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19. 06. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Eine Studienreform wäre sonst nicht erfolgt"

Zur Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland

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Dr. Peter Wex

Bildung PLUS: Bis 2010 soll die Umstellung auf das zweistufige Studiensystem Bachelor und Master in den europäischen Ländern abgeschlossen sein. Wie funktioniert die Umstellung in Deutschland und wo entwickelt sie sich besser: an der Universität oder an der Fachhochschule, bei Bachelor oder Master?

Wex: Die Umstellung verläuft insgesamt nicht befriedigend genug. Im Sommersemester 2006 waren nach Angaben der HRK gerade 36 Prozent aller Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt, 57 Prozent der Studiengänge an den Fachhochschulen, 31 Prozent an den Universitäten. Im Wintersemester 2005/06 befanden sich nur 7,9 Prozent der Studierenden in Bachelor- und Masterstudiengängen. Und von 300.000 Studienanfängern im WS 2004 waren lediglich 45.000, rund 15 Prozent, in den Bachelor- und Masterstudiengängen immatrikuliert. Positiv zu vermerken ist allerdings die Steigerung der Studienanfängerzahlen in den neuen Studiengängen. Sie ist gegenüber dem Wintersemester zuvor um rund 50 Prozent gestiegen.

Ob die Umstellung beim Bachelor oder Master besser verläuft, kann man nicht genau sagen, hierbei sind auch qualitative Aspekte maßgebend. Entscheidend ist, um welchen konkreten Studiengang es sich handelt. Studiengänge, die ohnehin stärker strukturiert oder international ausgerichtet sind, wie die Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaften, haben es leichter, sich zügiger zu entwickeln und umzustellen, als beispielsweise Kunst, Musik, Sprache und Kulturwissenschaft. Am besten schreitet die Umstellung der zielgruppenspezifischen Masterstudiengänge voran. Bei den Aufbaustudiengängen oder MBAs sind die Angebote am größten. Wenn man diese allerdings aus der Gesamtrechnung herausnimmt, ist der Prozess insgesamt sehr schleppend.

Bildung PLUS: Was bringt Deutschland die Umstellung auf das gestufte Studienmodell?

Wex: In Deutschland wird eine Studienreform angestoßen, die sonst nicht erfolgt wäre. Seit 40, 50 Jahren sprechen wir von Studienreformen. Tatsächlich sind stattdessen die Studienzeiten immer länger geworden, die Abschlussquoten zu gering und die Betreuungsverhältnisse schlechter. Die Anforderungen im internationalen Bereich hat man nebensächlich behandelt. Alles, was man sich vorgenommen hatte, um zukunftsorientierte Studiengänge zu realisieren, die auch im globalisierten Wettbewerb bestehen könnten, ist in Deutschland sehr zögerlich angegangen worden und wäre ohne den Bologna-Prozess nicht entwickelt worden. Darüber hinaus bringt Deutschland der Prozess eine internationale Vergleichbarkeit der Hochschulabschlüsse, eine stärkere Ausrichtung der akademischen Ausbildung auf die Arbeitswelt und das Ende der Vorstellung, jeder Studierende wolle auch wissenschaftlich tätig und ausgebildet werden. Außerdem erhofft man sich einen größeren Zulauf von ausländischen Studienbewerbern.

Bildung PLUS: Der Bachelor wird zukünftig das Regelstudium werden - ist damit ein Niveauverlust des Studiums in Deutschland verbunden?

Wex: Theoretisch nein, denn Bachelor und Master zusammen haben ja das alte Diplomniveau. Inzwischen besteht aber die Gefahr eines erheblichen Niveauverlustes, wenn ein Bachelorstudiengang nicht als ein geschlossener, wissenschaftlich orientierter Studiengang konzipiert und entwickelt wird, sondern lediglich als eine Art gehobene Zwischenprüfung oder eine Zusammenreihung von Lehrveranstaltungen. Das passiert leider immer wieder.

Bildung PLUS: Staatsexamensfächer wie Lehramt, Jura oder Medizin tun sich in der Umstellung auf Bachelor und Master noch schwer. Wo liegen die Probleme?

