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05. 03. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Nur eine gewisse Marktferne garantiert den Markterfolg"

HRK-Präsident Landfried fordert Testjahr für Studierende

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Prof. Dr. Klaus Landfried

Forum Bildung: Das deutsche Schulsystem hat unlängst durch PISA schlechte Noten bekommen. Angenommen, es gäbe so eine PISA-Studie im Hochschulbereich - wo würden sich denn Ihrer Meinung nach die deutschen Hochschulen im internationalen Vergleich platzieren?

Landfried: Eine solche PISA-Studie für den Hochschulbereich halte ich für sinnvoll, sofern hierfür eine wissenschaftsadäquate Methode angewandt und auch tatsächlich vergleichbare Statistiken benutzt werden. Soweit sind wir im Hochschulbereich in den OECD-Ländern aber noch nicht. Insbesondere die unerlässliche Dokumentation von Karriereverläufen von Hochschulabsolventen existiert allenfalls in ersten Ansätzen. Die übliche Evaluationspraxis schaut auf Strukturen und Mindeststandards, ganz nach dem Motto: Wenn die Bedingungen stimmen, stimmt auch das Produkt. Dagegen wäre ein solcher PISA-Test vor allem an Ergebnissen orientiert. Immerhin würde ein derart ehrgeiziges Projekt den Sinn für "Ergebnisverantwortung" bei den Hochschulen und den Wettbewerb um Qualität in Europa stärken. Was die vermutliche Platzierung der deutschen Hochschulen angeht, dürften die Absolventen in Deutschland deutlich besser abschneiden als die Schüler.

Forum Bildung: In diesem Zusammenhang wird häufig die mangelnde Studierfähigkeit der Schulabsolventen beklagt; Sie selbst haben wiederholt Zweifel an der Aussagekraft des Abiturs geäußert. Eine Hochschul-Aufnahmeprüfung soll nun Abhilfe schaffen. Was kann so ein Test prüfen, was das Abitur nicht kann?

Landfried: Ich sehe eine bessere Lösung: das "Testjahr". Auf diese Weise könnten sich die Hochschulen aufgrund einer Serie von ersten Studienleistungen überzeugen, ob die Studierenden für das gewählte Studienfach wirklich geeignet sind. Aber auch umgekehrt erhalten die Studierenden die Chance, auch die Hochschule auf den Prüfstand zu stellen. Die Abiture in den deutschen Ländern sind im Niveau zu unterschiedlich. Ich verspreche Ihnen: Wenn beide Beteiligten prüfen, ob sie "zueinander passen", wird auch die ohnehin statistisch nur schwer belegbare Quote der Studienabbrecher deutlich zurückgehen.

Forum Bildung: Wenn die Hochschulen auf diese Weise die Spreu vom Weizen trennen, bringt das aber nicht unbedingt bessere Schüler hervor, sondern eher weniger Studierende. Und das bei dem allseits beklagten Fachkräftemangel ...

Landfried: Nein, ich erwarte im Gegenteil eine stärkere Schülermotivation für ein gutes - möglichst je Land - Zentralabitur wie z.B. in Bayern, Sachsen, Baden-Württemberg oder im Saarland. Denn das Abitur bleibt ja notwendige, freilich nicht mehr hinreichende Voraussetzung für das Studium.
Zur oft beschworenen Gefahr zurückgehender Studierendenzahlen meine ich: Hier irrt Kassandra. Denn erstens gibt es in Deutschland im Vergleich zum Ausland weniger Studierende, weil viel mehr Ausbildungsgänge über die sehr gute berufliche Bildung laufen. Zweitens nützen mehr, aber "schwache" Fachkräfte auch nichts. Drittens ist aber unstreitig, dass wir deutlich mehr Absolventen insbesondere von Fachhochschulen benötigen. Ohne mehr "Anstrengung" in den Hochschulen bei Lehrenden wie Lernenden sind aber auch die nicht zu haben.

Forum Bildung: A propos Verhältnis Hochschulbildung - berufliche Bildung: Das Forum Bildung fordert in seinen Empfehlungen unter anderem, Bildungswege stärker zu verzahnen und auch verschiedene Lernorte zu verknüpfen. Wo sehen Sie hier Anknüpfungspunkte für die Hochschulen?

Landfried: Die Hochschulen vor allem, aber nicht nur die Fachhochschulen, sollten ihr Bildungsangebot viel stärker in Kooperation mit den Anbietern beruflicher Bildung, d.h. der Wirtschaft entwickeln. Die Fachhochschulen bieten ja bereits sogenannte "duale" Studiengänge in Zusammenarbeit mit Betrieben an. Hier gibt es noch viel Spielraum für mehr Programme. Nur wer das an der Hochschule erlernte Grundlagenwissen frühzeitig an praktischer Erfahrung prüfen und weiterentwickeln kann, wird am Arbeitsmarkt erfolgreich sein. Der Erfolg der Berufsakademien, die zwar nicht den Hochschulen, aber dem Tertiärbereich zuzurechnen sind, beweist das. Das ist kein Widerspruch zur Stärkung der theoretischen Grundlagen- und Methodenkompetenz, sondern deren Ergänzung. Allerdings dürfen die Hochschulen auch nicht jeder Management-Mode hinterherlaufen. Eine gewisse Marktferne garantiert erst den Markterfolg. Dabei unterstützt die Hochschulrektorenkonferenz auch die Einrichtung von berufsvorbereitenden Einrichtungen, wie z.B. Career Services, mit großem Nachdruck. Die hier organisierte Berufsvorbereitung kann dabei zusammen mit externen Partnern bis hin zur Stellenvermittlung gehen.

Forum Bildung: Außerdem fordert das Forum Bildung, dass Bildungseinrichtungen mehr Eigenverantwortung haben müssten. In welchen Bereichen wünschen Sie sich als Präsident der HRK mehr Autonomie für die Hochschulen?

Landfried: In allen. Eigenverantwortung mit transparenter Rechenschaftslegung ist längst international das Paradigma der Zukunft. Dazu gehört das Recht, die Studierenden frühzeitig, d.h. in geeigneten Studienfächern wie z.B. Sport, Kunst, Architektur (wo dies zum Teil schon heute gilt) am Anfang, sonst während des ersten Studienjahres auf ihre Studierfähigkeit hin zu testen. Ferner sollte auch die Disposition über die finanziellen Mittel (Stichwort Globalhaushalt) stärker in die Hände der Hochschulen gelegt werden. Und schließlich sollten über das eigenverantwortliche Management der Liegenschaften - natürlich unter Zuhilfenahme von über Ausschreibung gewonnenen externen Experten - zusätzliche finanzielle Spielräume für Forschung und Lehre gewonnen werden. Auch über die eventuelle Heranziehung der Hochschulabgänger zu sozialverträglichen Kostenbeiträgen sollten die Hochschulen selbst entscheiden und nicht ein paternalistischer Gesetzgeber.

 

 

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 05.03.2002
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