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26. 01. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Bildungsstandards dienen der Schul- und Unterrichtsentwicklung"

Interview mit Prof. Dr. Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, über die Einführung nationaler Bildungsstandards

Bildung PLUS: Die KMK hat der Öffentlichkeit im Sommer 2003 erste vorläufige Entwürfe nationaler Bildungsstandards für den Mittleren Abschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik sowie der ersten Fremdsprache Englisch und Französisch vorgelegt. Was versteht die KMK unter Bildungsstandards, welche Ziele verbindet sie mit ihrer Einführung und wann werden die Standards für die anderen Fächer und Abschlüsse folgen?

Thies: Bildungsstandards greifen allgemeine Bildungsziele auf und legen fest, welche Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe an wesentlichen Inhalten erworben haben sollen. Bildungsstandards konzentrieren sich auf Kernbereiche eines Fachs und beschreiben erwartete Lernergebnisse. Dies ermöglicht auch das Zulassen individueller Lernwege, die Analyse des jeweils erreichten Lernstandes und die individuelle Planung des weiteren Lernens.

Bildungsstandards dienen der Schul- und Unterrichtsentwicklung. Die Verbesserung der Ergebnisse und die Vergleichbarkeit der Chancen stellen sich nicht automatisch ein. Es bedarf hierzu einer systemischen Schulentwicklung mit interner und externer Evaluation. Wenn Schulen aufgefordert werden, verstärkt Unterrichtsentwicklung zu betreiben, heißt das auch, sich regelmäßig des Erfolgs der Arbeit zu vergewissern (interne Evaluation) und sich einer "standardisierten" Rückmeldung der Unterrichtsergebnisse zu stellen (externe Evaluation). Bildungsstandards liefern hierfür die notwendigen Vergleichsmaßstäbe.

Nachdem in einem ersten Schritt Standards für den Mittleren Schulabschluss (nach Jahrgangsstufe 10), zunächst in den Fächern Deutsch, Mathematik und Erste Fremdsprache (Englisch, Französisch) vorgelegt wurden, werden derzeit Bildungsstandards für den Primarbereich (Ende der Jahrgangsstufe 4) in den Fächern Deutsch und Mathematik, für den Hauptschulabschluss (nach Jahrgangsstufe 9) in den Fächern Deutsch, Mathematik und Erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) und für den Mittleren Schulabschluss (nach Jahrgangsstufe 10) in den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie, Chemie und Physik in Fachkommissionen der Kultusministerkonferenz erarbeitet. Auch diese werden vor der Verabschiedung im Jahr 2004 in einer gemeinsamen Fachtagung mit der Öffentlichkeit diskutiert.

Bildung PLUS: Wer hat die Standards erarbeitet und welche Vorarbeiten wurden berücksichtigt? Was passiert mit bereits vorhandenen Standards in Ländern wie Hessen oder Baden-Württemberg?

Thies: Mit der konkreten Erarbeitung der Bildungsstandards sind Arbeitsgruppen betraut worden, die aus Fachdidaktikern und Schulpraktikern aus den Ländern in der Bundesrepublik Deutschland bestehen. Die Arbeiten der Fachkommissionen werden durch eine Steuerungsgruppe unter wissenschaftlicher Beteiligung aus den Bereichen der Unterrichtsforschung und Fachdidaktik koordiniert. Die Ergebnisse der von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Klieme-Expertise vom Februar 2003 wurden bei der Erarbeitung der Standards einbezogen. Diese Standards werden national gelten.

Bildung PLUS: Die Standards werden durchaus kontrovers diskutiert. Bemängelt wird, dass die vorgelegten Bildungsstandards nicht in ein Gesamtkonzept zur Qualitätsentwicklung im deutschen Bildungswesen eingebunden seien. Welche Auffassung vertritt die KMK dazu?

Thies: Die Kultusministerkonferenz sieht es als zentrale Aufgabe an, die Qualität schulischer Bildung, die Vergleichbarkeit schulischer Abschlüsse sowie die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu sichern. Bildungsstandards sind hierbei von besonderer Bedeutung. Sie sind Bestandteile eines umfassenden Systems der Qualitätssicherung, das auch Schulentwicklung, interne und externe Evaluation umfasst. Der kürzlich vorgestellte Bildungsbericht für Deutschland bestätigt erneut große Herausforderungen für das deutsche Bildungswesen: Die Kultusministerinnen und Kultusminister müssen sich auf anspruchsvolle gemeinsame Bildungsziele und Standards verständigen und Verfahren entwickeln, mit denen die Wirksamkeit unseres Bildungssystems regelmäßig systematisch überprüft werden kann. Für Bildung und Erziehung müssen ausreichende Ressourcen bereitgestellt und diese optimal genutzt werden. Es ist noch stärker darauf zu achten, dass die Bildungschancen aller gewahrt werden und eine wirksamere individuelle Förderung erfolgt.

