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04. 12. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Behinderung ist nicht gleichzusetzen mit Leistungsminderung“

Inklusion in Ausbildung und Beschäftigung

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Nora Fasse

Menschen mit Behinderung müssen mit ihren individuellen Leistungen und Fähigkeiten in den Arbeitsmarkt integriert werden. Dazu sind inklusive Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen notwendig. Mit der Initiative „Inklusion gelingt!" werben die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) für mehr Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Die Online-Redaktion sprach mit Nora Fasse von der BDA über Ziele und Erfahrungen der Kampagne.

Online-Redaktion:
Wie kam es dazu, dass BDA, DIHK und ZDH die Initiative „Inklusion gelingt!“ gemeinsam gegründet haben?

Fasse:
Die Wirtschaft hat erkannt, dass Inklusion in der Arbeitswelt eine Chance für alle Beteiligten ist. Inklusion ist nicht nur gesellschaftlich wichtig und wünschenswert, sondern auch betriebswirtschaftlich sinnvoll und volkswirtschaftlich notwendig. Die Wirtschaft will den Bewusstseinswandel hin zu mehr Inklusion und damit auch zu einer breiteren Wertschätzung von Menschen mit Behinderung voranbringen und Brücken in Ausbildung und Beschäftigung bauen. Deshalb unterstützen die Spitzenverbände der Wirtschaft auch die Inklusionsinitiative für Ausbildung und Beschäftigung des Bundesarbeitsministeriums. Im Rahmen dieser Inklusionsinitiative haben wir, die BDA, zusammen mit dem DIHK und dem ZDH unsere eigene Initiative gegründet. Mit „Inklusion gelingt!“ wollen wir ein Informationsangebot direkt für Unternehmen schaffen und Betriebe dabei unterstützen, Menschen mit Behinderung erfolgreich auszubilden und zu beschäftigen. Unsere Hauptbotschaft lautet: Eine Behinderung ist nicht gleichzusetzen mit einer Leistungsminderung.

Online-Redaktion:
Wie ist die Situation von Menschen mit Behinderung im Arbeits- und Berufsleben?

Fasse:
Menschen mit Behinderung müssen ganz speziell gemäß ihren individuellen Leistungen und Fähigkeiten integriert werden. Dazu sind natürlich auch inklusive Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen nötig, eventuell betriebliche Anpassungen. Mit rund einer Million schwerbehinderter Personen in der Arbeitswelt sind wir jetzt schon auf einem sehr guten Weg. Immer mehr Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber erkennen gerade in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels das Potenzial von Menschen mit Behinderungen für ihre Betriebe. Sie arbeiten genauso sorgfältig wie andere Beschäftigte und sind wertvolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie bringen auch eine andere Perspektive ein, die für ein Unternehmen Innovation bedeuten kann. Damit Inklusion in der Arbeitswelt gelingt, ist eine gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und wichtigen Akteuren, wie zum Beispiel der Schwerbehindertenvertretung, von großer Bedeutung.

Online-Redaktion: Was ist das Ziel Ihrer Initiative, was wollen Sie erreichen?

Fasse:
Wir wollen erreichen, dass Inklusion in der Arbeitswelt vorangebracht wird, weil wir fest davon überzeugt sind, dass dies Chancen für beide Seiten bietet. Für die Betriebe sind Menschen mit Behinderung wichtige und geschätzte Fachkräfte, und für Menschen mit Behinderung ist die Teilhabe an der Arbeitswelt die beste Möglichkeit einer umfassenden Teilhabe und damit auch die Möglichkeit einer umfassenden Inklusion. Wir wenden uns im Rahmen unserer Initiative direkt an Betriebe, die bisher aus den unterschiedlichsten Gründen noch keine Menschen mit Behinderung ausgebildet oder beschäftigt haben und wollen sie bei der Schaffung inklusiver Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen unterstützen. Wir informieren und ermutigen sie und zeigen ihnen Lösungen auf, wie Inklusion in der Praxis gelingen kann.

Online-Redaktion:
Wie unterstützen Sie die Betriebe?

Fasse:
Auf unserer Website bündeln wir kurz und knapp die Informationen, die wichtig sind, wenn Arbeitgeberinnen oder Arbeitgeber Menschen mit Behinderung ausbilden oder beschäftigen bzw. einstellen wollen. Wir machen darauf aufmerksam, welche Fördermöglichkeiten es gibt oder was man rechtlich beachten muss. Zudem gibt es zu allen wichtigen Themen Hinweise, auch auf Veranstaltungen, Publikationen, weiterführende Links und Ansprechpartner. Außerdem stellen wir gute Beispiele aus der Praxis vor, um zu zeigen, dass es geht, dass es klappt, dass es tolle Möglichkeiten gibt. Unter den Publikationen steht auch unser eigener BDA-Leitfaden „INKLUSION UNTERNEHMEN“. Er fasst wichtige Informationen, Tipps und Best-Practice-Beispiele zum Thema „Inklusion in der Arbeitswelt“ zusammen.

Online-Redaktion:
Welche Möglichkeiten der Ausbildung und Beschäftigung gibt es für Menschen mit Behinderungen?

