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22. 06. 2012

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Bildung in Deutschland 2012“

Der vierte nationale Bildungsbericht ist erschienen

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Prof. Dr. Horst Weishaupt

Der von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bei namhaften Wissenschaftlern in Auftrag gegebene vierte nationale Bildungsbericht liefert eine umfassende Darstellung der gegenwärtigen Lage des deutschen Bildungswesens und hat als Schwerpunktthema die kulturelle und musisch-ästhetische Bildung im Lebenslauf. Die Online-Redaktion sprach mit Prof. Dr. Horst Weishaupt vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), der gemeinsam mit seinem Team für die Leitung und Koordinierung des nationalen Bildungsberichts verantwortlich war.


Online-Redaktion:
Welche Ziele verfolgt der nationale Bildungsbericht im Kontext des Bildungsmonitorings?

Weishaupt:
Mit dem Bericht „Bildung in Deutschland 2012“ wird zum nunmehr vierten Mal eine umfassende Darstellung der gegenwärtigen Lage des deutschen Bildungswesens vorgelegt. Dieser Bericht, der Bildungsprozesse im Lebenslauf darstellt, zeigt die Leistungen aller Bereiche des deutschen Bildungssystems, vom Elementarbereich bis zur Weiterbildung, verweist auf die wichtigsten Problemlagen und Herausforderungen und stellt somit eine Grundlage für bildungspolitische Entscheidungen in Deutschland dar. Der Bericht wendet sich mit der Breite seines Ansatzes an alle Interessierten in Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und auch der Bildungspraxis. Er vermittelt zugleich der Öffentlichkeit, aber auch der Wissenschaft und der Ausbildung wichtige Informationen in komprimierter Form.

Online-Redaktion:
Auf welche Indikatoren werden die Bildungsberichte gestützt?

Weishaupt:
Der Bildungsbericht ist von seinem Grundverständnis her eine problemorientierte Analyse von Bildung in Deutschland auf der Grundlage von Indikatoren und empirisch belastbaren Daten und verzichtet weitgehend auf Bewertungen. Problemorientierung heißt dabei, für Politik und Öffentlichkeit sensible Stellen im Bildungswesen transparent zu machen, Problemlagen und auch aktuelle sowie zukünftige Herausforderungen aufzuzeigen. Um dies zu erreichen, besteht die zentrale Aufgabe bei der Erstellung des Bildungsberichts einerseits darin, Indikatoren fortzuschreiben, die dies leisten. Andererseits werden neue Entwicklungen thematisiert und ergänzende Informationen auf der Basis neu verfügbarer Daten dargestellt.

Online-Redaktion: Was hat sich in der deutschen Bildungslandschaft seit Erscheinen des 1. Bildungsberichts verändert? Welches sind noch die größten Defizite?

Weishaupt: Die Bildungsbeteiligung hat sich von der Kinderkrippe bis zum Hochschulbereich stark erhöht. Daneben sind weitreichende Veränderungen in der Bildungslandschaft zu erkennen, die das Verhältnis zwischen den Bildungsinstitutionen sowie zwischen Institutionen und ihren Nutzern sukzessive umgestalten werden und schon heute Herausforderungen für Bildungspolitik, -administration und sonstige Akteure erkennen lassen.

-Bildungswege gestalten sich zunehmend flexibel. Die Grenzen zwischen Bildungsinstitutionen und non-formalen Bildungsträgern verlieren an Bedeutung, und die Übergänge von einem Bildungsbereich zum nächsten werden immer stärker verzahnt. Diese Entwicklung verlangt nach veränderten Koordinierungs- und Steuerungsformen, die insbesondere die bisherigen Ämter- und ministeriellen Zuständigkeitsstrukturen auflockern.

-Das Bildungssystem differenziert sich zunehmend aus, indem unterschiedlich ausgestaltete Bildungswege (G8/G9, halbtags/ganztags, öffentlich/privat, an allgemeinbildenden/beruflichen Schulen etc.) angeboten werden. Dadurch eröffnen sich neue Bildungschancen für die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Um diese wahrzunehmen, muss aber deren Kompetenz zur individuellen Planung von Bildungswegen intensiver gefördert werden.

