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24. 08. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Wie islamisch soll der Kindergarten sein?

Der Koran und die deutschen Kindergärten

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Auszug aus dem Koran

Die meisten Kindergärten hierzulande sind keine islamischen Einrichtungen. Es gibt daher muslimische Eltern, die befürchten, ihre Kinder würden in den Kindergärten christianisiert und kulturell assimiliert. Sie fürchten die mit der Assimilation einhergehende einseitige Angleichung, die sich vor allem in dem Verlust der Muttersprache und der Identität ausdrückt.

Zwar gibt es Bürgerinitiativen wie die "As Salam Kindergruppe" in Münster, einer Gruppe mit acht Kindern im Alter von knapp zwei bis vier Jahren. Dort kommunizieren die Pädagogen mehrsprachig und ausgehend von Alltagssituationen tauchen die Kinder in die deutsche und arabische Sprache unmittelbar ein. Hierzu stellt die Initiativgruppe eigens eine arabischsprachige Fachkraft ein. "Jedem einzelnen Kind wird - egal welcher Nationalität und Konfession es angehört - das Gefühl des Angenommenseins vermittelt", so umreißt die Gruppe das Selbstverständnis, das sie im Umgang mit Kindern christlicher und islamischer Konfession lebt.  

Vom Recht auf Religion im Kindergarten
Kinder haben ein Recht darauf, Religionen kennen zu lernen - eine Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Christentums, des Islams oder des Buddhismus sei unerlässlich, findet Mathias Hugoth, Referent für Religionspädagogik beim Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK). In Großstädten Westdeutschlands leben nach dem Zweiten Weltkrieg traditionell viele Muslime mit Deutschen zusammen. Sie kamen als Gastarbeiter − und blieben. Doch nicht alle fühlen sich willkommen. Immerhin, das Wertvollste, das die Zugewanderten haben, die Kinder, geben sie in die Obhut konfessioneller und städtischer Kindergärten.

Nach Angaben des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst (REMID) leben 3,3 Millionen Muslime in Deutschland (2003). Rund 733.000 Muslime sind schon eingebürgert. 

Ausländische Kinder besuchen seltener den Kindergarten
Ausländische Kinder und Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss bleiben häufiger zu Hause. Kinder dieser Eltern kommen also später mit der deutschen Sprache in Kontakt. Im Jahre 2004 schickten dem aktuellen nationalen Bildungsbericht zufolge mehr als ein Viertel der ausländischen Eltern der ersten Generation ihre Kinder im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt nicht in den Kindergarten. Kinder von Ausländern der zweiten Generation, deren Kinder hier geboren sind, sind schon wesentlich häufiger in Kindergärten anzutreffen (rund 81 Prozent). Im Vergleich dazu Kinder von Deutschen: rund 84 Prozent.  

Ist die Kita der richtige Ort, um früh mit religiöser Unterweisung zu starten? Würden mehr muslimische Eltern ihre Kinder in die Kita geben, wenn einheimische und muslimische Kinder früher mit dem Koran in Berührung gebracht würden? Sollten sich die Bildungspläne in Kitas auch auf religiöse und kindgemäße Grundbildung erstrecken, die sich mit Weltreligionen wie Islam, Christentum, Judentum, Buddhismus befassen? 

Die Debatte lebt vor dem Hintergrund der akuten politischen Krise im Nahen Osten auf.  

Neutralitätsgebot der Stadt in religiösen Fragen
Ein Blick in den Süden des Landes: In Stuttgart gibt es insgesamt rund 500 Kitas von denen wiederum 180 städtische Einrichtungen sind. Cäcilia Demir-Schmitt vom Landesverband der Religionsgemeinschaft des Islam Baden-Württembergs zufolge, leben in Stuttgart rund 5.000 Kinder bis sieben Jahre in der Stadt, die überwiegend städtische und kirchliche Einrichtungen besuchen.

Doch nach Daniela Hörner, Abteilungsleiterin des städtischen Jugendamts, fördert die Stadt keine islamischen Kitas. Koranschulen nähmen ohnehin keine öffentliche Förderung in Anspruch. Städtische Träger hätten die Verpflichtung, Kinder ohne Ansehen der Religion, Weltanschauung, Rasse und Hautfarbe aufzunehmen. Rein muslimische Einrichtungen könne die Stadt aus verfassungsrechtlichen Gründen also nicht unterstützen.  

Andererseits bietet die Landeshauptstadt Baden-Württembergs Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher, die für interkulturelle Verständigung sensibilisieren: "Dialog unter Frauen mit interkulturellem Hintergrund", "Zwischen Bosporus und Feuersee". Das Kopftuchverbot, das Baden-Württemberg als  bundesweit erstes Land erlassen hat, betrifft auch Erzieherinnen. Acht Bundesländer sind dem Beispiel Baden-Württembergs mittlerweile gefolgt.  

Brücke zu muslimischen Familien
Das hält streng muslimische Frauen davon ab, als Erzieherinnen in öffentlichen Kitas zu arbeiten. Andererseits: Soll die Integration von Menschen verschiedenen Glaubens gelingen, so ist die Beschäftigung muslimischer Erzieherinnen in Kitas ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Vor allem in Stadtteilen mit hohem Anteil an Muslimen sind diese Erzieherinnen als Übersetzerinnen und Vertrauenspersonen für muslimische Familien hilfreich. Sie haben eine "schöne Brückenfunktion", so bringt es Cäcilia Demir-Schmitt auf den Punkt. Sie nehmen den Familien auch die Angst, ihre Kinder würden in städtischen oder konfessionellen Einrichtungen christianisiert. 

