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02. 05. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Gelernt wird hier auch, nur eben anders

Der Jena-Plan erlebt ein Comeback an deutschen Grundschulen

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Pädagoge Peter Petersen - 1884-1952

"Was tut man, wenn sein Kind sich in einem Teufelskreis bewegt? Man hört sich um. Bei dieser Gelegenheit stieß ich das erste Mal auf die Peter-Petersen-Schule...und nach einigen Überlegungen stand es fest, es wird noch einmal umgeschult. Wenn man überhaupt noch etwas gutmachen konnte, dann nur an dieser Schule. Sie war unser "Strohhalm", an den man sich klammert, wenn man nicht mehr weiter weiß. Wir warteten auf ein Wunder - und - es geschah! Nach anfänglicher Skepsis kam unsere Tochter immer zufriedener und schließlich begeistert nach Hause. Nach vollen vier Jahren ging sie erstmalig gern in die Schule." So schrieb eine Mutter im Jahr 1968, die ihr Kind in die Peter-Petersen-Schule am Rosenmaar in Köln schickte. Die Kölner Schule am Rosenmaar ist eine Ausnahme, weil sie schon vierzig Jahre vor dem Comeback des Jena-Plans in die Fußstapfen Petersens trat - damals noch als Volksschule. Heute ist sie eine Grundschule, die viel Wert auf die Integration von Behinderten legt und eine Ganztagesbetreuung anbietet. Natürlich ist auch die Jena-Planschule kein Allheilmittel für das deutsche Schulwesen, aber viele erfolgreiche Beispiele - meist Grundschulen - zeigen, dass der Jena-Plan einiges umkrempeln kann. Wo früher Aggression und Faustrecht galten, ist das Klima heute kommunikativer, verantwortungsvoller und gemeinschaftlicher.

Peter Petersen und der Jena-Plan
Die Erziehung zu einem kultivierten, verantwortungsbewussten Menschen hatte für den Pädagogen Peter Petersen, 1884-1952, nicht nur mit Bildung, der reinen Wissensvermittlung, dem Unterricht zu tun. Erst in einer Schule, die das Gemeinschaftsprinzip lebt, kann seiner Meinung nach die "Menschwerdung" gelingen. "Eine Schule für das Leben und die Inhalte aus dem Leben", erklärt Tilman Petersen die Lebensgemeinschaftsschule seines Großvaters. Den Jena-Plan entwickelte Peter Petersen in den Zwanziger Jahren, als er an der Uni Jena den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften übernahm. Und weil in seinem Schulprogramm die Gemeinschaft über allem steht, nicht Alter oder Geschlecht, gibt es keine Klassen, sondern Stammgruppen, in denen drei Jahrgänge zusammengefasst werden. In der Realität lernt hier jeder von jedem - die Älteren helfen den Jüngeren, die dann in der Verantwortung nachrücken, wenn die Älteren ausscheiden. Peter Petersen war überzeugt, dass man nicht nach Stunden, sondern in Situationen lernt - Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier als Urformen des Lernens. Wer so denkt, kann natürlich dem klassischen Stundenplan nicht viel abgewinnen, in dem alle 45 Minuten Fach und Lehrer wechseln. "Fetzenstundenplan" nannte Petersen den Taktgeber des deutschen Schulalltags verächtlich. Das war nicht die Gemeinschaft, die er sich vorstellte.

