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13. 11. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Bildung auf Finnisch

Im Interview wirft Michael Pfeifer einen Blick auf das finnische Bildungssystem

Bild

Michael Pfeifer

Bildung Plus: Sie haben sich nicht nur wissenschaftlich mit Finnland beschäftigt, sondern Land und Leute auf ihren Reisen von unterschiedlichen Seiten kennengelernt. Was hat Sie besonders beeindruckt?

Michael Pfeifer: Zum einen haben mich die Landschaft, die Weite und die teilweise wirklich spürbare Einsamkeit beeindruckt. Als ich während eines 6-monatigen Aufenthaltes einen Winterurlaub in Lappland machte, mietete ich mir ein Auto und fuhr weiter nördlich von Rovaniemi, das am Polarkreis liegt, bis ganz in den äußersten Norden nach Norwegen. Nur alle 20 oder 30 Kilometer begegnete ich einem Auto, es gab nur eine Straße, die nach Norden führte und nachts bot das Polarlicht bei klirrender Kälte ein wunderschönes Schauspiel - das waren sehr beeindruckende Erfahrungen, die ich wohl nie vergessen werde.

Zum anderen haben mich die Menschen in Finnland beeindruckt. Fast überall trifft man auf hilfsbereite, freundliche und ehrliche Finnen. Ich hatte den Eindruck, dass man einfach höflicher miteinander umgeht, dass man sich gegenseitig so akzeptiert, wie man ist. Als ich beispielsweise mit finnischen Studenten Fußball spielen sollte, weil diese dachten, dass ich als Deutscher perfekt im Fußballspiel sei, wurde ich nicht ein einziges Mal verhöhnt oder ausgelacht, obwohl ich fast alle Bälle verschossen hatte.

Bildung Plus: Im Gegensatz zum deutschen genießt das finnische Schulsystem seit der PISA-Studie einen legendären Ruf. Die finnische Professorin für Pädagogik Pirjo Linnakylä, die die PISA-Studie mit konzipiert und in Finnland durchgeführt hat, zeigte sich überrascht über das schlechte Abschneiden der Deutschen. Sie erinnerte sich an die Reisen finnischer Experten Anfang der siebziger Jahre in die DDR, die Anregungen für die Umstellung zur Umstellung des Parallel- zum Gesamtschulsystem suchten. Inwieweit fließt oder floss deutsche Pädagogik in die Ffinnische ein?

Michael Pfeifer: Wie Sie schon sagten, reisten in den siebziger Jahren finnische Experten unter anderem in die damalige DDR, um sich dort Inspirationen vom bestehenden Gesamtschulsystem zu holen. Das damalige Finnland und die DDR standen auch in einem engen ideologischen Kontakt, was ein Grund dafür war. Die Gesamtschulstruktur der ehemaligen DDR wurde also in Finnland übernommen, mit dem Unterschied, dass die Gesamtschule in Finnland von den Klassenstufen 1 bis 9 reichte, und in der DDR von der ersten bis zur zehnten Klasse.

Bildung Plus: In Ihrem kürzlich veröffentlichten Buch "Bildung auf Finnisch" gehen Sie auch auf die Geschichte Finnlands ein und ihre Bedeutung für die heutige Bildungspolitik ein. Welche Rolle spielt Finnlands Geschichte in diesem Zusammenhang?

Michael Pfeifer: Finnland war sehr lange Zeit von Schweden und Russland okkupiert, zirka 600 Jahre. Während dieser Zeit war eines der wenigen Dinge, womit sich die Finnen eine eigene Identität schaffen konnten, ihre finnische Sprache. Daher war und ist es für Finnen von besonderer Bedeutung, die finnische Sprache in Wort und Schrift perfekt zu beherrschen. Daraus erklärt sich auch die besonders große intrinsische Motivation von Eltern und Schülern, in der Schule und später im Beruf und in der Hochschule gute Leistungen zu erbringen.

Dass Bildung in Finnland auch heute noch ein hohes Ansehen genießt, beweist neben den Resultaten der PISA-Studie auch eine Umfrage des "Helsikin Sanomat", Finnlands größter Tageszeitung. Darin befragte man Schülerinnen und Schüler zu ihrem künftigen Traumberuf- am häufigsten wurde dabei der Lehrerberuf genannt.

Bildung Plus: Immer wieder wird das gute "Lernklima" an finnischen Schulen betont. Der Schulalltag, der ohne Leistungsdruck durch das Benotungssystem und ohne Konkurrenzgefühle zwischen den Schülerinnen und Schülern auskommt. Welche Philosophie, welches Bild vom Menschen liegt dem Bildungssystem zu Grunde?
 