Wex: Gerade bei konsekutiven Studiengängen wie Lehramt, Jura oder Medizin ist noch nicht geklärt, welche Berufsqualifizierung die Absolventen nach dem ersten Abschluss, also dem Bachelor, haben. Auch deshalb haben die Juristen sich dem gesamten Bologna-Prozess komplett verweigert. Die bisherige Ausbildung habe sich bewährt. Sie haben in die Koalitionsvereinbarung hineinschreiben lassen, dass der Bologna-Prozess auf die Juristen keine Anwendung findet. Auch die Mediziner sind eher kritisch und lehnen den Prozess im Grunde ab. Und bei den Lehrern gibt es noch viele Fragezeichen. Beispiel: Im Berliner Lehrerbildungsgesetz steht, dass der Abschluss Bachelor zu einer Berufsqualifizierung für bestehende und noch zu entwickelnde Berufsfelder innerhalb des Lehramts führt. Das ist kurios. Wie kann man für etwas ausgebildet werden, was es noch gar nicht gibt? Man sucht verzweifelt nach Berufsbildern wie Schulassistenten oder Nachhilfelehrern, aber alle Versuche verlaufen eher mühsam.

Bildung PLUS: Viele Betriebe schwören immer noch auf das gute alte Diplom. Werden Bachelor und Master ihre Akzeptanz in Zukunft nicht nur in den großen, sondern auch in kleinen Betrieben finden?

Wex: Unbestritten ja, wenn sie das halten, was sie versprechen. Die Qualität der Bachelorstudiengänge ist das Entscheidende. Darüber hinaus herrscht aber nach wie vor große Unsicherheit über die bislang erkennbare Entwicklung, dass die Mehrzahl der Studierenden, immerhin knapp 70 Prozent, den Master anschließen wollen. Das ist natürlich nicht der Sinn der neuen gestuften Studiengänge Bachelor und Master. Auch der Arbeitgeberverband hat bereits bemängelt, dass der deutsche Bachelor zu wenig berufsqualifizierend sei. Es gibt also im Augenblick noch große Gestaltungsprobleme.

Bildung PLUS: Wäre es nicht eine Lösung, den Bachelor aufzuwerten, indem man ihn ein Jahr länger macht?

Wex: Ja, ich verstehe sowieso nicht, warum die Universitäten ihren Spielraum mit acht möglichen Semestern nicht besser nutzen. Ich habe immer wieder empfohlen, bei der Gestaltung der Bachelor- und Masterstudiengänge Vertreter der Arbeitgeberseite beratend hinzuzuziehen. Die Arbeitgeber wissen, welche Berufsfelder gebraucht werden, was man in sechs, was man in acht Semestern schaffen kann. Leider wird davon nur sehr selten Gebrauch gemacht.

Bildung PLUS: Erstaunlicherweise sind ja auch noch längst nicht alle neuen Studiengänge akkreditiert.

Wex: Die Agenturen nehmen ihre Aufgabe im Ergebnis nur zögerlich wahr. Erst 30 Prozent aller Bachelor- und Master-Studiengänge sind akkreditiert (Stand März 2006), sei es, dass der Antrag von der Hochschule noch nicht gestellt ist, sei es, dass die Anträge noch in Bearbeitung sind. Das bedeutet, dass 70 Prozent aller Studiengänge studiert werden, ohne dass der Staat oder eine auswärtige Stelle dazu etwas gesagt haben. Dabei liegt es im ureigensten Interesse der Universität, die Studiengänge überprüfen zu lassen, denn Akkreditierung bedeutet immer auch Qualitätsnachweis.

Bildung PLUS: Wie passt das deutsche Bestreben zu mehr Föderalismus in der Bildungspolitik mit dem angestrebten europäischen Hochschulrahmen zusammen?

Wex: Das ist ein großes Problem. Der Bund kann für die Hochschulzulassung und Hochschulgrade Recht erlassen, von dem die Länder wieder abweichen können. Die Länder sind nach dem Gesetzentwurf befugt, eigene Hochschulzulassungen und -grade und die Bedingungen dafür zu formulieren. Damit könnten theoretisch 16 verschiedene Hochschulzulassungen und Hochschulgrade entwickelt werden. Das kann sich im europäischen Kontext zu einer ganz erheblichen Gefahr auswachsen. Der Wildwuchs, der bereits im europäischen Rahmen vorhanden ist, könnte sich ungehindert weiter ausdehnen.

