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27. 06. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Ich sehe den Preis stellvertretend für die vielen engagierten Lehrer"

Chemieunterricht kann auch spannend sein - Interview mit der "Lehrerin des Jahres"

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Stefanie Bommersheim

Bildung PLUS sprach mit Stefanie Bommersheim über die Auszeichnung "Lehrerin des Jahres", über praxisnahe Methoden im Unterricht und über fehlende Freiräume für Lehrer und Schüler. 

Bildung PLUS: Frau Bommersheim, Sie sind zur Lehrerin des Jahres gewählt worden, was freut Sie am meisten an dem Preis?

Bommersheim: Was mich am meisten freut, ist, dass meine Schüler mich vorgeschlagen haben. Sie wollten sich auf diesem Wege bei mir bedanken. Und so etwas hört man als Lehrer ja nicht allzu oft. Das ist neben dem Dankeschön für die zeitintensive Betreuung in den "Jugend forscht"-Arbeitsgruppen, die ich leite, ja auch eine positive Rückmeldung auf den Unterricht.
Auch finde ich es sehr bemerkenswert, dass sich die Jury, die aus der Vorsitzenden der Stiftung "Jugend forscht", dem Chefredakteur vom "stern" und Willi Lemke (Senator für Bildung und Wissenschaft in Bremen) bestand, für eine junge Kollegin entschieden hat.

Bildung PLUS: Wofür haben Sie den Preis bekommen?

Bommersheim: Beurteilt wurde ich nicht nur nach der Anzahl der betreuten "Jugend forscht"-Arbeiten, sondern auch nach meinem außerunterrichtlichen Engagement und der unterrichtlichen Arbeit. Grundlage für die Jury waren dabei schriftliche Darstellungen der Schüler. Verliehen wurde der Preis laut Urkundentext für "die vorbildliche Vermittlung naturwissenschaftlicher Inhalte und als Anerkennung des außerordentlichen Engagements für ihre Schüler im Rahmen des Wettbewerbs "Jugend forscht" und darüber hinaus". Ich bin mit dem Titel "Lehrerin des Jahres" allerdings nicht so glücklich, denn ich bin ja eigentlich nur die "Betreuungslehrerin des Jahres". Aber es geht dem "stern" ja auch darum, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sich Lehrer über das Normale hinaus für ihre Schüler engagieren und diese begeistern können. Und da erreicht man mit so einem Titel natürlich mehr Aufmerksamkeit.
Und wenn ich mir vor Augen führe, dass dies eine stellvertretende Auszeichnung für die vielen engagierten Lehrer ist, dann finde ich das eine gute Sache.

Bildung PLUS: Was glauben Sie, warum Ihre Schüler Sie vorgeschlagen haben?

Bommersheim: Zum einen als Dankeschön für meine umfangreiche Betreuungsarbeit bei "Jugend forscht". Wir haben freitags nachmittags immer zusammen experimentiert. In der Zeit haben wir viele Schwierigkeiten gemeinsam bewältigt. Zum anderen zeigt es, dass sich die Schüler offensichtlich in meinem Unterricht wohl fühlen. Das betrifft die Atmosphäre, aber auch den Inhalt und die Methodik.

Bildung PLUS: Können Sie etwas zu Ihrer Unterrichts-Methodik sagen?

Bommersheim: Ich unterrichte Physik und Chemie und wende hier das forschendentwickelnde Unterrichtsverfahren an. Das läuft so ab, dass man Alltagsthemen aufgreift und damit den Bezug zur Lebenswirklichkeit der Schüler herstellt. Das steigert die Motivation und weckt die Neugier. Bei der Entwicklung der Lösungsstrategie müssen die Schüler eigenständig eine Hypothese formulieren und diese experimentell in Gruppen austesten und dabei beobachten, schlussfolgern, das Ergebnis in der Gruppe formulieren, dann aber auch präsentieren und mit den anderen Gruppen vergleichen, so dass man schließlich zu einem abschließenden Ergebnis und einer Beantwortung des anfangs gestellten Alltagsproblems kommt.

