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13. 03. 2013

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Begabungen sind keine Steine, über die man im Dunkeln stolpern kann; sie sind nicht einfach vorhanden“

Begabungsförderung sollte als integrales Element der Bildung betrachtet werden

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Prof. Dr. Gabriele Weigand und Prof. Dr. Timo Hoyer

Was ist Begabung, und welche Rolle spielt die Förderung von Kompetenzen für die Begabungsentwicklung? Die Online-Redaktion sprach mit Prof. Dr. Gabriele Weigand und Prof. Dr. Timo Hoyer von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe über Begabungen und wie man sie erkennen und fördern kann.


Online-Redaktion: Was ist „Begabung“?

Hoyer: Man muss sich hier vor einem Missverständnis hüten. Begabung wird häufig wie ein Beobachtungsgegenstand oder wie eine wahrnehmbare Eigenschaft behandelt, so als wäre Begabung ein Stück objektiver Natur. Aber das funktioniert so nicht. Was Ronald Dworkin einmal über Werte gesagt hat, trifft auch auf Begabungen zu: Es sind keine Steine, über die man im Dunkeln stolpern kann; sie sind nicht einfach vorhanden. Man kommt der Sache näher, wenn man Begabungen als Interpretationen von unterschiedlichen Sachverhalten versteht: Jemand lernt schneller als üblich, begreift komplexe Zusammenhänge mühelos, jemand anderes beherrscht ungewöhnlich früh ein Instrument oder kann sich künstlerisch erstaunlich gut ausdrücken usw. Aus solchen Beobachtungen, die natürlich auch schon Interpretationen sind, wird dann u. U. geschlossen, die Person habe eine Begabung. Dieser Schluss ist aber keineswegs objektiv oder zeitlos gültig. Denken Sie an die Geschichte vom 12-jährigen Jesus, der sich am Passatfest zu den Rabbinern setzte und mit ihnen auf Augenhöhe diskutierte. Ein hochbegabter Junge, würden wir heute sagen und erwarten, dass die Gelehrten sich um dieses Nachwuchstalent rissen. Aber sie ließen ihn ohne Anstalten ziehen! Es gab damals weder einen Begriff von Begabung noch ein sonderliches Interesse an Talentförderung. Wir sprechen in unserem Buch „Begabung. Eine Einführung“ deshalb vom sozialen Konstrukt Begabung, weil wir zeigen können, dass das Begabungs- und Hochbegabungsverständnis stark von gesellschaftlichen und mentalitätsgeschichtlichen Faktoren abhängig und in wechselnde kulturelle Praktiken eingebunden ist.

Online-Redaktion: Es gibt also keine Definition von Begabung und Hochbegabung?

Hoyer: In der einschlägigen Literatur liest man, es gäbe unzählige Definitionen. Das stimmt insofern, als eine erhebliche Zahl voneinander abweichender Theorien zu erklären versuchen, wie Begabungen entstehen, ob sie sich entwickeln, aus welchen Elementen sie zusammengesetzt sind, wie sie sich äußern usw. Alles in allem werden Begabungen dabei aber ganz überwiegend als ein Potential begriffen, genauer gesagt als ein Fähigkeits- oder Leistungspotential. Prinzipiell können solche Potentiale in allen möglichen Praxisfeldern in Erscheinung treten. Im Sport, im Handwerk, auch in zwischenmenschlichen und emotionalen Bereichen wird bisweilen von Begabungsunterschieden gesprochen. Schaut man sich aber den Werdegang des Begabungskonstrukts in der Psychologie und Pädagogik an, dann steht hier von Beginn an eindeutig das intellektuelle Potential im Vordergrund. Und bei der so genannten Hochbegabung ist das erst recht der Fall.

Online-Redaktion: Wie erkennt man Hochbegabung?

