„Wir wollen sowohl „förderlose Diagnose“ als auch „diagnoselose Förderung“ vermeiden“
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Marcus Nührenbörger und Dr. Larissa Aust von der Universität Münster und Prof. Dr. Christoph Selter von der TU Dortmund.
Projekte sollten nicht isoliert arbeiten, sondern sich vernetzen. Und sie müssen eng mit Unterrichtspraxis und Bildungsadministration kooperieren, um eine gemeinsame Grundlage für praxisnahe Forschung und forschungsbasierten Unterricht zu schaffen. Das empfiehlt Marcus Nührenbörger, einer der Koordinatoren des Projekts FÖDIMA - Förderorientierte Diagnostik im inklusiven mathematischen Anfangsunterricht.
Wie das Projektteam genau das geschafft hat, erläutert er gemeinsam mit seiner Kollegin Larissa Aust von der Universität Münster und Christoph Selter von der TU Dortmund in der Folge der gemeinsamen Podcast-Reihe „Bildungsforschung für die Bildungspraxis“. Seit 2021 arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Münster und Dortmund daran, Materialien und ein Qualifizierungsprogramm für Lehrkräfte zu entwickeln und zu evaluieren.
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Schlagwörter
Diagnostik, Diagnostisches Verfahren, Förderung, Förderungsmaßnahme, Inklusion (Soziologie), Mathematik, Mathematikunterricht, Mathematikdidaktik, Podcast MInkBi,
| Art des Podcasts | Forschungstransfer |
|---|---|
| Autor des Podcasts | Christine Schumann |
| Bildungsbereich | Grundschule |
| Laufzeit | 00:34:13 |
| Tag der Aufnahme | 08.03.2026 |
| Rechte | CC-by-sa, Namensnennung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen |
| Letzte Änderung am | 2026-03-09 16:06:04 |
Lesefassung
(Von AI Companion stark zusammengefasste Transkription)
Guten Tag und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Christine Schumann. In der heutigen Folge unserer Reihe Bildungsforschung für die Bildungspraxis, die wir gemeinsam mit dem Meta-Vorhaben inklusive Bildung, MinkBi, geplant und umgesetzt haben, geht es um das Projekt FÖDIMA der Universitäten Münster und Dortmund. Im Projekt werden nicht nur Materialien für den inklusiven mathematischen Anfangsunterricht entwickelt, sondern gleichzeitig auch ein Qualifizierungsprogramm für Lehrkräfte und Fortbildungseinrichtungen.
FÖDIMA steht übrigens für Förderorientierte Diagnostik im inklusiven mathematischen Anfangsunterricht. Insgesamt 13 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Mathematik-Didaktik, aus der Sonderpädagogik und aus der pädagogischen Psychologie haben bei FÖDIMA mitgearbeitet. Gemeinsam mit Abgeordneten Lehrkräften und jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen gehen sie seit Mai 2021 und noch bis April 2026, also insgesamt fünf Jahre, der Frage nach, wie Lehrkräfte und Multiplikatorinnen für eine fachlich fundierte Förderorientierte Diagnostik effektiv qualifiziert werden können und wie man erfolgreiche Transferprozesse in die Praxis systematisch unterstützen kann.
Dazu hat das Projektteam verschiedene Veranstaltungsmodule für einen inklusiven mathematischen Anfangsunterricht erarbeitet, systematisch evaluiert und zu einem Qualifizierungsprogramm ausgearbeitet.
Worauf es dem Team bei dem Projekt im Genauen ankommt, welche Hürden sie dabei überwinden mussten und was die Bildungspraxis, also die Lehrerinnen und Lehrer davon haben, darüber spreche ich heute mit Prof. Dr. Marcus Nührenbörger und Dr. Larissa Aust von der Universität Münster und Prof. Dr. Christoph Selter von der TU Dortmund.
Wie ist das Projekt aufgebaut?
Marcus Nührenbörger: Wir wollten Kompetenzen von Lehrkräften für eine förderorientierte Diagnostik entwickeln – und zugleich evaluieren, wie wirksam unsere Fortbildungsansätze sind. In Phase eins haben wir zwei Konzepte verglichen:
- Curriculum Embedded (CE) mit schriftlichen Standortbestimmungen im Klassenverband.
- Planned for Interaction (PEI) mit diagnostischen Gesprächen mit einzelnen Kindern.
Die Fortbildung lief über ein Schuljahr mit sechs Modulen – Input, Erprobung im Unterricht, Reflexion.
Warum gerade Mathematik – und warum der Anfangsunterricht?
Christoph Selter: Internationale Studien wie TIMSS und nationale Erhebungen wie der IQB-Bildungstrend zeigen seit Jahren: Der Anteil der Kinder, die Mindeststandards nicht erreichen, wächst. Gleichzeitig gibt es zu wenige sehr leistungsstarke Schülerinnen und Schüler. Unterricht gelingt also noch nicht ausreichend individualisiert. Genau hier setzt FÖDIMA an – mit datengestützter Unterrichtsgestaltung im Sinne des formativen Assessments.
