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13. 07. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Mit Kuschelpädagogik hat das nichts zu tun"

An der Bodenseeschule Sankt Martin lernen Schüler nach einem freien Konzept

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Alfred Hinz

Alfred Hinz ist, was er selbst einen "pädagogischen Cowboy" nennen würde: Er war Hauptschullehrer, Gesamtschullehrer und mehr als 30 Jahre lang Leiter der katholischen Bodenseeschule Sankt Martin, einer Grund-, Haupt- und Werkrealschule in Friedrichshafen. Durch den Film "Treibhäuser der Zukunft" wurde die Schule deutschlandweit bekannt. Am Ende seines Berufslebens schwört Hinz darauf, die Kinder beim Lernen frei zu lassen. Die Lehrer sieht er als Lernbegleiter, Noten und Leistungsvergleiche hält er für verzichtbar. Doch wie kommen Schüler, Lehrer und Eltern mit diesem freien Konzept der Bodenseeschule zurecht? Ein Gespräch über die Machtfrage an der Tafel und Lehrer, die im Regal verschwinden.

Fechner/Kruse-Allgaier: Ein Schwerpunkt Ihres pädagogischen Konzeptes ist die Freiarbeit. Welche Eigenschaften müssen Lehrer dafür mitbringen?

Hinz: Sie müssen dieses tiefste Vertrauen in ein Kind haben. Das gleiche Vertrauen, das man als Vater und Mutter auch hat. Loslassen ist die Devise. Das fällt den Lehrern wahnsinnig schwer, weil sie glauben, sie würden dann Autorität verlieren. Sie verlieren als Lehrer die Macht, und das ist natürlich hochpolitisch. Sie sind Begleiter und nicht mehr Macher und nicht mehr Wissende. Doch die Kinder tragen die Lehrer auf Händen, wenn sie anständig mit ihnen umgehen. Als Lehrer brauchen sie sich dann auch keine Scheinmacht zuzulegen.

Fechner/Kruse-Allgaier: Man muss also als Lehrer bereit sein, auf Macht zu verzichten?

Hinz: Ich denke das. Sie müssen sich als Lehrer selber zurücknehmen und sich nicht so wichtig nehmen. Unsere Lehrer bereiten sich gut vor und stellen das notwendige Arbeitsmaterial für jeden Schüler zur freien Verfügung ins Regal. Während des Unterrichts treten sie selbst quasi ins Regal und helfen dem Schüler nur auf Anfrage. Aber das geht nicht, wenn sie als Lehrer - wie so viele - wie ein Pfau vorne an der Tafel stehen und ewig gestreichelt werden müssen.
Ein guter Lehrer muss natürlich auch gerne mit Kindern arbeiten wollen. Die Kinder sind Seismografen, sie spüren sofort, ob man sie ernst nimmt und sich wirklich um sie sorgt. Wenn ein Kind schwächelt, frage ich mich, woran liegt das? Die Schüler sind ja unterschiedlich begabt. Ein schwach begabtes Kind kann ich nie zu einem Hochbegabten machen. Aber ich kann es stützen, dass es seine Ressourcen ausschöpft. Dass es erfährt: "Wie gut, dass ich hier bin, auf mich kommt es an", und ich ihm nicht das Gefühl gebe: "Du gehörst hier nicht hin, du störst unseren Klassendurchschnitt!"

Fechner/Kruse-Allgaier: Was halten Sie von dem Vorwurf, dies sei "Kuschelpädagogik"?

Hinz: Mit Kuschelpädagogik hat das nichts zu tun. Wenn man den Unterricht individualisiert, dann ist man so hautnah an dem Kind dran, das muss das Kind erst einmal aushalten. In einer normalen Klasse kann ein Kind ja abtauchen. Es kann sich wohl verhalten und dem Lehrer fällt gar nicht auf, dass es nichts tut. Das geht bei uns nicht. Wir strahlen aus, du kommst hierher, freiwillig, und dann musst du auch etwas tun. Du musst mit deinem Talent auch arbeiten, du kannst hier nicht nur gammeln oder spielen. Die Kinder sind ja neugierig. Wie Maria Montessori sagt, jedes Kind will lernen, nichts als lernen. Das kann ich nur bestätigen.

Fechner/Kruse-Allgaier: Wie wird diese Form des individualisierten Unterrichts in der Bodenseeschule von den Lehrern aufgenommen?

Hinz: Diese Pädagogik ist für die Lehrer sehr unbequem. Sie müssen objektiv mehr arbeiten. Wenn jedes Kind wirklich freigelassen wird, müssen sie als Klassenlehrer wie ein Buchhalter hinterher sein und schauen, was macht das Kind und wo steht es? Andererseits ist es doch herrlich, wenn man so arbeiten darf. Wenn man eine Schule verändert, verändert man sich selbst, man entwickelt sich. Wir kommen ja einem Künstler sehr nahe und werden noch dafür bezahlt.

