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12. 04. 2012

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Das ist das Tolle daran!“

Das Projekt Nawi-LoLa begeistert Mädchen für Naturwissenschaften

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Sabine Sauerwein

Lehrerin Sabine Sauerwein hat ein Projekt auf die Beine gestellt, mit dem sie Mädchen die Naturwissenschaften näher bringen möchte. Die Online-Redaktion sprach mit ihr über die Ziele und den Aufbau von Nawi-Lola und darüber, warum es sinnvoll ist, Mädchen alleine in diesen Fächern zu unterrichten.

Online-Redaktion: Wie und wann kamen Sie auf die Idee, Kurse in Naturwissenschaften und Technik ausschließlich für Mädchen zu geben?

Sauerwein: Die Idee, Mädchen in Naturwissenschaft und Technik zu fördern, ist schon älter, aber sie verfestigte sich und wurde praktisch im Jahr 2004 von mir umgesetzt. Zu dem Zeitpunkt habe ich an der Wilhelm-Leuschner-Schule in Wiesbaden das Projekt Ada-Lovelace betreut. Ada-Lovelace ist ein Projekt, das in Rheinland-Pfalz zur Unterstützung von Mädchen in Naturwissenschaften eingesetzt wird, es läuft seit gut zehn Jahren und ist an die Universität Mainz gekoppelt. Dieses Projekt wurde von mir an der Schule fest installiert und bis 2011 umgesetzt. Parallel dazu kam mir der Gedanke, das Konzept drastisch zu verändern, neu aufzubauen und vor allen Dingen den Bereich der Erkenntnistheorie experimentell zu verstärken.
So wie Ada-Lovelace, bereitet auch das Projekt Nawi-LoLa, Lernort Labor, Förderung von Mädchen und jungen Frauen in Naturwissenschaft und Technik, die Schülerinnen auf berufliche und naturwissenschaftliche Studiengänge vor, im Vordergrund steht aber das experimentelle Forschen. Es gibt nicht nur vorgegebene Versuche, sondern die Mädchen entwickeln sie neu, indem sie frei ausprobieren und die Experimente jederzeit neu planen, durchführen und verändern können. Dadurch entstehen tolle kreative Ergebnisse.

Online-Redaktion: Wo geben Sie die Kurse?

Sauerwein: Die Workshops finden einmal in der Woche in Kooperation mit der Kinder- und Jugendakademie im Schülerforschungszentrum Nordhessen an der Albert-Schweitzer-Schule Kassel statt. Das Schülerforschungszentrum wird von Klaus-Peter Haupt geleitet. Sein Physik-Club ist über die Grenzen Hessens hinaus sehr bekannt. Sein Team hat im Bereich Jugend forscht schon viele Preise gewonnen.
Die Nawi-LoLa-Kurse werden im Dreierrhythmus angeboten, da es zu jedem Themenschwerpunkt drei Veranstaltungen gibt. In dem Schülerforschungszentrum können sich Mädchen aus dem Stadt- und Landkreis Kassel anmelden. Auf Wunsch werden die Kurse aber auch direkt an den Schulen in Hessen durchgeführt, beispielsweise in Gießen, Kronberg, Darmstadt, Wiesbaden oder Frankfurt.
Anfragen kommen von Kolleginnen unterschiedlicher Schulen und Schulformen in Hessen. Ich finde es sehr schön, wenn die Kolleg/innen mitkommen. Auf diese Art habe ich schon sehr spannende Nachmittage verbracht. Für die Lehrerinnen ist es oft eine Art Fortbildung. Sie können verschiedene Experimente, die sie in meinen Nawi-LoLa-Kursen kennen lernen, in abgewandelter Form im Unterricht anwenden. Für die Schülerinnen ist es ein interessanter Forschernachmittag.
Nach den Sommerferien werde ich die Kurse als Arbeitsgemeinschaft auch an meiner Schule, Dr.-Georg-August-Zinn-Schule, an der ich seit August 2011 tätig bin, durchführen. Die AGs laufen dort ein Schuljahr. Um den jeweiligen Altersgruppen gerecht zu werden und dem Anforderungsniveau zu entsprechen, werden die AGs auch hier getrennt nach den Jahrgängen 5/6 sowie 7/8, 9/10 und 11 bis 13 angeboten.