Bildung PLUS: Standards sollen die Qualität der Schulen fördern und nicht zum Ranking oder zur Selektion missbraucht werden. Wie will die KMK gewährleisten, dass die Standards zu einem Instrument der Förderung möglichst vieler Schülerinnen und Schüler werden?

Thies: Abschlussbezogene Bildungsstandards erlauben die Vergleichbarkeit der Abschlüsse, unabhängig davon, in welchem Bildungsgang sie erworben wurden. Da in Deutschland mit Abschlusszeugnissen auch Zugangsberechtigungen erteilt werden, kann somit das Vertrauen in die Abschlüsse gestärkt werden. Hiermit wird gleichzeitig auch ein Beitrag zur "Bildungsgerechtigkeit" geleistet. Darüber hinaus geben abschlussbezogene Standards auch Orientierung für die vorlaufenden Jahrgangsstufen. Aus einem über Schulformen bzw. Bildungsgänge hinweg formulierten gemeinsamen Rahmen von Kompetenzerwartungen lassen sich dann unterschiedliche Profile ableiten.

Bildung PLUS: Die Einführung der Standards stößt vielerorts auf Zuspruch, kritisiert werden hingegen die rasche Einführung und die knappe Zeit, die der Fachöffentlichkeit zur Stellungnahme zur Verfügung standen. Geht die schnelle Einführung der Standards zu Lasten verbindlicher und eindeutiger Kriterien?

Thies: Die Standards wurden in relativ kurzer Zeit auf sehr hohem Qualitätsniveau entwickelt. Das liegt auch daran, dass es in vielen Ländern bereits ausgearbeitete Konzepte gab, auf die aufgebaut werden konnte, das Thema ist nicht neu erfunden. Allerdings verstehen wir uns dabei als Lernende Organisation und werden die Standards ständig überprüfen und weiterentwickeln.

Bildung PLUS: Am 30. September 2003 wurden die Bildungsstandards gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertreter der Organisationen, die eine Stellungnahme zu den Entwürfen abgegeben hatten, auf einer Fachtagung diskutiert. Welche Auswirkungen hat das auf die Standards?

Thies: Die Anregungen und Stellungnahmen der Tagungsteilnehmer zu den Standards wurden während der Tagung in fachspezifischen Arbeitsgruppen in die Entwürfe eingearbeitet. Wir sehen uns durch große Resonanz des Fachpublikums und die engagierten Beiträge in unserer Arbeit sehr bestätigt.

Bildung PLUS: Wie garantiert die KMK zukünftig die Umsetzung der Standards? Hat die verbindliche Einführung nationaler Bildungsstandards eine Abnahme der Verantwortung der einzelnen Länder zur Folge?

Thies: Die Einhaltung der Standards soll sowohl landesweit als auch länderübergreifend überprüft werden. Im Jahr 2006 soll mit der Normierung der Testinstrumente für den späteren Einsatz zur Überprüfung der Einhaltung der bundesweit geltenden Bildungsstandards begonnen werden. Die Kultusministerkonferenz hat sich darauf verständigt, hierzu ein wissenschaftliches Institut der Länder zur Qualitätssicherung zu gründen, das Aufgabenpools entwickelt. Diese dienen sowohl der Erstellung als auch der Verortung von länderübergreifenden und landesspezifischen Aufgaben, aber auch von Klassenarbeiten. Damit werden neue Formen der Vergleichbarkeit von Lernergebnissen und der Rechenschaftslegung in unserem Bildungssystem etabliert, die nicht nur den aktuellen Stand verlässlich beschreiben, sondern auch Hinweise auf notwendige Weiterentwicklungen für das Bildungssystem zeitnah liefern können. Dies ist, wie das Beispiel anderer Staaten zeigt, ein längerfristiger Prozess.

Das Institut soll auf diese Weise die verschiedenen Bemühungen der Länder um eine höhere Qualität in Unterricht und Schule stärken, eine Kultur der Transparenz, Rechenschaftslegung und der Ergebnisorientierung in den Schulsystemen und Schulen der Länder fördern, dabei mit den pädagogischen Landesinstituten oder anderen von den jeweiligen Kultusbehörden beauftragten wissenschaftlichen Einrichtungen zusammenarbeiten und eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit betreiben.


Prof. Dr. Erich Thies, Jahrgang 1943, war Rektor der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der Pädagogischen Hochschulen Baden-Württembergs, bevor er 1994 eine Professur für Philosophie und Pädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin erhielt. In den Jahren 1992-1998 war er Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin. Seit Oktober 1998 ist er Generalsekretär der Kultusministerkonferenz.

 

 



 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 26.01.2004
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