Hoyer: Die gängigste Antwort darauf ist: mit einem Intelligenztest. Als hochbegabt gilt in Deutschland in der Regel, wer einen IQ von mindestens 130 nachweisen kann. Die meisten Hochbegabtenschulen verlangen solch einen Nachweis gewissermaßen als Eintrittskarte. So klar und eindeutig solch ein Wert klingt, so uneinheitlich sind die Testverfahren. Standardisierte Intelligenztests können recht einfach gestrickt, aber auch überaus komplex aufgebaut sein. Überdies kursieren noch eine Reihe von „weicheren“ Kriterien zur Identifikation Hochbegabter: Lernt die betreffende Person schneller als andere, ist sie besonders motiviert, zeigt sie außergewöhnlich starke Interessen und ein kreatives Denkvermögen, fühlt sie sich zu älteren Personen hingezogen und dergleichen. Aus solchen Typologien sind regelrechte Checklisten entstanden, die aber mit großer Vorsicht zu genießen sind. Es ist schlichtweg falsch zu glauben, dass es den Typus der oder des Hochbegabten gibt. Das sehen wir immer wieder in den Gesprächen, die wir mit hochbegabten Schülerinnen und Schülern im Rahmen eines Forschungsprojektes führen.

Online-Redaktion: Welche Fördermöglichkeiten gibt es im schulischen, familiären und außerschulischen Bereich für (hoch-)begabte Kinder und Jugendliche?

Weigand: Zunächst würde ich zwischen Begabungs- und (Hoch-)Begabtenförderung unterscheiden. Begabungsförderung sollte sich jede Schule zur Aufgabe machen. So genannte „gute“ Schulen tun dies in der Regel auch. Ein kognitiv anregender Unterricht, ein ermutigendes und unterstützendes Lernklima, begeisternde Lehrpersonen, differenzierte Angebote für leistungsstärkere und -schwächere Schüler mit entsprechender Beratung und Begleitung sind zweifellos begabungsfördernd. Ähnliches gilt für Familien. Kinder, die in einer anregenden und bindungsstarken Umgebung aufwachsen, werden gefördert, sie entfalten ihre Begabungen beim Spielen, in ihren täglichen Erfahrungen.
Von der Begabungsförderung ist die (Hoch-)Begabtenförderung zu unterscheiden, die sich auf Kinder und Jugendliche mit besonderen Fähigkeitspotentialen und Leistungsausprägungen bezieht. Hier hat die Schule begrenzte Möglichkeiten, wenn es beispielsweise um die Förderung herausragender Talente in Musik oder im Hochleistungssport geht. Anders sieht es bei Heranwachsenden mit hohen kognitiven Fähigkeiten aus. Diesen Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden, ist eine zentrale Aufgabe der Schulen und sollte als pädagogische Herausforderung angenommen werden. Dabei sollte man nicht vergessen, dass hochbegabte Kinder zunächst einmal Kinder sind und so einmalig und unterschiedlich wie alle anderen auch.
Inner- und außerschulisch gibt es zahlreiche Differenzierungsmöglichkeiten, wie etwa ein schnelleres Durchlaufen der Schule oder vertiefende und ergänzende Interessen-, Lern- und Leistungsangebote. Dazu gehören etwa die Wettbewerbe in Mathematik und Fremdsprachen, die Physik-Olympiaden oder das Frühstudium an Universitäten. Vereinzelt gibt es auch Sonderklassen oder -schulen für Hochbegabte. Letztere sind gesellschaftlich und pädagogisch nicht unumstritten. Dies zeigen auch unsere eigenen Studien. Eltern wünschen sich vielfach schlicht „die beste Förderung“ für ihr Kind und bevorzugen aus diesem Grund Spezialklassen oder -schulen.

Online-Redaktion: Welche begabungshinderlichen Faktoren gibt es?

