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09. 10. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Widerstand aus den Klassenzimmern

Der europäische Widerstandskampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus fristet in den nationalen Lehrplänen ein stiefmütterliches Dasein

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Logo des Modellversuchs: Demokratie lernen und leben

Bildung PLUS: Wie kann aus dem Gedenken an Widerstand gegen die totalitäre Gewaltherrschaft eine zeitgemäße Demokratiepädagogik werden?  

Kather: Der Widerstand gegen totalitäre Gewaltherrschaft ist Teil der kulturellen und politischen Identität Europas. Diesen Aspekt sollte man auch stärker in den Lehrplänen von Schulen, aber auch im Lehrprogramm von Hochschulen verankern. Aus diesem Grund haben wir Mitte August eine Tagung mit dem Titel "Europa besser verstehen" veranstaltet. Diese Tagung ging aus einer Idee von Studierenden und ehemaligen Schülerinnen und Schülern hervor, die vor fünf Jahren am Projekt "Vom Widerstand zur Demokratie" mitwirkten. Das waren damals 35 Studierende aus Frankreich, Deutschland und Polen, die eine Ausstellung organisierten, die durch ganz Europa gegangen ist.  

Bildung PLUS:
Welchen Einfluss hatten die Anregungen, die Studierende und Schüler erhielten, auf ihr Studium?          

Kather: Die Anregungen, die sie bekommen haben, sind tatsächlich auch in ihre Lebensperspektiven und auch in ihr Studium eingeflossen. 

Die Beschäftigung mit dem Widerstand führte dazu, dass die polnischen Studierenden jetzt eigene Projekte in Kooperation mit europäischen Institutionen initiieren. Sie erörtern mit den Schülerinnen und Schülern die Tragweite des Begriffs des Widerstandes in Deutschland. Aus Erfahrung wissen wir: Die Beschäftigung mit dem Phänomen des Widerstands verbleibt innerhalb nationaler Grenzen. Eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Widerstand findet in Polen kaum statt. Genauso wenig wie die Beschäftigung mit dem Widerstand im eigenen Land, schlicht deswegen, weil dieser im eigenen Land instrumentalisiert wird.        

Diese ehemaligen Studenten, die jetzt in der Uni oder als Lehrer arbeiten, haben das Thema aufgegriffen und versuchen es mit ihren Schülerinnen und Schülern fortzuführen.
In Frankreich hat eine Studentin aus dem Widerstandsprojekt bei der "Organisation Nationale des Ancien Combattants" (ONAC ) eine Anstellung gefunden, einer Organisation, die überall in Frankreich vertreten ist und sich ehemaliger Soldaten und Widerstandskämpfer annimmt. Darüber hinaus macht die ONAC sehr viel im Zusammenhang mit Erinnerungsarbeit. Wir werden jetzt versuchen, gemeinsam mit ONAC ein Projekt zu starten.        

Die ehemaligen Berliner Studenten sind in der ganzen Welt verstreut und haben sich mit dem Thema Widerstand auch während des Studiums weiter beschäftigt. Referenten aus Polen haben noch einmal deutlich gemacht, welche Rolle die Zusammenarbeit auch im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit Widerstand gespielt hat. Angesichts der neuen politischen Konstellation und dem Patriotismus in Polen ist es wichtig, den Widerstand in den unterschiedlichen europäischen Ländern differenzierter zu betrachten. Es geht darum, dass die drei Länder  − Deutschland, Frankreich und Polen − miteinander kooperieren und nicht nur ihre eigene Geschichte des Widerstands hervorheben. Der Kampf gegen jede Form von Gewaltherrschaft, der viel mit Zivilcourage zu tun hat, ist gerade heute hoch aktuell. Und er gehört mehr denn je ins Schulcurriculum.      

Bildung PLUS: Das Recht auf Widerstand ist auch in vielen europäische Monarchien verbrieft gewesen, wenn es etwa zu einer Willkürherrschaft oder Despotie kam. Welche Rolle spielt der Widerstand als Thema der Demokratiepädagogik?         

Kather: Das spielt eine große Rolle, vor allem im Hinblick auf Polen. Die polnischen Teilnehmer der Tagung zeigten sich vor fünf Jahren hinsichtlich des polnischen Widerstandes sehr verhalten. Sie hatten Probleme, die Widersprüche innerhalb des eigenen nationalen Widerstandes aufzudecken.     

Heutzutage ist es so, dass dort eine kritischere Haltung eingenommen wird. Viele Polen verwahren sich dagegen, den nationalen Widerstand im Wahlkampf zu missbrauchen. Bezogen auf das Recht auf Widerstand spielt die Eigenständigkeit des Denkens die zentrale Rolle. Letztendlich geht es bei der Vermittlung von Widerstandsgeschichte auch darum aufzuzeigen, welche Funktion der Widerstand beispielsweise im Zarenreich hatte. Und es geht um Demokratieerziehung im Sinne einer grundlegenden Änderung der Perspektive von Schülerinnen und Schülern.   

