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09. 11. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Schrei nach einer anderen Schule"

Für eine Pädagogik des Gedenkens, die über den Unterricht hinausweist

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Alte Synagoge in Osnabrück - Veröffentlichung mit Genehmigung der Stadt Osnabrück

Bei dem staatlich verordneten Ausbruch der Gewalt, den Pogromen am 9. November 1938, haben die Nazis 91 Juden umgebracht, 25.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt, 250 Synagogen gingen in Flammen auf. Die Propagandamaschine der Nazis verherrlichte die Nacht des 9. November als "Reichskristallnacht". Die Nazis haben den allgegenwärtigen Terror in den Sattel gehoben.   

Heute, 68 Jahre später. Andere Ängste beherrschen die Menschen: Die Übergriffe Rechtsextremer auf Ausländer häufen sich. Kommunalpolitiker werden durch Nazis bei Gesprächen mit Bürgern gefilmt und öffentlich eingeschüchtert. Politiker von rechts außen sitzen in Stadtparlamenten und Landtagen. Rassistische Parolen gegen schwarze Kicker in den Fußballstadien vergiften nicht nur den Sport. Eine Tanzveranstaltung in Pretzien (Sachsen-Anhalt) am 24. Juni 2006 benutzten Neonazis als Bühne, um das Tagebuch der Anne Frank öffentlich zu verbrennen. Vorher hatten sie damit Fußball gespielt.   

Allein in diesem Jahr wurden vom Bundeskriminalamt bis zum August 8.000 Straftaten notiert − ein Fünftel mehr als im gleichen Zeitraum im Jahr zuvor. Die gewalttätige Vergangenheit taucht in neuen Gewändern auf und biedert sich den Jugendlichen mit den Symbolen der Jugendkultur an. Die Zielscheibe ist erneut die offene und plurale Gesellschaft, das Feindbild ist die Demokratie. Die Neonazis umgarnen die jungen Leute in Jugendclubs, auf Rockveranstaltungen und kultigen Partys und verbreiten Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus.   

Fit und vergesslich
Das gelingt den rechten Brandstiftern umso leichter, als sich viele Städte und Kommunen aus der Jugendarbeit zurückziehen. Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, macht das Fehlverhalten der Politik für das Anschwellen der Gewalt von rechts verantwortlich: "Wer beispielsweise die Jugend- und Bildungsarbeit immer häufiger dem finanzpolitischen Kahlschlag opfert, der darf sich nicht wundern, dass ganze Generationen von Jugendlichen und Kindern in extremistische Lager abrutschen und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zur Normalität werden". Doch die Menschen auf den Straßen und die Städte müssen nicht tatenlos zusehen, wie junge Leute in Springerstiefeln und mit Glatzen die öffentlichen Plätze okkupieren, zeigt das Beispiel von Osnabrück. Und Schulen können im Kampf wider das Vergessen eine tragende Rolle spielen.   

Die Verfassung der Bundesrepublik gründet auf einer Geschichte der nationalsozialistischen Herrschaft. Das Grundgesetz ist historisch als Antwort auf  die nationalsozialistischen Perversionen zu verstehen. Auch Schulen sollten sich nicht nur als Fitnessanstalten fürs Lernen der Kinder und Jugendlichen verstehen,  die sie "fit" für das lebenslange Lernen und den Beruf machen, sondern sie sollten - gerade hierzulande - Bewusstsein und Sensibilität für die historische Erblast vermitteln, Werte wie Toleranz und Zivilcourage akzentuieren. Permanenter Konkurrenzkampf zieht eine geschichtlich vergessliche Gesellschaft nach sich, eine Gesellschaft, die sich ihrer Tiefe nicht bewusst ist.    

Es ist modern und nützlich neue Lerntechniken wie etwa Kreativitätstechniken, Mind Maps und Zukunftswerkstätten einzuführen. Doch ist das Nachdenken über die Entwicklungsprobleme der demokratischen Gesellschaftsordnung in der Schule kein Luxus. Zumal eine Umfrage der ARD im November 2006 ergeben hat, dass weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland mit den demokratischen System der Bundesrepublik zufrieden ist.  

Vom gleichgeschalteten Volk zur Demokratie
In der Pogromnacht sind auch die meisten Juden aus Osnabrück Opfer nationalsozialistischer Gewalt geworden. Die Synagoge wurde in Brand gesetzt. Mitglieder der Sturmabteilung (SA) verwüsteten und plünderten die Wohnungen der Juden der Stadt. Viele Juden wurden zur Gestapo-Stelle ins Schloss Osnabrück verschleppt. Die Bürger feuerten die Gewalttäter an oder sahen schlicht weg. Heute besinnt sich Osnabrück auf seine Ursprünge als "Friedensstadt", schließlich ist dort das Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) eingeläutet worden. Im Jahr 1993 gründete die Stadt zudem das Osnabrücker Friedensforum, in dem sich zivilgesellschaftliche Akteure und Einrichtungen versammelt haben. Inzwischen hat sich eine Vielzahl an Initiativen gebildet, die friedenspolitisch wirken. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Erinnerung wach zu halten, um für die Zukunft zu lernen. Hierin werden sie vom städt. Büro für Friedenskultur unterstützt.     

 Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die Felix Nussbaum Gesellschaft und Erich-Maria-Remarque Gesellschaft sowie zwei Gedenkstätten für Gefangene der Gestapo und für Zwangsarbeiter haben vor einigen Jahren die Ausgestaltung des Gedenktages durch Osnabrücker Schulen angeregt. Mit Gedenkstunden, Lesungen, Vorträgen, Ausstellungen, Theateraufführungen, Konzerten und Führungen gedenkt die Stadt der 1.000 Juden, die am 13. Dezember 1941 in das Konzentrationslager Riga deportiert wurden. Mit der Gestaltung der Gedenkstunde beauftragt Osnabrück jedes Jahr eine neue Schule mit der Planung und Durchführung der Gedenkstunden. Angefangen hatte es mit einem Abendgymnasium. In diesem Jahr ist die Thomas-Morus-Schule, eine verbundene Haupt- und Realschule in kirchlicher Trägerschaft, an der Reihe.    

Schulprogramm vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Herrschaft
Schon im Schulprogramm, der Verfassung der Schule, wird der Bezug zur Geschichte deutlich: "Die Dimension unseres pädagogischen Handelns − Lernen als einen Prozess zu verstehen, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Augenschein nimmt − erfordert ein didaktisch-methodisches Denken, das Lernprozesse und Lernumgebungen so gestaltet, dass dem individuell Lernenden eine größtmögliche Entfaltung zukommt", heißt der Leitsatz im Schulprogramm der Ganztagsschule. Seit Jahren beschäftigt sich die Schule dem Nationalsozialismus. "Themenmüdigkeit" kann Herta Schmeling, Lehrerin für Deutsch, Religion und Kunst bei den Schülern nicht feststellen. Schmeling ist mit der Planung und Realisierung der Gedenkstunden betraut.      

"Ein Grab in den Lüften" heißt die Darbietung der Zehntklässler der Thomas-Morus-Schule in der Aula des Schlosses Osnabrück. Von den 1000 Deportierten dieses Transports überlebten nach Schätzungen nicht mehr als 15 Menschen. Das Luftgrab erinnert an die Verbrennung der KZ-Häftlinge in Krematorien. Emigration, Deportation, Vernichtung und Neues Wachsen − in vier Akten stellen die Schüler das Leiden der Verfolgten nach. Die Darbietung geht aus einer Kooperation mit dem Kinderchor "Hava Nashira" und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hervor. Um die Inszenierung zu realisieren, sind die Jugendlichen auch auf Musiker der staatlichen Fachhochschule getroffen.  

Lernen kann nicht ungeschichtlich sein
Identifikation mit den Opfern ist eine Bedingung dafür, dass sich Jugendliche für dieses Kapitel deutscher Geschichte interessieren und engagieren, so Lehrer Felix Trendmann. "Es war für die beteiligten Schüler wichtig zu erfahren, dass es auch Kinder ihres Alters gab, die nach Riga verschleppt wurden", so Trendmann. Von den 1.000 Deportierten überlebten nur die wenigsten. Hunger, Krankheit und Tod waren die ständigen Begleiter des Bielefelder Transports.   

In Teamarbeit entsteht ein dem "Bielefelder Transport" nachempfundener Eisenbahnwaggon, mit dem die bürokratische Registrierung der Opfer und die Verschleppung nach Riga in Text und Bildern dokumentiert werden. Besucher, die zur Gedenkstunde in der Aula des Schlosses wollen, passieren vorher die Ausstellung der Thomas-Morus-Schule. Die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ist Bestandteil des "sehr intensiven Schullebens" der Haupt- und Realschule in Osnabrück, sagt Herta Schmeling.    

Neuer Name, neuer Sinn
Ein anderes Beispiel für eine Thematisierung des Holocausts, das über die gängige Behandlung im Geschichtsunterricht hinausweist, bietet die Frida-Levy-Schule in Essen mit rund 1.200 Schülern. Auch in der Ruhrstadt treten Neonazis in Erscheinung. Die Frieda-Levy-Schule versteht sich als eine "Schule für alle Kinder" im Sinne sozialer Chancengerechtigkeit. Die Namensgeberin Frida Levy wurde am 18. Dezember 1888 geboren und 1942 nach Riga deportiert und ermordet. Sie hat sich für Unterdrückte, Arbeiter und Frauen eingesetzt und pflegte auch die Literatur, Kunst und Musik im privaten Kreise. Die Gesamtschule in Essen entschied sich nach einer intensiven Diskussion um würdige Namensgeber für Frida Levy, weil sie als Frau und Jüdin den Mut aufbrachte, unter Lebensgefahr für benachteiligte Menschen einzutreten.  