Michael Pfeifer: Die Schüler sollen sich in den Schulen wohl fühlen, sie sollen sich mit ihnen identifizieren können. Dass dies sinnvoll ist, belegen auch Befunde aus der Gehirnforschung, die besagen, dass man nur in einem angst- und stressfreien Klima gute Lernerfolge erzielen kann. So lehrt die finnische Bildungsphilosophie auch, dass niemand beschämt, ausgegrenzt und zurückgelassen wird. Das Sitzenbleiben gibt es in Finnland beispielsweise überhaupt nicht. Jukka Sarjala, der Präsident des finnischen Zentralamtes für Unterrichtswesen, meinte einmal dazu, dass es einfach so wenige Menschen in Finnland gibt (nur 5 Millionen, auf einer Fläche so groß wie Deutschland), dass man es sich einfach nicht leisten kann, auch nur einen nicht gut genug zu fördern. Wie ich anfangs schon schilderte, hatte ich auch persönlich das Gefühl, dass es unter den Finnen einen großen Zusammenhalt, ein Wir-Gefühl gibt. Eine Lehrerin einer Schule in Helsinki berichtete mir, dass ihre Erstklässler selbst den künftigen Klassenraum ganz individuell gestalten können. Sie malen und beschreiben ihre Vorstellungen, und der Hausmeister hilft neben dem Lehrer beim Einrichten.

Bildung Plus: Wie schaffen es die finnischen Schulen, soziale Herkünfte zwischen den Schülern auszugleichen?

Michael Pfeifer: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Für mich sind die zuvor genannten, historischen Faktoren dabei von einer großen Bedeutung, denn durch das historisch bedingte hohe Ansehen von Bildung, sind die Schüler in Bbezug auf die Aneignung von Bildung hoch motiviert. Die Motivation begründet sich aber auch aus wirtschaftlichen Faktoren. Da Finnland außer der Forstwirtschaft und einigen Industriezentren in Südfinnland ansonsten keine großen wirtschaftlichen Ressourcen vorweisen kann, sind viele Finnen gezwungen, in den Süden Finnlands oder gar ins Ausland zu gehen, um Arbeit zu finden. Die Schüler wissen also, und bekommen das auch von ihren Eltern und Großeltern gesagt, dass Bildung wichtig ist, wenn sie später eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben möchten.

Natürlich investiert Finnland, auch aus den zuvor genannten Gründen, zirka 1,5 bis 2 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes mehr in Bildung als Deutschland. Man betrachtet Bildung aber auch als Teil des Konzeptes des skandinavischen Wohlfahrtsstaates. Jeder muss die gleiche Chance auf Bildung haben. So wird in Finnland auf die Lehrerausbildung sehr hoher Wert gelegt. Matti Meri, der Dekan an der Fakultät für Lehrerausbildung an der Universität Helsinki ist, sagte mir, dass man den künftigen Lehrern zwar auch Fachwissen beibringt, dass aber ein fast noch größerer Wert darauf gelegt wird, wie Lehrer ihre Schüler für das Lernen begeistern können, wie sie die Schüler überhaupt in den Lernprozess bringen. Finnische Lehramtstudenten dürfen auch als so genannte Lehrerassistenten im regulären Schulbetrieb den Lehrern im Unterricht assistieren.

Darüber hinaus ist auch das Fördernetz von Sozialpädagogen, Psychologen und Stützlehrern an finnischen Schulen sehr gut. Stützlehrer haben meist eine zusätzliche Ausbildung, um auch "schwierigere" Schüler in den Lernprozess zu bringen. Dabei werden meist kleine Gruppen von zirka 6 Schülern aus höchstens 2 Jahrgängen gebildet, die dann neben dem regulären Unterricht gefördert werden. Das Ziel dieser Maßnahme ist es, diese Schüler spätestens zum Ende des Schuljahres wieder in ihre eigentlichen Klassen entlassen zu können, damit ihnen die traumatisierende Erfahrung des Sitzenbleibens erspart bleibt. Dass diese und noch andere bedeutende Faktoren wie beispielsweise die Gesamtschulstruktur in Finnland erfolgreich sind, beweist neben den PISA-Ergebnissen auch die Tatsache, dass es in Finnland keinen kommerziellen Markt für Nachhilfe gibt!

Bildung Plus: Was müsste Ihres Erachtens an der Lehrerausbildung in Deutschland reformiert werden?

