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24. 05. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Junge und hoch qualifizierte Frauen auf dem Weg nach oben

Das CEWS in Bonn setzt sich für die Durchsetzung von Chancengleichheit von Frauen in Wissenschaft und Forschung ein

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Dr. rer. nat. Brigitte Mühlenbruch

Bildung PLUS: Seit wann gibt es das Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung CEWS und was wollten die Gründerinnen damit erreichen?

Mühlenbruch: Das Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung CEWS hat seine Arbeit im Oktober 2000 an der Universität Bonn aufgenommen. Das CEWS wird für den Zeitraum 2000 bis 2005 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als eine international ausgerichtete Informations- und Koordinierungsstelle für alle Aktivitäten und Kompetenzen im Bereich Frauen in Wissenschaft und Forschung gefördert. Es steht damit im Rahmen der von Bundesministerin Edelgard Bulmahn eingeleiteten Politik zur Durchsetzung von Chancengleichheit für Frauen in Bildung und Forschung.

Ziel dieser Politik und Ziel der Gründerinnen des CEWS ist es, den Anteil von Frauen an den Professuren von heute knapp 12 Prozent mittelfristig auf 20 Prozent und den Anteil von Frauen in Führungspositionen in den außerhochschulischen Forschungseinrichtungen von heute etwa 6 Prozent deutlich zu erhöhen. Das gleiche Ziel wird verfolgt bei der Beteiligung von Frauen an der industriellen Forschung; hier liegt Deutschland mit einem Forscherinnen-Anteil von unter 10 Prozent weit unter dem europäischen Durchschnitt.
Die Arbeit des CEWS soll dazu beitragen, die im internationalen Vergleich schlechte Positionierung Deutschlands in den genannten drei Bereichen zu verbessern.
Das CEWS steht allen mit Chancengleichheit im Forschungs- und Wissenschaftsbereich und mit Frauen- und Genderforschung befassten wissenschaftlichen Einrichtungen und Organisationen, den Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie Wissenschaftlerinnen aus dem In- und Ausland als wissenschaftliche Dienstleistungseinrichtung zur Verfügung. Bisher wurden sechs thematische Arbeitsschwerpunkte aufgebaut:

  1. Hochschulen;
  2. Außerhochschulische Forschungseinrichtungen;
  3. Frauen in der industriellen Forschung;
  4. Wissenschaftlerinnen-Datenbank FemConsult;
  5. Gender in der Wissenschaft;
  6. Internationale Kooperationen.

Bildung PLUS: Wie hilft das CEWS Frauen, ihren Weg in die Wissenschaft und Forschung zu finden?

Mühlenbruch: Der Frauenanteil an deutschen Hochschulen nimmt noch immer mit steigendem Qualifikationsniveau stetig ab. Um hier eine grundlegende Änderung erreichen zu können, sind gezielte Strategien und Maßnahmen erforderlich. Zu den zentralen Aufgaben des CEWS in diesem Bereich gehören die Information und Beratung über gleichstellungspolitische Instrumentarien und Fördermöglichkeiten für junge Wissenschaftlerinnen oder solche, die es werden möchten, aber auch für Hochschulleitungen, mit der Durchsetzung von Chancengleichheit im Hochschulbereich Beauftragte, Wissenschaftsorganisationen und politische Institutionen. Gleichzeitig werden im CEWS neue Instrumente und Maßnahmen zur Durchsetzung und Weiterentwicklung solcher gleichstellungspolitischer Instrumentarien erarbeitet. Bereits laufende Maßnahmen zur Förderung der Chancengleichheit im Bereich Wissenschaft und Forschung werden im CEWS analysiert und evaluiert.