"Projekttage, Gedenkstättenfahrten, Schüleraustausch und die Unterrichtsarbeit vermitteln verstärkt das, wofür der Name Frida Levy steht: Toleranz, Mitmenschlichkeit, Zivilcourage", besagt das Schulprogramm. Im September 2001 hat sich die Schule nach Frida Levy benannt. Seitdem ist es Brauch, dass Mädchen und Jungen der Schule in soziale Einrichtungen ausschwirren, um Menschen in Not, in Altenheimen, Hospizen, Obdachlosenheimen ein wenig zur Seite zu stehen. Und am 15. Dezember 2006 ist wieder Projekttag in der Schule: Frida-Levy-Tag. Die Zufriedenheit der Eltern mit dieser Schule soll nach einer schulischen Meinungsumfrage weit überdurchschnittlich sein. Man könnte sagen, die Schule führt mit der jüdischen Namensgeberin Kopf und Herz zusammen und macht das Lernen zu einem sinnvollen Ereignis.   

"Schrei nach einer anderen Schule"
Die Gefahrenquellen, die in der Weimarer Republik zur totalitären Herrschaft führten, sind teilweise auch heute noch virulent: Massenarbeitslosigkeit und Kinderarmut, Politikverdrossenheit und akute Verunsicherung vieler Jugendlicher wenn auch nicht in dem Ausmaß wie damals. "Zur Perspektivlosigkeit trägt das Schulsystem gehäuft bei", sagt Bildungsexperte und Demokratietheoretiker Wolfgang Edelstein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Viele rechtsradikale Jugendliche rekrutieren sich aus "perspektivlosen Schulen", etwa aus Haupt- und Sonderschulen. Mit Abschlüssen dieser Schularten haben sie bei vielen Betrieben heute kaum noch Chancen. 

Für Edelstein deuten rechtsradikale Positionen bei Jugendlichen auf einen "Schrei nach einer anderen Schule" hin. Wenn die Schulen so ausgestaltet wären, dass sie tatsächlich demokratische Lebensformen in allen Belangen repräsentierten, gäbe es vielleicht Chancen, der jugendkulturellen Kultivierung extremistischer Positionen und dem fremdenfeindlichen Reflex auf soziale Depraviertheit durch einen reflektierten Umgang mit der eigenen gesellschaftlichen Situation zu ersetzen. In diesem Sinne könnte die Realisierung eines problemorientierten, kritischen und verständnisgeleiteten Konzeptes der Ganztagsschule Möglichkeiten eröffnen, zur Entwicklung starker Persönlichkeiten beizutragen und die demokratische Lebenseinstellung von Kindern zu stärken. Doch so weit sind viele Schulen noch nicht.  

Durst nach Gewissheit

Unter welchen Bedingungen können Projekte, die sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzen, auch  68 Jahre nach der Reichspogromnacht funktionieren? Unter welchen Bedingungen gelingt es, die Schüler für die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit zu sensibilisieren? Hierzu muss am aktuellen Tagesgeschehen und der lebensweltlichen Erfahrung der Jugendlichen angeknüpft werden. Von dem Sog, den  totalitäre Gesellschaftsentwürfe noch heute gerade auf heranwachsende Menschen ausüben, weil sie − kraft der Verschwörungstheorien eigenen "Schlüssigkeit" − suggerieren, die Welt erklären zu können, zeugen rassistische, antisemitische, nationalistische oder islamistische Einstellungen auch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen.  

"Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit ist es wichtig, Bezüge zur Gegenwart herzustellen, zu den heutigen Anliegen und Ängsten der jungen Menschen", so Margret Poggemeier vom Büro für Friedenskultur der Stadt Osnabrück. Die Lehrer, Bürger und auch die als potenzielle Opfer rechtsradikaler Gewalt betroffenen gesellschaftlichen Gruppen − etwa Muslime, Russlanddeutsche, Asylbewerber − in die Friedensarbeit aktiv einzubeziehen, die Kinder und Jugendlichen unmittelbar ansprechen und deren Engagement anregen - das sind die Voraussetzungen, die zum Gelingen beitragen. Auf der anderen Seite müsse die Stadt "Verlässlichkeit" demonstrieren und dürfe die Geldhähne für solche Aktionen nicht verschließen. Bürgermeister und Kommunalpolitiker müssten den in den Projekten Engagierten ihre Anerkennung zeigen.    

Die Bürger verspürten mehr Sicherheit und Zufriedenheit in einer Stadt, die der Förderung der Toleranz und des Respekts vor Andersartigkeit einen besonders hohen Stellenwert verleihe und sich der Vergangenheit stelle, so Poggemeier. Die Wirtschaft wünsche sich geordnete Bedingungen ohne Fremdenfeindlichkeit. Das weltoffene Klima der Stadt schaffe auch für Menschen aus anderen Ländern eine Identifikation mit der Stadt. Und es werde von Unternehmen als günstiger Standortfaktor gesehen. Die Friedensarbeit strahlt auf die ganze Stadt aus.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 09.11.2006
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