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12. 04. 2007

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Das Beteiligungsinteresse ist sehr groß"

Schülerinnen und Schüler lernen demokratisches Verhalten

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Prof. Gerhard de Haan

Nach fünf Jahren Laufzeit ist das Programm "Demokratie lernen und leben" der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) zu Ende gegangen. Bildung PLUS sprach mit dem Projektleiter Professor Dr. Gerhard de Haan über Ergebnisse des Programms, die Partizipationsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler und das Erlernen demokratischer Handlungskompetenz an Schulen nach Ende des Programms.


Bildung PLUS: Am 2./3. März 2007 fand die Konferenz zu den Resultaten des BLK-Programms "Demokratie lernen und leben" statt. Welche Ergebnisse hatte das Programm?

de Haan: Die Ergebnisse sind außerordentlich vielfältig. Sie lassen sich gruppieren nach Materialien, Konzepten, Qualifikationen, Netzwerken und Kompetenzzuwächsen.
Um mit den Materialien zu beginnen: Es liegen über 50 so genannte Praxisbausteine vor. Dabei handelt es sich um reflektierte Erfahrungsberichte aus den Programmschulen zu Themen wie Projektlernen, Klassenrat, Mediation, Verantwortungsübernahme, Feedback-Kultur, Service-Learning und vieles andere mehr. Die Praxisbausteine beschreiben das jeweilige Konzept, die schulischen Rahmenbedingungen, sie geben einen Überblick zum Vorhaben und zu den jeweiligen Entwicklungsschritten. Das Material ist in aller Regel in zwei Durchläufen erprobt und kann daher als erfahrungsgesättigt gelten.

Ferner liegen etliche Beiträge zu Demokratiepädagogik und weitere Materialien vor. Mit dem "Qualitätsrahmen Demokratiepädagogik" (hrsg. v. G. de Haan, W. Edelstein und A. Eikel; Beltz-Verlag 2007) haben wir aus einer großen Arbeitsgruppe heraus in sieben Heften ein umfassendes Konzept zur Qualitätsentwicklung in Schulen vorgelegt. Es bietet ein systematisches Angebot zur Qualitätsentwicklung von Schulen, zur demokratischen Handlungskompetenz und zur Schulprogrammentwicklung. Das Material ist konkret gehalten und bietet für den unmittelbaren Einstieg in die Demokratiepädagogik gleichsam alles, was man benötigt.

Im Programm wurden rund 120 Multiplikatoren/innen, die "Berater/innen für Demokratiepädagogik" qualifiziert. Sie besitzen umfängliche Kompetenzen für die Fortbildung von Lehrkräften, können Schulen beraten und evaluieren. In etlichen der beteiligten Bundesländer sind dauerhafte Netzwerke unter Einschluss außerschulischer Partner etabliert worden, um über das Programmende hinaus systematisch an der Thematik weiter arbeiten zu können und die Demokratiepädagogik auch in Zukunft voranzubringen. Über die Kompetenzzuwächse der Schülerinnen und Schüler wissen wir dagegen bisher nur aufgrund der Erfahrungen von Lehrkräften und von Schülerinnen und Schülern etwas. Die vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) durchgeführte Evaluation befindet sich noch in der Auswertungsphase. Mit Details ist erst im Sommer 2007 zu rechnen. Aus Fallstudien (K. D. Giesel; G. de Haan; T. Diemer. Demokratie in der Schule; Peter Lang-Verlag 2007) wissen wir allerdings, dass sich die Partizipationsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler in aller Regel stark erweitert haben, aber auch, dass demokratiebezogene Schulentwicklung sehr unterschiedlichen Leitbildern folgt und ein langwieriges Unterfangen ist.

Das sind natürlich längst nicht alle Resultate. Aber für einen Einblick mögen diese Hinweise reichen. Eins aber sollte noch erwähnt werden: Alle beteiligten Länder haben eine CD erstellt, auf der die landesspezifischen Resultate noch einmal gebündelt sind. Die Websites werden aufrecht erhalten - so auch die Seite www.blk-demokratie.de.  

