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10. 05. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Am Anfang war Bologna

Hochschulreformen in Deutschland vor dem Hintergrund eines europäischen Hochschulraumes

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Reformen wie am Lehrerbildungszentrum Köln kennzeichnen den Alltag von Hochschulen

Wer die Reformen in der europäischen Hochschullandschaft in Augenschein nimmt, sollte zuvor in ein Brillengeschäft gehen, mehrere Dutzend verschiedene Modelle aufsetzen und erneut an die Hochschulreformen denken. Europäische Initiativen, Reformmodelle des Bundes, der Länder, der Hochschulen, der Studierenden, der Arbeitgeber, der Gewerkschaften - ein unüberschaubares Gewirr von Reformvorschlägen. Doch seit 1999 schauen die unterschiedlichen Gruppen in eine gemeinsame Richtung: Bologna. 

"Europa des Wissens"
Das 1999 in Bologna im Rahmen der gemeinsamen Erklärung der Europäischen Bildungsminister postulierte "Europa des Wissens" wird vermutlich die europäische Hochschul- und Forschungslandschaft völlig umkrempeln. "Die Bedeutung von Bildung und Bildungszusammenarbeit für die Entwicklung und Stärkung stabiler, friedlicher und demokratischer Gesellschaften ist allgemein als wichtigstes Ziel anerkannt, besonders auch im Hinblick auf die Situation in Südosteuropa", heißt es in der Erklärung. Die "Gemeinsame Erklärung der Europäischen Bildungsminister" vom 19. Juni 1999 ist ein Leichtgewicht, das nur eine Handvoll Seiten umfasst. Ihre politische Bedeutung wiegt umso schwerer. 

Aus der Bologna-Erklärung ist ein Bologna-Prozess geworden, ein internationales Riesenprojekt, das aus vielfach getrennten Elfenbeintürmen, die in ganz Europa lose versprengt waren, regionale Zentren des Wissens macht, die sich rege austauschen. In Folge des Bologna-Prozesses soll das Niveau der Hochschulbildung in Europa angehoben werden und Studienabschlüsse sollen in ganz Europa vergleichbar sein und anerkannt werden. Bis 2010 wird angestrebt, Europa zum "dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum" der Welt zu machen, wie im jüngst erschienen "Bundesbericht Forschung 2004" nachzulesen ist.  

Die Herausforderung sieht der Bund darin, den Wettbewerb mit wichtigen Erneuerern in Wissenschaft und Wirtschaft zu bestehen: Japan und USA. Dies ist der Horizont, vor dem die Hochschulreformen in Deutschland zu sehen sind. Bologna liefert das bedeutendste Drehbuch für die europäischen Hochschulreformen. Die Regisseure in den Mitgliedstaaten der EU behalten die Grundzüge der dort skizzierten Innovationen für die Reform ihres Hochschulraumes im Hinterkopf.

Nicht nur die Bildungseinrichtungen in Deutschland stehen hinter der Vereinheitlichung des europäischen Bildungsraumes, auch die Wirtschaft, vertreten durch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitergeber: "Die BDA unterstützt die Zielsetzung dieses Prozesses ausdrücklich und hat sich für eine stärkere Einbindung der Wirtschaft eingesetzt." 

Wird Bachelor neues Regelstudium?
Geeinigt haben sich die europäischen Bildungsminister u.a. auf die Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Studienabschlüsse, das zwei Zyklen umfassen soll - einen bis zum ersten Abschluss (undergraduate) und einen nach dem ersten Abschluss (graduate). Der Bachelorgrad wird nach mindestens drei, der Mastergrad nach fünf Jahren vergeben.

Nach Hans-Uwe Erichsen, dem Vorsitzenden des nationalen Akkreditierungsrates, werden bereits 2005 die deutschen Hochschulen weitgehend auf Bachelor- und Masterstudiengängen umgestellt sein: Schon jetzt können rund 1700 von insgesamt rund 11.000 Studiengängen mit dem Grad des Bachelor oder Master abgeschlossen werden. Der Bachelor könnte bald der Regelstudiengang werden, gerade angesichts der Studiengebühren, die in immer mehr Bundesländern erhoben werden.

"Heiße Bachelor, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum - und sehe, dass wir nichts wissen können!" - so müsste Goethes Faust nach der Hochschulreform aktualisiert werden. Doch gerade in Unternehmen werden die neuen gestuften Studiengänge als Schmalspurstudium belächelt. "Kleine und mittelständische Betriebe können damit momentan noch nicht viel anfangen, meinte Hans-Uwe Erichsen noch im April 2004. Wenigstens die Adressaten, die Studierenden können schon mehr damit anfangen, wie eine Befragung des Prüfungsjahrgangs 2001 ergeben hat. Sie öffnen sich zusehends für den dreijährigen Studiengang, der es ermöglicht, früher in das Berufsleben einzutreten.

Dass es sich auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten lohnt zu studieren, hat eine Studie des Hochschul-Informationszentrums (HIS) gezeigt, die im April 2004 veröffentlicht wurde. Danach konnten knapp 80 Prozent der Fachhochschulabsolventen und rund die Hälfte der Universitätsabsolventen ein Jahr nach dem Abschluss eine Arbeit aufnehmen.