Bildung PLUS: Was sollten Ihrer Meinung nach Lehrer bei Schülern fördern?

Bommersheim: Nicht nur die Fachkompetenz und vor allem kein isoliertes Faktenwissen, das bleibt nicht lange hängen. Wichtig ist neben der kognitiven Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsstoff auch die Förderung der kommunikativen und psychomotorischen Fähigkeiten. Also soziale Interaktionen zu ermöglichen und Arbeitstechniken einzuüben. So wird die Handlungskompetenz der Schüler insgesamt im Sinne einer ganzheitlichen Bildung - Kopf, Herz und Hand - gefördert. Verbindet man die fachliche Auseinandersetzung mit sozialen Interaktionen und den handwerklichen Arbeitstechniken, ist damit auch schon ganz viel Erziehungsarbeit getan. Denn wenn ich soziale Interaktionen ermögliche, entsteht ein kommunikativer Prozess. Das läuft so nebenher. Erziehung ist ein integraler Bestandteil, der nicht nur isoliert thematisiert werden sollte. Sie ist in der Methode enthalten.

Bildung PLUS: Frau Bommersheim, wie bewerten Sie die Diskussion um PISA?

Bommersheim: Es ist sehr wichtig, dass diese Diskussion stattfindet. Für mich fängt Verbesserung im Kindergarten an. In der ganz frühen Förderung müsste sich einiges ändern. Die Erzieherinnen müssten besser ausgebildet und die Kinder in kreativer und sozialer Richtung mehr gefördert werden. Hier liegen viele Möglichkeiten, die wesentliche Entwicklung der Kinder, zum Beispiel das Sprachvermögen zu beeinflussen. Das ist in der weiterführenden Schule schon viel schwieriger, weil die Verknüpfungen im Gehirn schon alle geschlossen sind.

Bildung PLUS: Wie bewerten Sie den Entwicklungsbedarf weiterführender Schulen?

Bommersheim: Natürlich müssen sich auch die Gymnasien umstellen. Schule kommt heute ja eine viel größere Aufgabe zu, die Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Dazu braucht man Zeit. Die Lehrer müssen sich mit den Schülern intensiver auseinandersetzen, in den Ganztagsschulen auch am Nachmittag. Es kann aber nicht sein, dass dies eine weitere Mehrbelastung für die Lehrer darstellt. Die Auslastung ist schon enorm. Es muss auch Freiräume geben, um den Schüler stärker individuell zu fördern und sich mehr mit den Problemen der Schüler zu befassen, Gespräche zu führen und außerunterrichtliche Aktivitäten durchzuführen. Die Lehrer müssen motiviert werden, im Team innovative Konzepte zu entwickeln. All dies kann nur geschehen, wenn mehr Geld zur Verfügung gestellt wird.

Bildung PLUS: Und wenn Sie morgen Königin von Deutschland werden könnten, was würden Sie gerne ändern im Sektor Bildung, speziell Schule?

Bommersheim: Wie gesagt, ich würde den Schulen auf jeden Fall mehr Geld zur Verfügung stellen. Und die angestrebte Verstärkung des Leistungsprinzips muss verbunden werden mit dem Schaffen von Freiräumen. Wenn man mehr Freiräume schafft, würde den Lehrern die Möglichkeit gegeben, sich intensiver um Arbeitsgemeinschaften zu kümmern und sich an der Weiterentwicklung des Unterrichtes zu beteiligen. Die "Jugend forscht"-AG zum Beispiel ist eine tolle Sache. Da sieht man, zu welchen Leistungen Schüler fachlich, kommunikativ und in Bezug auf naturwissenschaftliche Arbeitstechniken in der Lage sind. Solche Fortschritte hätte man im Unterricht von den Schülern nie erwartet. Wenn die Schüler die AG, den Wettbewerb und die Diskussion mit den Juroren durchlaufen haben, sind sie gereift und ein kleines Stück erwachsener geworden. Das ist manchmal viel wertvoller als ein Jahr Chemieunterricht. 
 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 27.06.2002
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