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21. 10. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Keine Schultüte ohne Deutschstunden, Teil 1

Vorschulische Sprachförderung - ein Überblick über Deutschförderkurse in den Ländern

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Deutschstunden

Frühe Förderung ist nicht alles, aber ohne frühe Sprachförderung ist alles nichts. PISA 2000 hat den Blick auf die Mängel früher Förderung hierzulande gelenkt. Und auf die Mängel in der Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Ein Schwerpunkt der Maßnahmen, die das Forum Bildung empfahl, betraf daher die vorschulische Sprachförderung. Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) empfahl nach der Vorstellung des vertiefenden PISA-Berichts im Jahre 2003, der die Erkenntnisse sowohl der internationalen wie der nationalen PISA-Studie aufzeigte, "Maßnahmen zur Verbesserung der Sprachkompetenz im vorschulischen Bereich". Während PISA-Gewinner wie Finnland viel Geld für frühe Förderung ausgeben, hält Deutschland sich hier eher zurück. 

Die gute Nachricht nach PISA lautet: Es tut sich etwas in punkto früher Sprachförderung. In der "Dokumentation der Empfehlungen des Forum Bildung wurde festgestellt: "Nahezu alle Länder haben in der vorschulischen Sprachförderung neue Angebote geschaffen. Besonders Kinder mit Migrationshintergrund sind Zielgruppe dieser Angebote." Der Überblick zeigt, welche Schwerpunkte die einzelnen Länder dabei setzen.   

Baden-Württemberg
Im Interview mit dem Forum Bildung sagte Anette Schavan, Kultusministerin von Baden-Württemberg, bereits im Jahr 2000: "Der Schlüssel zur Integration ist die Sprache. Nur wenn Kinder und Jugendliche die deutsche Sprache beherrschen, können sie mit ihrer Umwelt in der Schule kommunizieren. Eltern, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, sollten zugunsten eines nachhaltigen Erfolgs in der Sprachförderung einbezogen werden." "Unterschiedlichkeit und Vielfalt als Chance" - das ist die Devise Baden-Württembergs. Das Land im Südwesten Deutschlands hat ein System von Förder- und Vorbereitungskursen entwickelt, das auch schon Kinder, die noch nicht die Grundschule besuchen, im Deutschen stark machen will. Mit einem Projekt "Sprachförderung im Vorschulalter" der Landesstiftung fördert es Vorschulkinder, die ein bis anderthalb Jahren vor der Einschulung einen "intensiven Sprachförderbedarf".   

Das Projekt wird durch das Landesinstitut für Erziehung und Unterricht (LEU) getragen. Die Förderung zielt auf Kinder die eineinhalb bis ein Jahr vor der Einschulung stehen. Sie betrifft Kinder, deren Muttersprache Deutsch ist als auch auf Kinder, für die Deutsch Zweitsprache ist. Doch im Zentrum stehen Kinder mit Migrationshintergrund. In der Regel sollen die Kinder in der vertrauten Umgebung das heißt in der Tageseinrichtung Deutsch lernen. Für engagierte Beteiligung der Eltern, etwa durch Vorlesestunden, zahlt die Stiftung 100 Euro. Aktive Elternbeteiligung also ist eine Säule des Förderkonzeptes. Die Sprachförderung umfasst 120 Stunden und soll mindestens ein halbes Jahr dauern. Die freiwilligen Deutschstunden werden flächendeckend eingeführt.   

Bayern
Damit alle Kinder beim Schulbeginn den Anschluss finden, gibt es in Bayern den freiwilligen "Vorkurs Deutsch". Ziel dieses Kurses ist es, die Chance für schulischen Erfolg bei allen Kindern zu erhöhen, die mangelnde Deutschkenntnisse aufweisen. Dies sind häufig Kinder mit Migrationshintergrund, aber nicht nur. Am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung wurde eine Sprachstandsdiagnose entwickelt. Mit diesem Diagnoseinstrument werden die Sprach- und Deutschkenntnisse von Kindern festgestellt, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Der Sprachtest wird während der Schuleinschreibung im April durchgeführt. Wenn das Kind noch nicht als reif für die Grundschule eingestuft wird, kommt es in den Vorkurs.   

