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14. 04. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Es ist normal, verschieden zu sein!"

Behinderte und nicht behinderte Kinder profitieren von integrativen Schulen

Bild

Beim Schulaufsatz... Foto:BPP95

Marie lächelt. Es ist das strahlende Lächeln eines kleinen Mädchens. In den ersten Lebensjahren haben Maries Eltern bemerkt, dass Marie sich nicht so entwickelt, wie andere Kinder in ihrem Alter. Die Ärzte diagnostizierten Wahrnehmungsstörungen. Im August kommt Marie in die Schule, sie wird eine integrative Grundschule besuchen. "Marie soll so normal wie möglich aufwachsen. Sie soll nicht das Gefühl bekommen, nicht zu dieser Gesellschaft zu gehören", sagen ihre Eltern.

Bürgerbewegung für integrative Schulen
Integrative Schulen wünschen sich viele Eltern mit beeinträchtigten Kindern. Das bekräftigt auch Prof. Dr. Hans Wocken, Erziehungswissenschaftler aus Hamburg: "Die Sonderschule begünstigt und verfestigt die Bereitschaft zur Abgrenzung von anderen und damit zur sozialen Selbstisolation. In einer nicht aussondernden Schule hingegen lernen die Kinder: Es ist normal, verschieden zu sein!"
Doch integrative Schulen sind in Deutschland immer noch die Ausnahme. Sonderschulen hingegen haben eine lange Tradition. Erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts vollzog sich ein Bewusstseinswandel. Die Integrationsbewegung entstand und mit ihr das Bemühen, die Ausgrenzungsroutinen zu durchbrechen und gemeinsame Kindergärten und Schulen an die Stelle von ausgesonderten Institutionen zu setzen. Modellcharakter hatte die private Montessori-Schule in München. Weitere Schulen folgten Anfang der 80er Jahre.

Die Politik zieht hinterher
Erst seit 1994 ist der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern auch von der Politik in einer Empfehlung festgeschrieben. Im Mai 1994 verabschiedete die Kultusministerkonferenz einstimmig die "Empfehlung zur sonderpädagogischen Förderung in den Schulen der Bundesrepublik Deutschland", nach der Kinder mit Beeinträchtigungen nicht mehr nur an Sonderschulen, sondern verstärkt auch an allgemeinen Schulen unterrichtet werden sollen. Einen Monat später unterschrieb die Bundesrepublik Deutschland die "Salamanca Erklärung" der UNESCO im Rahmen der Weltkonferenz "Pädagogik für besondere Bedürfnisse: Zugang und Qualität". Dort ist festgeschrieben, "dass Regelschulen mit dieser integrativen Orientierung das beste Mittel sind, um diskriminierende Haltungen zu bekämpfen, um Gemeinschaften zu schaffen, die alle willkommen heißen, um eine integrierende Gesellschaft aufzubauen und um Bildung für Alle zu erreichen; darüber hinaus gewährleisten integrative Schulen eine effektive Bildung für den Großteil aller Kinder und erhöhen die Effizienz sowie schließlich das Kosten-Nutzen-Verhältnis des gesamten Schulsystems".

Immer noch die Ausnahme
Entgegen dieser Absichtserklärung ist in den letzten zehn Jahren nicht wirklich viel passiert. Gerade einmal zehn Prozent aller Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen Regelschulen. Auch praktizieren die Bundesländer die gesetzlichen Grundlagen sehr unterschiedlich. Während in manchen Bundesländern gemeinsamer Unterricht noch gar nicht vorgesehen wird (wie in Rheinland-Pfalz und Sachsen), ist in anderen die gemeinsame Erziehung möglich (Thüringen, Niedersachsen) und nur in wenigen wird sie vorrangig umgesetzt (Brandenburg). "Wann wird Deutschland endlich eine Bildungspolitik im Sinne der Erklärung von Salamanca (UNESCO 1994) einleiten und die dort geforderte Schule für alle ohne Halbherzigkeit auf den Weg bringen?" fragt Karl Hermann Haack, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, die Kultusministerkonferenz in einerPresserklärung vom 13. Mai 2004. Und weiter: "Warum bedürfen beispielsweise Schülerinnen und Schüler mit Lernbeeinträchtigungen eigener Einrichtungen in Deutschland, wo sie anderswo längst in allgemeinen Schulen speziell gefördert werden?" Und gut gefördert werden, so Karl Hermann Haack. PISA habe der Welt wieder einmal gezeigt, dass gerade die Länder wie Finnland mit integrativen Schulen ganz vorn liegen würden.

