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06. 10. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Nationale Bildungsstandards kommen

Die Fachöffentlichkeit nimmt Stellung zu den Entwürfen der KMK für Bildungsstandards für den Mittleren Abschluss

Die Einführung nationaler Bildungsstandards in Deutschland ist beschlossene Sache. Im Mai letzten Jahres haben die Kultusministerinnen und -minister aller sechzehn Bundesländer die Erarbeitung von Bildungsstandards beschlossen. Auf der Sitzung im Juni 2002 in Berlin wurde der Fahrplan festgelegt: In den nächsten zwei Jahren werden Standards in Kernfächern für bestimmte Jahrgangsstufen und Abschlussklassen erarbeitet. Bis spätestens 2004 sollen diese für alle Länder verbindlich sein.

Bildungsstandards
Die Kultusministerkonferenz (KMK) unterscheidet bei den Standards zwei Formen: Deutschlandweit einheitliche Prüfungsanforderungen für Abschlüsse und gemeinsame Kompetenzen, die bis zum Ende einer bestimmten Jahrgangsstufe erlernt werden müssen. Auf der Wartburg in Eisenach im Mai 2002 wurden die einheitlichen Prüfungsanforderungen für die Abiturprüfung in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch bereits neu gefasst. Bis zum Herbst 2003 sollen die Prüfungsanforderungen für weitere Abiturfächer und die Standards für den Mittleren Schulabschluss in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache erarbeitet werden. Standards für den Hauptschulabschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache sollen bis zum Frühjahr 2004 folgen.
Bildungsstandards, die zum Ende einer bestimmten Jahrgangsstufe erreicht werden müssen, sollen bis zum Frühjahr 2004 für die vierte Klasse der Grundschule in Deutsch und Mathematik vorgelegt werden.

Ziele
Die Kultusministerkonferenz legt Wert darauf, dass die Bildungsstandards keine Inhalte oder Lehrplanziele festlegen, sondern Kompetenzen mittleren Niveaus beschreiben, die Schülerinnen und Schüler bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erworben haben sollen. Schulen bleiben dabei pädagogische Gestaltungsfreiräume erhalten, die sich eher noch erweitern. Die Einhaltung der Standards soll landesweit oder länderübergreifend durch entsprechende Tests und Vergleichsarbeiten überprüft werden. Dieses Vorgehen soll nach den Vorstellungen der KMK durch eine unabhängige, von den Ländern beauftragte wissenschaftliche Einrichtung gewährleistet werden. Angestrebt wird, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler durch gezielte Forderung und Förderung die gesetzten Ziele erreichen. Außerdem verspricht man sich durch die Einführung von Bildungsstandards eine höhere Vergleichbarkeit und Akzeptanz von Schulabschlüssen.

Erste Entwürfe liegen vor
Im Juli dieses Jahres legte die KMK der Öffentlichkeit erste vorläufige Entwürfe nationaler Bildungsstandards für den Mittleren Abschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik sowie der ersten Fremdsprache Englisch und Französisch vor. Die KMK hatte eine Arbeitsgruppe beauftragt, die Standards unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Beiträge und den Vorarbeiten einzelner Länder zu entwickeln.

Bei der Erarbeitung der einzelnen Entwürfe standen folgende Themen im Vordergrund: 

  • der Zusammenhang zwischen Bildungsstandards und allgemeinen Bildungszielen,
  • die Verbindlichkeit der Standards,
  • die Definition der Kompetenzen, Kompetenzstufen und Anforderungsbereiche, 
  • Aufgabenbeispiele.

"Das Entscheidende am Gelingen der Bildungsstandards ist die Kombination allgemeiner Bildungsziele mit Kompetenzmodellen und Aufgabenstellungen zur Überprüfung", betont Karin Wolff, die derzeitige Präsidentin der KMK.

Stellungnahmen einzelner Organisationen
Bildungsfachleute, Lehrkräfte, Eltern und Schüler, Vertreter von Arbeitgebern und Gewerkschaften konnten bis zum 10. September 2003 zu den Entwürfen Stellung nehmen. Trotz der relativ kurzen Zeitspanne haben viele Organisationen diese Gelegenheit genutzt. Die Standards werden von den meisten Organisationen begrüßt, die Vorlagen aber durchaus kontrovers diskutiert. Während Einigkeit darüber besteht, dass die Standards nicht zum Ranking oder zur Selektion missbraucht werden dürfen, sondern die Qualität der Schulen fördern sollen, gehen die Meinungen hinsichtlich der Qualität der Entwürfe auseinander.
Die fachliche Kritik bezieht sich vor allem darauf, dass die vorgelegten Bildungsstandards nicht in ein Gesamtkonzept zur Qualitätsentwicklung im deutschen Bildungswesen eingebunden seien, es nicht erkennbar ist, wie Standards zu einem Instrument der Förderung anstelle eines Instruments der Selektion werden können, internationale Erfahrungen zu wenig berücksichtigt wären und die von Experten geforderte Entwicklung von Mindest- oder Basisstandards unberücksichtigt geblieben sei.

