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19. 07. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Sommerfrische, Teil 2

Kurzinterviews zu Bildungsbiografien

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Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident

Bildung PLUS: Welche Menschen und welche Ereignisse haben Ihre Bildungsbiografie nachhaltig beeinflusst?

Thierse: Meine Eltern und einige gute Lehrer mit Charakter.

Bildung PLUS: Welche Erinnerungen und Erfahrungen an Ihre Schulzeit wünschen Sie auch heutigen Schülerinnen und Schülern und welche sollten den Kindern dagegen erspart werden?

Thierse: Ebensolche Lehrer wünsche ich den heutigen Schülerinnen und Schülern und erspart wird ihnen hoffentlich die Art von ideologisiertem und politisiertem Unterricht, wie ich ihn zu DDR-Zeiten ertragen musste.



Dr. Havva Engin, Erziehungswissenschaftlerin an der TU Berlin
Dr. Havva Engin, Erziehungswissenschaftlerin an der TU Berlin
Dr. Havva Engin, Erziehungswissenschaftlerin an der TU Berlin

Bildung PLUS: Welche Menschen und welche Ereignisse haben Ihre Bildungsbiografie nachhaltig beeinflusst?

Engin: Meine Eltern haben mich und meinen Bruder sehr unterstützt und uns von Anbeginn deutlich gemacht, dass gerade für uns Migrantenkinder schulischer Erfolg der Schlüssel für gesellschaftliche Integration und Anerkennung ist.

Meine Mutter hat schnell guten Kontakt zu deutschen Nachbarn und Familien hergestellt. So haben wir im Laufe der Zeit von diesen oft die Bücher ihrer mittlerweile erwachsenen Kinder bekommen und wuchsen insofern mit guter deutschsprachiger Kinderliteratur auf, die für unsere Sprachentwicklung und Sozialisation eine wichtige Rolle gespielt hat.

Eine ebenso wichtige Rolle für meine persönliche Entwicklung spielte die Stadtteilbücherei, wo ich von der ersten Klasse an Bücher und andere Medien ausgeliehen habe. Der intensiven Nutzung dieser Institution verdanke ich bis heute meine gute Allgemeinbildung.

Bildung PLUS: Welche Erinnerungen und Erfahrungen an Ihre Schulzeit wünschen Sie auch heutigen Schülerinnen und Schülern und welche sollten den Kindern dagegen erspart werden?

Engin:
Positive Erinnerung:
Ich hatte das Glück, während meiner Schulzeit einigen Lehrkräften zu begegnen, die meinen Migrationshintergrund positiv gesehen und die Mehrsprachigkeit und Interkulturalität als Ressource bewertet haben.

Negative Erinnerung :
Ein Monat nach meiner Einreise nach Deutschland wurde ich eingeschult. Ohne dass meine Eltern gefragt wurden, kam ich in eine nationalhomogene Ausländerregelklasse, die sich nur aus türkischen Schülern zusammensetzte. Der ganze Schulalltag fand nur in türkischer Sprache statt, ohne dass wir die Gelegenheit hatten, ein Wort Deutsch zu lernen.

Am Ende der zweiten Klasse befand meine türkische Lehrerin, dass meine Leistungen sehr gut seien und ich künftig die deutsche Regelklasse besuchen sollte. So wechselte ich im dritten Schuljahr in eine Regelklasse und wurde damit sprichwörtlich "ins kalte Wasser geworfen". Da ich im Unterricht kein Wort verstand und mit den Mitschülern nicht kommunizieren konnte, grenzten mich diese schnell als "doof" aus und ich landete als Außenseiterin auf der hintersten Schulbank.

Im Rückblick erscheint mir diese Zeit als die schwärzeste und schwierigste meines bisherigen Lebens, weil ich - bis auf eine Schülerin - von allen Mitschülern gemieden wurde. Mit diesem Mädchen, das in dem Kinderheim in unserer Straße lebte, verbrachte ich die Nachmittage, machte die Hausaufgaben und lernte so innerhalb weniger Monate Deutsch, mit der Konsequenz, dass ich im zweiten Schulhalbjahr mein erstes zensiertes Diktat schrieb. Nie wieder habe ich mich während meiner Schulzeit über eine "5+" so gefreut: Endlich waren auch meine Diktate es wert, eine Note zu bekommen und nicht mit einem "unzensiert" zurück gereicht zu werden.

Zu dieser Zeit existierte an den Schulen weder ein Modell, mit dessen Hilfe man Migrantenkindern effektiv und schnell Deutsch beibringen konnte, noch waren Lehrkräfte vorhanden, die mit uns entsprechenden Sprachförderunterricht durchführen konnten.

Ich wünsche deshalb keinem Kind, dass es nur auf Grund fehlender deutscher Sprachkenntnisse den Stempel "lernbehindert" bzw. "nicht schulreif" bekommt, dadurch nicht in der Regelklasse beschult wird und nicht die Chance erhält, sich mit seinen anderen Kompetenzen und Fähigkeiten darzustellen.

Migrantenkinder bzw. Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern sollten nicht erst in der Schule Sprachförderung erhalten, sondern schon bereits mit dem Beginn des Besuchs der Kindertagesstätte Deutsch lernen und auf die Schule vorbereitet werden.

Autor(in): Ursula Münch
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Datum: 19.07.2004
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