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11. 04. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir riskieren die Zukunft unserer Kinder..."

Für "McKinsey bildet." ist Bildung entscheidend für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Deutschland

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Professor Dr. Jürgen Kluge

Bildung PLUS: Die Unternehmensberatung McKinsey macht schon seit einigen Jahren beim Thema Bildungsreform von sich reden. Warum engagiert sich Ihr Unternehmen so massiv in der Bildungspolitik? Es gibt ja auch Kritiker, die an der Uneigennützigkeit Ihrer Initiativen zweifeln.

Kluge: Wir haben uns sehr früh, noch weit vor PISA, Gedanken über eine umfassende Bildungsreform gemacht. Bildung ist neben Arbeit, Rente und Gesundheit eines der wichtigsten Themen der Reformagenda, vielleicht sogar das wichtigste überhaupt in einem an natürlichen Ressourcen armen Land wie Deutschland. Eine rohstoffarme Volkswirtschaft wie die unsere ist abhängig von Wissen und gut ausgebildeten Menschen. Aus Wissen entstehen Innovationen. Sie fördern das Wachstum. Und Wachstum bedeutet Wohlstand. Wir riskieren unsere Zukunft, die Zukunft unserer Kinder, wenn wir unser Bildungssystem, das einst das Vorbild für die Welt war, weiter vernachlässigen.

Als Unternehmensberatung stellen wir selbst jeden Tag fest, wie wichtig gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Ihr Wissen ist unser Kapital. Auch wir bekommen die Bildungsmisere zu spüren: Im vergangenen Jahr wollten wir 200 neue Berater einstellen. Letztlich haben wir aber nur 130 junge Leute gefunden, die unseren steigenden Qualitätsansprüchen entsprochen haben.

Bildung PLUS: Ist McKinsey Deutschland mit seinem Engagement ein Einzelfall innerhalb der internationalen McKinsey-Familie - vielleicht gerade, weil Deutschland in der Bildung nicht mehr international vorn mit dabei ist?

Kluge: Bislang ist das deutsche Büro von McKinsey das einzige, das eine so große und gezielte Bildungsinitiative gestartet hat. Bei den Kollegen in anderen Ländern stößt unser Engagement aber auf großes Interesse und einige prüfen, ob sich "McKinsey bildet". auch auf ihre Länder übertragen lässt.

Bildung PLUS: Sie persönlich engagieren sich darüber hinaus als Autor und Herausgeber von Büchern wie "Die Bildung der Zukunft". Woher kommt bei Ihnen persönlich dieses Interesse für dieses Thema?

Kluge: Ich selbst habe immer sehr gern gelernt. Ich hatte das große Glück, dass sich meine Eltern, besonders mein Vater, sehr viel Zeit genommen haben, mir die Welt zu erklären. Lernen und Bildung bedeuten für mich Weiterentwicklung, die Welt erkunden, Vielfalt entdecken, Hintergründe verstehen und Toleranz entwickeln.

Bildung PLUS: "McKinsey bildet." heißt Ihre Initiative, die schon seit mehreren Jahren verschiedene Schwerpunkte setzt. Dieses Jahr haben Sie die frühkindliche Bildung ins Visier genommen. Warum hat dieser Bereich so einen hohen Stellenwert im Vergleich zu Schule und Hochschulpolitik?

Kluge: Bildung beginnt bereits in der frühen Kindheit. Kinder wollen lernen, forschen und entdecken. Die Betreuung unserer Kleinsten ist nach internationalen Studien in Deutschland nicht nur mangelhaft, sie ist auch sozial höchst ungerecht. Kinder aus sozial schwachen Familien, besonders wenn ihre Eltern aus dem Ausland stammen, haben es bei uns am schwersten. Das müssen wir ändern. Es geht uns darum, Talente früh zu erkennen und zu fördern, ohne dass wir verkennen, dass es Kinder sind. Bildung muss schon vor der Schule anfangen. Was aus einem Kind wird, hängt davon ab, wie viel Anregungen es in seinen ersten Lebensjahren bekommt. Je früher man ein Kind fördert, desto besser kann es sich entwickeln. Darin sind sich auch alle Wissenschaftler und Experten einig.

