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31. 08. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Ohne muslimische Erzieherinnen bleibt der Dialog ein Lippenbekenntnis"

Über Chancen und Risiken interreligiös arbeitender Kindertagesstätten

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Havva Engin, Juniorprofessorin für Sprachförderung am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe

Online-Redaktion: Islam im Kindergarten, das weckt auch Ängste: Ist die islamische Früherziehung im Kindergarten nicht auch Vehikel, ein patriarchalisches Gesellschaftsbild im Kindergarten einzuführen? 

Engin:
Im Gegenteil: Religiöse Früherziehung bedeutet, die Kinder in den Kitas mit offenen Armen aufzunehmen, um ihnen alternative Gesellschaftsentwürfe nahezubringen. Es ist eine fatale Haltung und führt zu frühem gesellschaftlichem Ausschluss (Segregation) von Muslimen, wenn man meint, an der patriarchalischen Prägung in vielen muslimischen Familien nichts ändern zu können. Neues erwächst immer aus konkreten Begegnungen im Alltag - die müssen aber erst einmal geschaffen werden. Ein wichtiger Schritt für die Kinder ist es zu lernen: Es gibt plurale Werte und Lebensweisen. Die muslimischen Kinder erfahren dabei, ob sie angenommen werden oder nicht. Es kommt auf eine Begegnung auf der Grundlage der Gleichwertigkeit an, bei aller Verschiedenheit.  

Online-Redaktion: Es sind doch meistens die Frauen, die als Erzieherinnen die Kinder betreuen. Immer wieder hört man, dass die muslimischen Väter Frauen nicht als Autoritätspersonen respektieren? 

Engin:
Da liegt ein fundamentaler Irrtum vor: Es handelt sich meiner Meinung nach um Einzelfälle. Beide Seiten gehen vielmehr mit festen Vorurteilen oder mit Ängsten aufeinander zu. Bei muslimischen Vätern denke ich mir: Sie sind unsicher gegenüber einer Erzieherin, die eine Institution vertritt. Sie ist in den Augen muslimischer Väter eine Amtsperson und es stellt sich die Frage der Hierarchie: Hier bin ich, der Vater, und dort die Amtsperson. Wer hat das Sagen? Das kann Unsicherheiten auslösen, die von der Erzieherin als Ablehnung gedeutet wird.  

Umgekehrt überträgt eine christliche Erzieherin Vorurteile auf den muslimischen Vater: Hier sitzt ein muslimischer Mann mit Macho-Prägung und die Frau spielt dabei nur die "zweite Geige", sei es auch eine Erzieherin. Eine Erwartungshaltung im Vorfeld, die dann im Verhalten des muslimischen Vaters die Bestätigung sucht. Wenn es Personen gäbe, die eine vergleichbaren sprachlichen und kulturellen Hintergrund haben und eine Brückenfunktion einnehmen, dann würden sich viele Missverständnisse von Anbeginn auflösen.   

Online-Redaktion: Sie sprechen sich für mehr muslimische Erzieherinnen in den Kindergärten aus? Warum? 

Engin: Die muss es unbedingt geben. Nicht nur muslimische Erzieherinnen in muslimischen Kindergärten, sondern ich bin dafür, muslimische Erzieherinnen auch in christlichen Kindergärten einzusetzen - und zwar nicht nur in Kitas in sozial benachteiligten Quartieren. Es ist auch für christliche Kinder wichtig, Personen kennenzulernen, die für andere religiöse Inhalte stehen. Man kann sich an diesen Personen im positiven Sinne abarbeiten. Schon Kinder von drei bis vier Jahren stellen hochintelligente Fragen, und die kann eine authentische Person besser beantworten.  

Für die muslimischen Kinder würde diese Erzieherin vermitteln: Da ist jemand mit einem ähnlichen Hintergrund wie sie selbst − das schafft Vertrauen. Für die nicht-muslimischen Kinder ist die muslimische Erzieherin eine Bezugsperson, die für religiöse Inhalte steht und sie auch verkörpert, ganz gleich ob in Gegenwart christlicher oder jüdischer Kinder.  