Michael Pfeifer: Wie eben schon angeklungen, ist es wichtig, dass den angehenden Lehrern auch vermittelt wird, wie sie ihre Schüler überhaupt für das Lernen begeistern, wie man Theoretisches anschaulich und interessant vermitteln kann. Dazu gehört aber, analytisches Wissen erwerben zu können, damit man erkennt, welche Probleme ein Schüler hat, wie zum Beispiel familiäre Probleme oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche.
An vielen Universitäten müssen die Lehramtstudenten oft zwischen den Fakultäten "wandern", um sich das jeweilige Fachwissen aneignen zu können. Von daher wäre es meiner Meinung nach auch sinnvoll, verstärkt Zentren für Lehrerbildung einzurichten, die sich auf die Lehrerausbildung spezialisieren.

Bildung Plus: Gibt es Defizite in der finnischen Bildungspolitik? Wenn ja, worin bestehen diese?

Michael Pfeifer: Auch wenn es keiner glauben mag, selbst in Finnland gibt es Defizite. Die mangelnde Hochbegabtenförderung ist ein solches. Der Gedanke von Gleichheit ist in Finnland allerorts spürbar. Im Gegensatz zur immer kleiner werdenden reichen Oberschicht und einer immer größer werdenden von Armut bedrohten Schicht in Deutschland, existiert in Finnland eher eine breite Mittelschicht mit wenig Superreichen, aber auch mit wenig Armut. Leider scheint sich dieser Gleichheitsgedanke auch in dem Sinne im Bildungssystem widerzuspiegeln, so dass der Hochbegabtenförderung nicht ganz so viel Bedeutung beigemessen wird.

Selbst Jukka Sarjala, der Präsident des finnischen Zentralamtes für Unterrichtswesen, meinte selbstkritisch, dass es hinsichtlich der Optimierung des finnischen Bildungssystems noch "viel zu tun gibt", was meiner Meinung nach allerdings etwas übertrieben ist. Aber das zeigt wiederum, dass man in Finnland offen für Kritik ist.

Bildung Plus: Wenn Sie sich hier und jetzt drei Veränderungen im deutschen Bildungssystem wünschen könnten, welche wären das?

Michael Pfeifer: Als Erstes müsste natürlich viel mehr in Bildung investiert werden. Dass sich das auch rein rechnerisch lohnt, dazu gibt es bereits Studien. Es ist teurer, wenn man heute in den Schulen zu sehr spart, und in 10 Jahren Jugendliche und junge Erwachsene vom sozialen Netz aufgefangen werden müssen, als wenn man alle Schülerinnen und Schüler gut fördert, und diese künftig dann viel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und finanziell unabhängig sind. Aber in erster Linie sollten sich unsere Politiker natürlich aus ethischen Gründen dazu entschließen.

Ich würde mir auch eine Optimierung der Lehrerausbildung wünschen nach finnischem Vorbild mit Praxisanteilen, wie zuvor beschrieben, weil meiner Meinung nach Lehrer die Hauptqualitätsfaktoren in unseren Schulen sind.

Und ich halte das dreigliedrige Schulsystem für ausgrenzend und würde mir daher die Gesamtschule für Deutschland wünschen. Befunde aus der IGLU-Studie belegen, dass es in allen drei Schulformen einen gewissen Anteil von Schülern gibt, die über das gleiche Leistungsniveau verfügen. Das heißt, dass wir auch in Hauptschulen potenzielle Gymnasiasten sitzen haben. Nur werden diese oft gern als "Zugpferde" für die restlichen Schüler gesehen, weshalb solche begabten Schüler nur selten die Chance bekommen, in die Realschule oder gar aufs Gymnasium zu wechseln. Gesamtschule muss natürlich ganztägig angeboten werden. Dass dies von Bedeutung ist, erlebe ich selbst gerade in meiner beruflichen Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. Die Befunde der Begleitforschung eines neuen Arbeitszeitmodells an Bremer Ganztagsschulen sind sehr interessant.

Michael Pfeifer wurde 1972 in Bad Langensalza in Thüringen geboren. Er ist Diplom-Pädagoge und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund. Zurzeit arbeitet er in einem Projekt, das evaluiert, inwieweit Präsenzarbeitszeit für das pädagogische Personal an Ganztagsschulen sinnvoll ist. Dabei wird auch untersucht, ob ein rhythmisierter Tagesablauf für Schüler an Ganztagsschulen sinnvoll ist.

Autor(in): Katja Haug
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Datum: 13.11.2006
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