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01. 03. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Jedes Kind ist etwas Besonderes"

Das Lernen lernen in den finnischen "ganzheitlich lernenden Gemeinschaftsschulen"

Bild

Kati Jauhiainen,

Finnische Gemeinschaftsschulen
In finnischen Schulen werden alle Kinder ab dem siebten Lebensjahr neun Jahre lang in einem heterogenen Klassenverband unterrichtet. Der Unterricht ohne Leistungsdifferenzierung ist eine ständige Herausforderung für die Lehrerinnen und Lehrer sowie für die ganze Organisation der Schule. Finnische Schülerinnen und Schülern müssen sich erst als 15- bis 16-Jährige entscheiden, ob sie Abitur machen oder lieber ihren Beruf in einer Fachschule lernen wollen. In Finnland führt auch die Berufsschule zur Hochschulreife. Die finnischen Schulen sind weder Gesamt- noch Ganztagsschulen, sondern "ganzheitlich lernende Gemeinschaftsschulen". Ein gutes Schulsystem muss nur den Rahmen für einen sich ständig verändernden und neu entwickelnden Lernprozess anbieten. Zentrale Punkte dabei sind:

  • Ganzheitliches Lernen und Handeln
  • Sorge für das Wohlbefinden der Schüler/innen in der Schulgemeinschaft
  • Selbsteinschätzung und Evaluation der Schüler/innen, des ganzen Schulbetriebes und dessen Beschäftigten

Dieses Schulsystem wird seit 30 Jahren von allen politischen Parteien und gesellschaftlichen Interessengruppen gleichermaßen akzeptiert.
Die Erfolge in einigen Zahlen:
Im Jahre 2000 haben 83 Prozent der 20- bis 24-Jährigen und 84 Prozent der 25- bis 29-Jährigen einen Abschluss für das Niveau der Fachhochschule oder Universität erreicht.
Das ist aber kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Es gibt nach wie vor eine Minderheit von Schülerinnen und Schülern, die nicht so gute Startpositionen für sich und ihr Berufsleben erreicht haben. Die Meinung des bis März 2003 amtierenden Präsidenten des Zentralamtes für Unterrichtswesen, Jukka Sarjala steht für die allgemeine politische Einstellung in Finnland: "Wir haben eine Schule für alle Kinder, denn wir brauchen jeden Menschen in unserer Gesellschaft. Wir können es uns nicht leisten, auch nur eine/n Schüler/in auszugrenzen."

Jedes Kind ist etwas Besonderes
Ein Kind geht als ganzer Mensch in die Schule. Es ist eine Person und eine Persönlichkeit. Die Person entwickelt sich, indem sie sich von der Gesellschaft abgrenzt. Die Persönlichkeit ist der Schlüssel zur eigenen Identität jedes Menschen. Werden die persönlichen Eigenarten eines Kindes erkannt und akzeptiert, kann sich das Kind auch beim Lernen freier und kreativer äußern und sein "eigener Lehrmeister" bzw. seine "eigene Lehrmeisterin" werden.
Das höchste Gebot im Unterricht ist es, ein Kind nie zu beschämen und zugleich die Stärken und Fähigkeiten jedes Einzelnen in einem gemeinsamen Lernprozess zu entdecken und weiter zu entwickeln.

Unterrichtspflicht statt Schulpflicht
In Finnland stehen die natürlichen Grundbedürfnisse der Kinder obenan. Es gibt nach jeder Unterrichtsstunde 15 Minuten Pause. Die Klassenräume werden gelüftet und die Kinder können sich draußen austoben. Das gemeinsame Mittagessen ist ein Bestandteil des Schulunterrichtes und soll ein Drittel des Tagesbedarfs der gesunden Ernährung decken. Räume sind hier hell, gemütlich und mit modernen technischen Mitteln ausgestattet. Für die Sauberkeit der Räume sind die Schülerinnen und Schüler mitverantwortlich.
In Finnland gibt es keine Schulpflicht, sondern Unterrichtspflicht. Die Schulen sind gefordert, das Lernen so attraktiv zu gestalten, dass die Eltern normalerweise dazu keine Privatalternative anzubieten brauchen. Die Sonderschulen sind weitgehend aufgelöst. Die Regelschulen sind zuständig für Kinder mit Lern- und Entwicklungsstörungen sowie mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Jedes Kind wird individuell gefördert. Es gibt Einzel- oder Gruppenunterricht mit Förderlehrern, Sonderpädagogen und Schulassistenten, immer mit dem Ziel, das Kind so bald wie möglich in den allgemeinen Schulbetrieb zu integrieren.

Auch die Gefühle der Kinder, die das Lernen beeinflussen können, werden beachtet. Kinder, die Angst haben, lernen schlechter. In der Pubertät haben Jugendliche oft große Probleme bei der Suche nach der eigenen Identität. In den Gemeinschaftsschulen wird auf die Integration von "Kopf und Hand" besonders geachtet: Hauswirtschaft, Holz- und Metallarbeit und Nähen gehören zum Wochenplan genauso wie die mehr theoretischen Fächer. Es gibt die Möglichkeit, die eigenen Stärken und Kreativität gemeinschaftlich oder einzeln in sichtbaren Ergebnissen darzustellen.

