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26. 10. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir sprechen nicht mehr von Studenten, sondern von Kunden"

Die australischen Universitäten im Spannungsfeld von Wirtschaftlichkeit und Wissenschaftlichkeit

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Dr. Axel Fliethmann

Bildung Plus: Mit dem "Australian Qualifications Framework" will die australische Regierung alle Universitäten des Landes auf ihre Qualität überprüfen und evaluieren. Sie wirken an der australischen Monash University, der größten Universität des Landes: Wie sehen diese Kontrollmechanismen konkret aus, und wie werden gute oder schlechte Leistungen differenziert?

Fliethmann: Diese Umstellung ist erst kürzlich erfolgt. Es wird momentan versucht, das Framework einzusetzen. Aber zurzeit gibt es nur Testläufe, die die Forschung und administrative Tätigkeiten überprüfen. Bisher wurde ein quantitativer Ansatz verfolgt, das bedeutet für die Dozenten, dass pro Aufsatz, Doktorand und Master-Student den Universitäten eine bestimmte Summe zur Verfügung gestellt wurde. Es gibt interne Erfolgskontrollen, und wer nicht publiziert, bekommt Druck. Das kann sogar soweit gehen, dass Professoren entlassen werden und nach einer Abfindungszahlung die Universität verlassen.

Da sich dieser quantitative Ansatz auf Dauer aber auf die Qualität auswirkt, wird jetzt versucht, das englische Modell des Research Quality Framework zu übernehmen. Es ist aber noch nicht klar, wie dieser zusätzliche administrative Aufwand geregelt werden soll, denn letztendlich müssen ja die Kollegen die Arbeit ihrer Kollegen begutachten. Generell sind die australischen Universitäten sehr viel stärker auf Kontrolle ausgerichtet als die deutschen. In Deutschland herrscht viel größere Freiheit für den einzelnen Akademiker. In Australien ist der Druck der Regierung spürbar.

Bildung Plus: Wie macht sich der Einfluss der Bildungspolitik an den Universitäten bemerkbar?

Fliethmann: Es besteht zwar eine Länderhoheit in Bildungsfragen, aber trotzdem hat die Regierung in den letzten Jahren viele Bildungsfragen, wie die Einführung des Einheitsabitur, von Canberra aus geregelt. Es gibt ein starkes politisches Monitoring des universitären Systems. Vor zwei Jahren wurde ein spezielles Komitee des Wissenschaftsministeriums eingerichtet, das bei sämtlichen Forschungsanträgen ein direktes Vetorecht besitzt. Auch das Verfahren zur Antragsstellung wird indirekt gelenkt. Die Regierung hat einen Katalog von bevorzugten Themen herausgegeben, die erforschbar sind. Man muss also sehen, dass die eigenen Forschungsanträge in den Katalog der Regierung passen, sonst werden sie nicht finanziert. Bestimmte Themen wie Naturwissenschaften, Biogenetik und Terrorismusforschung werden priorisiert, andere Fächer fallen heraus und müssen sich neu erfinden, um in den Katalog zu passen. Diese versuchte Lenkung durch die Politik ist ein Unding in einem westlichen Bildungssystem. Das sind direkte Eingriffe in die Universitätslandschaft, die in Deutschland hoffentlich nicht vorkommen werden.

Bildung Plus: Wie wirkt sich der ökonomische Ansatz auf die Wissenschaftlichkeit aus?

Fliethmann: Es gibt den schleichenden Ansatz, ein naturwissenschaftliches Frame über alle Universitäten zu stülpen. So wie die Naturwissenschaften, müssen es auch die anderen Disziplinen machen, also zum Beispiel die Bewertung nach einem Punkte-System einführen. Das ist im geisteswissenschaftlichen Bereich natürlich schwierig. Wir werden aber gezwungen, solche Kriterien anzuwenden, weil es eine Tendenz zur Vereinheitlichung an den australischen Universitäten gibt. Das hängt mit dem "Corporate"-Verständnis der Universitäten zusammen.

Die Gleichung "ein Dollar, eine Wahrheit" gibt es jedoch nicht. Auf der anderen Seite geht gute Forschung mit sehr guter finanzieller Ausstattung einher. In Bereichen wie der Medizin ist die Monash University weltführend, während in anderen Bereichen wie den Geisteswissenschaften, die finanziell schlechter dastehen, die Qualität kontinuierlich sinkt. Wenn man nach Aufsätzen bezahlt wird, achtet man nicht mehr darauf, hundert Bücher für einen Text zu lesen, sondern beschränkt sich auf zwanzig. Und zwei oder drei Aufsätze bringen eben mehr als einer.