Arithmetik im Anfangsunterricht sei besonders sensibel, so Selter: Lernlücken zu Beginn wirkten langfristig nach. Deshalb gehe es nicht nur um Diagnose, sondern immer auch um passgenaue Förderung.
Das Projekt FÖDIMA –
Förderorientierte Diagnostik im inklusiven mathematischen Anfangsunterricht
- FÖDIMA auf der MInkBI-Website bzw.
- Transferprodukte und Materialien auf der MInkBI-Website
- Projektfilm zum und Materialien aus dem Projekt
- FÖDIMA auf der Website PIKAS des Deutschen Zentrums für Lehrkräftebildung Mathematik
- Startchancen-Kompetenzzentrum Mathematik
- QuaMath | Unterrichts- und Fortbildungs-Qualität in Mathematik entwickeln
- Deutsches Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik
Larissa Aust: In der Evaluation zeigte sich: Die Standortbestimmungen führten zu etwas stärkeren Kompetenzzuwächsen in Mathematik. Die diagnostischen Gespräche stärkten eher die Motivation der Kinder. Lehrkräfte empfanden die strukturierte Variante als leichter umsetzbar, die Gespräche aber als individueller und näher am Denken der Kinder. Unser Fazit: Es braucht beides.
Die Forschenden entwickelten deshalb ein integriertes Konzept: Erst Überblick über die Klasse per Standortbestimmung, dann gezieltes „Hineinzoomen“ per diagnostischem Gespräch.
Und wie funktionierte der Transfer?
Larissa Aust: Wir haben Multiplikatorinnen und Multiplikatoren qualifiziert, die ihrerseits Lehrkräfte fortbildeten. Die Evaluation zeigte: Das Multiplikatoren-System funktioniert. Die Beteiligten fühlten sich gut vorbereitet, das Konzept wurde als machbar und sinnvoll eingeschätzt.
Marcus Nührenbörger: Ein zentrales Produkt ist die „FÖDIMA-Kartei“ mit rund 60 doppelseitigen Karten. Auf der einen Seite: Hinweise zur Erfassung mathematischer Denkweisen im Anfangsunterricht. Auf der anderen: konkrete Förderimpulse. Ziel ist die enge Verzahnung von Diagnose und Förderung.
Christoph Selter: Wir sprechen bewusst von förderorientierter Diagnostik – und diagnosebasierter Förderung. Häufig gibt es entweder „förderlose Diagnose“ oder „diagnoselose Förderung“. Beides wollen wir vermeiden.
Wie kommen Lehrkräfte an die Materialien?
Marcus Nührenbörger: Unsere Strategie basiert auf drei Eckpfeilern. Auf praxisnahen Tagungen stellen wir beispielsweise in Münster und Dortmund unsere Angebote aus FÖDIMA vor und diskutieren sie mit den Lehrkräften.
Larissa Aust: Wir sind auch auf nationalen internationalen wissenschaftlichen Tagungen, bei den auch Praktiker und Praktikerinnen vertreten sind und veröffentlichen praxisorientierte Beiträge wie Handreichungen für Lehrkräfte.
Christoph Selter: Außerdem werden unsere FOEDIMA-Angebote in größere Programme eingespeist, etwa in das von der KMK über zehn Jahre geförderte QUAMATH oder den Mathematik-Teil des STARTCHANCEN-Programms sowie in landesweite Initiativen in Nordrhein-Westfalen wie die Fachoffensive Mathematik. Alle Materialien stehen auch auf der Website von PIKAS, einem Projekt der Primarstufe zum Download zur Verfügung. Es ist uns gelungen, unsere Materialien nachhaltig in bundesweit bestehende Strukturen zu integrieren.
Mathematik in der Grundschule beim Deutschen Bildungsserver
Was wünschen Sie sich für die Zusammenarbeit von Forschung und Praxis?
Marcus Nührenbörger: Projekte sollten nicht isoliert arbeiten, sondern sich vernetzen. Und sie müssen eng mit Unterrichtspraxis und Bildungsadministration wie Bezirksregierungen kooperieren. Das schafft die Grundlage für praxisnahe Forschung und forschungsbasierten Unterricht.
Larissa Aust: Wichtig ist Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Nicht: „Hier ist die Theorie, setzt sie um.“ Sondern gemeinsame Entwicklungsarbeit. Lehrkräfte bringen unverzichtbare praktische Expertise ein.
Marcus Nührenbörger: Wir hoffen zum 1. Mai mit einem Nachfolgeprojekt starten zu können. Das FÖDIMA-Transferprojekt soll sich noch stärker auf kollegiale Transferprozesse konzentrieren, Wie wird aus einer einzelnen engagierten Lehrkraft eine „FÖDIMA-Schule“, in der diagnosebasierten Förderung zum gemeinsamen Profil wird?
Zum Abschluss gibt Marcus Nührenbörger den Lehrkräften mit:
„Bleiben Sie zuversichtlich. Schauen Sie auf die Stärken der Kinder. Lassen Sie sich überraschen von ihren Potenzialen – und arbeiten Sie gemeinsam mit ihnen am Mathematiklernen.“