Von Mai bis Juli erhalten die Kinder drei Monate lang "tägliche Deutschstunden" - so kommen mindestens 40 Wochenstunden zusammen. Dabei orientieren sich die Lehrkräfte am Leitfaden des Lehrplans "Deutsch als Zweitsprache". Diese Stunden finden etwa zur Hälfte im Kindergarten und zur anderen Hälfte an Grundschulen statt. Und der Vorkurs Deutsch wird immer mehr besucht: Gab es im Schuljahr 2001/2002 noch 60 Gruppen mit 550 Kinder, so waren es 2003 bereits 336 Gruppen mit 2760 Kinder. Bei der Durchführung kooperieren Lehrerinnen und Lehrer mit Erzieherinnen. Im Schuljahr 2004/2005 wird die Förderung in den Vorkursen noch verstärkt. Dann gibt es Deutschstunden von September 2004 bis Juli 2005 und es werden in etwa 160 Wochenstunden erzielt. Für Kinder, die auch nach dem Vorkurs Deutsch noch nicht den Anschluss gefunden haben, gibt es Förderkurse an den Grundschulen.    

Berlin
In die Grundschule ohne Deutschkenntnisse? In Berlin ist das nicht drin. Denn bei der Anmeldung der Kinder in die Grundschule werden die Deutschkenntnisse überprüft (Sprachstandsfeststellung). Verfügt ein Kind nicht über "hinreichende Kenntnisse der deutschen Sprache" sind Deutschkurse Pflicht. Die ersten Sprachkurse laufen im Februar 2005, die Anmeldung beginnt im November 2004. Kita-Kinder absolvieren die Deutschstunden in der Kindertagesstätte, die anderen an der Grundschule. Täglich zwei Stunden Deutsch erwarten die Kleinen über den Zeitraum von ca. einem halben Jahr.    

Brandenburg
Verpflichtende Förderkurse in Deutsch vor der Grundschule wird es in Brandenburg nicht geben. In Brandenburg liegt der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund unter zwei Prozent, so Thomas Hainz, Pressesprecher im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport im Land Brandenburg. Brandenburg hat seit 2003 mit den "Grenzsteinen der Entwicklung" ein Diagnose-Instrument an Kindertagesstätten. Damit kann frühzeitig erfasst werden, wo Förderbedarf bei Kindern besteht und auch festgestellt werden, wo Bildungsprozesse im Hinblick auf die sprachliche, motorische und kognitive Entwicklung der Kinder ins Stocken geraten. Dabei sind auch die Deutschkenntnisse ein Thema. An der Schnittstelle zwischen Kindertagesstätte und Grundschule gibt es bislang noch keine fertigen Förderkonzepte. Sie werden derzeit entwickelt.   

Bremen
Für den Stadtstaat Bremen sind Kindertagesstätten spätestens nach PISA "Bildungseinrichtungen und keine Aufbewahrungsanstalten" so Lotta Ubben von der Behörde für Bildung und Wissenschaft der Freien Hansestadt Bremen. Und Sprachförderung wird in Bremen ein "zentraler Schwerpunkt im Rahmen frühkindlicher Förderung" sein. Ein Jahr vor der Einschulung finden zum Zwecke der Diagnostik und darauf aufbauender gezielter Förderung Sprachstandserhebungen statt, die von der Universität Bremen ausgewertet werden. Dem Sprachtest folgt, sofern Bedarf diagnostiziert wurde, "Sprachschatz", das ist ein Sprachförderkurs vor der Einschulung. Die Zuständigkeit für die Sprachförderung liegt nicht beim Bildungssenator, sondern in der Hand der Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales. Da 96 Prozent aller Kinder in Bremen in den Kindergarten gehen, werden fast alle Kinder auf diesem Weg erreicht. Im Oktober 2004 laufen die ersten Kurse an, die sich über 10 Wochen à vier Stunden erstrecken. Die Deutschförderkurse werden flächendeckend eingeführt und sind, bei Förderbedarf des Kindes, Pflicht. Für diese Aufgabe werden die Erzieherinnen und Erzieher nachgeschult. Und in sozialen Brennpunkten steht den Eltern eine "Erzieherin als Sprachförderexpertin" zur Verfügung.  