Bildung Plus: Was können Bund und Länder in Deutschland vom australischen System lernen?

Fliethmann: Der wichtigste Punkt für mich ist die soziale Einbindung der Karriere. Diese Weichenstellung passiert in Australien relativ früh, im Prinzip direkt nach der Doktorarbeit, die im Schnitt sehr viel früher beendet wird als hier in Deutschland. Mit Ende zwanzig wissen die Leute, ob sie eine Chance haben oder nicht. Hier in Deutschland hängen sie bis zum Ende der Habilitation in der Luft und sind dann Anfang bis Mitte vierzig. Das sind mehr als zehn Jahre Unterschied, und das macht sich sozial bemerkbar: beispielsweise im größeren Engagement für das eigene Fach oder auch im Umgang mit Kollegen und Studenten. Zudem sind die Hierarchien in Australien flacher. Auch auf den unteren Stufen der Karriereleiter kann man mit seinen Forschungsprojekten zum Dekan der Universität gehen. Das ist in Deutschland undenkbar.

Bildung Plus: Der Vize-Kanzler und Präsident der Monash University, Prof. Richard Larkins, hebt vor allem die Vernetzung der Universität mit den lokalen Schulen, der Industrie und der Regierung hervor. Fehlt den deutschen Universitäten eine intensivere Verzahnung mit externen Institutionen?

Fliethmann: Die Vernetzung von Schule, Universität und Beruf ist in Australien sehr viel stärker ausgeprägt, als es in Deutschland der Fall ist. In Australien wird schon während der Primary Education entschieden, wer auf welche Privatschulen geht. Diese Netzwerke wachsen und stellen hinterher ökonomische und politische Weichen. Es stimmt allerdings nicht, dass die Abgänger von privaten Schulen den Absolventen der öffentlichen Universitäten überlegen sind. Die Studenten, die aus solchen gefestigten Netzwerken kommen, nehmen die Lehrveranstaltungen nicht ganz so ernst wie staatliche Studenten, die aus anderen Verhältnissen kommen und engagierter zu Werke gehen. Privatschüler sehen sich oft schon als gemacht an.
        
Bildung Plus: Sie haben in Deutschland Ihren Magister und Doktor gemacht. Wie sehen Sie die Wertigkeit dieser Abschlüsse im Vergleich zu den australischen Gegenstücken Bachelor und Master?

Fliethmann: Ich weiß nicht, ob der Bachelor in Deutschland mit einer vergleichbaren Wertigkeit eingeführt wird. Das hängt mit dem Schulsystem zusammen, denn in Australien beginnt ein wesentlich höherer Anteil eines Jahrganges ein Studium an der Universität. Wenn man das auf Deutschland übertragen würde, hieße das, dass nicht nur sämtliche Gymnasiasten sondern auch ein Teil der Real- und Hauptschüler ins Studium gehen würde. Entsprechend heterogen ist das Niveau, man hat in einer Gruppe Studenten, die sehr gut ausgebildet sind, und Studenten, die extrem schlecht ausgebildet sind.

Der Bachelor in Australien orientiert sich am klassischen schottischen Modell, bei dem vier Fächer ausgewählt werden, die beliebig kombinierbar sind. Man kann beispielsweise Betriebswirtschaft, Chinesisch, Sport und Deutsch studieren. Ob die Qualität die gleiche ist, bezweifle ich, weil es weniger Kontinuität in diesem Studium gibt. Das deutsche System, in dem konzentrierter, fachbereichsorientierter und länger studiert wird, ist qualitativ hochwertiger. In Australien durchlaufen 70 Prozent der Studenten ein Schnellstudium und starten mit 20, 21 Jahren ins Berufsleben. Da fehlt es dann manchmal schon an dem, was wir Allgemeinbildung nennen.
 
Bildung Plus: Droht den australischen Universitäten langfristig eine Zukunft als Bildungsdienstleister, die bemüht sind, ihre Kunden mit guten Noten bei der Stange zu halten?