Konfessionelle Kindergärten müssten sich für diese Gruppe von Erzieherinnen öffnen − da tun sie sich derzeit schwer. Doch diesen Weg müssen sie gehen. Ansonsten bleiben die hehren Ansprüche an einen interreligiösen Dialog Lippenbekenntnisse. 

Online-Redaktion: Könnte die Thematisierung des Islams im Kindergarten nicht als Einfallstor für die Botschaften islamistischer Verbände im Bereich der Früherziehung genutzt werden?   

Engin: Das sehe ich überhaupt nicht so. In dieser Frage drückt sich ein grundlegendes Misstrauen von christlicher Seite aus, das in den letzten Jahren nach dem 11. September 2001 gewachsen ist. Ich betrachte das Thema von einem anderen Gesichtspunkt aus − dem der Bevölkerungsentwicklung.  

Schauen Sie sich die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft an. Die Gesellschaft ist durch die moderne Migration in den 50er und 60er Jahren im Zuge der Gastarbeiteranwerbung plural geworden. Seit den achtziger Jahren nimmt die Pluralität bis heute stetig zu. Nach einer neuen Erhebung, dem Mikrozensus, die auch belegt, wie vielfältig unsere Gesellschaft geworden ist, legen vor allem Zahlen aus deutschen Großstädten nahe: Spätestens in fünf Jahren hat jedes dritte Kind einen Migrationshintergrund. Der Migrationshintergrund wiederum ist häufig mit einer von der Mehrheit abweichenden religiösen Prägung verbunden. Allein dieser demografische Wandel verpflichtet uns, dass wir uns mit Fragen sprachlicher und religiöser Pluralität auseinandersetzen müssen.  

Doch haben wir hierfür ein Handlungskonzept? Wollen wir diesen Tatbestand ignorieren und meinen er würde sich von allein erledigen? Tragen wir Verantwortung für diese gesellschaftliche Entwicklung und etablieren ein Gesellschaftsmodell, in dem alle Gruppierungen sich vertreten fühlen!  

Ich bin sehr verstört, wenn ich sehe, wie Briten mit muslimischem Hintergrund in London Terroranschläge geplant haben, junge Menschen, die in dieser Gesellschaft groß geworden sind. Als Muslima frage ich mich: Was ist dort schief gelaufen? Kann das bei uns nicht auch passieren? Was verleitet junge Menschen dazu, sich nicht als Teil der Gesellschaft zu fühlen, in die sie hineingeboren wurden und aufgewachsen sind?  

Der Kindergarten ist wichtig, weil er die Weichen stellende Bildungsinstitution ist, die gleich nach der Familie, an zweiter Stelle, die Kinder aufnimmt und entscheidend prägt.  

Online-Redaktion: Wie schafft man denn Begegnungen im Zuge derer sich die muslimischen und christliche Kinder gegenseitig angenommen fühlen? 

Engin: Ich finde es fatal, wenn man sich für die eingewanderten Kinder und ihren Hintergrund im Kindergarten nicht interessiert. Nur weil ein Kind einen arabischen Namen trägt, muss es noch lange kein muslimisches Kind sein. Es gibt viele Kinder mit arabischem Namen, die einen christlichen Hintergrund haben. Da muss man genau hinschauen. Hier kann man die Eltern fragen und in der Suche nach dem Hintergrund einbinden. Neugier für den religiösen und kulturellen Hintergrund zeugt von einer positiven Haltung.  

So erfährt man, ob ein Kind zum Beispiel aus dem Libanon oder Palästina kommt, welcher islamischen Richtung die Eltern angehören, ob das Kind aus einer Flüchtlingsfamilie kommt. Sichtbarmachen und Wertschätzung sind hier die Schlüsselbegriffe.   

