DIPF-Logo

Deutscher Bildungsserver

Innovationsportal

Suche




Hier beginnt der Inhalt:

30. 04. 2003

 

  • Diese Seite posten:
  • Edutags-Logo
  • g+
  • Twitter-Logo
  • Facebook-Logo
  • Delicious-Logo

Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Das gesamte System gehört auf den Prüfstand", Teil 2

Rollentausch: Fünf Journalisten über die Reform im Bildungssystem

In dieser Woche veröffentlichen wir Interviews mit  Karl-Heinz Heinemann, freier Journalist, Martin Spiewak, "Die Zeit" und Hans-Herbert Holzamer von der "Süddeutschen Zeitung".


Wir haben folgende Fragen gestellt:

  1. Bildungsthemen sind seit Jahren wichtiger Bestandteil Ihrer Berichterstattung. Worüber hätten Sie dabei gern öfter berichtet?
  2. Was hat PISA für den Reformprozess im Bildungsbereich gebracht und benötigen wir weitere "PISA-Schocks"?
  3. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Arbeit und die Ergebnisse des Forum Bildung?
  4. Als Bildungsjournalist/in beobachten Sie die Reformbemühungen im Bildungsbereich sehr genau. Was müsste sich in Bund und Ländern als Erstes ändern, um grundlegende Verbesserungen zu erreichen?
  5. Welchen Ratschlag möchten Sie Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitikern ins Stammbuch schreiben?

 

Karl-Heinz HeinemannKarl-Heinz Heinemann

Bildung PLUS: Bildungsthemen sind seit Jahren wichtiger Bestandteil Ihrer Berichterstattung. Worüber hätten Sie dabei gern öfter berichtet?

Heinemann: Eine vielleicht etwas unernste Vision: Ich würde gern eine realitätsnahe Soap-Opera schreiben, die sich um ein Lehrerzimmer zentriert, in dem sich gute Zeiten und schlechte Zeiten, nein, gute Seiten und schlechte Seiten der Akteure in den Schulen widerspiegeln. Ein etwas realistischeres Projekt habe ich jetzt in Angriff genommen, das mache ich genauso gern - zusammen mit einer Lehrerin und den Schülern einer Hauptschulklasse deren Selbstdarstellungen erarbeiten: wo und wie können sie ihre Stärken und Perspektiven entwickeln?

Bildung PLUS: Was hat PISA für den Reformprozess im Bildungsbereich gebracht und benötigen wir weitere "PISA-Schocks"?

Heinemann: Mehr zu wissen ist immer gut - durch Pisa und nun durch IGLU wissen wir zum Glück mehr darüber, was Schule nicht bewirkt und was sie bewirken kann. Was sie bewirkt ist deprimierend, und ich hoffe, dass die Depression so tief geht, dass aus der Krise der Wille und die Kraft zur Veränderung entsteht. Klar, noch ein Pisa und noch ein IGLU, warum nicht? Vielleicht deshalb nicht, weil irgendwann der Zeitpunkt gekommen ist, wo man nicht mehr weiter misst und vergleicht, sondern auch mal den Mut zur Veränderung beweisen muss. Wir müssen nicht nur wissen, was heute schief läuft, sondern wo wir in 20 Jahren hin wollen. Sehen Sie sich mal unter diesem Aspekt den Maßnahmekatalog der KMK zu Pisa an!

Bildung PLUS: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Arbeit und die Ergebnisse des Forum Bildung?

Heinemann: Natürlich hat das Forum Bildung das Lob verdient, auch schon fast alles gesagt zu haben, was die Kultusminister dann als Konsequenz aus Pisa verkündet haben. Aber ihm haftet auch der gleiche Fehler an: Es hat sich zu sehr auf das Wahre Schöne Gute beschränkt - Vorschulerziehung, Ganztagsschule zum Beispiel, und hat die heißen Eisen - die Strukturfrage umschifft (umschiffen müssen).