Ein einheitliches und europaweites System zur Anrechnung von Studienleistungen nach dem Muster des European Credit Transfer System (ECTS) wird von den Europäischen Bildungsministern als geeignetes Mittel gesehen, um bei den Absolventen in Europa größtmögliche Mobilität zu fördern. Beschäftigungsfähigkeit (Employability) ist für über 90 Prozent der Hochschulrektoren der am Bologna-Prozess beteiligten Länder ein entscheidender Beweggrund zur Förderung des vereinheitlichten Europäischen Hochschulraumes. 

Europäische Zückerchen für die internationale Elite
Europa fördert die Hochschulbildung indes nicht nur in der Breite, sondern auch in der Spitze. Am 16. März 2004 wurde "Erasmus Mundus" ins Leben gerufen, ein Programm zur Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit der Hochschulen und der Mobilität von Studierenden. "Erasmus Mundus" soll ein international bekanntes Markenzeichen für ein Studium der Eliten werden. Kern des Programms, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, sind rund 100 Masterstudiengänge, die mit einem Doppeldiplom abschließen. Die Studiengänge, die von mindestens drei Hochschulen aus drei europäischen Ländern gemeinsam angeboten werden, sollen rund 5.000 Elitestudierende aus Europa und 1.100 Wissenschaftler aus außereuropäischen Staaten anlocken.  

"Studienangebote höchster Qualität und internationaler Ausrichtung sind die beste Werbung für den europäischen Hochschul- und Forschungsraum, an dem Länder, Bund und Hochschulen gemeinsam bauen", sagte die amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) Doris Ahnen. Das Programm richtet sich unter anderem an Studierende, die einen ersten Hochschulabschluss erworben haben, oder an Wissenschaftler, die eine Lehrtätigkeit ausüben oder in der Forschung vorankommen wollen. Es steht den EU-Mitgliedsländern genauso wie den Beitrittskandidaten wie Rumänien oder Türkei und anderen Drittländern offen.  

Deutschland sucht die Superuni
Zu Beginn des Jahres 2004 hatte eine vom SPD-Vorstand angeschobene Debatte über Eliteförderung die Gemüter erhitzt. Die Diskussion über Eliteuniversitäten war mehr als ein politisches Strohfeuer zum Jahreswechsel.

Am 26. Januar hat die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn einen Wettbewerb mit Namen "Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten" ausgelobt. Dabei werden gleich fünf Hochschulen gesucht, die ab dem Jahr 2006 für den Zeitraum von fünf Jahren mit jährlich jeweils bis zu 50 Millionen Euro bezuschusst werden. Kriterien für exzellente Leistungen sind hierbei: "wissenschaftliche Exzellenz", "modernes Management", "Betreuung der Studierenden", "Internationalisierung" und "Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen". Leuchttürmen gleich sollen diese Spitzenunis internationale Ausstrahlungskraft entfalten. Sillicon Valley lässt grüßen.

Die Kultusministerkonferenz legte ihrerseits am 4. März ein Konzept für die Eliteförderung in Deutschland vor. Danach sollen die Fachbereiche der Universitäten ein "Netzwerk der Exzellenz" bilden. Im deutschen Forschungsraum sollen sich etwa 20 "Exzellenzcluster" bilden, bei denen Fachbereiche der Hochschulen mit außeruniversitären Partnern zusammenarbeiten. Das können Forschungseinrichtungen oder Unternehmen sein. Gefördert werden Disziplinen, bei denen es sich "um Zukunftsfelder handelt, die im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegen". Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wird das Länderprogramm umsetzen.  

Bachelor und Master - neue Gütesiegel für Hochschulen
Im Wettbewerb der Universitäten um Anerkennung und staatliche Zuschüsse spielt die Einführung der Bacherlor- und Masterabschlüsse eine immer größere Rolle. So wurde jüngst die Ruhr-Universität Bochum als "best-practice-Hochschule 2004" durch das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) ausgezeichnet. Das CHE wird gemeinsam von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und der Bertelsmann Stiftung getragen.

Strategiefähigkeit, modernes Management und Serviceorientierung, eingebettet in einem Gesamtkonzept sind Kriterien gewesen, die zur Prämierung führten. Die Ruhr-Universität, mit 35.000 Studierenden eine der größten Universitäten - Musterschüler bei der Umstellung. Diese Hochschule hat es auch verstanden, die Lehrerbildung auf die neuen Abschlüsse umzustellen. Mit einem Schülerlabor, einer Schüler-Uni und einem Beratungsportal erleichtert die Ruhr-Uni überdies den Übergang von Schule zur Hochschule.   

Der Bologna-Prozess kam von oben und kommt unten nicht überall an. Ralf Hoffrogge vom Allgemeinen Studierendenausschuss der Freien Universität Berlin befürchtet, dass Bildung zur Ware verkommt: "So nimmt unter dem Banner des europäischen Humanismus die Hochschulbildung alle wesentlichen Kriterien einer Ware an." Vielleicht sollte die Reform des europäischen Hochschullandschaft gelegentlich mit der Brille von Studierenden wahrgenommen werden, damit die europäischen Wissenschaftseinrichtungen "kreativer, innovativer und ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden", wie Eva-Maria Stange Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.05.2004
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