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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 09.08.2018:

„jungbewegt – Für Engagement und Demokratie.“

Projekt der Bertelsmann Stiftung stärkt politische Bildung in Kitas und Schulen

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Bildrechte: Bertelsmann Stiftung

Demokratiebildung scheint heute nötiger denn je. Schon früh soll sie in Kindergärten und Schulen einsetzen. Das Projekt „jungbewegt – Für Engagement und Demokratie.“ der Bertelsmann Stiftung zeigt seit Jahren, dass sich Demokratiebildung mit Qualifizierungen für pädagogische Fachkräfte, Projekten, Publikationen und Aktionen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen gewinnbringend verankern lässt.


Ein demokratisches Gemeinwesen benötigt Menschen, die sich engagieren, einmischen und Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen. Und es braucht Institutionen, die Engagement, Partizipation und demokratische Werte stark machen.

Derzeit scheint Demokratiebildung wichtiger denn je. Politischer Extremismus macht sich lautstark bemerkbar, befeuert von der Möglichkeit, im Internet in den Wettlauf der Schreihälse einzutreten, der den demokratischen Meinungsbildungsprozess und dessen Institutionen und Vertreter verächtlich macht und teilweise offen mit Gewaltandrohungen überzieht. Die einfache Lösung, eine Abkehr vom europäischen Gedanken, simple Feindbilder und eine Verklärung des „starken Mannes“ feiern zunehmend unfröhliche Urständ.

„Das Thema Demokratiebildung hat einen höheren Stellenwert bekommen“, findet auch Sigrid Meinhold-Henschel, Projektleiterin bei der Bertelsmann Stiftung und dort verantwortlich für das Projekt „jungbewegt – Für Engagement und Demokratie.“ „Natürlich lag uns das Thema am Herzen, weswegen wir das Projekt ja auch 2009 gestartet haben. Denn jede Generation muss für die Demokratie gewonnen werden. Aber damals konnten wir noch nicht ahnen, welchen Gefährdungen die Demokratie heute national wie international ausgesetzt ist.“

Lebensnahe Beispiele für demokratische Prozesse
Nur rund 40 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich als „politisch interessiert“, und während sich immerhin 44 Prozent der Gymnasiasten politisch und sozial engagieren, sind es bei Hauptschülern lediglich 19 Prozent. „jungbewegt“ fördert Engagement, Partizipation und Demokratiebildung in Kitas, Schulen sowie Jugendeinrichtungen und verknüpft politisches und soziales Lernen, indem die Kinder und Jugendlichen lebensnah und an realen Problemen lernen.

„Demokratiebildung sollte die alltäglichen Probleme und Themen der Kinder und Jugendlichen zum Ausgangspunkt nehmen“, meint Sigrid Meinhold-Henschel. „In einer Kita hatten die Kinder z.B. festgestellt, dass sie auf der Wiese im Park nicht spielen konnten, weil überall Hundehaufen lagen. Die Mädchen und Jungen bastelten Schilder und markierten die Hundehaufen im Gras, um die Hundebesitzer auf das Problem aufmerksam zu machen und sie zu bitten, den Kot zu entfernen. Die Kinder kontaktierten dann die Ortsvorsteherin, um anzuregen, einen Hundetütenautomaten aufzustellen, was dann auch geschah. Die Kinder übernahmen daraufhin die Patenschaft für den Automaten und sorgen dafür, dass der Automat stets bestückt ist. Das Beispiel zeigt, wie das Eintreten für die eigenen Interessen mit der Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwesen einhergeht.

Diese Geschichte hat Eingang in eine der bisher acht erschienenen „Leon und Jelena“-Geschichten gefunden. Auf der Basis von realen Beispielen aus den Modell-Kitas von „jungbewegt“ wird kindgerecht aufgezeigt, wie man sich bereits in jungen Jahren gesellschaftlich engagieren und einmischen kann. Weitere vier Geschichten sind derzeit in Arbeit.