Bildung PLUS: Als Bildungsjournalist beobachten Sie die Reformbemühungen im Bildungsbereich sehr genau. Was müsste sich in Bund und Ländern als Erstes ändern, um grundlegende Verbesserungen zu erreichen?

Heinemann: Als erstes müssten die Länder damit aufhören, den letzten Rest an (gemeinsamer) Bildungsplanung in der BLK auflösen zu wollen.
Dann - in den Kindergärten obligatorische und kostenfreie Vorschulklassen mit Sprachförderung einrichten, dafür wissenschaftlich ausgebildetes Personal einstellen, die Grundschule auf sechs Jahre verlängern, alle weiterführenden Schulen verpflichten, die einmal aufgenommen Kinder bis zum Zehnklassenabschluss zu führen, also niemanden mehr abschieben dürfen, nach dem Zehnklassenabschluss für alle Schülerinnen und Schüler ein obligatorisches halbjähriges Berufspraktikum einführen, eine Oberstufe mit parallelen allgemeinen und beruflichen Bildungsgängen einrichten, sie alle den Zugang zur Hochschule eröffnen können, zu Hochschulen, an denen das Prinzip des forschenden Lernens wichtiger ist als das Kontostand bei den Credits(-punkten).

Bildung PLUS: Welchen Ratschlag möchten Sie Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitikern ins Stammbuch schreiben?

Heinemann: Wenn Sie etwas verbessern wollen, müssen Sie zuerst Ihr Personal erreichen! Kämpfen Sie um das Vertrauen von Lehrerinnen und Lehrern! Entwickeln Sie eine Vision! Entwickeln Sie gemeinsam mit Ihnen Ziele und dann die Schritte, wie auch die schon etwas müderen Lehrer diese Ziele erreichen können.

 

Martin Spiewak
Foto: © Roswitha Hecke

Martin Spiewak

Bildung PLUS: Bildungsthemen sind seit Jahren wichtiger Bestandteil Ihrer Berichterstattung. Worüber hätten Sie dabei gern öfter berichtet?

Spiewak: Ich kann mich nicht beschweren. Über all das, was ich berichten wollte, konnte ich in meiner Zeitung berichten. Ebenso bot die Bildungslandschaft genug Themen, die ich interessant fand und die bei den Leser meist auf Interesse stießen. Dass es häufig Probleme oder negative Anlässe waren - Pisa, Bildungsmisere der Migranten, Exodus deutscher Nachwuchswissenschaftler -, über die wir berichtet haben, stört mich nicht. So ist nun einmal die deutsche Realität, die nun deutlich beim Namen genannt wird.

Bildung PLUS: Was hat PISA für den Reformprozess im Bildungsbereich gebracht und benötigen wir weitere "PISA-Schocks"?

Spiewak: So weit man das heute bereits beurteilen kann, hat Pisa viel gebracht. Es war das so etwas wie das BSE oder Tschernobyl der deutschen Schule, ein Ereignis, das die ganze Schulmisere in diesem Land auf einen Begriff brachte, und die Bildungsinstitutionen, Politik und Gesellschaft wachgerüttelt hat. Auch wenn sich die langfristigen Folgen erst erweisen müssen, glaube ich schon jetzt, dass sich in den letzten zwei Jahren in der Schule und der Schulpolitik mehr real verändert hat  als in den 15 Jahren davor. Zudem hat Pisa die deutsche Bildungsdebatte auf eine empirische Grundlage gestellt. Bislang wussten wir so gut wie nichts über unsere Schulen und ihre Schüler. Durch die internationalen Vergleiche kommt etwas Lichts ins Dunkel. Ich glaubte nicht, dass wir weitere Schocks brauchen, irgendwann wird das Publikum immun dagegen. Was wir jedoch sehr wohl brauchen sind weitere kontinuierliche Untersuchungen, die auch in die Mikroebene, den Unterricht hineingehen. Wo ich mir jedoch einen Pisa-Schock wünsche, wäre die deutschen Universitäten.

Bildung PLUS: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Arbeit und die Ergebnisse des Forum Bildung?

