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16. 01. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Bachelor als Durchlauferhitzer"

Der Bologna-Prozess

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Dr. Birger Hendriks

Bildung PLUS: Auf der dritten Nachfolgekonferenz von Bologna in Bergen wurde vergangenes Jahr eine Bestandsaufnahme vorgelegt. Deutschland liegt momentan im europäischen Mittelfeld. Wer sind denn die Musterschüler?

Hendriks: Diese Bestandsaufnahme wurde von allen Beteiligten in dem Bewusstsein vorgenommen, dass die Ergebnisse nur bedingt aussagekräftig sind, weil sie erstens auf Selbsteinschätzungen beruhen und zweitens vor 2010 von niemandem endgültige Resultate erwartet werden können. Das gute Abschneiden von Großbritannien zum Beispiel ist auch nicht erstaunlich, weil es seit Jahrzehnten Erfahrungen mit zweistufigen Studienstrukturen hat. Aber natürlich gibt es auch andere Länder, die in letzter Zeit wirklich eine starke Entwicklung hingelegt haben wie zum Beispiel die Niederlande, Norwegen, Dänemark, Belgien, Irland und die Tschechische Republik. Deutschland wartet bislang mit einer respektablen Leistung auf - bei der Qualitätssicherung gehören wir sogar zur Spitzengruppe.

Bildung PLUS: Warum ist Deutschland gerade in Qualitätssicherung so gut?

Hendriks: Wir haben in Deutschland nun schon seit zehn Jahren Erfahrung mit Akkreditierungsagenturen und seit kurzem auch mit dem Akkreditierungsrat. Diese Erfahrung zahlt sich jetzt aus. Und diese Erfahrung haben wir bei den zweistufigen Studienstrukturen nicht, und wenn man ein großes Land wie Frankreich als Vergleich heranzieht, stehen wir auch da ganz gut da.

Bildung PLUS: Nicht alle Länder waren bei der Umstellung auf Bachelor/Master so zaghaft wie Deutschland. Italien zum Beispiel hat alle Studiengänge von einem Tag auf den anderen umgestellt. Ist das nicht Erfolg versprechender? 

Hendriks: Das glaube ich nicht. Dänemark hat auch von einem Tag auf den anderen umgestellt und das Ergebnis ist, dass der Bachelor ein Durchlauferhitzer ist, denn fast alle Studierenden streben dort zum Master-Abschluss. Das kann nicht der Sinn einer zweistufigen Studienstruktur sein. Und auch in Italien hat man den Eindruck, dass eher die Bezeichnungen der Abschlüsse ausgetauscht wurden und nach wie vor alter Wein aus neuen Schläuchen getrunken wird. In Deutschland ist die Diskussion mühsamer, sie dauert länger, aber es besteht auch die reelle Chance, dass sich Studiengänge und Studieninhalte verändern, dass neue Kompetenzen vermittelt werden und die Ausbildungsziele neu justiert werden.

Bildung PLUS: Bei den neuen Mitgliedern aus Osteuropa tickt aber die Uhr. Viel Zeit für Diskussionen gibt es da nicht...

Hendriks: Ungarn zum Beispiel geht mit viel Engagement und Eifer an die Umsetzung des Bologna-Prozesses. Das Ergebnis muss man abwarten, aber es muss ja nicht automatisch schlecht sein, nur weil es schnell gehen muss. Natürlich haben Länder wie Ungarn einen großen Vorteil: Sie haben eine überschaubare Hochschullandschaft und können die Umstellung auf die zweistufigen Studienstrukturen theoretisch auch in relativ kurzer Zeit bewältigen.

Bildung PLUS: Ist die Diskussion um das Für und Wider des Bachelor eine typisch deutsche Diskussion oder gibt es diese auch in anderen Ländern?

Hendriks: Die Diskussion findet natürlich auch in anderen Ländern statt. Auch dort diskutiert man über die Akzeptanz der neuen Studienabschlüsse in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt. In Deutschland gestaltet sich der Prozess allerdings schwieriger - auch mit Blick auf die Staatsprüfungen. Bei uns ist es fast immer noch ein Sakrileg, den Studiengang Medizin auf Bachelor und Master umstellen zu wollen. In Dänemark zum Beispiel ist der Studiengang Medizin selbstverständlich in die zweistufige Studienstruktur miteinbezogen worden, in der Schweiz ebenfalls. Es geht ja nicht darum, Studierende der Medizin schlechter auszubilden, sondern durch Flexibilisierung entsprechendes Know-how mit den jeweiligen Abschlüssen zu verknüpfen.

Bildung PLUS: Einige Länder wollten ein europäisches Register, eine Art europäischen Akkreditierungsrat für die nationalen Agenturen einführen. Eigentlich eine gute Idee. Warum gibt es so großen Widerstand in Europa?

Hendriks: Auch Deutschland übte sich bei dieser Idee erst einmal in Zurückhaltung. Das liegt daran, dass wir ja erst einmal froh sind, einen eigenen Akkreditierungsrat zu haben, der über die Qualität wacht. Das ist ein zartes Pflänzchen, das erst einmal gehegt und gepflegt werden muss. Aber der Widerstand aus anderen Ländern hat damit zu tun, dass die Verlagerung von nationalen Kompetenzen auf die europäische Ebene in letzter Zeit mit sehr kritischen Augen gesehen wird. Zudem gibt es noch keinen Vorschlag für die inhaltliche Ausgestaltung dieses Registers. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es in naher Zukunft überhaupt eingerichtet wird, denn neben der Verlagerung der Kompetenzen werden auch kulturelle Meinungsverschiedenheiten eine Einigung verzögern.

Bildung PLUS: In einem Artikel haben Sie geschrieben, dass der Bologna-Prozess auch außerhalb Europas wahrgenommen wird. Von wem?

Hendriks: In den Gremien der UNESCO habe ich mich schon mit Afrikanern, Asiaten oder Südamerikanern unterhalten, die den Bologna-Prozess nicht nur wahrnehmen, sondern auch mit großer Wertschätzung von ihm sprechen. Auch die USA und insbesondere China sind sehr hellhörig geworden in Bezug auf die Dinge, die sich im europäischen Hochschulraum tun. Der Bologna-Prozess bedeutet, dass europäische Studienabschlüsse und Studienstrukturen weltweit wettbewerbsfähig sein werden. Wenn wir deutlich machen können, dass unsere Studiengänge zertifiziert und mit einem Qualitätssiegel versehen sind, wird dies international ein großer Wettbewerbsvorteil sein. Und das wird im außereuropäischen Ausland genau so wahrgenommen.

 

Dr. Birger Hendriks, Leiter der Abteilung Wissenschaft im Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr in Schleswig-Holstein und Bologna-Beauftragter der Länder

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 16.01.2006
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