Bildung PLUS: Wie war die Partizipationsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler an den 170 beteiligten Schulen in den vergangenen fünf Jahren?

de Haan: Da die Resultate der Evaluation durch das DIPF noch nicht vorliegen, lassen sich dazu keine belastbaren Daten jenseits der erwähnten Fallstudien und Erfahrungsberichte beibringen. Aus unseren Fallstudien (Gruppeninterviews mit Schülerinnen und Schülern aus 24 Schulen) wissen wir, dass das Beteiligungsinteresse sehr groß ist. SV-Arbeit und der Klassenrat stehen dabei im Vordergrund. Aber das Interesse der Schülerinnen und Schüler reicht weiter: Sie beteiligen sich gerne an der Ausgestaltung von Projekten, Streitschlichterprogrammen, an Lernpatenschaften und am Service-Learning, an Initiativen wie "Schule ohne Rassismus" oder "Schule gegen Rechts". Es gibt aber auch neuralgische Punkte. So berichten die Schülerinnen und Schüler, dass sie in Fragen der Mitbestimmung manchmal nicht ernst genommen werden und sie beklagen sich häufiger wegen der fehlenden Beteiligung an der Ausgestaltung des regulären Unterrichts. Hier muss die Beteiligungskultur noch wachsen.

Bildung PLUS: Wie haben die Lehrkräfte und Schulleitungen die Schülerinnen und Schüler im Erlernen demokratischer Handlungskompetenz unterstützt und welche Schwierigkeiten gab es?

de Haan: Auch hier kann man derzeit primär auf die Fallstudien gestützt Aussagen machen: Danach sind die Vorgehensweisen recht unterschiedlich. Die einen sehen in der "gelebten Demokratie" einen Bildungsauftrag. In diesem Fall sehen sich die Schulleitung und die Lehrkräfte in einer gesellschaftlichen Verantwortung. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, eigenverantwortlich und unterstützt durch die Schule Handlungskompetenzen für die Teilhabe an demokratischer Gesellschaftsentwicklung zu erwerben. Andere setzen ganz auf eine Unterrichtsentwicklung, in der die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern im Vordergrund steht. Dabei knüpft man häufiger an reformpädagogische Traditionen an. Wieder andere verfolgen ehrgeizige Schulentwicklungsmaßnahmen und gewähren dabei nur beschränkte Partizipationsmöglichkeiten. Interessant, aber allgemein bekannt ist, dass die Innovationsbemühungen dann am erfolgreichsten waren, wenn die Schulleitung und eine größere Gruppe an Lehrkräften gemeinsam etwas bewegen wollten. Ohne oder gegen die Schulleitung waren Reformen kaum durchzusetzen.

Bildung PLUS: Welche Anstöße konnten Sie und Ihr Forscherteam den Schulen und Schülern geben?

de Haan: Wir haben sehr eng mit den Projektleiter/innen und Netzwerkkoordinatoren/innen in den Ländern zusammengearbeitet. Das betraf nicht nur die permanente Beratung, den gemeinsamen Austausch, sondern auch Fortbildungspakete, die Bereitstellung von Materialien und die Rückmeldung von Evaluationsergebnissen. Über diesen Weg war es möglich, die länderspezifischen Erfahrungen und Schwerpunktsetzungen einerseits zu unterstützen, andererseits aber auch über die Landesgrenzen hinaus zu transferieren. Das ist ja die Pointe an einem solchen Programm: Man geht quasi arbeitsteilig vor und die Resultate können von den Ländern systematisch aufgegriffen werden. Dieser Verbund hat zu den vielfältigen Ergebnissen geführt, die nun allen verfügbar gemacht werden.