BDA
Einheitliche Grundsystematik
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) beispielsweise begrüßt die Entwürfe der Standards, besonders den für das Fach Mathematik, bemängelt aber Brüche in der Systematik in den Fächern Deutsch und erste Fremdsprache und empfiehlt "eine einheitliche Grundsystematik aller Bildungsstandards". Sie schlägt vor, analog zum Fach Mathematik unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Fachsystematiken für Deutsch und der ersten Fremdsprache allgemeine Kompetenzen mit Hilfe von Leitideen durch inhaltsbezogene Kompetenzen zu konkretisieren.

GEW
Entwürfe halten Qualitätstest nicht stand
Im Gegensatz dazu bestehen die KMK-Entwürfe nach Ansicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nicht. Sie misst sie an den "Merkmalen für gute Bildungsstandards", die sie der Expertise "Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards", entnimmt. Diese wurde unter Leitung von Prof. Dr. Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erarbeitet und am 18.02.2003 gemeinsam von der Präsidentin der KMK und der Bundesministerin für Bildung und Forschung vorgestellt. Daran gemessen sei als Grundlage "lediglich der Entwurf für die erste Fremdsprache geeignet". Der Entwurf für das Fach Deutsch ist "vollständig der Fachdisziplin und der traditionellen Lehrplansystematik verhaftet" und stellt nach Ansicht der GEW zu wenig die Schülerinnen und Schüler als Subjekte in den Mittelpunkt ihres Kompetenzerwerbes.

Darüber hinaus kritisiert die GEW die vorschnelle Einführung von Standards, da diese "weder erkennen lassen, aus welchen grundsätzlichen Bildungszielen sie abgeleitet sind oder an welches Gesamtkonzept zur Entwicklung des föderalen deutschen Schulwesens überhaupt gedacht ist".

VBE  
Anspruch bleibt zu abstrakt
Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) bezog zu den vorläufigen Entwürfen Stellung. Er bewertet positiv, dass die Standards abschlussbezogen und nicht schulartbezogen sind, kritisiert aber, dass der Anspruch an die Schülerinnen und Schüler trotz der Beispiele abstrakt bleibt, weil die Standards für einen Idealschüler der Klasse zehn entwickelt sind. Er sieht darin die Gefahr, dass die Entwürfe für Lehrerinnen und Lehrer wenig handlungsrelevant sind. Darüber hinaus fordert der VBE mit der Einführung von Bildungsstandards den Schulen auch entsprechende Rahmenbedingungen zu gewähren.

BER
Entwürfe liegen weit hinter Erwartungen zurück
Nach Sicht der Entwürfe können auch viele Eltern noch nicht nachvollziehen, wie die Standards zu einer besseren Qualität der einzelnen Schulen führen sollen. Dem Bundeselternrat (BER) fehlen "grundlegende Aussagen zu fachdidaktischen, pädagogischen und lernpsychologischen Kernideen, die einer konkreten Idee des Lernens zu Grunde liegen sollten". Seiner Ansicht nach sind die Standards zu unklar und "erfüllen den Anspruch auf Orientierung, Transparenz, Planungshilfe, Hinweis für Förderbedarf und ein neues Verständnis für Notengebung und Zertifizierung bisher nicht".

LSV NRW, LSR Sachsen-Anhalt
Entwürfe werden im Wesentlichen anerkannt
Und auch Schüler meldeten sich zu Wort. Während die LandesSchülerInnenvertretung NRW eine im Grunde kritische Einstellung gegenüber der Einführung von Bildungsstandards vertritt, befindet sie die beschriebenen Bereiche im Wesentlichen für richtig. Auch "die Aufgabenbeispiele scheinen die Anforderungen aus den vorhergehenden Punkten" widerzuspiegeln. Allerdings fragt sie sich, "ob es seitens der KMK Planungen oder Ideen gibt, die Schülerinnen und Schülern helfen sollen, die in dem jeweiligen Fach Probleme haben!?". Dagegen begrüßt der Landesschülerrat Sachsen-Anhalt die Einführung der Bildungsstandards und bewertet die Entwürfe als sehr ausgewogen und detailliert.

Verabschiedung der Entwürfe
Am Dienstag, dem 30.September 2003 wurden die vorläufigen Entwürfe der KMK mit circa 80 Vertreterinnen und Vertretern der Organisationen, die eine Stellungnahme abgegeben hatten, im Rahmen einer Fachtagung diskutiert. Die Arbeitsgruppen und einzelnen Kommissionen haben jetzt die Aufgabe, die Entwürfe zu überarbeiten. Die KMK hält jedoch ungeachtet dessen an ihrem ursprünglichen Fahrplan fest, die Standards für den Mittleren Schulabschluss in Deutsch, Mathematik und erster Fremdsprache auf ihrer Plenartagung am 4./5. Dezember zu verabschieden.
Es bleibt abzuwarten, ob die Standards schließlich eine breitere Zustimmung finden werden.

Standards für den Hauptschulabschluss, die vierte Jahrgangsstufe der Grundschule und weitere Fächer für den Mittleren Schulabschluss folgen im Frühjahr 2004.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 06.10.2003
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