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12. 02. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Konkurrenzdruck verspüren nur die Lehrer"

Keine Kuschelpädagogik in Finnland - auch ohne Noten

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Aila-Leena Matthies

Bildung PLUS: Seit der PISA-Studie schauen alle nach Finnland. Warum sind finnische Schüler besser als deutsche Schüler?

Matthies: Kinder sind überall gleich, aber die Voraussetzungen in Finnland sind besser als in Deutschland. Man hat in den 70er Jahren in Finnland bei den Reformen zum Schulwesen Weitsicht bewiesen. Und diese tragen jetzt Früchte. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass es keine Selektion gibt. Erst mit 16 Jahren gehen Schüler getrennte Wege - aber auch danach ist ein Wechsel durchaus möglich. Außerdem herrscht in finnischen Schule ein ganz anderes Lernklima: Lernen soll Spaß machen. Der Druck kommt nicht von außen, sondern von den Kindern selbst, die angeregt werden, neugierig zu sein. Für uns Finnen ist es seltsam, dass wir Selbstverständlichkeiten des Schulsystems nun dem Ausland erklären sollen. Dabei könne es genau so erklärungsbedürftig sein, warum in Deutschland beispielsweise die Selektion so großen Stellenwert hat. 

Bildung PLUS: In Finnlands Schulen scheint die Leistung zu stimmen - auch ohne Noten. Für viele Politiker in Deutschland unvorstellbar. Wie funktioniert das?

Matthies: Das hat nichts mit Kuschelpädagogik zu tun, denn auch in finnischen Schulen erbringen die Schüler viel Leistung. Es gibt in Finnland keinen Konkurrenzdruck zwischen den Kindern, weil es eben keine Notensystematik gibt. Das Feedback der Lehrer basiert auf dem Vergleich der Kinder mit ihren eigenen Möglichkeiten. Es ist völlig uninteressant für ein Kind, ob es besser oder schlechter ist als seine Klassenkameraden.

Bildung PLUS: Pisa hat auch gezeigt, dass finnische Schüler Probleme besser und schneller lösen als ihre deutschen Altersgenossen. Warum?

Matthies: In Deutschland wird Wissen vermittelt, dass Schüler oft nicht einordnen können. In Finnland lernt man anwendungs- und problemlösungsorientiert. Nach dem Motto: Die Details kann man immer noch nachschlagen, wenn man die Zusammenhänge verstanden hat. Außerdem haben die finnischen Kinder mehr Wahlmöglichkeiten. Sie können sich aus verschiedenen Gebieten je nach Interesse Kurse wählen, wie zum Beispiel Ahnenforschung in Geschichte oder Haustiere in Biologie. Konkurrenzdruck verspüren so nur die Lehrer, die Kinder für ihre Kurse begeistern müssen.

Bildung PLUS: Lassen sich zwei unterschiedliche Länder wie Finnland und Deutschland überhaupt vergleichen?

Matthies: Warum denn nicht? Der Vorbehalt, in Finnland gebe es nur kleine Dorfschulen, stimmt so nicht. Zwar ist es tatsächlich so, dass 34 Prozent der Schulen unter 50 Schülern haben, aber in diese Schulen gehen nur 7 Prozent aller finnischen Schüler. Über 12 Prozent der Schüler sind in Schulen mit mehr als 500 Schüler. Dazu kommt noch, dass die Größe der Schule nicht unbedingt mit der Leistung korreliert. Die kleinen Schulen in der Provinz leiden darunter, dass es an qualifiziertem Personal mangelt, die Kinder lange Schulwege haben, im Sprachunterricht keine praxisnahe Anwendung möglich ist oder ein Lehrer mehrere Fächer unterrichten muss. Die besten nationalen Abiturleistungen kommen stets aus den großen Schulen, die mehr Vielfalt anbieten können.

Bildung PLUS: Der Erfolg von Finnlands Schulsystem scheint eher auf einer Art Gesamtschule als auf der Ganztagsschule zu beruhen, denn auch in Finnland wird über die "Versorgungslücke" am Nachmittag diskutiert...

Matthies: Wenn man unter Gesamtschule versteht, dass alle Schüler zusammen bis zum 16. Lebensjahr lernen, ist es eine Gesamtschule. Bei uns heißt es einfach integrierte Grundschule. Und es stimmt, dass es keine Ganztagsschule - im deutschen Verständnis - mit festen Öffnungszeiten ist. Es gibt immer ein kostenloses Mittagessen und danach sind die Schulzeiten von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Die jüngsten Schüler haben ca. 20 Stunden Schule in der Woche, im Gymnasium kann es aber auch 38 Stunden werden, je nach zusätzlichen Wahlfächern. Überall im Land laufen gerade Modellprojekte zum Thema Nachmittagsbetreuung. Einige dieser Versuche gehen auch in die Richtung "Ganztagsschule mit festen Öffnungszeiten".

Bildung PLUS: Kinder individuell zu fördern ist auch in Deutschland hoch im Kurs. Wie funktioniert das, wenn starke und schwache Schüler in einer Klasse sind?

Matthies: Das integrative System der Förderung könnte auch für Deutschland interessant sein. Dieses System greift sofort, wenn eine Fehlentwicklung oder Lücke sichtbar wird. Das wichtigste Instrument ist das Betreuungspersonal, das aus Sozialarbeitern, Lehrerassistenten und Sonderschullehrern besteht. Diese sitzen entweder direkt in den Klassen oder arbeiten nach dem Unterricht mit den Schülern. Oder Schüler können während des Unterrichts bestimmter Fächer, in denen sie nicht richtig mitkommen, aus der Klasse zur individuellen Unterricht zu den Sonderschullehrern oder Assistenten gehen. Und Kinder haben kein Problem, dieses System in Anspruch zu nehmen, weil es nicht stigmatisierend ist. Jede Schule kann übrigens selbst entscheiden, wie sie die Förderung gestaltet. Meistens wird versucht, auch schwächere Schüler im Klassenverband zu halten. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die Schwierigkeiten nicht abnehmen, wenn man Problemfälle in eine Klasse zusammenlegt.

Bildung PLUS: Diskutiert man in Finnland auch über Reformen oder ruht man sich auf den PISA-Lorbeeren aus?

Matthies: Auf keinen Fall. Auch Finnland ist kein Schulparadies: Es wird sehr intensiv darüber diskutiert, wie man die Betreuungslücke am Nachmittag schließen kann, über Gewalt und Mobbing an der Schule, die Arbeitssicherheit, die niedrigen Gehälter der Lehrer, über den schlechten Ruf der Berufsschulen und die zunehmende regionale Ungleichheit. 

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 12.02.2003
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