Handlungsansätze erproben und Erfahrungen ermöglichen
Die „Leon und Jelena“-Bände gehören zu einer Reihe von Publikationen, die aus dem Projekt „jungbewegt“ und dessen 2009 bis 2014 laufender Modellphase heraus entstanden sind. So sind unter anderem ein Leitfaden „Projektförderung mit Jugendwettbewerben“, die zweiteilige Darstellung „Gesellschaftliches Engagement von Benachteiligten fördern“ des Erziehungswissenschaftlers Prof. Benedikt Sturzenhecker und das Praxisbuch „Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita“ erschienen. Auch Unterrichtsmaterialien, die sogenannten Mitmachhefte und ein Engagementkalender, sind in Kooperation mit Professor Dr. Dirk Lange, Politikdidaktiker an den Universitäten Hannover und Wien, entstanden. Darüber hinaus gibt die „Ausgezeichnet“-Reihe Einblick in Qualitätskriterien und Beispiele guter Engagement-Praxis und zeigt auf, wie Freiwilligenmanagement in Jugendorganisationen funktioniert.

In Partnerschaft mit den Ländern Berlin, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sowie den fünf Kommunen Berlin-Marzahn-Hellersdorf, Berlin-Steglitz-Zehlendorf, Halberstadt, Magdeburg und Mainz entwickelte die Bertelsmann Stiftung „jungbewegt“. In über 100 Bildungseinrichtungen erhielten rund 550 pädagogische Fachkräfte Qualifizierungen, Coachings und didaktische Materialien. Daraus entstanden zahlreiche Projekte, die mehrere Tausend junge Menschen erreichten. Begleitet wurden sie dabei von engagierten Lehrkräften, Erzieherinnen und Erziehern und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen.

„jungbewegt“ brachte alle wichtigen Akteure aus den Bildungseinrichtungen, aus Politik und Verwaltung zusammen und erprobte gemeinsame Wege, um das gesellschaftliche Engagement von Kindern und Jugendlichen zu fördern. „Das ist ein typischer Ansatz für unsere Stiftung, zuerst Handlungsansätze zu erproben, und danach bewährte Konzeptionen in den Transfer zu bringen“, erläutert Sigrid Meinhold-Henschel. „Unserem Projekt lag die Hypothese zugrunde, dass Kinder und Jugendliche besonders gut aus eigenen Erfahrungen lernen.“ Zu den Projekten bezog man Umfragen vor Ort, Erfahrungen von Fachleuten und wissenschaftliche Erkenntnisse wie beispielsweise aus der Entwicklungspsychologie, Erziehungswissenschaft und Engagementforschung mit ein.

Lehrkräfte hinterfragen ihr Rollenverständnis
Nach den guten Rückmeldungen aus den Bildungseinrichtungen leitete die Bertelsmann Stiftung ab 2015 die zweite Phase ein, bei der nun der Transfer der bisher erfolgreich erprobten Konzepte im Vordergrund steht. Verstärkt werden z.B. Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Kita-Bereich ausgebildet, die im Kita-Bereich das Konzept „Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita“ weitertragen. Insgesamt wurden im Bereich der frühkindlichen Bildung in Kooperation mit 16 Trägern in den letzten zwei Jahren 100 „Multis“ ausgebildet. Jede Multiplikatorin und jeder Multiplikator betreut bis 2019 drei bis fünf Kitas. Darüber hinaus bietet das Projekt Coaching-Angebote für Führungskräfte der Träger an. Für den Schulbereich investiert die Stiftung verstärkt in die Lehrerbildung und kooperiert dazu mit einem Netzwerk von Hochschullehrenden. In den vergangenen Winter- und Sommersemestern ist der Kurs „Citizenship Education – Demokratiebildung an Schulen“ an mehreren Universitäten erprobt worden. Im Oktober wird der Kurs mit seinem umfangreichen Paket an E-Lectures und Praxisfilmen als Open-Online-Kurs für die Öffentlichkeit freigeschaltet. Auch für den Jugendhilfebereich hat die Stiftung Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet.

