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08. 03. 2011

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Echte Gleichstellung sieht anders aus

Seit 100 Jahren gibt es den Internationalen Frauentag

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Plakat zum Internationalen Frauentag von 1914

Zum hundertsten Mal wird heute der Internationale Frauentag gefeiert. In mehr als 150 Ländern ist er ein anerkannter Gedenk- und Aktionstag, in vielen Ländern sogar ein gesetzlicher Feiertag. Auch in Deutschland finden in vielen Städten und Regionen rund um den 8. März 2011 vielfältige Veranstaltungen statt. Das diesjährige Motto lautet: „Gleicher Zugang zu Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Technik: Weg zu menschenwürdiger Arbeit“.

Anfänge in den USA
Die doppelte Ausbeutung der Frau seit Beginn der Industrialisierung führte in den USA dazu, dass viele Fabrikarbeiterinnen für ihre Rechte als Frau und als Arbeiterin schon seit 1858 auf die Straße gingen. Sie verdienten für die gleiche Arbeit nur einen Bruchteil dessen, was die Männer verdienten, und kämpften für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitszeiten und gegen unzumutbare Wohn- und Lebensbedingungen. Den ersten nationalen Frauentag feierten Arbeiterinnen in den USA am 20. Februar 1909. Initiiert wurde er von Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA), bürgerliche Frauenrechtlerinnen schlossen sich den Demonstrationen an. Im Vordergrund standen Forderungen nach einem Frauenstimmrecht. 1910 wiederholten sie den Streik.

Erster Internationaler Frauentag: 19. März 1911
Angeregt von den kämpferischen Frauen in den Vereinigten Staaten und auf Vorschlag der deutschen Sozialistin Clara Zetkin beschloss die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines Internationalen Frauentages. An der Konferenz nahmen mehr als 100 Delegierte aus 17 Ländern teil.

Der erste Internationale Frauentag fand am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn, in der Schweiz und den USA statt. Mehr als eine Million Frauen beteiligten sich an ihm. Das Datum hob den revolutionären Charakter des Tages hervor, denn der Vortag, der 18. März, war der Gedenktag für die Gefallenen während der Märzrevolution 1848. Auch die Pariser Kommune (der erste Versuch einer proletarischen Revolution) hatte 1871 im März begonnen.

1912 schlossen sich Frauen in Frankreich, Schweden und den Niederlanden an, 1913 folgten Frauen in Russland. Das vorherrschende Thema der ersten Jahre war überall die Forderung nach dem freien, geheimen und gleichen Frauenwahlrecht.

Durch den Ersten Weltkrieg kam es zu einer Veränderung des thematischen Schwerpunkts. Der Frauentag, an dem sich weltweit Millionen von Frauen beteiligten, wurde ein Aktionstag gegen den Krieg. Und in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg traten die Frauen am 8. März verstärkt für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs sowie für den Mutter- und Schwangerschaftsschutz ein.

Woher kommt der 8. März?
Warum der Weltfrauentag seit 1921 traditionell am 8. März gefeiert wird, darüber gibt es unterschiedliche Theorien. Eine Deutung geht darauf zurück, dass 1921 auf der Zweiten Internationalen Konferenz kommunistischer Frauen in Moskau der 8. März zu Ehren der Rolle der Frauen in der russischen Februarrevolution von 1917 als internationaler Gedenktag eingeführt wurde. Andere Quellen führen das Datum auf den 8. März 1857 zurück, an dem Textilarbeiterinnen in New York die Arbeit verweigerten. Wieder andere nennen den 8. März 1908 als den Tag, der dem Internationalen Frauentag sein Datum verlieh. An diesem Tag traten Arbeiterinnen der Textilfabrik "Cotton" in New York in einen Streik, um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu fordern.

Die Entwicklung des Frauentages
Im Nationalsozialismus wurde der Frauentag in seiner üblichen Form verboten und durch den Muttertag ersetzt. Der Frauentag wurde in dieser Zeit nur heimlich abgehalten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Frauentag im geteilten Deutschland sehr unterschiedlich begangen. Während in der sowjetischen Besatzungszone 1946 der 8. März wieder eingeführt und gefeiert wurde, setzte sich im Westen das durch den Faschismus propagierte Bild der Frau als Mutter zunächst auch nach 1945 fort. In den 50er und 60er Jahren stand die Kleinfamilie im Vordergrund. Die Sozialdemokratinnen veranstalteten zwar seit 1948 wieder Frauentage, doch ging es mehr um das Thema Frieden und den Kampf gegen die Wiederbewaffnung als um den Frauenkampf.
In den 70er Jahren wurde der Frauentag im Westen durch die neue Frauenbewegung zu einem Tag für alle Frauen: Er entwickelte sich zu einem „Tag der schwesterlichen Solidarität“ und öffnete sich für Frauen aller gesellschaftlichen Schichten und politischen Ausrichtungen.