Fasse: Es gibt viele verschiedene Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Menschen mit Behinderung können alle anerkannten Ausbildungen ausüben, gegebenenfalls unter Anwendung des Nachteilsausgleichs – das betrifft zum Beispiel Hilfsmittel bei Prüfungen. Auch bei der Beschäftigung sind reguläre Vollzeitbeschäftigungen wie bei Menschen ohne Behinderung möglich, falls nötig mit entsprechender Anpassung des Arbeitsplatzes oder mit flexiblen Beschäftigungsformen. So kann eine Person, die mehr Erholungszeit braucht, in Teilzeit arbeiten oder im Homeoffice, wenn sie nicht so mobil ist. Durch die technischen Möglichkeiten und modernen Kommunikationsformen sind wir heutzutage sehr gut aufgestellt. Sehr hilfreich ist das so genannte BEM, das betriebliche Eingliederungsmanagement, wenn Behinderungen durch einen Unfall oder durch eine Krankheit entstehen. Es unterstützt sowohl die Person mit Behinderung als auch die Betriebe dabei, die Beschäftigungsfähigkeit wiederherzustellen und so gut wie möglich zu erhalten. Wichtig ist immer, eine individuelle Lösung vor Ort zu finden, die sich sowohl nach der Schwere und Art der Behinderung als auch nach den Anforderungen und Möglichkeiten des Unternehmens richtet. Die individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften der Person mit Behinderung und die betrieblichen Anforderungen müssen in Einklang gebracht werden. Es bedarf eines gewissen Aufwands und eines gewissen Bewusstseinswandels, aber es ist eine ganze Menge möglich.

Online-Redaktion: Welche Fördermöglichkeiten gibt es?

Fasse:
Es gibt eine Vielzahl an Beratungsangeboten und an finanziellen Förderungen, von ganz unterschiedlichen Stellen. Sie richten sich einerseits an die Arbeitgeber und andererseits an die Betroffenen. Ansprechpartner sind zum Beispiel die Arbeitsagenturen, die Integrationsämter, die Rehabilitationsträger, aber auch Berufsbildungs- oder Berufsförderungswerke. Finanzielle  Förderungen können Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung sein oder auch Eingliederungszuschüsse. Zudem gibt es ein relativ neues bundesweites Beratungsprojekt, das sich „Wirtschaft inklusiv“ nennt. Das Projekt der Bundesarbeitsgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation e.V. richtet sich speziell an Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Die Berater von „Wirtschaft inklusiv“ suchen die Betriebe vor Ort auf und stehen ihnen als Ansprechpartner aus der Wirtschaft für die Wirtschaft und als Lotsen durch den Dschungel an Förder- und Unterstützungsleistungen sowie Ansprechpartnern zur Seite. Wir sind mit dieser Initiative in einem engen Austausch.

Online-Redaktion: Wie kann Inklusion von Menschen mit Behinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt erfolgreich gelingen? Welche guten Beispiele gibt es?

Fasse: Wir bekommen viele ermutigende Beispiele und haben auf www.inklusion-gelingt.de eine eigene Rubrik „Praxisbeispiele“ eingerichtet. Ein gutes Beispiel ist die Kooperation der Firma Mondelez, das ist ein großer Nahrungsmittelkonzern, mit dem Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin (ALBBW). Die Kooperationspartner bieten seit 2013 eine verzahnte Ausbildung im Bereich Mechatronik an. Azubis mit Behinderung absolvieren den ersten Teil der Ausbildung im Berufsbildungswerk und den zweiten Teil direkt in der Firma. So erleben sie einerseits das Berufsbildungswerk und können andererseits aber auch umfangreiche betriebliche Erfahrungen sammeln. Gerade die betrieblichen Erfahrungen sind enorm wichtig, weil dadurch die Hürde für den späteren Einstieg ins Berufsleben gesenkt wird. Die Azubis können sich in einem klassischen Betrieb beweisen, die Firma kann feststellen, was für engagierte und fähige potenzielle Beschäftigte sie sind. Interessant ist, dass durch die speziellen Kurse und Maschinen, die das Berufsbildungswerk anbietet, auch andere Jugendliche, die eine Ausbildung bei Mondelez machen, im Berufsbildungswerk beispielsweise einen Kurs zu einem bestimmten Fräsverfahren absolvieren. Dabei arbeiten beide Azubis eng im Team zusammen und lernen mit sehr großem Erfolg miteinander und voneinander. Das ist genau das, was wir uns unter gelungener und vorbildlicher Inklusion vorstellen!

Seit drei Jahren werden besonders gute Beispiele aus der Praxis mit dem Inklusionspreis gewürdigt. Das ist ein Preis, den das UnternehmensForum, in dem sich Unternehmen zusammengeschlossen haben, die den Inklusionsgedanken verstärkt voranbringen wollen, zusammen mit der BDA und der Bundesagentur für Arbeit auslobt. Auf unserer Website verlinken wir auf den Preis. Wir wollen auch auf andere Ansätze, Initiativen und Preise aufmerksam machen und den Gedanken „Inklusion gelingt!“ verbreiten.

Online-Redaktion:
Wie reagieren die Betriebe auf die Initiative „Inklusion gelingt!“?

Fasse:
Wir bekommen durchweg positives Feedback. Das zeigt natürlich, dass sich die Unternehmen für das Thema „Inklusion“ interessieren und engagieren. Die Betriebe merken, dass es ein wichtiger Bereich ist, für den sie noch mehr machen können und wollen. Wir wollen ihnen dabei helfen und die Botschaft verbreiten: Behinderte Personen sind nicht automatisch leistungsgemindert, sondern: Inklusion gelingt! Dieser Gedanke verbreitet sich immer stärker. Viele Arbeitgeber geben ihre guten Erfahrungen weiter und helfen somit, andere Arbeitgeber zu sensibilisieren, zu ermutigen und für den Inklusionsgedanken zu gewinnen. Wichtig ist aber auch, dass die Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass sie nicht weitere Hürden für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung darstellen, sondern für alle Beteiligten den bestmöglichen Erfolg bringen, so dass Inklusion in der Arbeitswelt nachhaltig gelingen kann.


Nora Fasse
, Referentin in der Abteilung „Arbeitsmarkt | Betriebliche Personalpolitik“ bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).




Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 04.12.2014
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