-Die funktionale Entgrenzung und Pluralisierung der Bildungseinrichtungen schreitet voran. Kooperationen mit Einrichtungen der kulturellen, sozialen und sportlichen Bildung gewinnen für die Erfüllung der Bildungsaufgaben an Bedeutung. Wichtig sind daher Kooperationsformen, die weit über das Politikfeld Bildungspolitik hinausreichen und Bildung als gesellschaftspolitische Querschnittsaufgabe begreifen.

Das größte Defizit besteht nach wie vor in den nahezu unverändert großen Unterschieden in der Bildungsbeteiligung zwischen sozialen Gruppen, Deutschen und Migranten.

Online-Redaktion: Warum wurde für den 4. Bildungsbericht der Schwerpunkt kulturelle und musisch-ästhetische Bildung im Lebenslauf gewählt?

Weishaupt: Bund und Länder wählten dieses Thema aus, um dieser Bildungsaufgabe mehr Nachdruck zu verleihen, weil kulturelle Bildung in der von Leistungsstudien geprägten öffentlichen Bildungsdiskussion gegenüber Kernfächern und Kompetenzfragen häufig zurücksteht. Außerdem ist es ein wichtiges Thema, um die Öffnung der Bildungseinrichtungen gegenüber kulturellen Bildungsträgern und die Zusammenarbeit mit ihnen zu verdeutlichen.

Online-Redaktion:
Welche Bedeutung hat die kulturelle und musisch-ästhetische Bildung Ihrer Ansicht nach für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen?

Weishaupt: Kulturelle Bildung ist ein unverzichtbarer Teil einer umfassenden Bildung der Persönlichkeit. Sie trägt dazu bei, Individuen zu einem selbstbestimmten Leben, zur Entdeckung und Entfaltung ihrer expressiven Bedürfnisse sowie zur aktiven Teilnahme an Kultur zu befähigen. In einer Welt, deren soziale, politische und ökonomische Prozesse von einer Fülle ästhetischer Medien – traditioneller wie elektronischer – geprägt werden, wird kulturell/musisch-ästhetische Bildung zu einer wichtigen Kommunikationsvoraussetzung für autonome und kritische Teilhabe in Gesellschaft und Politik.

Online-Redaktion: Welchen Stellenwert hat die kulturelle und musisch-ästhetische Bildung aktuell in den verschiedenen Bildungsbereichen, insbesondere in Kitas und Schulen? Inwiefern sollte sie ausgebaut werden?

Weishaupt: Kultusministerkonferenz und Jugend-/Familienministerkonferenz haben zusammen im Jahr 2004 die musische Bildung im Sinne von ästhetischer Bildung in ihrem „Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen“ als einen von sechs Bildungsbereichen definiert. In Übereinstimmung damit wird in den von den Ländern entwickelten Bildungs- und Erziehungsplänen die Intention, kulturelle/musisch-ästhetische Bildung in Kindertageseinrichtungen umzusetzen, als wichtiges Bildungsziel formuliert. Kulturelle/musisch-ästhetische Bildung ist somit ein ebenso verbindlicher wie elementarer Bestandteil der Konzepte frühkindlicher Bildung in Kindertageseinrichtungen. Das Lernen vollzieht sich dabei alltagsintegriert, häufig themenübergreifend, also nicht nach Sparten differenziert.

In den Schulen aller EU-Staaten gibt es obligatorischen Unterricht in den künstlerischen Fächern. In etwa der Hälfte aller EU-Staaten, auch in Deutschland, werden die verschiedenen Kunstsparten als getrennte Fächer vermittelt. Als künstlerische Pflichtfächer gelten in allen Ländern der Bundesrepublik Deutschland die Unterrichtsfächer Kunst oder Kunsterziehung bzw. Kunst und Gestalten sowie Musik. In einigen Ländern zählen darüber hinaus weitere Fächer – Darstellendes Spiel, Textiles Gestalten oder Werken – dazu. Kunstsparten wie z.B. der Tanz und – in den meisten Ländern – das Theaterspiel sind in einigen Ländern als Wahlfächer ausgewiesen oder können Bestandteil anderer Fächer, wie etwa Sport, Deutsch oder Fremdsprachen, sein. Die außerhalb der Pflichtfächer liegenden Kunstsparten können den Kindern und Jugendlichen über ergänzende Angebote zugänglich gemacht werden.
Der Unterrichtsumfang, der für ein Fach verpflichtend vorgesehen ist (intendiertes Curriculum), liefert einen Hinweis darauf, welchen Stellenwert dieses im Vergleich zu anderen Fächern hat. Bezogen auf das intendierte Curriculum haben im internationalen Vergleich die künstlerischen Fächer in Deutschland (gesamt betrachtet) einen höheren Stellenwert als in vielen anderen europäischen Staaten: Bei den 9- bis 11-jährigen Schülerinnen und Schülern machen künstlerische Fächer 14 Prozent des gesamten Unterrichts aus, bei den 12- bis 14-Jährigen 9 Prozent.
Die Analyse der Stundentafeln der allgemeinbildenden Schularten in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland zeigt große Spielräume für eine flexible Ausgestaltung des jeweiligen Angebots. Pflichtfächer können teilweise über die Jahrgangsstufen alternierend angeboten bzw. gewählt werden; zum Teil sind Pflichtstunden für ein oder mehrere künstlerische Fächer über mehrere Jahrgangsstufen hinweg spezifiziert. Die Pflichtstunden sind zum Teil auch für die künstlerischen Fächer insgesamt ausgewiesen. Damit wird den Schulen freigestellt, wie sie die vorgesehenen Unterrichtsstunden auf die einzelnen Fächer bzw. Jahrgangsstufen verteilen.