UN: Ein Motto für jedes Jahr
Im internationalen Jahr der Frau 1975 richteten die Vereinten Nationen (UN) zum ersten Mal eine Feier aus. Die Generalversammlung der UN beschloss im Dezember 1977, den 8. März als Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden anzuerkennen. Seitdem wird für den UN-Tag am 8. März jedes Jahr ein neues Motto festgelegt, unter das die Veranstaltungen gestellt werden. 2003 wurde eine „Bessere Bildung für Mädchen“ gefordert, 2006, dass Frauen bei politischen Belangen mehr Bedeutung haben müssen, und 2007 ging es hauptsächlich um die weltweite Bestrafung von Personen, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen ausüben. 2008 engagierten sich die UN im Rahmen des Weltfrauentags für gleichwertige Löhne und Chancengleichheit von Frauen. Im Jahr 2009 stand das Thema „Gesundheit“ im Zentrum des Internationalen Frauentags, 2010 ging es um „Gleiche Rechte, gleiche Chancen, Fortschritt für alle“. Und der 100. Internationale Frauentag 2011 steht unter dem Motto „Gleicher Zugang zu Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Technik: Weg zu menschenwürdiger Arbeit“.

Seit 1980 wird der Internationale Frauentag auch im Europäischen Parlament gefeiert. Ein Bericht zur Lage der Frau in der Europäischen Union wird vorgelegt.

Nach der Wiedervereinigung
Durch die Vereinigung beider deutscher Staaten veränderte sich das Gesicht des Internationalen Frauentags erneut. Seit 1993 forderten Frauengruppen in Ost und West, den Tag in seinem ursprünglichen Sinne wieder aufleben zu lassen. Seit dem FrauenStreikTag im Jahr 1994 hat es in Deutschland dann wieder Veranstaltungen in Form von Demonstrationen für Frauenrechte, Vorträgen und Feiern zum 8. März gegeben.

Und heute?
Ein Blick zurück auf hundert Jahre Internationaler Frauentag zeigt, dass (zumindest in Deutschland) viele der anfänglichen Forderungen erfüllt sind. Seit gut 90 Jahren besteht das Frauenwahlrecht, seit über 60 Jahren der Gleichstellungsartikel im Grundgesetz, und seit fast 53 Jahren gibt es das Gleichberechtigungsgesetz.

„Dennoch: echte Gleichstellung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sieht anders aus. Heute geht es um die Verwirklichung der Chancengleichheit, um gleichberechtigte Teilhabe von Frauen im Erwerbsleben und an politischen Entscheidungsprozessen und gesellschaftlichen Ressourcen“, fordert die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Noch immer verdienen Frauen bis zu 23 Prozent weniger als Männer, noch immer sind Frauen in Führungspositionen die Ausnahme. ver.di fordert deshalb auch in diesem Jahr gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit, bedarfsgerechte und qualifizierte Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für alle Kinder, flexible Arbeitszeitmodelle, bessere Vereinbarkeit von Beruf, familiären Verpflichtungen und privaten Interessen, gleiche Karrierechancen für Männer und Frauen sowie mehr Frauen in Führungspositionen. Außerdem die Eindämmung von Niedriglöhnen und prekärer Beschäftigung sowie einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 €/Std., eine eigenständige Existenzsicherung für Frauen und eine sichere Rente.

Andere Frauen hingegen sehen in dem Internationalen Frauentag nicht den richtigen Weg, um Gleichberechtigung zu erreichen, und würden ihn am liebsten abschaffen. Die luxemburgische EU-Kommissarin Viviane Reding zum Beispiel meinte im März 2009 in einem Interview mit der Rheinischen Post online: „So lange wir den Weltfrauentag haben, haben wir keine Gleichberechtigung.“ Und weiter: „Ich würde mir wünschen, dass man nicht mehr das Feigenblatt eines symbolhaltigen Tages bräuchte, sondern dass man 365 Tage im Jahr in der konkreten Praxis dafür sorgt, dass es Fortschritte für Frauen gibt.“ Ähnlich sieht dies auch Alice Schwarzer, Feministin und Gründerin der Frauenzeitschrift „Emma“. Im Jahr 2010 plädierte sie in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau für eine komplette Streichung des Tages: „Schaffen wir ihn also endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.“



Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 08.03.2011
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