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17. 02. 2011

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Sackgasse oder Türöffner?

Das Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung

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Berufsvorbereitende Maßnahmen für Jugendliche

Das Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung in Deutschland ist nicht überflüssig, aber reformbedürftig. Zu diesem Fazit kommen 482 Expertinnen und Experten aus der Berufsbildung und 316 Jugendliche, die in einer im Januar 2011 veröffentlichten Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Bertelsmann Stiftung zu Verbesserungsvorschlägen befragt wurden.

Sinkende Bewerberzahlen, aber noch keine entspannte Situation
Seit Anfang der 1990er Jahre bis 2005 öffnete sich die Schere zwischen der Zahl der Schulabgänger und der Zahl der angebotenen dualen Ausbildungsplätze immer weiter. Deshalb können jugendliche Schulabgänger, die nicht direkt eine betriebliche oder außerbetriebliche Ausbildung im dualen System erhalten, in das so genannte Übergangssystem gelangen. Damit sind alle Maßnahmen gemeint, welche die Jugendlichen zwar qualifizieren, aber unterhalb einer Berufsausbildung liegen. Ziel der Angebote ist es, dass die Jugendlichen möglichst rasch und adäquat eine Ausbildung bzw. eine Beschäftigung erhalten oder einen fehlenden Schulabschluss nachholen können.

Der Anteil von Teilnehmern am Übergangssystem stieg von 1995 bis 2003 an. Seit 2005 sinkt dieser Anteil wieder, was unter anderem auf den Geburtenrückgang zurückzuführen ist. Dennoch nutzten 2009 immer noch an die 347.000 Jugendliche ein Angebot im Übergangssystem, was zu Kosten von jährlich ca. 4 Milliarden Euro führt. Der Wirtschaftsaufschwung 2010 hat dem Arbeitsmarkt und damit auch dem Ausbildungsplatzangebot neue Dynamik gebracht. Allerdings waren auch zum Herbst 2010 noch rund 85.000 Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Die Autoren der Studie resümieren: „Von einem entspannten Ausbildungsstellenmarkt kann also noch nicht gesprochen werden.“

Sackgasse oder Türöffner?
Immer wieder führen Betriebe, aber auch Berufsbildungsexperten an, dass heutige Schulabgänger nicht über die nötige Ausbildungsreife verfügten. Kernkompetenzen wie Rechtschreibung, schriftliche Ausdrucksfähigkeit und Kopfrechnen seien mangelhaft ausgeprägt. Andererseits beobachten die Experten bei anderen Fähigkeiten wie IT-Kenntnissen, Kommunikationsfähigkeit und Englischkenntnissen auch Verbesserungen. Zudem ist man sich einig, dass die Arbeitswelt komplexer geworden ist. Die Zunahme von Angeboten im Übergangssystem ist somit auch damit zu erklären, dass viele niedriger qualifizierte Schulabgänger mit den immer weiter steigenden Anforderungen der Betriebe an ihre Auszubildenden schlichtweg überfordert sind. Übergangsangebote sollen diese Überforderung mindern bzw. ausgleichen, indem sie die Jugendlichen qualifizieren, also „fit“ für den Ausbildungsmarkt machen.

Das ist der Idealfall. Viele, darunter Fachleute, kritisieren jedoch die Übergangsangebote als kostspielige Warteschleifen oder Sackgassen, die zu regelrechten Übergangskarrieren von Jugendlichen und jungen Erwachsenen führen. Allerdings stimmen die Ergebnisse der BIBB-Übergangsstudie von 2006 nicht mit dieser überwiegend negativen Bewertung des Übergangssystems überein. Immerhin begann fast die Hälfte der Jugendlichen nach dem Ende der Übergangsmaßnahme 2006 rasch eine betriebliche Berufsausbildung. Auch in der Studie von 2010 halten sich Kritiker und Befürworter des Übergangssystems ungefähr die Waage.

Befragung im Herbst 2010
Einig ist man sich, dass die zahlreichen Übergangsangebote verbessert werden müssen. Deshalb baten BIBB und die Bertelsmann Stiftung Experten und Jugendliche zwischen September und Dezember 2010 um ihre Meinung. Die Befragung fand für die Experten online statt, während die Jugendlichen an sieben Standorten von Berufsschulen und Bildungsträgereinrichtungen im Klassenzimmer befragt wurden. Die Experten stammen aus unterschiedlichen Bildungsinstitutionen wie Betrieben, Schulen, Bildungsstätten, Kammern, Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Forschungseinrichtungen.

Die Ergebnisse förderten Interessantes zutage. So halten es 89 Prozent der befragten Experten und 80 Prozent der Jugendlichen für notwendig, die finanziellen Mittel und das Personal im Übergangssystem wirkungsvoller einzusetzen. Mehr als drei Viertel der Fachleute sind zudem der Meinung, dass es zu viele Maßnahmen und Bildungsgänge gebe. Sie plädieren insofern für eine Bündelung der Angebote. BIBB-Präsident Manfred Kerner schließt sich diesem Urteil an: „Die vielen Programme und Initiativen müssen besser miteinander verbunden sein.“ Die Jugendlichen teilen diese Kritik nicht: 29 Prozent halten gerade die Vielfalt der Angebote für sinnvoll. Eine deutliche Mehrheit beider befragten Gruppen schätzte ein, dass das Übergangssystem auch in Zukunft unverzichtbar ist. Unverzichtbar scheinen aber auch sichtbar notwendige Reformen.