Fechner/Kruse-Allgaier: Wie kommt es dann, dass viele Lehrer an Regelschulen so unzufrieden sind mit ihrer Arbeit?

Hinz: Im Tiefsten liegt es daran, die Lehrer unterrichten Fächer und nicht Kinder. Ich muss nicht mein Fach an die Kinder heranbringen, sondern die Sichtweise. Als Chemiker muss ich dem Kind die Zugangsweise zur Chemie erklären, aber nicht einen zweiten Aufguss meines Studiums anbieten.

Fechner/Kruse-Allgaier: Wie kommen die Eltern mit dem Konzept der Bodenseeschule zurecht?

Hinz: An unserer Schule bringen die Kinder selten Noten und Hausaufgaben mit nach Hause. Das ist für die Eltern wahnsinnig schwer zu akzeptieren. Damit diese Pädagogik auch von den Eltern getragen wird, machen wir regelmäßig Elternseminare. Im Grunde nehmen wir nur die Kinder auf, deren Eltern an diesem Seminar teilgenommen haben.

Fechner/Kruse-Allgaier: Elternseminare als Einschulungsvoraussetzung?

Hinz: Ja, natürlich, die müssen doch wissen, dass wir eine völlig andere Schule machen. Wir lassen die Eltern den Schultag erleben, das heißt, wir Erwachsenen kommen abends zusammen und machen den Morgenkreis, die Freiarbeit und den vernetzten Unterricht. Sie verstehen dann, wie das bei uns funktioniert.

Fechner/Kruse-Allgaier: Keine Hausaufgaben, kaum Noten. Machen Sie denn gar keine Tests?

Hinz: Die Tests liegen bei uns im Schrank, und die Kinder machen sie, wenn sie so weit sind. Nebenan liegen die Lösungsblätter, und die Lehrer sind stolz darauf, dass die Kinder sie erst holen, nachdem sie die Arbeit geschrieben haben und nicht vorher. Wenn Sie keinen Vergleichstest machen, sondern das Kind arbeiten lassen, wenn es so weit ist, dann entfällt der Konkurrenzgedanke. Prompt wird nicht mehr gepfuscht. Pfuschversuche kommen nur zustande, wenn wir Kinder miteinander vergleichen, indem wir alle zur gleichen Zeit Tests schreiben lassen und den Eltern den Notendurchschnitt drunter schreiben. Bei uns ist der Konkurrenzgedanke auch deshalb ausgeblendet, weil wir diese Jahrgangsmischung haben, also große Schüler mit Kleinen zusammen lernen.
Ich plädiere für eine Gemeinschaftsschule, wo alle Kinder neun oder zehn Jahre zusammen sind, bis sie so reif sind, dass man sagen kann: "Du solltest Bäcker werden und du solltest auf die Hochschule gehen." Man muss Heterogenität als Reichtum begreifen, nicht als Schwäche.

Fechner/Kruse-Allgaier: Was macht im Kern eine gute Schule aus?

Hinz: Die Frage "Was ist eigentlich ein Kind?" muss immer wieder beantwortet werden. Und ein klares Menschenbild ist entscheidend. Am schlimmsten ist, wenn man keines hat. Manche Schulen haben ein humanistisches, wir an der Bodenseeschule haben ein christliches Menschenbild. Montessori nennt es: "Gott im Kinde suchen, darum geht es." Das meint sie nicht frömmelnd, es geht um die Hochachtung vor dem Kind.
Ein weiterer ebenso wichtiger Faktor ist die Umgebung, die wir Erwachsenen für das Kind vorbereiten, den Raum, die Zeit, die Gruppe und das Material, was dem Kinde als "Schlüssel zur Welt" dient.
Ein Faktor ist schließlich auch der Konsens im Kollegium, mit dem sich alle Mitarbeiter der Schule an diese pädagogischen Grundaussagen freiwillig binden. Dazu gehört, dass sich bei uns alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beworben haben und von uns ausgesucht wurden.

 

Die Bodenseeschule Sankt Martin
Spätestens seit dem Film "Treibhäuser der Zukunft" des Hamburger Journalisten Reinhard Kahl gilt die Bodenseeschule Sankt Martin in Friedrichshafen als Vorzeigeschule. Sie arbeitet nach dem "Marchtaler Plan", einem Bildungskonzept katholischer Grund- und Hauptschulen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Der Unterricht wird mit der "freien Stillarbeit" und thematisch vernetzten "Epochen" individualisiert. Dennoch spielt die Gemeinschaft im Alltag dieser Ganztagsschule eine große Rolle: beim gemeinsamen Mittagessen von Lehrern und Schülern, beim Lernen in altersgemischten Gruppen, bei dem Sanitätsdienst auf dem Schulhof sowie den nachmittäglichen Freizeitaktivitäten. Erklärtes Ziel der Schule ist es, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern jedem Kind zu helfen, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

 

Autor(in): Amelie Fechner und Uta Kruse-Allgaier
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.07.2006
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