„Uns freuen die vielen positiven Rückmeldungen zu unseren Handlungsansätzen aus der wissenschaftlichen Fachlandschaft und den Pädagogen aus der Praxis. Viele Beteiligte haben berichtet, dass die Beschäftigung mit den Demokratieprojekten und die Reflexion darüber ihr Selbst- und Rollenverständnis verändert haben. Unsere Projekte bringen nicht nur den Kindern etwas, sondern auch den Erwachsenen“, so die Projektleiterin.

Gemeinsam mehr bewirken – Bündnisse für Demokratiebildung
Und ebenso hat „jungbewegt“ an dem Entstehen anderer Initiativen mitgewirkt. So startete die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik Mitte dieses Jahres das bundesweite Bündnis „Bildung für eine demokratische Gesellschaft“, das jungen Menschen wesentliche Fundamente für ein demokratisches, friedliches, wertschätzendes und den Globus erhaltendes Zusammenleben vermitteln und sie zugleich gegen Gewalt, Extremismus und Menschenfeindlichkeit stärken möchte. Ziel ist es, Schritt für Schritt alle Bundesländer und alle wesentlichen Akteure in der Demokratiebildung für mehr Kooperation und gemeinsames Wirken zu gewinnen.

Rheinland-Pfalz hat vergangenes Jahr das Landesbündnis „Demokratie gewinnt!“ gegründet, bei dem sich Ministerpräsidentin Malu Dreyer persönlich einbringt und ebenfalls die Bertelsmann Stiftung involviert ist. Das Ziel des Bündnisses ist es, das Bewusstsein von Kindern und Jugendlichen für die Demokratie zu stärken und ihr Engagement zu wecken. Das ist nach „jungbewegt“ und dem Jugendforum rlp, das seit 2012 den Dialog zwischen Jugendlichen und Landespolitik fördert und jährlich den Jugend-Engagement-Wettbewerb „Sich einmischen – was bewegen“ ausschreibt, bereits die dritte Zusammenarbeit zwischen der Stiftung und Rheinland-Pfalz.

Sommerakademie fragt nach Mitgestaltung des Gemeinwesens
Mitte Juli verabschiedete sich das Projekt „jungbewegt“ mit einem Höhepunkt in die Sommerpause. 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen nach Potsdam, um an drei Tagen an der 5. Sommerakademie des Projekts teilzunehmen, hauptsächlich Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die vom Projekt „jungbewegt“ in den letzten Jahren ausgebildet wurden und Vertreterinnen und Vertreter der am Projekt beteiligten Jugendhilfeträger. „Bei der Sommerakademie bringen wir die Beteiligten in einen fachlichen Austausch und stärken gleichzeitig die vorhandenen Netzwerkstrukturen“, erläutert Sigrid Meinhold-Henschel.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Kinder und Jugendliche das demokratische Gemeinwesen mitgestalten können und welche Bedeutung Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen für den Abbau von Zugangshürden haben. Für die Impulsreferate im Plenum konnten mit Professorin Dr. Melanie Plößer (Fachhochschule Bielefeld), Professor Dr. Roland Roth (Hochschule Magdeburg-Stendal) und Professor Dr. Benedikt Sturzenhecker hochrangige Wissenschaftler gewonnen werden. In 24 Workshops zu zwölf unterschiedlichen Themen hatten die Teilnehmenden dann die Möglichkeit, die Vortragsthemen inhaltlich zu vertiefen beziehungsweise ihren Methodenkoffer aufzufüllen. Sehr großen Zulauf erfuhren die Themen „Demokratiebildung mit Kindern unter drei Jahren“, „Förderung gesellschaftlichen Engagements benachteiligter Jugendlicher“ und „Inklusion im Partizipationskontext“.

Viele engagierte Pädagoginnen und Pädagogen halten wie in der „jungbewegt“-Sommerakademie das Thema Demokratie hoch und lassen nicht nach im Bemühen, Kinder und Jugendliche ihre eigene Stimme und eigene Interessenvertretung finden zu lassen. Auch die Kultusministerkonferenz wird, so ist es angekündigt, im Herbst einen Grundsatzbeschluss zur Demokratiebildung fassen.




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Autor(in): Ralf Augsburg
Kontakt zur Redaktion
Datum: 09.08.2018
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