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13. 01. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Es ist nicht schlimm, wenn 25 Kinder nicht im Gleichschritt marschieren"

Multiprofessionelle Teams fördern Kinder jahrgangsübergreifend

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Sylvia Löhrmann

Bildung PLUS: Das Forum Bildung empfiehlt, mehr Gebrauch von den "Möglichkeiten zur Förderung von Bildung in Kindertageseinrichtungen" zu machen. Inwiefern wird Bildung in Kindertageseinrichtungen schon jetzt in Nordrhein-Westfalen verwirklicht?

Löhrmann: In Nordrhein-Westfalen gibt es ein Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder, das den Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schulen festschreibt. Wir wissen auch durch PISA, dass wir den Bildungsauftrag in Kindertageseinrichtungen stärker verankern müssen. Daneben gibt es aus Sicht der Frauen, Eltern und Familien das berechtigte Interesse an einer qualifizierten Betreuung ihrer Kinder. Es geht darum, früh zu erkennen, welche Probleme Kinder haben und welche Stärken. Schon im Kindergarten soll die natürliche Lernfreude und Wissbegier der Kinder genutzt werden. Die gesetzliche Grundlage muss stärker in Fortbildungen zum Tragen kommen, um die Erzieherinnen und Erzieher dafür besser zu qualifizieren.

Wir wollen Kinder früher systematisch fördern. Das Gesetz zur Neuordnung des Kinder- und Jugendhilferechtes bestimmt: "Der Kindergarten ist eine sozialpädagogische Einrichtung und hat neben der Betreuungsaufgabe einen eigenständigen Erziehungs- und Bildungsauftrag als Elementarbereich des Bildungssystems."

Die heutigen Schulkindergärten haben die Funktion, sich der Kinder anzunehmen, die zurückgestellt werden. Dort werden sie speziell gefördert, damit die Schulreife erreicht wird. Diese Aufgabe wird zukünftig in die flexible Eingangsphase integriert werden.

Bildung PLUS: Inwiefern ist die flexible Eingangsphase in Nordrhein-Westfalen, die im Jahre 2004/2005 eingeführt wird, eine angemessene Antwort auf PISA?

Löhrmann: Die flexible Schuleingangsphase ist eine Antwort auf PISA. PISA sagt uns, dass wir in Deutschland nicht früh genug mit der gezielten Förderung von Kindern anfangen. Das wird oft als Verschulung verstanden, doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass Kinder kindgerecht lernen und diesen Prozess so früh wie möglich und so systematisch wie möglich zu unterstützen. Die flexible Schuleingangsphase ermöglicht eine individuellere Förderung. PISA sagt uns auch, dass wir zu standardisiert mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Bildung PLUS: Gibt es bereits Erfahrungen mit der flexiblen Eingangsphase?

Löhrmann: Zur Zeit gibt es ca. 25 Bund-Länderversuche in der Bundesrepublik. Grundschulen mit besonderen pädagogischen Profilen haben bereits die flexible Eingangsphase eingeführt. Ich habe das zum Beispiel in der Petersen-Schule in Köln gesehen. Es stellt für die Kinder einen großen Anreiz dar, sich anzustrengen, wenn in Schulen mit flexibler Eingangsphase die unterschiedlichen Altersgruppen vertreten sind. Für die Größeren besteht der Anreiz darin, den Kleineren zu helfen. Die Laborschule in Bielefeld ist ein gutes Beispiel dafür. Diese Beispiele sind ermutigend, und wir sollten sie stärker in der Öffentlichkeit verbreiten.

Bildung PLUS: Ein Konzept für die Ausgestaltung der flexiblen Eingangsphase liegt der Öffentlichkeit noch nicht vor. Richtlinien sollen im Jahr 2003 erarbeitet werden. Welche Eckpfeiler für ein Konzept gibt es bereits jetzt?

