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25. 11. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Sache mit dem Image

Imagekampagnen für Lehrer sollen den Nachwuchs fördern

Bild

Brandenburgs Ex-Bildungsminister Reiche beim Plakatieren

Die Angst geht um in den deutschen Kultusministerien: Eine Pensionierungswelle wird dafür sorgen, dass in den nächsten zehn Jahren 371.000 Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand gehen. Das sind fast die Hälfte aller Lehrer in Deutschland. Solche Schätzungen sind zwar mit Vorsicht zu genießen, doch lässt sich heute schon sagen, dass es im Jahr 2015 deutlich zu wenig Lehrkräfte geben wird. Gleichzeitig haben bis vor kurzem immer weniger Abiturienten den Lehrerberuf ins Auge gefasst. Dies führen viele Politiker und Experten maßgeblich auf das schlechte Image der Lehrer in der Öffentlichkeit zurück. Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) machte da keine Ausnahme und initiierte für die gebeutelte Berufsgruppe eine Imagekampagne. "Viele halten Lehrerinnen und Lehrer für faul und überarbeitet. Der Lehrerberuf sei ein Halbtagsjob mit Ganztagsbezahlung. Solche Klischeevorstellungen müssen endlich abgebaut werden", verkündete im November 2003 die damalige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Hessens Kultusministerin Karin Wolff, zum Start der Kampagne. TV-Spots mit den Fernsehmoderatoren Ulrich Wickert, Eva Hermann und Claus Kleber sowie Postkarten, Printanzeigen in Tageszeitungen und ein Online-Auftritt unter dem Slogan "Bildung - unser Ticket in die Zukunft" sollten das schiefe Bild der Lehrer in der Öffentlichkeit wieder gerade rücken und mehr jungen Menschen Lust auf ein Lehramtsstudium machen. Einige Bundesländer wie Baden-Württemberg, Hessen und Brandenburg flankieren diese Initiative mit eigenen Kampagnen.

Imagekampagnen wirken nur bedingt gegen Klischees
Ob Imagekampagnen allerdings ein wirksames Medikament gegen verkrustete Klischees sind, ist zweifelhaft. Außerdem stellt sich die Frage, ob das Image wirklich die entscheidende Ursache dafür ist, dass den Schulen der Nachwuchs an Lehrern und Lehrerinnen ausgeht. Volker Nickel, Sprecher beim Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft, hält Imagekampagnen zwar grundsätzlich für eine sinnvolle Sache, aber auch "für das Bohren dicker Bretter". Schließlich sei ein Imagewandel eine schwierige Aufgabe, für die man einen langen Atem benötige. Kurz gesagt: Mit ein paar TV-Spots ist es eben nicht getan. Das Wichtigste aber sei, die Ziele der Kampagne hinterher zu überprüfen, "denn nur mal schauen, was rauskommt, ist wirklich vergeudetes Geld". Die Überprüfung der Ergebnisse der KMK-Kampagne steht noch aus, weil die Kampagne gerade erst auf die Zielgerade eingebogen ist. Für rausgeschmissen hält Ludwig Eckinger, der Vorsitzende des Lehrerverbandes VBE das Geld für die Imagekampagne zwar nicht, aber seine Euphorie hält sich sehr in Grenzen: "Es gibt kaum eine Kampagne in Deutschland, die so wenig angenommen worden ist. Ich glaube, dass diese Kampagne ein Flop war". Bei  der GEW findet man die Kampagne "notwendig und richtig", allerdings komme sie mindestens drei, vier Jahre zu spät. Das wiederum ist ein indirektes Kompliment für das Land Nordrhein-Westfalen, eines der Bundesländer, die am meisten von der Pensionierungswelle betroffen sind. Das Kultusministerium in Düsseldorf setzte bereits im Jahr 2001 auf die Idee, dass ein aufpoliertes Image gleichzeitig mehr Lehramtsstudierende bedeute. Mit Plakaten, die zwischen Rhein und Ruhr den Slogan "Menschen mit Klasse - Lehrer in Nordrhein-Westfalen" unters Volk brachten, sollte nicht nur Nachwuchsgewinnung betrieben, sondern laut der damaligen Kultusministerin Gabriele Behler auch "ein realistisches Lehrerbild in der Gesellschaft" vermittelt werden.