Hoyer: Etwas plakativ gesagt: Wenn Anregungen, Aufmerksamkeit und Anerkennung fehlen, werden sich keine Begabungen „entfalten“, weil auch keine Bildung, kein Lernen, keine Persönlichkeitsentwicklung stattfinden können. Begabungsförderung sollte also nicht losgelöst von Bildungsprozessen, sondern als integrales Element der Bildung betrachtet werden, sonst wird daraus ein einseitiges Hochleistungstraining.

Online-Redaktion: Wie nehmen die als hochbegabt getesteten Kinder und Jugendlichen, mit denen Sie gesprochen haben, ihre Hochbegabung wahr?

Hoyer:
Unterschiedlich. Auffällig ist, dass die meisten Schwierigkeiten haben, sich selbst als hochbegabt zu bezeichnen. Viele wissen mit dem Label nichts anzufangen und weichen aus, wenn sie direkt darauf angesprochen werden. „Einstein war hochbegabt, ich doch nicht!“ Das bringt eine weiter reichende Problematik ans Licht, von der auch die von uns interviewten Eltern berichten. Hochbegabung ist in unserer Gesellschaft ein durchaus begehrtes Privileg, aber eines mit Schattenseiten. Mit dem Etikett verbinden sich Vorteile (hohe Kompetenzen, intensive Förderung) ebenso wie Neid- und Ausgrenzungserfahrungen. Viele Kinder haben eigentlich nichts dagegen, hochbegabt zu sein, aber sie möchten ungern als hochbegabt gelten. Dieser Zwiespalt verschärft sich in den reinen Hochbegabtenklassen oder -internaten, in denen die Kinder und Jugendlichen eine Exklusivität erhalten, mit der sie sich erst einmal ins Verhältnis setzen müssen. Manche fühlen sich in solchen Institutionen regelrecht erlöst, z. B. weil sie auf negative Erfahrungen in der Grundschulzeit zurückblicken. Andere, die angemessen gefördert wurden und sozial integriert waren, erleben die segregierte Begabtenförderung oftmals weniger euphorisch.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Förderung von Kompetenzen für die Begabungsentwicklung?

Weigand: Es kommt darauf an, was man unter Kompetenzen versteht. Kritikern gilt der Kompetenzbegriff als Containerbegriff, da ganz Unterschiedliches mit ihm verbunden wird. Legt man den weiten Kompetenzbegriff von Franz Weinert an, dann ist darin ein gewisses Spektrum an Begabungsförderung abgedeckt, zumindest was das Wissen und Können von Schülerinnen und Schülern im Bereich des Problemlösens betrifft. Weinert fasst sowohl die kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten von Individuen als auch deren damit einhergehende Interessen, Motivationen, Arbeits- und Werthaltungen unter Kompetenzen. Geht man allerdings von messbaren Kompetenzen aus, wie sie in der Diskussion um die Standards und in den Schulleistungsstudien vorherrschen, dann handelt es sich allenfalls um einen schmalen Ausschnitt. Nach meinem Verständnis beinhaltet die Entwicklung von Begabungen den Erwerb fachlicher, personaler, sozialer und methodischer Kompetenzen. Begabungsentwicklung bezieht sich jedoch darüber hinaus auf die Bildung der Person in der ganzen Breite. Dabei geht es auch um den ästhetischen Bereich, um die Partizipation der Schülerinnen und Schüler am schulischen Geschehen, um Fragen der Verantwortung bis hin zu Fragen menschlichen Glücks und sozialer Gerechtigkeit – Gebiete, die außerhalb der Förderung von (messbaren) Kompetenzen liegen.

Online-Redaktion: Wie werden die Lehrkräfte darauf vorbereitet, individuell, kompetenzorientiert und begabungsfördernd zu unterrichten?

