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05. 08. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Wozu taugt ein Bachelor? Teil 1

Wert des Bachelor- und Masterstudiums für Wirtschaft und Gesellschaft

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Studierende in einer Vorlesung

Studium, die vielleicht schönste Zeit des Lebens, sagen manche rückblickend: Die Zeiten dürften bald der Vergangenheit angehören, in denen man in Muße studieren konnte und den Tag in der WG erst ab zehn Uhr mit dem Frühstück eingeläutet hatte. Europa will Wohlstand durch Forschung, Deutschland auch. Und die Studierenden mit ihren Köpfen gelten als die wertvollsten "Rohstofflieferanten" der hoch entwickelten Industrienationen. Mit der Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes und der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen soll das Studium beschleunigt werden, in einer beschleunigten Gesellschaft.

Der Bachelor-Abschluss wird in einigen Jahren der Regelabschluss sein, damit die Hochschulabsolventen jünger werden. Nach drei Jahren können die Studierenden dann die Hochschule mit einem in ganz Europa anerkannten Studiennachweis verlassen. Die Verkürzung des Studiums durch den Bachelor als erstem berufsqualifizierenden Abschluss ist nicht das einzige und wichtigste Ziel der europäischen Hochschulreform.

Entscheidend ist vielmehr, die Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen. Das hatten auch immerhin 90 Prozent der deutschen Hochschulrepräsentanten im Sinn, als sie sich für die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes aussprachen. Die Studierenden Europas sollen über alle nationalen Grenzen hinweg beschäftigungsfähig sein, es geht um die "employability" junger Menschen.

Studierst du noch oder arbeitest du schon?
Das sperrige Wort "employability" ist ins Deutsche nicht eins zu eins zu übersetzen. Es wird häufig als Beschäftigungsfähigkeit bezeichnet. "Employability" macht sich die Perspektive der so genannten "Abnehmer" der Dienstleistungen von Hochschulen zu eigen. Die Arbeitgeber als "Abnehmer" interessieren sich für hoch qualifizierte Hochschulabsolventen, die international einsetzbar und stets flexibel sind. Unter den Akademikern rekrutieren sie den Nachwuchs für Führungspositionen und Experten für Forschung und Entwicklung. Um neue Produkte auf den Markt zu bringen, ist zunehmend Wissen erforlich. Von den Hochschulabsolventen wird erwartet, dass sie ihr Studium wie ein Projekt durchziehen, zielorientiert und zügig. Studium als Übungsfeld: Für die Wirtschaft lernen wir und nicht für das Leben.

Noch vor der Bologna-Erklärung, der Initialzündung für den gemeinsamen europäischen Hochschulraum, wurde in der Sorbonne-Erklärung 1998 gefordert, die Anerkennung der Studienleistung in ganz Europa zu verbessern. Hier tauchte bereits der Begriff "employability" auf ("We hereby commit ourselves to encouraging a common frame of reference aimed at improving external recognition and facilitating students mobility as well as employability.") Mobilität und Employability werden in einem Atemzug genannt.

Bis zum ersten berufsbefähigenden Abschluss dauert es mit dem Bachelor-Studium drei Jahre. Und nach durchschnittlich dreieinhalb Jahren brechen auch die meisten Studienabbrecher ihr Studium ab, etwa weil sie durch eine Prüfung gerasselt sind, den Nebenjob zum Beruf gemacht haben oder ihnen Kinder beschert wurden. Daher gibt es "böse" Stimmen, die den Bachelor als "Nottaufe für Studienabbrecher" bezeichnen. Bachelor - "Nottaufe" für Studienabbrecher oder neue Berufschance für Akademiker?

Schlüsselkompetenzen für die Wirtschaft
Der Bundesverband Deutscher Arbeitgeber (BDA) begrüßt die Einführung gestufter Studiengänge. Im Memorandum zur gestuften Studienstruktur im September 2003 sagen die Arbeitgebervertreter, warum ein Bachelor-Studium für sie kein Schmalspurstudium ist: Es ermögliche eine Basisausbildung einschließlich  Fachwissen. Die Studieninhalte bei Bachelor- oder Masterstudiengängen würden in Zusammenarbeit mit Hochschulen und Vertretern der Wirtschaft neu entwickelt. Sie würden zu einem System von sinnvollen Lernbausteinen (Modulen) zusammengesetzt, die es Studierenden ermöglichen, das Studium individuell zu gestalten.