Löhrmann: Politisch ist zunächst verabredet, dass es die flexible Eingangsphase geben soll. Jetzt fängt die Detailarbeit an. Es wird einen umfassenden Ausgestaltungs- und Konsultationsprozess mit Verbänden geben, wie das Vorhaben genau umgesetzt werden soll. Die Grundelemente sind klar: Die Kinder kommen in die Schule, lernen in den ersten beiden Schuljahren jahrgangsübergreifend. Sie bleiben in dieser Schuleingangsphase ein bis drei Jahre. Kinder, die schon bestimmte Fähigkeiten mitbringen, können nach einem Jahr in die Klasse drei wechseln. Ein Kind, das Defizite aufarbeiten muss, kann sich drei Jahre Zeit nehmen. Diese Zeit wird nicht auf die Schulzeit angerechnet, so dass es nicht mit dem Makel leben muss: "ich bin schon mal sitzen geblieben", "ich bin schon mal zurückgestuft worden", "ich bin schon mal nicht gut genug gewesen".

Bei uns machen die Kinder heute negative Erfahrungen durch den Bruch zwischen Kindergarten und Grundschule, da es hier keinen systematisierten Übergang gibt. Das prägt ihre gesamte Einstellung zur Schule, und das ist falsch. Denn Kinder freuen sich doch auf die Schule. Wenn sie dann aber in der Schule sind, hört die Freude oft schnell auf.

Bildung PLUS: Welche Nachteile bei der flexiblen Eingangsphase verbunden?

Löhrmann: Aus pädagogischer Sicht, aus Sicht der Förderung hat mir noch niemand Nachteile genannt. Sowohl in Baden-Württemberg als auch in Nordrhein-Westfalen gibt es dazu Modellvorhaben und Praxiserfahrung. Das zeigt, dass die flexible Eingangsphase von der politischen Farbenlehre her kein umstrittenes Instrumentarium ist.

Natürlich ist die flexible Eingangsphase mit einer Umstellung verbunden - in Hinsicht auf die Art des Lernens, wie wir sie kennen. In Deutschland muss die Vorstellung stärker verankert werden: Die Kinder sind unterschiedlich, sie brauchen unterschiedlich lange, sie brauchen unterschiedliche Intensitäten von Förderung und Unterstützung. Bei manchen klappt das von alleine, andere brauchen am Anfang Unterstützung, müssen das Lernen erst lernen. Es ist nichts Schlimmes dabei, wenn da nicht 25 Kinder im Gleichschritt marschieren, es ist umgekehrt völlig normal, wenn sie sich in Gruppen zusammenfinden und sich austauschen. Der Umstellungsprozess ist natürlich schwierig, bei Lehrerinnen und Lehrern sowie bei den Eltern.

Bildung PLUS:Wie groß werden diese Gruppen sein?

Löhrmann: Das ist flexibel. Die Grundlage ist eine Lehrer-Schüler-Relation von eins zu 24. Hinzu kommen die Ressourcen aus den Schulkindergärten; deren Kompetenz wird in der flexiblen Eingangsphase hinzugenommen. Die Gruppen von Kindern werden unterschiedlich groß sein und unterschiedlich zusammen gefügt, je nachdem, was und wie gerade gelernt werden soll. Die Entscheidungen dazu werden vor Ort getroffen.

Bildung PLUS: Welche Folgen hat die Einführung der flexiblen Schuleingangsphase für die Personalpolitik in Nordrhein-Westfalen? Es gibt Stimmen, die sagen, es solle dadurch in erster Linie gespart werden?

Löhrmann: Das ist ausdrücklich nicht der Fall. Wir können davon ausgehen, dass manche Kinder drei Jahre, andere ein Jahr in der Eingangsphase bleiben: Beides wird sich in etwa ausgleichen. Im Prinzip braucht man für die Eingangsphase die gleiche Lehrerzuweisung. Nehmen wir die Überführung der Schulkindergärten in Grundschulen und die Ganztagsschulen, die eingerichtet werden, hinzu, dann sparen wir nicht mit der flexiblen Eingangsphase. Vielmehr geben wir zusätzlich Kompetenz und zusätzliche Personalkapazität in diese Eingangsphase. Wichtig ist: der Start für alle Kinder soll so gut wie möglich laufen.

Bildung PLUS: Wie sollen Erzieherinnen und Erzieher, Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer zusammenarbeiten? Gibt es da nicht Mentalitätsunterschiede?

Löhrmann: Ich habe den Anspruch und die Erwartung, dass das multiprofessionelle Team im Sinne der Kinder zusammenarbeitet. Ich gehe davon aus, dass alle für die Kinder das Beste wollen, im Klassenteam oder in der pädagogischen Konferenz. Natürlich gibt es Mentalitätsunterschiede. Es gibt sicherlich auch Vorurteile. Doch es geht um die Kinder: es ist dasselbe Kind, ob es nun in den Schulkindergarten oder in die Grundschule geht.