Gemeinsamer Unterricht
Umgesetzt wird die Integration in der Regelschule in Deutschland entweder durch die so genannte "Einzelintegration" in einer ganz "normalen" Schulklasse oder durch den "Gemeinsamen Unterricht" in einer Integrationsklasse. In den integrativen Klassen ist die Schülerzahl verringert. Von ungefähr 20 Schülerinnen und Schülern sind meistens vier bis fünf behindert. Geleitet wird sie in der Regel nach dem Zweipädagogenprinzip. Eine sonderpädagogische Fachkraft unterstützt die Lehrerin bzw. den Lehrer stundenweise im Unterricht. Der differenzierte Unterrichtsstil berücksichtigt die unterschiedlichen Leistungsvermögen der Kinder mit verschiedenen Lernzielen. Unterschiede hinsichtlich ihres Entwicklungsstandes, ihres Vorwissens und ihrer Lernfähigkeit werden durch unterschiedliche Lernangebote und Lernanforderungen bedient. Je nach Gruppe können die gewählten Methoden variieren. Freiarbeit, Arbeit nach Tages- und Wochenplänen, Individualisierung der Lernanforderungen und fächerübergreifender Unterricht in Projekten prägen den Schulalltag. Die Öffnung des Unterrichts für integrative Erziehung hat auf diese Weise zu einer tief greifenden Reform der Grundschul- und Fachdidaktik geführt, die nicht nur den behinderten Schülerinnen und Schülern zugute kommt. Von dem Prinzip der individuellen Förderung profitieren auch die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler. Vergleichsuntersuchungen belegen die besseren oder gleich guten Leistungen von heterogenen Klassen, in denen auch behinderte Kinder sind.

Vorteile auch für nicht behinderte Kinder
Die integrative Erziehung eröffnet behinderten wie nicht behinderten Menschen gerade durch die offenere Unterrichtsform gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen und fördert so das gegenseitige Verständnis. Die Kinder und Jugendlichen lernen, dass Menschen unterschiedlich sind und das auch sein dürfen. "Alle Kinder erleben, dass die besonderen Bedürfnisse, die individuellen Eigenarten und Probleme der Kinder akzeptiert werden", betont Prof. Dr. Jutta Schöler, Erziehungswissenschaftlerin aus Berlin. "Die Tatsache, dass in Integrationsklassen der Unterricht so geplant wird, dass die guten Schüler sich nicht langweilen und die schwächeren Schüler die ihren Lernmöglichkeiten entsprechenden Aufgaben bewältigen können, trägt in großem Maße zum Abbau von Gewaltbereitschaft und zur Leistungssteigerung aller Kinder bei." Auch das verständnisvolle Klima verhindert die Herausbildung von Vorurteilen und negativen Einstellungen. Integration kann damit einen wichtigen Beitrag zur Gewaltprophylaxe leisten.
Die Erfahrungen in integrativen Schulen zeigen, dass Schülerinnen und Schüler mit Behinderung häufig nicht nur mehr lernen als an Sonderschulen, sondern durch die Kontakte zu ihren Mitschülern ohne Beeinträchtigung auch die Fähigkeit erwerben, sich durchzusetzen, sich in Krisen zu behaupten und ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse zu artikulieren. Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne Behinderung unterstützen sie dabei. Diese üben sich in Hilfsbereitschaft und Solidarität und sind dadurch weniger verunsichert als andere Menschen im Kontakt zu Menschen mit Beeinträchtigungen. Empirische Untersuchungen von Hans Wocken haben ergeben, dass die soziale Distanz zu Kindern, die "anders sind" (Behinderte/Ausländer) bei Schülerinnen und Schülern aus Integrationsklassen am geringsten ist. Selbst Jungen mit Verhaltensauffälligkeiten können gegenüber einem Kind mit einer eindeutigen Beeinträchtigung rücksichtsvoll sein. Integrative Klassen haben also überaus positive Auswirkungen auf das Sozialverhalten der nicht behinderten Schüler und Schülerinnen.

Immer mehr Eltern befürworten integrative Schulen
Die Zahl der Eltern, die ihre behinderten Kinder in Regelschulen anmelden wollen, wächst. Dennoch stehen viele Eltern mit Kindern ohne Beeinträchtigung integrativen Schulen noch immer mit Skepsis gegenüber. Dort aber, wo Integrationsklassen bereits eingeführt sind und sich die positiven Aspekte herumgesprochen haben, wollen oft mehr Eltern ihre nicht behinderten Kinder in einer Integrationsklasse einschulen als Plätze zur Verfügung stehen. Diese Eltern wissen, dass ein Unterricht, der auf die individuellen Bedürfnisse aller Kinder eingeht und von zwei Lehrerinnen bzw. Lehrern gemeinsam geplant und durchgeführt wird, auch vorteilhaft für ihre Kinder ist.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 14.04.2005
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