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08. 03. 2010

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Frauen gründen anders“

Die „bundesweite gründerinnenagentur“ feiert sechsjähriges Bestehen

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Iris Kronenbitter

Am Internationalen Frauentag vor genau sechs Jahren, am 8. März 2004, ging die „bundesweite gründerinnenagentur“ (bga) mit ihrem Portal an den Start. Seitdem hat sie vielen Frauen den Weg in die Selbstständigkeit geebnet. Die Online-Redaktion sprach mit Iris Kronenbitter, der Projektleiterin der Gründerinnenagentur, über die Motive und Ziele der bga und die Wege, auf denen sie Frauen, die sich selbstständig machen möchten oder es bereits sind, unterstützt.


Online-Redaktion: Wie entstand die Idee zur Gründung der bga?

Kronenbitter: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung beabsichtigte im Jahr 2003, eine zentrale Anlaufstelle für Frauen zu gründen, die sich vor allem in technologieorientierten Bereichen selbstständig machen wollten. Im Verlauf der Ausschreibung schlug das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend vor, sich mit eigenen Angeboten zu beteiligen und ein Service- und Kompetenzzentrum für Gründerinnen breiter zu fassen. Schließlich hat sich auch noch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie angeschlossen. So haben die drei Ministerien die „bundesweite gründerinnenagentur“ (bga) auf den Weg gebracht, bei der alle Aktivitäten zu finden sind, die es zur unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen gibt. Das heißt nicht nur zur Gründung selbst, sondern auch zur Festigung, zum Wachstum sowie zur Unternehmensnachfolge quer über alle Branchen. Alle Frauen, die sich selbstständig machen möchten, selbstständig sind, ein Unternehmen übernehmen möchten oder ihr Unternehmen wieder abgeben wollen, von der Friseurin bis zur Unternehmensberaterin, aber auch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wie Ministerien, die Wirtschaftsförderung, die Kammern, Unternehmensberatungen, Bildungseinrichtungen usw. bekommen unter diesem zentralen Dach die nötige Unterstützung.

Online-Redaktion: Wer führt die Agentur?

Kronenbitter: Geleitet wird die bga von der Hauptgeschäftsstelle in Stuttgart. Darüber hinaus gibt es aber in allen 16 Bundesländern regionalverantwortliche Stellen. Diese bündeln die Angebote auf Ebene der einzelnen Bundesländer, da sich die Länder in den Vorgaben der Ministerien, aber auch in ihrer Wirtschaftskraft unterscheiden. Zu beachten ist auch, ob es Metropolregionen gibt, der ländliche Raum überwiegt oder ob es sich um Stadtstaaten handelt. All das sind ja ganz grundlegende Bestimmungsfaktoren dafür, wenn man sich selbstständig machen möchte. Um diesen unterschiedlichsten Faktoren Rechnung zu tragen, gibt es flächendeckend Regionalverantwortliche. Finanziert wird die „bundesweite gründerinnenagentur“ von den drei genannten Bundesministerien.

Online-Redaktion: Welches sind die Ziele?

Kronenbitter: Unser Hauptziel ist natürlich, dass mehr Frauen die unternehmerische Selbstständigkeit für sich als eine berufliche Option entdecken und diesen Weg auch gehen. Wir haben heute die am besten qualifizierte Frauengeneration aller Zeiten, aber wir machen häufig die Beobachtung, dass auch Frauen, die sehr gut qualifiziert sind, ihre eigenen Qualitäten selbst viel zu gering einschätzen. Viele trauen sich bedeutend weniger zu, als sie tatsächlich können. Es ist uns auch wichtig, dass Frauen ein adäquates Betätigungsfeld finden. Wir hatten beispielsweise vor einiger Zeit eine Sachbearbeitungsstelle ausgeschrieben. Von 120 Bewerberinnen besaßen zwei Drittel einen Hochschulabschluss, viele von ihnen waren promoviert und zum Teil sogar habilitiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine solche Stelle für Promovierte oder gar Habilitierte inhaltlich befriedigend ist. Da gibt es einfach andere Optionen, in denen solche Frauen ihrem Qualifikationsniveau entsprechend tätig werden können. Diese können durchaus in ihrer Vielfalt in einer eigenen Existenzgründung liegen. Diese Möglichkeiten wollen wir ihnen aufzeigen. Wir wünschen uns, dass diese Frauen für sich erkennen, dass sie viel mehr können, als sie glauben, und sich auch trauen, den Weg der Selbstständigkeit zu gehen.