Bildung PLUS: Ist diese Art der Demokratiepädagogik, also die Erziehung zur Zivilcourage nicht ein wesentliches Fundament für das Bestehen einer demokratischen Gesellschaft in Krisenzeiten?   

Kather:
Ja. Ich selber war lange Jahre Referentin in einer Gedenkstätte des deutschen Widerstandes. Dabei haben wir erlebt, dass die Auseinandersetzung mit dem Widerstand als Geschichte kultiviert wird, aber kaum eine politische Wirkung entfaltet. Der Widerstand in der Vergangenheit stärkt leider nicht die Zivilcourage in der Gegenwart. Es fehlt die Verknüpfung von Widerstandsgeschichte mit dem politischen Alltag.     

Und diese Verknüpfung versuchen wir nun herzustellen, indem wir darauf aufmerksam machen, dass die Widerstandskämpfer sich nicht zufällig für die Demokratie eingesetzt haben. Um die Verknüpfung zwischen Widerstand in der Vergangenheit und der Gegenwart zu stärken, kooperieren wir mit Schulen aus dem Osten und Westen Berlins. Der zunehmende Rechtsextremismus in Europa spornt uns an, die Tradition des Widerstands neu zu beleben.    

Bildung PLUS: Warum ist es so schwierig, die Gemeinsamkeiten des Widerstandskampfes in Europa zu sehen?   

Kather: Wenn man mit nationalen Organisationen wie ONAC zusammenarbeitet, muss man sich natürlich auf Kompromisse einlassen und abgleichen, inwieweit ist das Bild, das wir in Deutschland vom Widerstand haben, vereinbar mit dem Bild von den Kämpfern in der französischen Résistance. In Frankreich vollzieht sich derzeit aber ein Paradigmenwechsel. Man sieht den nationalen Widerstand auch unter kritischen Gesichtspunkten. In Polen ist es momentan nicht möglich, die eigene Geschichte des Widerstandes kritisch zu beleuchten.   

Bildung PLUS: Welche Formen des Widerstandes sind denn für das Projekt relevant?   

Kather: Diejenigen, die sich mit den verschiedenen Gruppen des Widerstandes auseinandergesetzt haben, beschäftigten sich mit dem Kreisauer-Kreis oder der "Roten Kappelle". Das waren nicht unbedingt dezidiert politisch organisierte Gruppen, sondern tatsächlich Leute, die aus ihrer persönlichen Haltung heraus Widerstand geleistet haben. 

Man könnte - das zumindest ist meine Idee - die Vermittlung des Nationalsozialismus am Beispiel des Widerstandes aufziehen. Der Ausgangspunkt wäre dann nicht die Herrschaftsgeschichte, sondern der Widerstand und dann würde sich bei den Schülerinnen und Schülern eine ganz andere Haltung aufbauen. In der Regel geht man in der Schule aber chronologisch vor, dort wird der Widerstand als Randphänomen behandelt.   

Die Chancen, dass dieser Ansatz in der Schule verwirklicht wird, sind aber eher gering, weil Widerstand von einer Minderheit ausgeht, die sich gegen die Mehrheit stellt. Und da stellt sich ja auch die Frage, wie lange hat es in Deutschland gedauert, bis man sich überhaupt mit dem Widerstand auseinandergesetzt hat?  

Bildung PLUS: Wie sieht die Zukunft aus?   

Kather: Wir wollen Projekte aufbauen, die trinational sind. Eine Gruppe wollte zum Beispiel über Vorurteile arbeiten, um eine Schülergruppe aus Polen, Frankreich und Deutschland aufzubauen, die sich in Berlin trifft. Dieses Konzept wird gerade entwickelt.  

Ich halte es für sinnvoll, das Thema nicht vorzugeben, sondern die Schülerinnen und Schüler selbst herausfinden zu lassen, was sie an den drei Ländern zum Thema Widerstand interessiert. Der Widerstand war ja ein Ausgangspunkt, es geht aber auch darum zu zeigen, welche kulturellen Unterschiede wir trotz allem haben, obwohl wir in einem geeinten Europa leben. Das Netzwerk wird sich vom Widerstand als Hauptthema langsam verabschieden und sich anderen Themen, die momentan viel aktueller sind, widmen. Die aber immer auf der Folie von Demokratieerziehung angesiedelt sind.  

Die Aktualität des Projektes liegt auch darin, was wir gegenwärtig als Gefahren der Demokratie erfahren, zum Beispiel die Terrorismusgefahr.   


Brigitte Kather ist Netzwerkkoordinatorin im Rahmen des Modellversuchs "Demokratie lernen & leben". Zuvor war Brigitte Kather Referentin der Gedenkstätte deutscher Widerstand. Ab Herbst ist sie stellvertretende Schulleiterin eines Berliner Gymnasiums.

Autor(in): Peer Zickgraf
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Datum: 09.10.2006
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