Weigand: Individualisierung, Kompetenzorientierung und Begabungsförderung sind gegenwärtig zentrale Begriffe in der Lehrerbildung, wenn auch häufig mit Schlagwortcharakter und nicht systematisch verankert. In der ersten Phase erhalten die künftigen Lehrkräfte im Wesentlichen die Grundlagen in erziehungswissenschaftlichen, fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Bereichen. Dabei hängt es stark von den jeweiligen Dozierenden und den Schulen ab, inwiefern sie theoretische Kenntnisse im Bereich der Begabungs- und Begabtenförderung und der individuellen Förderung erhalten und diese in der Praxis erproben können. Individuelle Förderung ist im Übrigen auch Teil einer umfassenderen Begabungsförderung. An den Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg ist der Anteil der Praktika am Studium relativ hoch, so dass eine enge Verzahnung von theoretischem Wissen und Praxishandeln gegeben ist und eine Haltung der permanenten Reflexion und des Weiterlernens im Lehrerberuf gerade im Hinblick auf die Begabungsförderung angebahnt werden kann. Eine vertiefte Expertise wird man sich zweifellos erst im Laufe des Berufslebens aneignen können und auch ständig weiter entwickeln müssen. Von daher ist der Weiterbildungsbereich, das Professional Development, höchst bedeutsam.

Online-Redaktion: Welche Ziele und Aufgaben hat das von Ihnen mitbegründete Weiterbildungsinstitut eVOCATIOn?

Weigand:
Das Weiterbildungsangebot richtet sich an Lehrpersonen aller Schularten und perspektivisch auch an pädagogische Fachkräfte im Kita-Bereich. Es verfolgt das Ziel, eine an der Person des Kindes und Jugendlichen orientierte Begabungs- und Begabtenförderung, am besten in jeder pädagogischen Praxis, umzusetzen. Die Lehrpersonen haben einen entscheidenden Anteil am Gelingen oder Misslingen der Begabungs- und Begabtenförderung. Ihre fachlichen Kompetenzen, ihre Einstellungen und Haltungen gegenüber dem Kind und dem Jugendlichen, die Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstreflexion, zur Kritik und zur Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit sind grundlegende Merkmale ihrer Profession. Darauf abgestimmt bietet eVOCATIOn Module zu den Themen „Begabungen (an-)erkennen“, „Person-orientiert lernen“, „Lernende beraten und begleiten“ sowie „Schule entwickeln“ an. Schulen und pädagogische Einrichtungen, welche die Begabungs- und -Begabtenförderung zum Profil haben oder sich dieses Profil geben wollen, bieten wir darüber hinaus eine spezifische Projektbegleitung durch Wissenschaftler/innen und erfahrene Schulleiter/innen an.



Weigand, Gabriele
: Studien an den Universitäten Würzburg und Bordeaux in Pädagogik, Psychologie und Soziologie sowie in Germanistik, Geschichte und Sozialkunde für das Lehramt an Gymnasien. Seit September 2004 hat sie eine Professur für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe inne, seit September 2008 ist sie dort Prorektorin für Forschung und Nachwuchsförderung. Seit November 2008 ist sie Sprecherin der Prorektor/innnen für Forschung und Nachwuchsförderung der Pädagogischen Hochschulen Baden-Württembergs und seit Dezember 2010 Mitglied im Promotionskolleg des Institut Catholique de Paris. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind u.a. Geschichte und Theorie der Erziehung, Bildung und Schule, Bildungs- und Begabungsforschung (eVOCATIOn), Ganztagsschulforschung sowie interkulturelle Bildung und Erziehung.


Hoyer, Timo: Studium der Erziehungswissenschaft, der Philosophie und Neueren deutschen Literatur in Frankfurt am Main. Seit Oktober 2008 ist er Vertretungsprofessor für Allgemeine Pädagogik an der PH Karlsruhe, seit August 2010 ist er dort Akademischer Rat (Allgemeine Pädagogik) und seit Januar 2011 außerplanmäßiger Professor an der Universität Kassel. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind u. a. (Sozial-)Geschichte der Erziehung und Bildung, Moralpädagogik, Glück und Bildung, Qualitative (Hoch-)Begabungsforschung.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.03.2013
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