Im Übrigen werden wir uns in Zukunft wieder verstärkt um den jüdischen Glauben kümmern müssen. Das ist eine Glaubensgruppe, die glücklicherweise wieder gewachsen ist.  

Online-Redaktion: Welche Kenntnisse brauchen Erzieherinnen über den Islam?  

Engin: Erzieherinnen benötigen Kenntnisse über die Grundpfeiler des Islam, seine Pluralität, also sunnitische, alevitische und schiitische Auslegung des Islam und die ihnen innewohnenden Unterschiede. Man braucht grundlegende Kenntnisse, um muslimischen Eltern entsprechend begegnen zu können. Das fängt bei den Feiertagen an und geht bis hin zu den Besonderheiten muslimischer Speisevorschriften.  

Online-Redaktion: Gibt es Beispiele für Begegnungen zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Eltern und Kindern im frühkindlichen Bereich?  

Engin: In der Publikation "Leuchttürme der Pädagogik" haben wir fünf (nicht-konfessionelle) Kindergärten vorgestellt, die sich der Thematik angenommen haben. Das Besondere an diesen Beispielen ist auch ihre bewusste Auseinandersetzung mit religiösen Fragen. Bei diesen Einrichtungen feiern die Erzieherinnen nicht mal eben so den Fastenmonat Ramadan. Vielmehr fragen sie: Was ist der Ramadan?  

Denken Sie an das Opferfest: Man wird feststellen, dass alle drei großen monotheistischen Religionen den gleichen religiösen Ursprung haben. Die Geschichte von Abraham und Isaac ist ein gutes Beispiel. Im Islam heißt Isaac eben Ismael. In allen drei Religionen geht es darum, dass Gott Abraham eine Prüfung auferlegt. Gott fordert Abraham auf, seinen Sohn zu opfern. Doch Gott nimmt das Opfer überraschenderweise nicht an. Muslime gedenken dieses Tages, indem sie Gott stellvertretend ein Lamm opfern. Hierbei sehen die Kinder: Sie sind gar nicht so verschieden.  

Wer den Nikolaus in der Weihnachtszeit nur als Geschenküberbringer versteht, verkürzt das Fest zu einem Konsumrausch. Auch für muslimische Kinder ist Weihnachten wegen der historischen Figur des Nikolaus interessant. Den Nikolaus hat es tatsächlich als reale Person gegeben und das Besondere: Er hat in Kleinasien gewirkt. So sehen Kinder aus dieser Region, dass sie mit der Geschichte des Nikolaus tiefer verbunden sind, als sie dachten.  

Es gibt beispielsweise viele türkische Familien, die mit ihren Kindern Weihnachten feiern, meine Mutter nicht ausgenommen. Allerdings haben wir uns früher zu wenig auf den religiösen Inhalt dieses Festes eingelassen. Ich hätte es in meiner Kindheit für wichtig erachtet, wenn mich jemand über den christlichen Hintergrund aufgeklärt hätte. Das geht auch, ohne Kinder im religiösen Sinne zu überwältigen. Erst so kann man die Kinder aus dem Bannkreis des Extremismus heraushalten.  

Online-Redaktion: In einem Satz: Was verstehen Sie unter islamischer Früherziehung?  

Engin: Einführung in religiöse Überlieferung bei Wahrung des Gedankens von Toleranz, Pluralität und Gleichwertigkeit - für diese Dinge können Kindergärten auch schon früh sensibilisieren. Die Andersartigkeit kann unsere Stärke sein. Und es kommt darauf an, das Unvertraute dieser Andersartigkeit zu nehmen. Ein solcher Umgang stärkt die demokratische Grundhaltung bei den Kindern. Ich finde, damit kann man nicht früh genug anfangen.  


Havva Engin, Jahrgang 1968, ist Juniorprofessorin für Sprachförderung am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Vorher arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin, Fachgebiet Interkulturelle Pädagogik.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 31.08.2006
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