Der Ausbildung des Personals kommt eine wichtige Aufgabe dabei zu, allen Kindern und Jugendlichen – unabhängig von der Förderung in der Familie – grundlegende künstlerisch-ästhetische Erfahrungen für die Entwicklung ihrer Identität und Persönlichkeit zu ermöglichen. Deshalb unterstützt eine fundierte fachliche Ausbildung des pädagogischen Personals in den musisch-künstlerischen Förderbereichen und Fächern den Erfolg kultureller/musisch-ästhetischer Bildung und kann dazu beitragen, den Stellenwert dieser Fächer zu erhöhen. Die zunehmend erkennbaren Bestrebungen, beispielsweise über Kooperationen mit Musikschulen, Fachkompetenz aus dem kulturellen Bereich für Bildungseinrichtungen zu nutzen, verweisen sowohl auf einen entsprechenden Bedarf als auch auf einen sinnvollen Weg, zusätzliches pädagogisches Personal für die kulturelle/musisch-ästhetische Bildung der Kinder und Jugendlichen in Bildungseinrichtungen zu gewinnen.

Online-Redaktion: Welche Daten haben Sie für den 4. Bildungsbericht erhoben?

Weishaupt: Der Bildungsbericht beruht auf der Auswahl, Aufbereitung und zielorientierten Zusammenstellung von statistischem Material und großen bundesweit repräsentativen Umfragedaten. Eigene Daten werden normalerweise nicht für den Bildungsbericht erhoben. Ausnahmsweise wurden in diesem Jahr wegen der mangelhaften Datenlage zur Bearbeitung des Schwerpunktkapitels drei eigene Erhebungen durchgeführt: eine Befragung von Kindern und Jugendlichen durch das Deutsche Jugendinstitut (DJI), eine Befragung von Studierenden durch die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) und eine Erhebung bei den Schulleitungen aller Schularten in Deutschland durch das DIPF.

Online-Redaktion: Inwiefern reagieren Bildungspolitiker in Bund und Ländern auf die Ergebnisse der Bildungsberichte?

Weishaupt:
Auf Bundesebene diskutiert der Bundestag die Ergebnisse des Bildungsberichts. Die Länder beraten intern die Ergebnisse. Politische Parteien befassen sich mit den Ergebnissen in ihren bildungspolitischen Arbeitskreisen. Diese Liste der Beschäftigung ließe sich leicht verlängern. Wir erreichen mit den Bildungsberichten jedenfalls eine zunehmende politische Resonanz.



Prof. Dr. Horst Weishaupt, Jahrgang 1947, Promotion in Erziehungswissenschaft. Er hatte von 1992 bis 2004 eine Professur für „Empirische Bildungsforschung“ an der Pädagogischen Hochschule Erfurt/Mühlhausen (ab 2001 Universität Erfurt) inne. Von Oktober 2004 bis März 2008 war er Professor für „Empirische Bildungsforschung“ an der Bergischen Universität Wuppertal. Von 2005 bis 2008 war er Vorsitzender des Vorstands des „Zentrums für Bildungsforschung und Lehrerbildung“ der Universität Wuppertal. Seit dem 1.4.2008 ist er beurlaubt zur Übernahme der Leitung der Arbeitseinheit „Steuerung und Finanzierung“ am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main.

 

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.06.2012
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