Bachelorabsolventen sollten die "Funktionen eines Unternehmens" kennen, die Rolle von Einkauf, Vertrieb, Projektmanagement und Marketing etwa. Bachelors in Erziehungswissenschaften sollten sich in Berufs- und Wirtschaftspädagogik auskennen, im Recht der Bildung und Weiterbildung usw. Für den BDA ist der Bachelor kein "notgetaufter" Studienabbrecher.

Auch die Bundesagentur für Arbeit dürfte ein Interesse daran haben, dass die gestuften Studiengänge eingeführt werden: Arbeitslose Akademiker erhalten nämlich zur Zeit in so genannten Maßnahmen so etwas wie Nachhilfeunterricht in wirtschaftlichen Fragen, etwa Bewerbungstraining, Projektmanagement, Marketing und Vertrieb. Diese Maßnahmen bieten in der Regel private Weiterbildungsunternehmen an. Mit dem Bachelor- und Masterstudium werden praxisnahe Kenntnisse eben während des Studiums vermittelt: Entlastung für die Bundesagentur für Arbeit.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg skizziert ein "Profil der Beschäftigungsfähigkeit". Zu dem von der IHK Lüneburg favorisierten Profil gehören Schlüsselkompetenzen wie Problemlösungskompetenz, Lernkompetenz, soziale Kompetenz, Teamfähigkeit und Fähigkeit zur Selbstorganisation.

Wie viel Praxis steckt in den neuen Studiengängen?
Die gestuften Studiengänge genießen den Ruf praxisorientiert zu sein. Doch wie praxisnah sind die Studiengänge in Deutschland wirklich? Das Wissenschaftliche Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung in Kassel hat im September 2003 im Auftrag des Bundesbildungsministeriums eine Studie herausgegeben, in der nach der Beschäftigungsfähigkeit der Bachelor- und Masterstudiengänge, nach der "Anbindung an den Arbeitsmarkt" gefragt wurde.

Fast 90 Prozent der Bachelor-Studiengänge weisen praktische Anteile auf. Bei den Masterstudiengängen sind es knapp drei Viertel. Unter "praktischen Anteilen" werden an der Uni zumeist Berufs- und Lehrpraktika verstanden. Forschungspraktika stehen vor allem bei den Naturwissenschaften auf dem Programm (46 Prozent der Bachelor-Studiengänge) und weniger bei den Kultur- und Sozialwissenschaften (5 Prozent) während die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften meistens Nachholbedarf in Sachen Praxisanteile haben (2 Prozent).

Gibt es einen Unterschied in der praktischen Ausrichtung zwischen Fachhochschulen und Hochschulen?
Fachhochschulen legen der Studie zufolge Schwerpunkte auf Forschungspraktika außerhalb der Hochschule, während Hochschulen Forschungspraktika eher innerhalb der Hochschule ansiedeln. Bei Berufs- und Lehrpraktika gibt es keinen Unterschied zwischen Fachhochschule und Hochschule: "Im Gesamtbild haben die Fachhochschulen - trotz ihrer klassischerweise praktischen Ausrichtung - keineswegs mehr Praxisanteile zu verzeichnen als die Universitäten."

Die Elfenbeintürme werden offenbar immer mehr zu Dienstleistungsbetrieben, die auch Schlüsselkompetenzen für das Berufsleben vermitteln. Ob Präsentationstechniken (40 Prozent), Wirtschaftsenglisch (30 Prozent), Umgang mit dem PC (15 Prozent) oder Teamarbeit und Managementtechniken - mehr als zwei Drittel aller neuen Studiengänge bieten Veranstaltungen an, in denen Schlüsselkompetenzen gelehrt werden. Hierbei sind die Bachelor-Studiengänge naturgemäß praxisorientierter als die Masterprogramme.

Am meisten tun sich die Hochschulen damit hervor, Schlüsselkompetenzen wie systematisch-analytisches Denken und Problemlösen oder selbstständiges Arbeiten zu vermitteln. Der Großteil der Unis unterhält überdies Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern, etwa indem die Professionals der Wirtschaft Vorträge an den Hochschulen halten oder Forschungsprojekte finanzieren.

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 05.08.2004
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