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07. 09. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Erzieherinnen stehen an vorderster Front"

Fingerspitzengefühl, Zurückhaltung und Grundwissen über die islamische Religion

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Religionspädagogin und Geschäftsführerin der Christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO)

Online-Redaktion: Welche Rolle spielen Erzieherinnen und Erzieher bei der Integration von Eltern und Kindern muslimischen Glaubens? 

Huber-Rudolf:
Die Erzieherinnen stehen mitten im Leben und viele kennen die Nachrichten über die Vorgänge in der so genannten islamischen Welt. Die Begegnung von Erzieherinnen und Erziehern mit muslimischen Mitbürgern führt auch gelegentlich zu Verunsicherung − auf beiden Seiten. Dabei fühlen sich die Erzieherinnen und Erzieher oft allein gelassen. Deswegen engagiere ich mich für sie, denn die Erzieherinnen stehen bei der Dialogarbeit an vorderster Front und leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration. Allerdings brauchen sie dafür eine entsprechende Unterstützung.   

Online-Redaktion: Findet denn der Dialog zwischen Kirchen und den muslimischen Eltern tatsächlich auf gleicher Augenhöhe statt, wie das gefordert wird?  

Huber-Rudolf: Es gibt immer Unterschiede zwischen den Menschen, seien es Unterschiede in der Bildung, des Glaubens, des Geldes oder der Macht. Ich beobachte oft, wie christliche Gesprächpartner überrascht sind von der Sicherheit, die Muslime ausstrahlen, wenn sie von ihrem Glauben sprechen. Da gibt es eindeutig ein Gefälle zu Ungunsten der Christen. Andererseits sind wir als Christen strukturell privilegiert im Vergleich mit den muslimischen Organisationen in Deutschland. Da es stets ein Gefälle zwischen den Dialogpartnern gibt, wird es ist nicht immer einfach festzumachen sein, welche Seite im Gespräch gerade die bevorzugte ist.   

Online-Redaktion: Welche Kenntnisse über den Islam brauchen Erzieherinnen und Erzieher?   

Huber-Rudolf: Diese Frage stellen sich ganz viele Menschen. Erzieherinnen und Erzieher wollen wissen, was bei den muslimischen Eltern und Kindern vor sich geht und was sie denken und fühlen. Sie wollen die Beweggründe kennenlernen, warum sich muslimische Kinder weigern, eine Kirche zu betreten oder an christlichen Feiern teilnehmen. Muslime schätzen es im Übrigen auch gar nicht, wenn Pädagogen in die religiösen Erziehungsbefugnisse der Eltern eingreifen. In der Begegnung mit Muslimen gibt es keine einfachen Antworten − die Unterschiede zwischen den Muslimen sind einfach zu groß. Während einige Muslime aus einem aufgeklärten Milieu kommen, sind andere wiederum sehr traditionell orientiert. Muslime aus Afghanistan, der Türkei oder Marokko weisen unterschiedliche kulturelle und religiöse Merkmale auf. Weil der Islam so viele Facetten hat, sollten sich Erzieherinnen davor hüten, Halbwissen an die Muslime weiterzugeben − wenn auch nur unterschwellig.  

Wichtig ist: Erzieherinnen sollten immer bei den Eltern oder Kinder nachfragen, wann immer es sprachlich möglich ist. Sie sollten versuchen, sich in den Islam mit seinen Nuancen und Unterschieden hineinzuversetzen. Zugleich sollten sie ein Gespür für die genauen Wahrnehmungen haben. Erzieherinnen und Erzieher brauchen beides: Fingerspitzengefühl und zugleich Zurückhaltung in religiösen Erziehungsfragen.  

Online-Redaktion: Reicht Sprachförderung im Kindergarten nicht aus, um Menschen muslimischen Glaubens zu integrieren?  

Huber-Rudolf: Es wäre eine vergebene Chance, den Islam einfach außen vor zu lassen. Wenn wir muslimische Kinder in konfessionelle Kindergärten lassen, dann nehmen wir mit ihnen auch einen Teil unserer Gesellschaft auf. Wir haben uns in unserer Einwanderungspolitik davon verabschiedet, dass die eingewanderten Muslime lediglich Zuwanderer auf Zeit sind. In der alltäglichen Begegnung mit muslimischen Kindern und Eltern lernen die Erzieherinnen über sich selbst nachzudenken und sich im positiven Sinne zu rechtfertigen. Man kann nur überzeugt Christ oder Muslim sein, wenn man sich auf die Auseinandersetzung mit der anderen Religion einlässt − und nicht abgeschottet.   

Sprachförderung ist sicherlich auch notwendig. Doch Kindergärten sollten die Chance nutzen, dass Muslime da sind und das als Bereicherung verstehen. Das hört sich zwar kapitalistisch an, bringt es aber auf den Punkt.  

Online-Redaktion: Wie steht es mit den Bedürfnissen derjenigen, die ihre Kinder nicht religiös erziehen wollen?  