Spiewak: Ich hatte mit dem Forum Bildung bisher wenig Kontakt, lese ab und an einen Artikel und beziehe den newsletter. Ob das Forum politisch große Wirkung hat, möchte ich bezweifeln.

Bildung PLUS: Als Bildungsjournalist beobachten Sie die Reformbemühungen im Bildungsbereich sehr genau. Was müsste sich in Bund und Ländern als Erstes ändern, um grundlegende Verbesserungen zu erreichen?

Spiewak: Pisa, Iglu etc. haben gezeigt, dass es an vielen Ecken brennt und dass das gesamte System vom Kindergarten bis zum Abitur (Hochschule ohnehin) auf den Prüfstand gehört. Also Frühförderung, Standards, Schulvergleiche, bessere Förderung, bessere Lehrerausbildung etc. Was ich aus politischen Gründen am dringlichsten finde, ist die Förderung der Migranten. Wenn in diesem Bereich nicht schnell etwas passiert, werden wir das Problem nicht mehr bildungspolitisch regeln können. Dann wird es zum Problem von Sozialarbeit, Polizei und Justiz!

Bildung PLUS: Welchen Ratschlag möchten Sie Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitikern ins Stammbuch schreiben?

Spiewak: Genauer hinschauen auf die (Detail-)Ergebnisse der internationalen Bildungsvergleiche, mehr Demut und Schuldbewusstsein: Die jetzige Bildungsmisere ist auch eine Konsequenz eines totalen Versagens der deutschen Bildungspolitik aller Parteien.

 

Hans-Herbert HolzamerHans-Herbert Holzamer

Bildung PLUS: Bildungsthemen sind seit Jahren wichtiger Bestandteil Ihrer Berichterstattung. Worüber hätten Sie dabei gern öfter berichtet?

Holzamer: Über vieles. Über das krasse Missverhältnis von Sprüchen und Taten, über Belege dafür, dass nur eine gebildete Gesellschaft zukunftsfähig ist, über die Problematik der GAT-Verhandlungen und der Probleme der Globalisierung im Bildungsbereich, über die Relevanz der Weiterbildung, über blended learning,  ..

Bildung PLUS: Was hat PISA für den Reformprozess im Bildungsbereich gebracht und benötigen wir weitere "PISA-Schocks"?

Holzamer: PISA hat viel ausgelöst, man müsste den Wettbewerbsgedanken jetzt auf die Schulen herunter brechen, dass könnte einen Motivationsschub auslösen

Bildung PLUS: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Arbeit und die Ergebnisse des Forum Bildung?

Holzamer: Das Forum Bildung war und ist die relevanteste Plattform der Bildungsdebatte in Deutschland. Es müsste und könnte sich noch viel besser verkaufen.

Bildung PLUS: Als Bildungsjournalist / -in beobachten Sie die Reformbemühungen im Bildungsbereich sehr genau. Was müsste sich in Bund und Ländern als Erstes ändern, um grundlegende Verbesserungen zu erreichen?

Holzamer: Bund und Länder müssten einsehen, dass Bildung zu wichtig ist, um sie den Politikern und ihren leeren Wahlversprechungen zu überlassen

Bildung PLUS: Welchen Ratschlag möchten Sie Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitikern ins Stammbuch schreiben?

Holzamer: Ehrlich zuzugeben, was sie wirklich ändern könnten, wenn sie wollten; zu ihren Vorschlägen zu stehen und die benennen, die die Bildungsreformen ihrer Meinung nach in diesem Land seit Jahrzehnten blockieren.  

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 30.04.2003
© Innovationsportal

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion von Bildung + Innovation erlaubt.

Die Redaktion des Online-Magazins Bildung + Innovation arbeitet journalistisch frei und unabhängig. Die veröffentlichten Beiträge bilden u. a. auch interessante Einzelmeinungen zum Bildungsgeschehen ab; die darin zum Ausdruck gebrachte Meinung entspricht nicht notwendig der Meinung der Redaktion oder des DIPF.

Mehr zum Thema in "Bildung + Innovation"