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10. 07. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Inklusion durch betriebliche Ausbildung

Das Projekt TrialNet

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Im Rahmen des Projekts TrialNet werden mit Hilfe von Ausbildungsbausteinen, Unterstützungsangeboten für Betriebe und einer engen regionalen Kooperation zwischen Berufsbildungswerken und Bildungsträgern mehr Unternehmen für die Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung gewonnen.


Für die meisten Jugendlichen mit Behinderung ist es schwer, den Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden. Es gibt viel zu wenig Betriebe, die junge Menschen mit Behinderung ausbilden. Seitdem Deutschland sich mit Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention zur Inklusion als zentralem Leitprinzip des gesellschaftlichen Umgangs mit Behinderung bekennt, soll mehr dafür getan werden, dass Jugendliche mit Behinderung eine Ausbildung in einem Betrieb absolvieren können. Denn eine abgeschlossene Berufsausbildung und eine Arbeit bzw. Beschäftigung sind für gesellschaftliche Teilhabe von wesentlicher Bedeutung.

Ziele des Projekts
Im Rahmen des Projekts TrialNet wird versucht, mit Hilfe von Ausbildungsbausteinen, Unterstützungsangeboten für Betriebe, einer möglichst niedrigschwellig gestalteten Berufsausbildung und einer engen regionalen Kooperation zwischen Berufsbildungswerken und Bildungsträgern mehr Unternehmen für die Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung zu gewinnen und den Einstieg in das Berufsleben für Menschen mit Behinderung zu erleichtern. Die modulare Form der Ausbildung, also die Aufteilung der Ausbildungsinhalte in Ausbildungsbausteine und zertifizierbare Teilqualifikationen, soll eine individuelle Förderung möglich machen und darüber hinaus eine bessere Anrechenbarkeit der in einzelnen Ausbildungsmodulen erworbenen Kompetenzen erlauben. Unternehmen und Betriebe sind teilweise auch nur für einzelne Ausbildungsabschnitte zuständig, dies soll ihre Hemmschwelle, Jugendliche mit Behinderung auszubilden, herabsetzen.

Teil des Nationalen Aktionsplans
Das Projekt TrialNet ist Teil des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) Nürnberg koordiniert das Vorhaben und ist für die fachliche und wissenschaftliche Begleitung verantwortlich. Projektpartner sind die Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke, die Bundesagentur für Arbeit, elf Berufsbildungswerke, neun Bildungsträger sowie – in beratender Funktion – die Universität Hamburg, ein Beirat begleitet die Aktivitäten. Die am Projekt beteiligten 21 Einrichtungen in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern bilden knapp 400 Jugendliche in insgesamt 13 Berufen aus. Die Berufe Bürokraft, Bürokauffrau/-mann, Kaufmann/-frau für Bürokommunikation, Beikoch/-köchin, Koch/Köchin, Holzbearbeiter/-in, Tischler/-in, Lagerfachhelfer/-in, Fachlagerist/-in, Fachkraft für Lagerlogistik, Verkaufskraft, Verkäufer/-in, Kaufmann/-frau im Einzelhandel wurden ausgewählt, weil sie gute Einstiegsmöglichkeiten und eine relativ geringe Anforderungskomplexität aufweisen.

Ausbildungsbausteine und Kompetenzfeststellungen
Im Projekt TrialNet soll das Potenzial von Ausbildungsbausteinen und modularen Strukturen für eine flexiblere und betriebsnähere Gestaltung der Ausbildung behinderter Jugendlicher und die Durchlässigkeit zwischen unterschiedlichen Lernorten und Teilhabeleistungen untersucht werden. Die Bausteine fassen kompetenz- und ergebnisorientiert das zusammen, was in der Berufspraxis und im Betrieb als Tätigkeitsschwerpunkt zusammengehört. Sie gliedern die Ausbildung inhaltlich und zeitlich in übersichtliche Teilschritte und schaffen Transparenz des Lernfortschritts. Mehrere Ausbildungsbausteine bilden zusammen eine Teilqualifikation, alle Ausbildungsbausteine zusammen ergeben die Gesamtheit der in der Ausbildungsordnung beschriebenen Fertigkeiten und Kenntnisse. Die Einteilung in überschaubare, abgegrenzte Lerneinheiten soll die Motivation der Auszubildenden stärken und schnellere Erfolge sowie systematische Rückmeldungen über den Ausbildungsverlauf und die Feststellung von Zwischenergebnissen durch zertifizierte Teilqualifikationen ermöglichen.
Die Ausbildungsbausteine bzw. -module orientieren sich an Berufsprinzip und Ganzheitlichkeit der Berufsbilder. Jedes Modul enthält unterschiedlich viele Ausbildungsbausteine, denen entsprechende Inhalte des Ausbildungsrahmenplans zugeordnet sind. Die Struktur ist so angelegt, dass gleichzeitig mehrere Ausbildungsmodule und -bausteine Gegenstand der fachpraktischen Ausbildung sein können. Das gibt den Maßnahmeträgern und den Ausbildungsbetrieben die nötige Flexibilität in der Organisation der Ausbildung und ermöglicht zugleich individuelle Lernwege.