Huber-Rudolf: Bei Einrichtungen konfessioneller Träger, wird die Leiterin ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich um einen christlichen Kindergarten handelt. Wissen die Eltern erst, dass es sich um eine religiöse Einrichtung handelt, müssen sie entscheiden, wie weit sie sich darauf einlassen. Nichtgläubige Eltern, die sich partout nicht auf religiöse Überlieferung einlassen wollen, sind besser beraten, sich an eine städtische Kindertagesstätte zu wenden. Kein Kind darf gezwungen werden, an religiösen Riten teilzunehmen.   

Online-Redaktion: Sie haben einen Praxisratgeber für muslimische Kinder im Kindergarten veröffentlicht. Wie kam es dazu?  

Huber-Rudolf: Die Diözese Mainz hat auf die Nachfrage von Erzieherinnen und Erziehern nach interreligiösen Themen reagiert und eine Fortbildungsreihe initiiert. Das Mainzer Projekt sah einen fünftägigen Kurs für die Begegnung katholischer Erzieherinnen mit muslimischen Eltern und Kindern aus knapp 30 Kindertagesstätten vor. An den interreligiösen Kursen nahmen rund 100 Erzieherinnen teil. Ziel war es, die Erzieherinnen religiös zu festigen, damit sie selbstbewusster in den alltäglichen Kontakt mit Muslimen treten können. Die Fortbildungsthemen erstreckten sich von "Einstellungen zum interreligiösen Dialog" und "Mohammed und der Koran" bis hin zu "Festen" und "Rituale und kulturbedingte Verhaltensweisen".   

Zur Sprache kamen praktische Alltagsfragen im Umgang mit muslimischen Kindern und Eltern in der Kindertagesstätte bis hin zu grundlegenden religiösen Fragen. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die muslimischen Eltern anders auf Erzieherinnen und Erziehern zugehen als auf deutsche Eltern. Muslimische Eltern stellen andere Fragen etwa zum Grillfest im Sommer.   

Ein Kern der Fortbildungsreihe waren Vergleiche zwischen der christlichen und islamischen Religion. Nehmen Sie die Erzieherin, die sich im Koran mit der Geschichte Abrahams beschäftigt hat. Wenn sie anschließend die Darstellung Abrahams im Alten Testaments liest, sieht sie, dass beide Überlieferungen ein anderes Bild Abrahams geben. Sollen die Erzieherinnen den muslimischen Kindern nun beide Versionen vortragen? Im Kindergarten muss man sich mit elementaren Fragen der Kinder auseinandersetzten und Antworten parat haben. Doch nicht alles, was sich Erzieherinnen autodidaktisch aneignen, sollten sie ungefiltert weitergeben. Es würde sonst auch leicht zu Missverständnissen kommen.   

Online-Redaktion: Unter welchen Voraussetzungen gelingt die Begegnung zwischen christlichen und muslimischen Kindern?   

Huber-Rudolf: Als Erfolg ist es zu werten, wenn die Kinder füreinander Neugierde aufbringen. Geht die Ayse etwa in die Koranschule, dann ist es als Erfolg zu werten, wenn die christlichen Kinder sich fragen, was sie denn da macht? Oder wieso hat Ayses Mutter eine Kopfbedeckung? Wieso geht der Vater freitags in die Moschee? Kinder, die sensibel für die Verletzlichkeit religiöser Gefühle werden, sind auf einem guten Weg. Diese Verletzlichkeit religiöser Gefühle gilt es nicht nur bei Muslimen, sondern auch bei Christen zu respektieren. Es ist wichtig, ein Gespür dafür zu bekommen, wenn muslimische Kinder lächerlich gemacht werden. Neugier, Sensibilität für religiöse Riten und den anderen respektieren, wie er ist - das sind drei wichtige Dinge.    

Online-Redaktion: Welchen Beitrag leistet die frühkindliche Pädagogik zur Integration von Menschen verschiedenen Glaubens? 

Huber-Rudolf: Der Beitrag der religiösen Früherziehung wirkt sich auf die Eltern und auf die Kinder als die späteren Erwachsenen aus. Wenn die Kinder unterschiedlichen Glaubens zusammen aufwachsen und Freundschaften schließen, dann sind diese Kontakte bisweilen so bedeutend, dass sie über die internationalen Krisen hinweg tragen. Kinder bringen viele Ansichten in den Kindergarten mit, die nicht ihre eigenen sind, sondern die Elternmeinungen widerspiegeln. Wenn in Zuge der Frühpädagogik Vorurteile abgebaut werden, dann wirkt das wiederum auf das Elternhaus zurück.   


Barbara Rudolf-Huber, Religionspädagogin und Geschäftsführerin der Christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO), einer Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz in Frankfurt am Main. Autorin des Klassikers für den christlich-islamischen Dialog: "Muslimische Kinder im Kindergarten. Eine Praxishilfe für alltägliche Begegnungen". 1995 Dissertation über "Gottesstaat in die Religionsfreiheit: Beobachtungen zur Reformfähigkeit der Muslime in Europa".

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.09.2006
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