Für Kinder mit Migrationshintergrund, die beim Eintritt in die Schule keine hinreichenden Deutschkenntnisse haben, gibt es bei der Einschulung einen halbjährigen "Vorkurs". Nach Beendigung dieses Kurses schließen sich diese Kinder ihrer Schulklasse wieder an. 

Hamburg
Alle Kinder schon vor dem ersten Schultag fit in Deutsch machen - das ist die Vision der Hamburgs Bildungsbehörde. Die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund durch gezielte, wissenschaftlich untermauerte Sprachförderung ist dort Chefsache . Alle fünfjährigen Kinder machen in den Kitas und Vorschulklassen einen Sprachtest (Hamburger Verfahren zur Sprachstandserhebung - HAVAS). HAVAS berücksichtige auch die Mehrsprachigkeit der Kinder. "Eine situations- und altersangemessene Sprache" sei die Grundlage für das Lernen von Anfang an, so die Bildungsbehörde.  

Für die Förderkurse in Deutsch stellt Hamburg zusätzliche Mittel für Sprachlehrer zur Verfügung. Allein rund 50 Lehrerstellen entfallen auf die Vorschulklassen. Und für die Sprachförderung an allgemeinbildenden Schulen werden im Schuljahr 2002/2003 insgesamt 380 Lehrerstellen angesetzt. Um den Sprachunterricht in den Vorklassen zu intensivieren, wird auch in Doppelbesetzung unterrichtet. Die vorschulische Sprachförderung im Rahmen von Vorklassen findet ihre Fortsetzung in der Grundschule.   

Hessen
Hessen hat Schule gemacht in Sachen Deutschkurse für ausländische Kinder. "Vorlaufkurse" sind kostenlose vorschulische Angebote. Das Angebot gilt für alle Kinder, die "nicht über die für den Schulbesuch erforderlichen deutschen Sprachkenntnisse verfügen". Sie können auch von Kindern besucht werden, die nicht in einen Kindergarten gehen.  

Die Sprachkenntnisse der Kinder werden gleich im Zuge der Anmeldung gemessen. Dabei geht es nicht darum zu ermitteln, ob die Kinder grammatikalisch einwandfrei sprechen. Gemessen wird, ob "ein Kind sprachlich voraussichtlich in der Lage sein wird, dem Unterrichtsgeschehen zum Zeitpunkt der Einschulung grundsätzlich zu folgen und im Unterricht mitarbeiten zu können". Zwischen 10 und 15 Kinder nehmen jeweils an einem Kurs teil. Sie erlernen die deutsche Sprache in vertrauten Situationen, die an die Lebenswelt der Kinder anschließt. Ein Vorlaufkurs umfasst bis zu 15 Wochenstunden für die Dauer von neun Monaten. Das Land Hessen empfiehlt, dass die Beteiligten stärker zusammenarbeiten - Eltern mit Kindergärten sowie Kindergärten mit Grundschulen.   

Die Zahl der Vorlaufkurse steigt: Bisher haben 5.520 Kinder an diesen freiwilligen Kursen in 677 Gruppen teilgenommen. Nach Aussagen der Schulämter in Hessen sollen die Kinder vom Besuch dieser Deutschkurses "erheblich profitiert" haben. Wer Förderbedarf über den Vorlaufkurs hinaus hat, kommt in eine Sonderklasse und dann ist das Deutschlernen Pflicht. Selbstbewusst schreibt die hessische Kultusministerin Karin Wolff an die Eltern: "Andere Bundesländer haben unser Modell inzwischen übernommen." 

Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es keine vorschulischen Deutschförderkurse - weder für Kinder ohne noch für  Kinder mit Migrationshintergrund. Im Jahre 2001 lag der Ausländeranteil in Mecklenburg-Vorpommern bei zwei Prozent. Die Zuständigkeit für die Einrichtung von Deutschförderkursen würde beim Sozialministerium liegen. Im "Rahmenplan für die zielgerichtete Vorbereitung von Kindern in Kindertageseinrichtungen auf die Schule" tauchen "ausländische Kinder" oder "Kinder mit Migrationshintergrund" praktisch gar nicht auf.   


Am Donnerstag, den 4. November, erscheint der zweite Teil des Überblicks "Keine Schultüte ohne Deutschstunden". Im Fokus dann die Länder von Niedersachsen bis hin zu Thüringen.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 21.10.2004
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