Online-Redaktion: Wie unterstützt die bga Frauen, die sich selbstständig machen wollen oder ein bestehendes Unternehmen übernehmen möchten?

Kronenbitter: Wir haben vier große Bereiche, an denen wir ansetzen: Information, Beratung, Weiterbildung und Vernetzung. Unter dem Dach der bga sind bundesweit 450 Beratungseinrichtungen mit aktuellen Profilen gelistet. Alle diese Einrichtungen sind spezialisiert auf die Zielgruppe Gründerinnen und Unternehmerinnen und meistens angeknüpft an öffentliche Einrichtungen. Außerdem haben wir rund 950 aktuelle Expertinnen und Experten, die im Anschluss an die Beratung die vertiefte Fachberatung vornehmen. Ein Beispiel: Wenn Sie sich als Physiotherapeutin selbstständig machen, muss der Behandlungsraum eine bestimmte Quadratmeterzahl aufweisen. Und so gibt es in jeder Branche spezifische Erfordernisse und Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. Dieses spezifische Know-how bekommen die Frauen von Expertinnen und Experten. Wir arbeiten deshalb mit vielen Beraterinnen, Beratern und Beratungseinrichtungen zusammen, damit alle Frauen, die sich an uns wenden, individuellen Zugang zu dem regionalen Wissen bekommen können. Auch der persönliche Austausch ist für Frauen sehr wichtig. Internetangebote sind zwar für die Erstorientierung ideal, aber wenn die Frauen den eigenen Lebensentwurf thematisieren möchten, ziehen sie die persönliche Begegnung vor.

Eine weitere Aufgabe ist, sichtbar zu machen, was es wo in Deutschland gibt. Dazu gehört auch, Möglichkeiten der Weiterbildung aufzuzeigen. Wo bekomme ich das nötige Know-how für die Gründung, wo erfahre ich, welche Vertriebswege ich für mein Produkt oder für meine Dienstleistung wählen kann, muss ich mich selbst mit der Buchführung auseinandersetzen oder gibt es andere Lösungen? Dafür haben wir einen bundesweiten Veranstaltungskalender aufgebaut, sortiert nach Themen und Bundesländern, mit zurzeit über 300 Veranstaltungshinweisen, Seminaren, Workshops, Veranstaltungen, Fachtagungen und Kongressen. Die Angebote sind sowohl für die Endkundinnen, also die Gründerinnen und Unternehmerinnen, als auch zum Teil für die Multiplikatorenebene. Die Beraterinnen und Berater, die regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen, können natürlich in einer ganz anderen Qualität ihre Beratungen durchführen.

Auch das Thema Vernetzung spielt bei uns eine ganz wesentliche Rolle: Ungefähr zwei Drittel der Frauen, die sich selbstständig machen, gehen in die Soloselbstständigkeit, d. h. sie sind auf weiten Strecken Einzelkämpferinnen. Viele von ihnen möchten sich gerne mit anderen Frauen austauschen, die selbstständig sind oder sich selbstständig machen, weil alle davon profitieren können. Wir haben rund 320 Netzwerke gelistet, an die sich die Frauen wenden können. Gerade eine heterogene Zusammensetzung, was die Branche und auch den Stand der Unternehmensgründung betrifft, ist oft sehr inspirierend.

Online-Redaktion: In welchen Bereichen machen sich die Frauen überwiegend selbstständig?

Kronenbitter: Lange Zeit waren Handel und Gastronomie bevorzugte Bereiche von Frauen. In den letzten Jahren ist ein großer Anstieg bei den Freiberuflichen zu verzeichnen. Der Fokus liegt zwar noch oft auf den zehn bevorzugten Berufen von Frauen, aber viele Frauen bilden sich kontinuierlich weiter und verfolgen dann oft eine Gründungsidee, die mit der ursprünglichen Berufswahl und -entscheidung gar nichts mehr zu tun hat. Viele machen sich mit Anfang 40 in Bereichen selbstständig, in denen sie über Jahre erworbene Interessen, Kompetenzen und Fähigkeiten vereinen können.

Online-Redaktion: Warum richtet sich die bga ausschließlich an Frauen?

Kronenbitter: Der Ausgangspunkt für die Gründung der bga war, dass es zu dem Zeitpunkt natürlich schon Angebote zur Unternehmensgründung und -führung gab, dass die Frauen sich von ihnen aber wenig angesprochen fühlten. Frauen gründen anders. Für sie ist es enorm wichtig, sich einen maßgeschneiderten Arbeitsplatz zu schaffen, an dem sie die unterschiedlichen Rollen als Frau, Mutter, Partnerin und Erwerbstätige unter einen Hut bringen können. Ihre Erwerbsbiographien sind oftmals durch Brüche gekennzeichnet. Und auch das Geldverdienen steht bei den meisten Frauen nicht unbedingt an oberster Stelle. Natürlich wollen sie gut bezahlt werden, aber etwas Sinnvolles zu tun, zählt bei ihnen oft mehr als eine Gewinnmaximierung im obersten Limit zu erreichen.