Sorge für das Wohlbefinden der Schüler in der Schulgemeinschaft
Lernerfolge der Kinder in einer Gemeinschaft ohne Leistungsdifferenzierung sind nur möglich, wenn soziale, psychologische und Gesundheitsdienste sowie die Eltern mit den Lehrern zusammenarbeiten. Für das Wohlbefinden der Schüler in der Schulgemeinschaft sorgt das ganze Personal bis hin zu Köchinnen, Reinigungskräften und Hausmeistern. Für die alltägliche Sorge sind zuerst die Klassenlehrer/innen zuständig, die selbstständig entscheiden können, ob kollegiale Beratung ausreicht oder sie den Schulsozialdienst (Kurator), Psychologen, die Schulkrankenschwester oder andere Dienste außerhalb der Schule einbeziehen. Die Hauptsache ist, dass bei Störungen und Problemen sofort reagiert wird. Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Schulleitung, Förderlehrer, Schullaufbahnberater, Kurator, Psychologe, Krankenschwester, tagt wöchentlich. Sie bespricht die akuten Fälle und plant weitere Maßnahmen für das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler.

Wichtig: Selbsteinschätzung
In der ersten Klasse können die Kinder meistens noch nicht richtig schreiben. Und doch lernen sie Fragebögen zu benutzen, in denen sie ihre Leistungen und ihr Wohlbefinden in der Schulgemeinschaft selbst einschätzen. Die Selbsteinschätzung ist für das `Lernen lernen´ wichtigster Bestandteil im finnischen Schul- und Bildungswesen und zugleich eine notwendige Voraussetzung. Ziel der Selbsteinschätzung ist es, das eigene Leistungsniveau realistisch zu betrachten, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken und weiter zu entwickeln und zu erfahren, inwieweit die eigene Arbeitsleistung die Ergebnisse beeinflusst. Die Lehrer wählen selbst aus, ob sie Portfolien, Lerntagebücher, Fragebögen, formlose schriftliche Beurteilungen oder mehrere Methoden gleichzeitig benutzen. Die Eltern sind zu den Gesprächen eingeladen, in denen die Selbsteinschätzungen ausgewertet werden. In einigen Grundschulen bestehen die Zeugnisse zum Jahresabschluss aus drei Teilen. Im ersten Teil schreiben die Kinder ihre Selbsteinschätzung von ihren Schulerfolgen, im zweiten Teil steht die Beurteilung der Lehrer und im dritten Teil beurteilen die Eltern, wie weit ihre Kinder mit den Anforderungen der Schule zurechtkommen.

Evaluation des Schulbetriebs
Die Evaluation findet auf mehreren Ebenen statt. Das gesundheitliche, soziale und psychische Wohlbefinden wird landesweit jedes zweite Jahr geprüft. Lesekompetenz, Mathematik und andere Fächer werden in Stichproben in einzelnen Kommunen und auf der Landesebene kontrolliert. Die Schulen können sich auch freiwillig an den Studien beteiligen, in denen nicht nur die Leistungen der Schüler, sondern auch deren Motivation und die Qualität der Lehre untersucht werden. Viele Schulen melden sich freiwillig und bezahlen die Untersuchung selbst, um zu wissen, auf welchem Niveau sie im Vergleich mit anderen Schulen stehen. Die Evaluations-Arbeitsgruppe des Zentralamts für Unterrichtswesen in Finnland hat ein System entwickelt, das flexibel und preiswerter ist als die PISA-Studie. Im System "Das Lernen lernen" kann auch eine einzelne Klasse sich nach der Leistung, Motivation und Qualität der Lehre prüfen lassen. In Finnland gibt es keine Schulaufsicht sondern Lehrdezernate. Sie beraten und unterstützen die Schulen.

Die finnischen Lehrerinnen und Lehrer verdienen ein Drittel bis die Hälfte weniger als ihre deutschen Kollegen. Trotzdem ist die Arbeitszufriedenheit (außer der Bezahlung) sehr hoch. Und es gibt viele Lehrerinnen und Lehrer, die von ihrem Beruf begeistert sind. Dies drückt die Haltung eines Rektors in Helsinki aus, der am Anfang des Schuljahres seinen Schülerinnen und Schülern sowie den Mitarbeitern sagte: "Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich mit Euch wieder ein ganzes Jahr zusammen arbeiten darf."


Kati Jauhiainen, finnische Diplompädagogin und Kommunikationstrainerin, hat Soziologie (Nebenfach Psychologie) und Erziehungswissenschaften studiert. Seit 2002 ist sie Referentin zum finnischen Bildungssystem.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 01.03.2004
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