Mehr Vorbereitung und Begleitung
Der Spitzenreiter unter den bewerteten 18 Verbesserungsvorschlägen findet sich im Handlungsfeld „Vorbereitung und Begleitung des Übergangs in die Berufsausbildung“. Für eine individuelle Übergangsbegleitung von der Schule bis zur Ausbildung in Form eines festen Ansprechpartners plädieren 92 Prozent der Fachleute. Es scheint, dass sich auch die Jugendlichen auf dem Weg des Übergangs allein gelassen fühlen. Insofern wünschen sich 83 Prozent von ihnen einen festen Ansprechpartner, der ihnen zur Seite steht. 86 Prozent der Jugendlichen halten auch nach der Aufnahme einer Ausbildung einen externen persönlichen Ansprechpartner für sinnvoll, der die Azubis bei schwierigen Situationen im Betrieb unterstützt. Dieser Vorschlag erhält von den Jugendlichen die größte Zustimmung.

Beide, Experten wie Jugendliche, befürworten mehrheitlich, den Schwerpunkt in den Übergangsangeboten auf betriebliche Praxisphasen zu legen. Nur so könne den Jugendlichen im Übergang die betriebliche Wirklichkeit vermittelt werden. Als sehr sinnvolle Vorbereitung wird außerdem die Einführung eines verpflichtenden Schulfaches „Berufsorientierung“ angesehen. Das könnte nicht nur für Hauptschüler sinnvoll sein. Frühere BIBB-Befragungen zeigen, dass sich von allen Schulabgängern Gymnasiasten am wenigsten auf ihre Berufswahl und Ausbildungsplatzsuche vorbereitet fühlen. Überraschend ist, dass der Vorschlag, Jugendliche bei der Nichteinhaltung von Vereinbarungen stärker zu sanktionieren, durchaus von den Jugendlichen akzeptiert wird. Mit einer Zustimmungsquote von 75 Prozent erreichte er den sechsten Platz und zählte damit fast zu den Spitzenreitern bei den Vorschlägen.

Schlusslichter unter den Reformvorschlägen
Nationale wie internationale Studien belegen, dass Bewerber mit Migrationshintergrund schlechtere Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Dennoch lehnt eine Mehrzahl sowohl der Experten als auch der Jugendlichen gesetzliche Verpflichtungen der Betriebe zur Einstellung von mehr Migranten ab. Selbst anonymisierte Bewerbungsverfahren, die eine Selektion von Kandidaten mit Migrationshintergrund vor dem eigentlichen Vorstellungsgespräch verhindern helfen, halten 35 Prozent der Experten für nicht sinnvoll. Überhaupt sind gerade die der Wirtschaft besonders nahe stehenden Befragten aus den Betrieben, Kammern und Arbeitgeberverbänden gegen jegliche gesetzliche Reglementierung betrieblicher Ausbildungsplätze. Wenig erstaunlich ist, dass unter den Experten aus Schulen, Gewerkschaften und Forschungseinrichtungen genau gegenteilige Überzeugungen vorherrschen. Ein standardisiertes Verfahren, dass die Ausbildungsreife der jugendlichen Bewerberinnen und Bewerber messen soll, lehnt eine Mehrzahl sowohl der Experten als auch der Jugendlichen ab.

Eine Schere öffnet sich zwischen der grundsätzlichen Zustimmung zu einem Reformvorschlag und dem Glauben an seine Realisierbarkeit. Besonders die Experten nehmen an, dass sich fünf der sieben von ihnen bevorzugten Vorschläge nur schwer umsetzen lassen, da sie mit hohen Kosten verbunden seien. Ein Umdenken ist dennoch gefragt. Andernfalls werden die Kosten für verpasste Chancen zur Erneuerung des Systems womöglich bald ungleich höher sein. Nach Überzeugung von Dr. Jörg Dräger, dem Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, könne es sich Deutschland auf die Dauer nicht mehr leisten, Jugendliche in Warteschleifen vor der Berufsausbildung zu belassen oder sogar ganz ohne Berufsausbildung auf den Arbeitsmarkt zu schicken: „Wir brauchen klare und transparente Übergangswege, die den Jugendlichen nützen und ihnen die Chance auf einen Ausbildungsplatz geben.“



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„stark! Verantworte Deine Zukunft.“

„KommMit. Kommunikation, Migration, Integration, Teilhabe“

„Aufstieg durch Bildung“

„EIBE. Eingliederung in die Berufs- und Arbeitswelt“

„LISA. Lokale Initiativen zur Integration junger Migranten in Ausbildung und Beruf“

„KomPro & Lernen“

„SWA. Schule-Wirtschaft/Arbeitsleben“

„Starke Schule. Deutschlands beste Schulen, die zur Ausbildungsreife führen“

 

Autor(in): Arndt Kremer
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Datum: 17.02.2011
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