In Jena-Plan-Schulen bearbeitet jeder Schüler einen individuellen Wochenarbeitsplan, der aus einer Mixtur von Wahl- und Niveaukursen und Gruppenarbeit besteht. Das Kurssystem ist mit dem Fachunterricht vergleichbar, aber auch die meisten Niveaukurse setzen sich nach Können und nicht nach Alter zusammen.
Diese Kombination garantiert, dass jeder Schüler seinen Begabungen entsprechend gefördert und gefordert wird. Sitzenbleiben und Noten gibt es nicht - für viele Kritiker ein Stein des Anstoßes. Im Schulkonzept der Kölner Peter-Petersen-Schule steht dazu: "Die Leistungen der Kinder sind Ausdruck ihrer individuellen Persönlichkeit, unterschiedlich und unvergleichbar. Deshalb können und wollen wir sie nicht benoten". Mit "Kuschelpädagogik" hat das allerdings wenig zu tun, denn Arbeit wird in Jena-Plan-Schulen ernst genommen - doch die Schüler bestimmen in einem bestimmten Rahmen selbst, wie, wann und wo sie ihren Wochenarbeitsplan erledigen.

"In Jena-Plan-Schulen herrscht eine Leistungskultur, kein Leistungskult", meint Tilman Petersen, Grundschulrektor in Bergisch-Gladbach. Und es ist auch nicht neu, dass im Klima einer Schule, die sich als "helfende und begleitende Macht" versteht, Motivation und Leistungsbereitschaft größer sind als im konventionellen Frontalunterricht. Der Lehrer ist "pädagogischer Führer" und begleitet die Schüler bei ihrem individuellen Lernprozess. Selbständiges Lernen, Projektarbeit, Lehrer als Moderatoren - alles schon mal da gewesen. "Die Pädagogik ist der einzige Friedhof der ewigen Wiederauferstehung", sagt Heinz Durner vom Philologenverband deshalb auch ganz zu Recht. In der Kölner Jena-Plan Schule wird die Teamarbeit der Lehrer groß geschrieben: Mehrere Lehrer betreuen die Stammgruppen gemeinsam - in Zusammenarbeit mit Erziehern, Sozialarbeitern, Krankengymnasten und Therapeuten.

Comeback des Jena-Plans
Warum die Jena-Plan-Schule erst jetzt wieder in Mode kommt, hat unter anderem mit der umstrittenen Person Peter Petersen zu tun, dessen "Gemeinschaftsgedanke" eine gefährliche Affinität zur nationalsozialistischen Jugendpolitik aufweist. Die DDR-Schulbehörde schloss 1950 seine Schule in Jena und entließ ihn aus dem Universitätsdienst, weil sie in der Jena-Planschule ein "reaktionäres Überbleibsel" der Weimarer Zeit sah. Natürlich stand Petersens Schule auch der DDR-Einheitsschule im Weg. Das Stigma, Petersen sei ein Nazi, ist so eindeutig nicht. Peter Petersen ist wohl eher eine tragische Figur, weil er sein Lebenswerk über alle politischen Systeme hinweg retten wollte - Weimarer Republik, Drittes Reich, DDR. Letztendlich landete er zwischen allen Stühlen.

In Holland über 200 Jena-Plan-Schulen
Die Holländer sind in dieser Hinsicht pragmatischer als die Deutschen. Bereits in den fünfziger Jahren gaben sich holländische Lehrer und Schulrektoren in der Kölner Peter-Petersen-Schule die Klinke in die Hand um die Schulbank zu drücken. Heute zählt Holland über 200 Grundschulen, die sich auf den Jena-Plan berufen. Das liegt aber nicht allein an der Pragmatik, sondern an dem flexiblen Schulsystem, wie Walter Heilmann, Leiter der Kölner Peter-Petersen-Schule, meint: "In Holland ist es wesentlich einfacher ein Schulkonzept genehmigt zu bekommen". Nicht überall, wo Jena-Plan draufsteht, ist auch der klassische Jena-Plan drin. Schulen bedienen sich heute aus dem Baukasten Jena-Plan und fertigen sich ihr individuelles Modell an. Und dass der Jena-Plan nicht nur ein Modell für die Grundschule ist, beweist die Jena-Plan-Schule in Jena, die 1991 wieder eröffnet wurde. Sie ist die einzige Schule, die ihre Schützlinge bis zum Abitur führt - ganz im Sinne des Begründers.


 

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 02.05.2001
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