Als Beispiel, wie junge Wissenschaftlerinnen auf dem Weg zu einer (Junior)-Professur unterstützt werden, sei hier das vom BMBF geförderte Bundesprogramm "Anstoß zum Aufstieg" genannt, mit dem ca. 800 hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen durch Vermittlung von Karrierestrategien und anschließendem Coaching auf die Übernahme einer (Junior)-Professur vorbereitet wurden. Konzeptualisierung, organisatorische und wissenschaftliche Begleitung sowie Evaluierung der Ergebnisse liegen in der Hand des CEWS.
Ein zweites Beispiel ist das z. Zt. laufende Programm "Peer-Mentoring für hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen in außerhochschulischen Forschungseinrichtungen", das ebenfalls vom CEWS konzipiert, durchgeführt und evaluiert wird.
Als letztes Beispiel sei die Wissenschaftlerinnen-Datenbank FemConsult genannt, die ca. 6.600 Einträgen promovierter bzw. habilitierter Wissenschaftlerinnen aller Fachdisziplinen enthält. Diese größte Datenbank dieser Art in Europa dient als "Nachwuchsbörse" und als "Expertinnen- und Gutachterinnenbörse" bei der Besetzung von Professuren und anderen Führungspositionen im wissenschaftlichen Bereich sowie bei der Suche nach Expertinnen, z. B. für Gremien und Ausschüsse.

Bildung PLUS: Wie unterstützt das CEWS die Maßnahmen der Bundesregierung, mittelfristig den Anteil von Frauen an Professuren zu erhöhen?

Mühlenbruch: Mit den oben beispielhaft angeführten Projekten unterstützt das CEWS diese Bestrebungen der Bundesregierung. Hinzu kommen natürlich an die Adresse der Leitungsebenen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen gerichtete Aktivitäten, deren Fokus auf Veränderungen der Strukturen im Wissenschaftsbereich gerichtet ist. Dazu gehören die Entwicklung von gleichstellungspolitischen Top-Dow-Strategien im Rahmen der Verwirklichung des Gender-Mainstreaming als Grundsatz und Methode für alle Konzepte, Prozesse und Maßnahmen in Wissenschaft und Forschung. Auch die Erstellung des ersten Hochschulrankings nach Gleichstellungsaspekten, das vom CEWS auf der Basis der wichtigsten quantitativen Indikatoren erarbeitet und veröffentlicht wurde und das sich vorrangig an die Leitungen der Hochschulen wendet, zielt auf Veränderung der Strukturen im Wissenschaftsbereich. Es ist beabsichtigt, dieses Ranking zweijährlich fortzuschreiben und eventuell auch zielführende qualitative Indikatoren zusätzlich heranzuziehen.

Bildung PLUS: Was leistet das vom CEWS angebotene Webportal "Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre" und wie ist die Resonanz darauf?

Mühlenbruch: Mit dem Webportal "Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre"  steht erstmals eine Übersicht über gleichstellungspolitische Maßnahmen an Hochschulen zur Verfügung. Kernstück des Portals ist eine Datenbank mit differenzierten Suchoptionen, die zur Zeit mehr als 200 Projekte und Maßnahmen zur Gleichstellung an Hochschulen verzeichnet und einen Überblick über die Vielfalt an gleichstellungspolitischen Instrumenten gibt. Ergänzend finden sich Hinweise auf Publikationen, insbesondere Berichte und Evaluationen einzelner Maßnahmen, sowie auf Veranstaltungen.
Das Portal dient der Begleitung, Evaluation und Weiterentwicklung des Fachprogramms Chancengleichheit im Hochschul- und Wissenschaftsprogramm (HWP) . Es wendet sich an Hochschulleitungen, Verantwortliche in der Wissenschaftsadministration, politische Institutionen des Bundes und der Länder, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie an die Medien.
Seit seiner Fertigstellung im Mai 2002 ist das Webportal zum zentralen Informationsmedium über gleichstellungspolitische Aktivitäten in den Ländern und an den Hochschulen geworden. Fast alle Länderministerien sowie zahlreiche Webseiten von Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten verlinken auf dieses Portal  undviele Nachwuchswissenschaftlerinnen nutzen das Portal, um sich über Fördermaßnahmen zu informieren.
Mit dem Webportal, einer Best-Practice-Broschüre  sowie einem Kongress im November 2003 ist für das Chancengleichheitsprogramm eine Struktur geschaffen worden, die Transparenz über die geförderten Maßnahmen gewährleistet. Das Fachprogramm Chancengleichheit ist das einzige der HWP-Programme, das sich zunehmend Evaluationen unterzieht und damit seine Legitimation durch eine freiwillige Qualitätssicherung unter Beweis stellt.

Bildung PLUS: Das HWP-Fachprogramm "Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre" verfolgt eine Doppelstrategie: Wie sehen die geforderten strukturellen Veränderungen sowie die Fördermaßnahmen konkret aus?