Ursache für fehlenden Nachwuchs: Berufsalltag
Schaden wird dieses Engagement sicherlich nicht, die entscheidenden Ursachen für die mangelnde Attraktikvität des  Berufes liegen aber woanders: im realen Berufsalltag der Pädagogen. Bis vor kurzem wollte kaum noch jemand Lehrer werden. Jugendliche bezeichneten den Beruf als ausgesprochen unattraktiv. Die Gründe, so zeigt eine Studie der Uni München aus dem Jahr 2000, liegen darin, dass die meisten Befragten glauben, das Unterrichten sei ein ständiger Kampf mit renitenten, unmotivierten Kindern und Jugendlichen. Zudem sehen knapp 90 Prozent der Befragten nicht mehr die Wissensvermittlung als zentrale Aufgabe der Schule, sondern sozialpädagogische Aufgaben. Und das bedeutet einen Haufen Arbeit, noch dazu Arbeit, für die Lehrerinnen und Lehrer kaum ausgebildet sind. Die Studie stellte ebenfalls fest, dass das schlechte Bild der Lehrer nicht unwesentlich durch die Medien verursacht wird: In 75 Prozent der Zeitungsberichte über Schulen nähmen Journalisten eine kritisch-negative Haltung gegenüber Lehrern ein und bezeichneten diese als "überfordert" und frustriert".
Auf der anderen Seite passt es auf den ersten Blick gar nicht ins Bild, dass das Marktforschungsunternehmen GfK aus Nürnberg kürzlich in einer Umfrage festgestellt hat, dass Lehrer in punkto Vertrauenswürdigkeit bei der Bevölkerung gleich nach den Ärzten an zweiter Stelle rangieren. Nun kann man sicherlich einwenden, dass zwischen beiden Studien drei Jahre liegen und dazwischen wiederum PISA. Wer weiß, vielleicht hat der PISA-Schock die Lehrer tatsächlich in freundlichere Gefilde der öffentlichen Wahrnehmung bugsiert, vielleicht aber stellen die beiden Studien auch gar keinen Widerspruch dar. Schließlich kann jemand ausgesprochen vertrauenswürdig sein, ohne dass man gleich seinen Job machen will. Aus dem einfachen Grund, weil die Bedingungen des Lehrerberufes trotz der vermeintlich vielen Ferien und der guten Bezahlung nicht stimmen. An den beiden Studien lässt sich deutlich ablesen, dass der Lehrerberuf auf der einen Seite generell eine hohe Wertschätzung genießt und auf der anderen Seite die berufliche Realität als problematisch eingeschätzt wird.

Eine Trendwende ist in Sicht
Ein Hoffnungsschimmer für die verwaisenden Lehrerzimmer zeichnet sich allerdings seit zwei Jahren in den deutschen Unis ab: Für ein Lehramtsstudium haben sich 12 Prozent mehr Studienanfänger als bisher eingeschrieben. Zwar hauptsächlich für Sprach- und Kulturwissenschaften und weniger für Mathematik und die gefragten Naturwissenschaften, aber darüber möchte sich nun wirklich niemand aufregen. Nur lässt sich aus dieser Trendwende nicht unbedingt ableiten, dass das Image der Lehrer verbessert worden ist und ob Imagekampagnen dabei eine Rolle gespielt haben. Auch wenn die Uni Jena bei den Lehramtsstudiengängen ein Plus von 25 Prozent verzeichnet und das auch als Ergebnis der Werbekampagne des Kultusministeriums verbucht. Plausibler erscheint ein anderer Erklärungsansatz: In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und hoher Arbeitslosigkeit verspricht der Lehrerberuf eine finanzielle Sicherheit, die Auswirkungen auf die Berufsentscheidung hat und das schlechte Image in den Schatten stellt. Auch könnte der frische Wind, der nach PISA in deutschen Klassenzimmern weht, ein Signal für Berufsanfänger sein, dass sich nun auch in der Schule etwas bewegt und Verbesserungen der beruflichen Situation von Lehrerinnen und Lehrern zu erwarten sind. Gut gemeinte Imagekampagnen schaden bei der Nachwuchsgewinnung sicher nicht, helfen würde aber vor allem eine bessere Lehrerausbildung, mehr Selbständigkeit für Schulen, in denen Lehrkräfte im Team Verantwortung für die Ergebnisse ihrer Arbeit übernehmen und eine öffentliche Diskussion über den konkreten Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule. Dann würden der Beruf attraktiver und sein Bild sich auch in der Öffentlichkeit verändern. 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 25.11.2004
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