Am Anfang war das Wort, so heißt es in der Bibel. Auch im Islam ist das durch den Koran übermittelte Wort die hohe Pforte zur Religion. Für Mahmud Askar, zweiter Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, kommt die islamische Unterweisung im Kindergarten zu früh. Der Zentralrat befürwortet hingegen die islamische Unterweisung ab der Grundschule. Im Kindergarten sei es viel wichtiger, die muslimischen Kinder mit ihrer Muttersprache in Kontakt zu bringen. Man könne schließlich einen fremden Hintergrund nicht verstehen, wenn man den eigenen sprachlichen Hintergrund nicht lebt. 

Konfessionelle Träger sehen in der ausgeprägten Religiosität der Muslime sogar einen Ansporn, den eigenen "Gottesbezug" zu stärken: "Muslimische Kinder wissen, was beten heißt, die evangelischen wissen es oft nicht. Das ist eine gute Gelegenheit, auch für unsere Erzieherinnen, sich über den eigenen Glauben und religiöse Rituale Gedanken zu machen und das evangelische Profil zu stärken", sagt Peter Bartmann, Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche. Infolgedessen plädiert er für den Einsatz von muslimischen Erzieherinnen und Beratern in sozialen Brennpunkten, dort wo der Anteil muslimischer Kinder besonders hoch ist.    

Religiöse Erziehung aus dem Blickwinkel der Katholischen Kirche
"Nach unserer Erfahrung schicken muslimische Eltern ihre Kinder gerne in katholische Kindergärten, weil in ihnen religiös erzogen wird und Gott vorkommt, was bei kommunalen Kindergärten nicht der Fall sein muss´", sagt Manfred Becker-Huberti, Pressesprecher des Erzbistums Kölns. Katholische Kindergärten setzen auf eine "religiöse Erziehung aus der Blickrichtung der Katholischen Kirche", so der Pressesprecher, und sie "richten sich nicht nach auf dem Markt vagabundierenden Interessen."  

Auf die Frage, ob die katholischen Kindergärten auch die islamische Religion thematisieren sollen, geht Manfred Becker-Huberti nicht ein. Geht es nach dem Erzbistum Köln, soll der Kindergarten katholisch bleiben − und nicht islamisch werden.  

Damit sich jedoch die muslimischen Kinder nicht religiös haltlos in den deutschen Kitas fühlen, erarbeiten Pädagogen zunehmend Konzepte mit religions- und kulturübergreifenden Ansätzen. Religiösen Boden unter den kindlichen Füßen sollen "ganzheitliche" interreligiöse Entwürfe bringen. Nach Gudrun Jakubeit müsse sich interreligiöse Erziehung an einheimische christliche und muslimische Kinder richten. Es gehe um die "Veränderung des Kindergartenalltags". 

"Muslimische Eltern kennen den Kindergartenalltag nicht"
Greifbar wird die religiöse Erfahrung im Kindergarten durch die bewusste Gestaltung von Räumen, Auswahl der Lernmaterialien und Spiele, muslimische Märchen und Erzählungen. Es geht bei ganzheitlichen Entwürfen darum, Kindern zu zeigen, wie sich die dem anderen jeweils fremde Religion in Musik, Festen, im Stadtteil mit seinen Moscheen, Geschäften, Märkten spiegelt, aber auch in Medien wie dem Fernsehen und in Filmen.  

Für die Religionsgemeinschaft des Islam in Baden-Württemberg ist Elternarbeit der Schwerpunkt der interkulturellen und interreligiösen Erziehung. Und Elternarbeit ist in erster Linie Vertrauensarbeit. Der interreligiöse Dialog ist ein Eiertanz, bei dem bei jedem Schritt oder bei jedem Wort Wohlwollen zu Bruch gehen kann. Daher gilt es, gegenseitige Vorurteile wahrzunehmen und dann zu beseitigen, etwa durch kennen lernen der Familien. Die Religionsgemeinschaft hat daher ein "Praxishandbuch für die Zusammenarbeit mit Eltern" in den Umlauf gebracht, das weniger auf die Religion als auf die Betonung der Muttersprache eingeht.  

Im Praxishandbuch empfehlen die Verfasser eine genaue Vorbereitung auf das Elterngespräch, einschließlich der Kenntnisse über Kultur und Religion. Bei Gesprächen mit muslimischen Eltern sollten Erzieherinnen und Erzieher eine Fachsprache vermeiden. Sie könnten den Eltern anbieten, das Gespräch auf sicherem Terrain, also bei den Eltern zu Hause zu führen. 

"Muslimische Eltern kennen den Alltag in Tageseinrichtungen kaum. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, weil sie oft nicht gestellt werden", heißt es im Handbuch. Erzieherinnen sollten mit eigenen Wertvorstellungen vorsichtig umgehen und die muslimischen Wertvorstellungen der anderen Seite respektieren.  

Plädoyer für die Gleichwertigkeit der christlichen und muslimischen Religion
Die Kita ist kein "religionsfreier Raum", sagt Havva Engin, Expertin für interkulturelle Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin. Die meisten Träger von Kitas sind katholischer oder evangelischer Konfession und die Mehrzahl des Personals ist christlich. 

Der verfassungsrechtliche Gleichheitsgrundsatz gebiete es, die Gleichwertigkeit christlicher und muslimischer Religionen anzuerkennen. Das schlage sich teilweise in Bildungsplänen zu interreligiöser Erziehung in verschiedenen Ländern nieder. Doch ein tragfähiges Konzept, das die verschiedenen Glaubensrichtungen innerhalb des Islam integriere − sunnitischer, schiitischer oder alevitischer Prägung − sei noch nicht am Horizont. 

Wird der Islam im Kindergarten ausgeblendet, dann verzögert sich die Verständigung von Eltern und Kindern unterschiedlichen Glaubens um viele Jahre. Ob die verlorenen Jahre wieder aufzuholen sind? 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 24.08.2006
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