagen, sie mache sich später bezahlt. "Bergspitze", das ist ja auch die andere Bedeutung von Pik. 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 27.09.2006
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