Online-Redaktion: Wie wird die bga von den Frauen angenommen?

Kronenbitter: Sehr gut. Anhand der Rückmeldungen sehen wir, dass sie sich darüber freuen, dass jemand ihre Fragen fokussiert beantwortet und endlich Angebote fokussiert zusammengeführt werden. Uns ist wichtig, dass eine Studentin im Rahmen der Hochschule mitbekommt, es gibt die bga, und wenn sie dann ein paar Jahre später vor der Situation steht, sich selbstständig machen zu wollen, sich an uns erinnert, auf das Portal geht und die Information bekommt, die sie braucht. Die Beratungen, die die Frauen erhalten, sind gut, und die Zahlen der Gründungen durch Frauen steigen. Das hängt auch damit zusammen, dass es heute mehr erwerbstätige Frauen gibt als früher.

Online-Redaktion: Welche Projekte fördern Sie?

Kronenbitter: Wir bieten regelmäßig Schwerpunktthemen an, wie die Unternehmensnachfolge, technologieorientierte Gründungen oder Gründungen von Frauen in den Wachstumsmärkten der Zukunft. Dazu gehören zum Beispiel die Kreativ- oder Seniorenwirtschaft oder der ganze Gesundheitsmarkt. Uns ist es sehr wichtig, Frauen Erwerbsalternativen zur abhängigen Beschäftigung aufzuzeigen, beispielsweise, welche Wachstumspotenziale im Gesundheitsmarkt stecken. Hier öffnet sich heute ein Markt für Frauen, die eine Ausbildung im Bereich Krankenpflege haben, den es früher nicht gegeben hat. Ein erklärter Schwerpunkt der bga ist die „Unternehmensnachfolge durch Frauen“. Nur etwa jedes 10. Unternehmen wird von einer Frau übernommen. Wir haben deshalb im Mai 2006 eine Task Force initiiert. Zu den Mitgliedern der Task Force zählen Partner der „nexxt-Initiative“ sowie Expertinnen und Experten der Nachfolge, die in Kammern, Ministerien, in der freien Wirtschaft oder in der Forschung arbeiten. Durch gemeinsame Aktionen und Maßnahmen möchte die Task Force dazu beitragen, dass mehr Frauen ein Unternehmen übernehmen, mehr Übergeber-/Unternehmensfamilien die Potenziale ihrer Töchter und Mitarbeiterinnen anerkennen und ihnen die Nachfolge übertragen und Expertinnen und Experten mit ihrem Sachverstand mehr erfolgreiche Unternehmensnachfolgen durch Frauen begleiten. „Nachfolge ist weiblich“ lautet das Motto der jährlichen Nationalen Aktionstage, die dazu beitragen, die weibliche Unternehmensnachfolge deutschlandweit bekannt zu machen und zu fördern. An diesen Tagen finden überall in Deutschland Veranstaltungen statt, die die zahlreichen Chancen einer verstärkten Einbeziehung von Frauen in der Unternehmensnachfolge eindrucksvoll demonstrieren: Beratungsgespräche, (Telefon-)Sprechtage, Workshops und Seminare für potenzielle Nachfolgerinnen, Experten und Expertinnen, Veranstaltungsreihen sowie Ausstellungen und Podiumsdiskussionen mit erfolgreichen Nachfolgerinnen.

Iris Kronenbitter, Betriebswirtin und Historikerin. Projektleiterin der „bundesweiten gründerinnenagentur“ (bga). Projektleiterin im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, Initiative für Existenzgründungen und Unternehmensnachfolge (ifex) für die Schwerpunktinitiativen Gründerinnen und Unternehmerinnen, Gründungen im Dienstleistungsbereich, Gründungen von Freiberuflerinnen/Freiberuflern, Kleingründungen, Zu- und Nebenerwerbsgründungen, Gründungen aus der Arbeitslosigkeit, Schule und Selbstständigkeit, Regionale Initiativen und Modellvorhaben. Moderation des Baden-Württembergischen Gründerinnenforums (BWGF), einem Netzwerk von 80 Multiplikatorinnen zur unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen und Leitung der Geschäftsstelle des BWGF.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.03.2010
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