Bildung PLUS: Die Mühlen der Bildungspolitik mahlen bekanntlich langsam. Wie wirken Sie über die Initiative "McKinsey bildet." hinaus daran mit, die notwendige Bildungsreform in Deutschland voranbringen und was können Sie mit Ihrem Engagement überhaupt erreichen?

Kluge: Die OECD bescheinigt Deutschland ein erhebliches Defizit vor allem bei der Verfügbarkeit von Betreuungsmöglichkeiten und beim Qualifikationsniveau der Erzieherinnen und Erzieher. "McKinsey bildet." will eine Debatte über Bildungsauftrag und Qualitätsstandards der Kindertagesstätten starten sowie Vorschläge diskutieren, um die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern und die Elternbildung zu verbessern. Wir bemühen uns, Wissenschaft und Experten aus der Praxis, politische Entscheider und Vertreter der Wirtschaft zusammenzubringen, um gemeinsam nicht nur Probleme zu analysieren, sondern an deren Lösung zu arbeiten.

Bildung PLUS: McKinsey richtet Bildungswerkstätten wie "Kinder - Forscher und Entdecker" ein. Diesen Bereich haben auch schon andere Initiativen und Projekte entdeckt. Doch dies kann nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Was erwarten Sie konkret von der Bildungspolitik in den nächsten Jahren?

Kluge: McKinsey hat bereits im Herbst 2002 einen Vier-Punkte-Plan mit konkreten Reformvorschlägen präsentiert. Die darin enthaltenen Forderungen sehe ich immer noch als wesentliche Aspekte einer sinnvollen Bildungspolitik: den Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder vor allem unter drei Jahre, die Einführung von Qualitätsstandards und deren konsequente Messung, mehr Freiräume und Autonomie für Schulen und Hochschulen beispielsweise bei der Besetzung von Stellen oder bei der Einführung leistungsabhängiger Gehaltskomponenten. Die Einführung von Studiengebühren begrüße ich. Es kann nicht richtig sein, dass in diesem Land die Kindergartenplätze für sozial Schwache Geld kosten, das Studium dagegen kostenfrei bleiben muss. Ich hätte nichts dagegen, es umgekehrt zu machen.

Bildung PLUS: Was meint denn ein Unternehmensberater zum deutschen Föderalismus in der Bildungspolitik?

Kluge: Wir haben eigentlich mit einem föderalen Aufbau unseres Staates das überlegenere System, wenn man den Wettbewerb zuließe. Stattdessen konterkarieren wir ihn, zum Beispiel mit dem Länderfinanzausgleich. Die besonders gut wirtschaftenden Länder werden bestraft.

In der Bildungspolitik führt das föderale System dazu, dass in jedem Bundesland eine sehr große Bürokratie der Bildungsverwaltung entstanden ist, die auch noch unterschiedliche Standards setzt. Was wir tatsächlich brauchen, sind bundesweite oder besser auch europäische Standards zur Leistungsüberprüfung auf der einen Seite und auf der anderen Seite soviel Autonomie in den Schulen wie möglich. Hier sollten wir den Föderalismus überwinden.


Professor Dr. Jürgen Kluge, geboren 1953, leitet in Düsseldorf seit 1999 das deutsche Büro der international tätigen Unternehmensberatung McKinsey&Company.
Der promovierte Physiker (Universität Köln und Essen mit Schwerpunkt auf experimentelle Laserphysik; Honorarprofessur der Technischen Universität Darmstadt) startete seine Karriere bei McKinsey 1984. Er wurde 1989 zum Partner und 1995 zum Director gewählt. Jürgen Kluge berät vor allem Unternehmen des Automobil-, Maschinen- und Anlagenbaus. Daneben hat er sich vorrangig auf die Themenbereiche Strategie, Technologiemanagement und Innovation konzentriert und dazu zahlreiche Artikel und Bücher publiziert.
Jürgen Kluge rief 2001 die Initiative "McKinsey bildet." ins Leben, die sich für eine umfassende Reform des Bildungssystems in Deutschland einsetzt. Er ist Autor des Buches "Schluss mit der Bildungsmisere" und Mitherausgeber der Suhrkamp-Bände "Die Zukunft der Bildung" und "Die Bildung der Zukunft".

Autor(in): Ursula Münch, Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 11.04.2005
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