Allerdings gibt es in Deutschland ein Strukturproblem: Erzieherinnen und Erzieher werden nicht im Wege der Hochschulausbildung wissenschaftlich ausgebildet. Doch durch zusätzliche Qualifikationen und im Austausch ergibt sich eine Kompetenz, die im Sinne der Kinder wirken muss. Gleichberechtigung im Kollegium ist für mich eine Voraussetzung, auch wenn unterschiedliche Wege zu dem Team geführt haben.

Bildung PLUS: In Ihrer Broschüre "Bildung von Anfang an" haben Sie formuliert: "Chancengleichheit ist das Ziel, individuelle Förderung ist der Weg". Was verstehen Sie unter individueller Förderung?

Löhrmann: Unterricht und Förderung sind nicht voneinander getrennt. Auch Unterricht muss immer individuelle Förderung sein. Ich erläutere Ihnen außerdem zwei Beispiele für zusätzliche individuelle Förderung: Wenn ein Kind in Textarbeit besonders gut ist, dann könnte man dem Kind Spezialaufgaben geben und es bekommt spezifische, auf dieses Kind gerichtete Literatur, zu lesen, auswendig zu lernen, vorzutragen. Dieses Kind könnte so seine besondere Begabung ausleben und anderen Vorbild sein.

In einem anderem Fall heißt individuelle Förderung, Defizite auszugleichen: zum Beispiel beim Diktat oder bei der Mathematikarbeit. In diesem Fall entscheidet die Schule, im Verbund mit den Eltern, dem Kind nicht seine Fünf zu geben, sondern ihm zwei Wochen am Nachmittag Zusatzunterricht im Rahmen einer offenen Ganztagsschule anzubieten. 
 
Bildung PLUS: Auf die Erzieherinnen und Erzieher kommt eine Menge neue Aufgaben zu. Gibt es bereits Ansätze, wie man sie qualifiziert?

Löhrmann: Es muss einen systematischen Fortbildungsvorlauf geben: Für die Grundschulpädagoginnen und für die Erzieherinnen und Erzieher. Es gibt aufgrund der traditionellen Trennung nach wie vor große Berührungsängste zwischen Jugendhilfe und Schule. Die müssen wir auch institutionell überwinden. Deswegen ist es ein erster Schritt, dass wir in NRW von oben anfangen: Wir haben jetzt ein Ministerium für Schule, Jugend und Kinder.

Neben der Verankerung des neuen Geistes von individueller Förderung in den Schulen kommt es darauf an, die veränderte Schulsituation für die handelnden Pädagoginnen und Pädagogen vorwegzunehmen und zu trainieren. Etwa die Frage, wie bekomme ich die Richtigen wann zusammen. Die Praxiserfahrungen anderer Länder zeigen, dass es entlastend ist, eher die Rolle der Lernbegleiter für Kinder und Jugendliche einzunehmen, als eine wissensvermittelnde. Die neue Konzeption muss kollegiumsbezogen vermittelt werden in der Kombination der Personen, die an der jeweiligen Schule arbeiten. Diejenigen, die schon erfolgreich in diesem Sinne arbeiten, sollen Unterstützung geben; das ist der beste Weg.

Bildung PLUS: Im Ländervergleich: Wo steht Nordrhein-Westfalen, wenn die flexible Eingangsphase 2004 umgesetzt wird?

Löhrmann: Modellversuche gibt es überall. In Hinsicht auf die systematische Einführung zählt Nordrhein-Westfalen zu den Länder, die voranmarschieren.

 

Sylvia Löhrmann, geboren 1957 in Essen. Seit 1984 ist sie Deutsch- und Englischlehrerin in Solingen. In dieser Zeit engagiert sie sich auch bei den Grünen. 1995 wird Löhrmann Mitglied des Landtages und spezialiert sich auf Frauen- und Kommunalpolitik. Heute ist Sylvia Löhrmann bildungspolitische Sprecherin der Grünen und Fraktionsvorsitzende im Landtag von Nordrhein-Westfalen.

 

Autor(in): Arnd Zickgraf, Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.01.2003
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