Bildung PLUS: Kann der Bologna-Prozess Europa denn näher zusammenbringen und eine Vergleichbarkeit der Studienstrukturen in Deutschland und Europa schaffen? Bedeutet das für die Hochschulen dann eine zunehmend internationale Wettbewerbssituation?

Wex: Universitäten waren vom Anspruch her schon immer international ausgerichtet. Heute studieren 30 und mehr Prozent jedes Jahrgangs und dadurch entsteht automatisch mehr Wettbewerb unter den Hochschulen in Europa. Die Mobilität, die man sich von dem Bologna-Prozess verspricht, wird allerdings nicht gefördert. Gerade die Bachelor-Studenten schaffen es in der Regel nicht, ein Semester ins Ausland zu gehen, wenn sie ihre Credits alle rechtzeitig zusammenbekommen wollen. Sie haben auch die Befürchtung, dass ihnen das im Ausland Studierte nicht anerkannt wird, und dass sie in den Kursrhythmus nicht wieder richtig herein kommen. Vielen ist ein Auslandsaufenthalt auch zu teuer. Man muss aber auch sagen, dass ein Großteil der Studierenden Beharrungsvermögen hat und die gewohnte Umgebung auch für kurze Zeit gar nicht verlassen will.

Bildung PLUS: Die Umstellung auf das neue Studiensystem ist, das ist von vielen zu hören, mit einem höheren bürokratischen Aufwand verbunden. Wo sollen die zusätzlichen Mittel herkommen? Und wird zusätzliches Personal auch zur Verbesserung der Lehre eingesetzt?

Wex: Ein erhöhter bürokratischer Aufwand und Prüfungsaufwand ist unbestritten da, das ergibt sich schon allein aus dem höheren Prüfungsvolumen. Es wird etwa das Vier- bis Fünffache mehr geprüft. Kursanmeldungen, Anwesenheiten, Prüfungsergebnisse müssen erfasst werden, Klausuren besprochen, konzipiert, nachbesprochen werden. Das ist ein ganz gewaltiger Aufwand. Auch die Prüfungsverfahren selbst müssen rechtlich noch überdacht werden. Das Prüfungsrecht Bachelor/Master ist gänzlich anders strukturiert als das des herkömmlichen Diploms. Da kommt sehr viel auf die Universitäten zu.

Zusätzliches Personal für die Lehre wird meines Wissens nicht eingestellt, obwohl der erhöhte Aufwand dies erfordert. Die Betreuungskapazität bei den Bachelor- und Masterstudiengängen ist um ca. 15 bis 20 Prozent höher als beim Diplom. Wenn der Umstellungsprozess nicht schleppend und unbefriedigend verlaufen soll, müssen die Kapazitäten neu berechnet und der entsprechend höhere Lehraufwand durch Personalmittel ersetzt werden.

Bildung PLUS: Könnte eine begleitende Evaluation den Prozess hilfreich unterstützen?

Wex: Auf jeden Fall. Wenn man ein System grundlegend umstellt, will man ja herausfinden, ob es besser ist als das alte. Ein anspruchsvoll angelegter Systemvergleich findet aber leider nicht statt. Es werden lediglich einzelne Vorteile der Studiengänge herausgestellt. Dabei gibt es ja schon erste Absolventen, mit denen man über Positives und Negatives des Systems diskutieren könnte, eingeschlossen die Arbeitgeberseite. Ich halte eine begleitende Untersuchung bei dem Prozess für dringend notwendig. Es würde der Ausbildung und Qualität sehr dienen.


Dr. Peter Wex leitet die Arbeitsstelle Bildungsrecht und Hochschulentwicklung an der Freien Universität Berlin im Fach Erziehungswissenschaft. Er hat zuvor als Leitender Universitätsverwaltungsdirektor an verschiedenen Universitäten die Aufgaben eines Justitiars, Personal- und Haushaltsleiters wahrgenommen. Zurzeit lehrt er auf den Gebieten des Allgemeinen und Besonderen Verwaltungsrechts (Bildungsrecht, Kinder- und Jugendhilferecht, Schule, Universität). Der wissenschaftliche Schwerpunkt liegt gegenwärtig auf dem Bologna-Prozess. Peter Wex hat unter dem Titel "Bachelor und Master: die Grundlagen des neuen Studiensystems" ein aktuelles Handbuch zum Thema verfasst.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 19.06.2006
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