Mühlenbruch: Die Fördermaßnahmen des HWP-Fachprogramms Chancengleichheit sind in drei Schwerpunkten angesiedelt. Mit dem Ziel, Nachwuchswissenschaftlerinnen die Qualifizierung für eine Professur zu ermöglichen, werden z. B. das Lise-Meitner-Stipendienprogramm in Nordrhein-Westfalen, das Dorothea-Erxleben-Programm in Niedersachsen oder das Lehrauftragsprogramm "Rein in die Hörsäle" in Bayern durchgeführt. Die Förderung in Form von Stellen oder Lehraufträgen zielt mittlerweile auf die Qualifizierung für eine Professur an allen Hochschultypen, also neben Universitäten auch Fachhochschulen und Künstlerische Hochschulen.
Neben dieser individuellen Förderung werden zunehmend Maßnahmen gefördert, die die wissenschaftliche Qualifikation von Frauen begleiten und auf strukturelle Veränderungen zielen: Mentoring-Programme in Baden-Württemberg, Berlin und dem Saarland unterstützen hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen auf dem Weg zur Professur. Ein hochschuldidaktisches Programm an der TU Darmstadt verband die Vermittlung von Genderkompetenz für alle Lehrenden mit der besonderen Unterstützung von angehenden Professorinnen.

Im Schwerpunkt Frauen- und Genderforschung werden Gastprofessuren, Forschungszentren zu Frauen- und Geschlechterforschung oder der Aufbau von Studiengängen unterstützt. Ein besonders ehrgeiziges Programm, das die Schwerpunkte Qualifikation und Frauen- und Genderforschung verbindet, wird in Hamburg umgesetzt: Dort wurden auf sechs Jahre befristete Stellen für Professorinnen zur Stärkung des Anteils von Frauen in den Fachwissenschaften geschaffen, die von den Hochschulen verstetigt werden sollen. Diese Professuren stellen zugleich Ressourcen für einen hochschulübergreifenden Gender Studies-Studiengang zur Verfügung. Von 10 geplanten Professuren wurden bis jetzt sechs besetzt, drei sind im Berufungsverfahren und eine Professur wurde gestrichen.

Mit Sommerhochschulen, Mentoring-Programmen oder curricularen Veränderungen sollen schließlich mehr Studentinnen für naturwissenschaftlich-technische Studienfächer gewonnen werden. In Bremen wurde für diesen Schwerpunkt ein Verbundprojekt gebildet, das die verschiedenen Maßnahmen von der Studienorientierung von Schülerinnen bis zum Berufsübergang und der Karriereentwicklung abdeckt.

Strukturelle Veränderungen in den Hochschulen sind zum einen in vielen einzelnen Projekten verankert: Beispielsweise konnte gezeigt werden, dass Mentoring-Projekte einen veränderten Stellenwert für die Gleichstellungspolitik in den einzelnen Hochschulen bewirkten. Die Projekterfahrungen wurden genutzt, um Mentoring in die Nachwuchsförderung der Hochschule aufzunehmen. Zielvereinbarungen zu Gleichstellung an drei nordrhein-westfälischen Universitäten verankern gleichstellungspolitische Ziele in der allgemeinen Hochschulentwicklung. Auf strukturelle Veränderungen zielt zum anderen die Anforderung für die anderen Fachprogramme des HWP, dass 40 Prozent der personenbezogenen Mittel Frauen zugute kommen sollen.


Dr. rer. nat. Brigitte Mühlenbruch hat Pharmazie an der Universität Würzburg studiert und nach Staatsexamen und Approbation sowie einigen Jahren in der praktischen Pharmazie an der Universität Bonn im Bereich der Pharmazeutischen Chemie promoviert. Bis 1988 war sie an der Universität Bonn in Forschung und Lehre tätig. Von 1988 bis 2000 nahm Brigitte Mühlenbruch das Amt der Frauenbeauftragten der Universität Bonn im Rahmen der akademischen Selbstverwaltung wahr. Im Herbst 2000 begann sie dann mit dem Aufbau des CEWS, das sie seither leitet.

Autor(in): Ursula Münch
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Datum: 24.05.2004
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