Fliethmann: Auch das fängt schon in der Schule an, denn wenn die Eltern viel Geld dafür bezahlen, kann das Verfehlen des Schülers natürlich nur ein Verfehlen des Lehrers sein. Das setzt sich in den Universitäten fort. Einen Blankoscheck gibt es aber nicht, und man kann auch nicht jeden durchkommen lassen. Allerdings ist man in den Bereichen, die auf die internationalen Studenten angewiesen sind, etwas vorsichtiger, da diese Studenten ein enormes Geld in die Kassen der Universitäten spülen. In den Bereichen der Wirtschaftswissenschaften und der Informationstechnologie gab es Fälle, wo eine Klausur nachgeschrieben wurde, weil prozentual zu viele Studenten nicht bestanden hatten. Das hat sicher mit dem finanziellen Druck zu tun, dem die australischen Universitäten ausgesetzt sind, die sich in der Tat als Dienstleister begreifen. Wir sprechen offiziell nicht mehr von Studenten sondern auch von Kunden. Das ist Jargon, wie überhaupt vieles an den australischen Universitäten Manager-Talk ist. In der Verwaltung sind professionelle Manager am Werk. 

Das "Mehr an Geld", das die Universitäten - auch durch die Studiengebühren - verdienen, fließt allerdings nicht unbedingt in bessere Ausbildung und Forschung oder Neueinstellungen, sondern auch in Prachtbauten der Verwaltung und risikoreiche Projekte. Die Gründung eines Campus in Südafrika oder die Eröffnungen von Niederlassungen in London und Malaysia lassen sich nicht wissenschaftlich rechtfertigen und fahren zum jetzigen Zeitpunkt sogar Verluste ein, haben aber strategische Bedeutung für die Zukunft. Man muss schon ernst nehmen, dass die australischen Universitäten sich als Unternehmen verstehen und entsprechend handeln.

Bildung Plus: Erwarten Sie für Deutschland eine ähnliche Entwicklung?

Fliethmann: Ich kann nur hoffen, dass hier ein Mittelweg gesucht wird. Die positive Seite der australischen Universität zeigt, dass man durch mehr wirtschaftliche Steuerung unter Umständen auch mehr Freiheiten schaffen kann. Allerdings kann man eine Universität nicht ausschließlich nach betriebswirtschaftlichen Kriterien betreiben. Dann gäbe es zum Beispiel keinen Fächerkanon mehr.
 
Bildung Plus: Welche Vorzüge und Besonderheiten zeichnet die Hochschulen in Deutschland aus?

Fliethmann: Es gibt einen schönen Satz von Lichtenberg: "Der englische Gelehrte macht das Buch zu früh zu und der deutsche Gelehrte hält es zu lange auf. Beides hat in der Welt seinen Nutzen". Manchmal muss man das Buch, wie in Australien, früher zumachen und eröffnet sich damit Möglichkeiten, die man sich sonst verbauen würde. Das deutsche System hingegen neigt dazu, erst historisch alles abzuarbeiten, bevor es sich an eigene Ideen wagt. Der kürzere Weg kann funktionieren, kann aber auch fatal sein. Die Risiken sind größer, wenn man die Bücher früher zumacht, aber man ist natürlich flexibler und kann Strukturen leichter ändern. Nicht umsonst sind die Restrukturierungen an den deutschen Universitäten in der letzten Zeit oft von amerikanischen Impulsen ausgegangen. In Australien scheut man sich nicht, neue Ansätze auszuprobieren. Wir haben kürzlich in Monash einen Übersetzungsstudiengang eingerichtet. Das wird ein paar Jahre ausprobiert, und wenn es nicht funktioniert, wird er wieder abgeschafft. Deutsche Universitäten tun sich mit diesem "Erfindertum" schwer. Ich wüsste auch gar nicht, welche Institution sich hier in Deutschland dafür zuständig fühlt.


Dr. Axel Fliethmann arbeitet seit 2002 als Dozent an der Monash University in Clayton, Australien und wirkt dort an der School of Languages, Cultures and Linguistics. Zwischen 1995 und 2001 arbeitete er als Assistent von Prof. Wilhelm Voßkamp und Prof. Georg Stanitzek an der Universität Köln am Forschungsprojekt "Medien und kulturelle Kommunikation".

Autor(in): Matthias Denke
Kontakt zur Redaktion
Datum: 26.10.2006
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