Kompetenzfeststellungen erheben in handlungsorientierter Form den Leistungsstand am Ende einer Teilqualifikation. Sie zeigen, ob die Auszubildenden bestimmte Teile des beruflichen Wissens und Könnens in beruflichen Handlungssituationen erfolgreich anwenden können. Sie ermöglichen etwa Jugendlichen mit negativen Lernerfahrungen, praktische Fertigkeiten unter Beweis zu stellen und Prüfungssituationen zu trainieren. Sie sind das Instrument für den Nachweis von Teilleistungen (Ausbildungsmodul-Zertifikate), die wichtig werden können, wenn die Ausbildung nicht beendet wird oder die Prüfungen nicht bestanden werden.

Erfolgreiche Kooperationen zwischen Berufsbildungswerk und Betrieb
Da einige Jugendliche mit Behinderung nicht von Anfang an für eine Ausbildung in einem Betrieb geeignet sind und Unterstützung durch medizinisch, psychologisch und pädagogisch ausgebildetes Personal benötigen, ist es sinnvoll, ihre Ausbildung in Kooperation mit einem Berufsbildungswerk oder einem Bildungsträger durchzuführen bzw. zumindest dort damit zu beginnen. Als Kooperationspartner von Betrieben stellen Berufsbildungswerke und Bildungsträger reha-spezifische und pädagogische Leistungen und Kompetenzen zur Verfügung und helfen bei administrativen Hürden.

Viele Unternehmen nehmen in Kooperation mit Berufsbildungswerken und anderen Bildungsträgern mit großem Erfolg am Projekt TrialNet teil. Lyreco Deutschland GmbH beispielsweise ermöglicht Jugendlichen mit Behinderung eine praxisorientierte Ausbildung in Kooperation mit dem Bildungswerk Annastift Leben und Lernen gGmbH in Hannover. Dreißig Jugendliche werden in diesem Rahmen in verschiedenen Handels- und Dienstleistungsunternehmen ausgebildet. Das Berufsbildungswerk bereitet die Jugendlichen gut vor. Einige Ausbildungsbausteine, wie die Tätigkeiten beim Wareneingang und bei der Warenauslieferung oder den Staplerschein erlernen die Auszubildenden des Berufs Fachlagerist/-in bereits im Büromateriallager des Berufsbildungswerks. Nach einigen Monaten geht es dann in die echte berufliche Praxis bei Lyreco. Dort arbeiten sie in einem kleinen Team und werden von älteren Kollegen betreut. Die Verzahnung der Ausbildung – teils im Betrieb und teils im Berufsbildungswerk – führt zu einer sinnvollen Ergänzung. Viele Jugendliche, die anfangs oft scheu und unsicher waren, werden zusehends selbstbewusster, selbstständiger und motivierter. Viele erreichen so ihren Ausbildungsabschluss.

Auch die AUDI AG gibt jungen Menschen mit Behinderung die Chance, eine Ausbildung in einem geeigneten Beruf zu absolvieren, zum Teil in Kooperation mit Partnern. Ein Beispiel ist die im Rahmen des Projekts TrialNet begonnene Kooperation mit dem Berufsbildungswerk St. Franziskus Abensberg. Einige der Jugendlichen aus dem kaufmännischen Bereich, die dort ausgebildet werden, durchlaufen einen Praxisteil ihrer Ausbildung in geeigneten Abteilungen bei AUDI. Auf diese Weise können die jungen Menschen, die eine ganzheitliche Betreuung im Berufsbildungswerk brauchen, trotzdem die Arbeitswelt kennenlernen und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Mit etwas Übung und Unterstützung finden die meisten sich schnell zurecht. Neben der fachlichen Ausbildung werden im Betrieb vor allem Selbstständigkeit und soziale Kompetenzen gestärkt. Und das ist für die Suche nach einem Arbeitsplatz im Anschluss an die Ausbildung sehr wichtig.



Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.07.2014
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