Bildung PLUS: Die BLK wird aufgelöst, ein länderübergreifendes Transferprogramm wird es nicht geben. Wie kann die Arbeit an den Schulen weitergehen und wie können neue Schulen den Weg zu mehr Demokratie finden? Welche Rolle spielt dabei die im Jahr 2005 gegründete Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe)?

de Haan: Es ist sehr zu bedauern, dass ein Transferprogramm nicht zustande kommt, zumal nun alle Bedingungen (Materialien, qualifiziertes Personal, Qualitätsrahmen für Schulen usw.; das Portal www.blk-demokratie.de) für einen umfänglichen Transfer vorliegen. Gesichert ist, dass alle Materialien auch in den Ländern weiter bereitgestellt werden. In vielen Ländern sind auch umfängliche Fortbildungsmaßnahmen in Zukunft geplant, und es sind die schon erwähnten Netzwerke entstanden. Von Sachsen-Anhalt weiß ich, dass man dort ein landesspezifisches Transferprogramm auflegen will. Ich hoffe, dem schließen sich andere Länder an. Es wäre fatal, würde man jetzt stagnieren, denn das Thema ist wichtiger denn je. Fremdenfeindlichkeit, eine erstarkende Rechte, das politische Desinteresse sind mehr als nur Warnsignale. So kann man nur auf die Netzwerke und zivilgesellschaftlichen Gruppierungen wie die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe) setzen. Die DeGeDe gründet derzeit Landesverbände und hat ein ehrgeiziges Programm. Hier ist ein Akteur entstanden, der im Konzert der vielen Engagierten in Zukunft eine wichtige Stimme sein wird.

Bildung PLUS: Sie haben auf der Abschlusskonferenz Beraterinnen und Berater der Demokratiepädagogik zertifiziert, die DeGeDe will Demokratiepädagogen ausbilden. Welche Effekte erwarten Sie?

de Haan: Die Beraterinnen und Berater sind zentrale Promotoren der Demokratiepädagogik. Freilich sind es noch zu wenige. Als Multiplikatoren/innen sollten sie auch in der Lage sein, Fortbildner/innen auszubilden. Die positiven Erfahrungen aus dem abgelaufenen Programm sollten genutzt werden, um ein optimiertes weiteres Multiplikatorenprogramm aufzulegen. Die DeGeDe wird sich aber nicht nur auf den deutschen Raum beschränken. Für die Stiftung Erinnerung und Zukunft qualifizieren wir Multiplikatoren aus den osteuropäischen Ländern, um auch hier die Demokratiepädagogik voranzubringen.

Bildung PLUS: Was können Sie Schulen raten, die zukünftig mehr Demokratie an ihren Schulen lernen und leben wollen?

de Haan: Als erstes möchte ich empfehlen, sich den erwähnten "Qualitätsrahmen Demokratiepädagogik" anzuschaffen. Darin findet man alles, was man benötigt, um demokratische Handlungskompetenz fördern zu können und demokratische Schulqualität zu entwickeln. Dieser Qualitätsrahmen und die Praxisbausteine geben einem ein gutes Fundament. Das ist aber alles Material zum Lesen. Man wird um Fortbildung und Beratung nicht umhin kommen. Also sollte man sich an die Beraterinnen und Berater für Demokratiepädagogik wenden. Deren Adressen sind über die Homepages der Länder und auf unserer Homepage zu finden. Sodann bedarf es schulinterner Abstimmungsprozesse und Kooperationsverbünde. Steigen Sie in bestehende Netzwerke ein - und bewahren Sie einen langen Atem. Innovationen dieser Art sind keine Erfindungen, die über Nacht und plötzlich da sind. Eine demokratische Schule ist das Ergebnis von Suchbewegungen und Kooperationsprozessen. Die Mühen lohnen sich - nicht nur für das Image der Schule und das Schulklima, für eine bessere Arbeitszufriedenheit der Lehrkräfte, die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, sondern auch und nicht zuletzt für eine Gesellschaft, in der die Demokratie gelebt wird.

Gerhard de Haan, Jahrgang 1951, seit 1991 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft/Umweltbildung an der Freien Universität Berlin. Er leitete unter anderem von 2002 bis 2007 das BLK-Programm "Demokratie lernen und leben" und das BLK-Programm "Transfer-21, das bis 2008 läuft.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.04.2007
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