Online-Redaktion: Haben Sie Kooperationspartner?

Sauerwein: Ja, das Projekt wird von dem Landesverband zur Förderung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts (MNU) unter dem Vorsitz von Manfred Engel unterstützt. Der MNU Bundesverband unter dem MNU-Bundesvorsitzenden Jürgen Langlet unterstützt die Mädchenförderung auch seit 2008. Dies freut mich als MNU-Vorstandsmitglied und MINT-Botschafterin natürlich besonders. Zusätzlich erhalte ich Unterstützung durch das hessische Kultusministerium, das Institut für Qualitätsentwicklung, die Frauenbeauftragten der Schulämter, dem Verein Deutscher Biologen (Vbio), der Universität Kassel und speziell dem Fachbereich Biologie sowie dem Schülerforschungszentrum Nordhessen, der Kinder- und Jugendakademie Kassel, dem Frauen- und Gleichstellungsbüro Wiesbaden, dem Staatlichen Schulamt für den Landkreis und die Stadt Kassel, dem Girls'Day - Mädchen-Zukunftstag und dem MINT Zukunft e.V. Besonders zu erwähnen ist hierbei unser neues Projekt „Science for people“, ein Zusammenschluss von vier Kasseler Schülerlaboren, u.a. Nawi-LoLa.

Online-Redaktion: Welche Themen stehen bei Ihren Workshops im Vordergrund?

Sauerwein: Bei den Jahrgängen 5 / 6 liegt der Schwerpunkt auf den biologisch-physikalischen Experimenten, die Thematik Wasser, Strom und Energie steht im Mittelpunkt. In den Jahrgängen 7 / 8 stehen die physikalisch-chemischen Versuche im Vordergrund, das Messen in Naturwissenschaften und in der Mathematik. In den Jahrgängen 9 /10, die besonders gut frequentiert werden, wird der Schwerpunkt bio-chemisch gesetzt. Das Thema Genetik, insbesondere die DNA-Isolierung von pflanzlichen und tierischen Zellen wird hier experimentell umgesetzt. Das finden die Schülerinnen natürlich sehr spannend. Zumal sie ihre DNA, die sie selbst isoliert haben, auch mit nach Hause nehmen dürfen. Das ist immer sehr schön und bereitet viel Freude. Für die Jahrgänge 11 bis 13 werden zwei unterschiedliche Workshops angeboten, zum einen das Thema Klima zum anderen das Thema Mikrobiologie.

Alle Workshops sind fächerübergreifend und kompetenzorientiert angelegt und bieten durch die Stationen-Vielfalt Experimentiermöglichkeiten in den Bereichen Biologie, Chemie, Physik, Technik und Mathematik. Auch werden immer bilinguale Stationen angeboten. D.h. je nach Altersstufe sind die Experimente in englischer Sprache verfasst. Die englischsprachigen Stationen – es gibt diese aber auch auf Deutsch – sind so konzipiert, dass die Mädchen die Möglichkeit haben, mit gestuften Lernhilfen den Text zu erschließen oder aber die beiden Sprachen zu kombinieren und so den Versuch durchzuführen.

Online-Redaktion: Warum ist es sinnvoll, Mädchen alleine in diesen Fächern zu unterrichten?

Sauerwein: Ja – die Frage, die sich stellt, heißt: „Warum fällt Mädchen der Bereich Naturwissenschaft und Technik in der Schule immer noch besonders schwer?“ Liegt es an der Fachkultur, am mangelnden Selbstvertrauen oder an den stereotypen Vorstellungen von Technik- und Ingenieurberufen? Mit den Nawi-LoLa-Workshops möchte ich an der Lebenswirklichkeit der Mädchen anknüpfen und Interesse und Begeisterung für die Naturwissenschaften wecken. Mit dem Projekt wird die Berufsorientierung und Studienwahl von Mädchen und jungen Frauen im Stadt- und Landkreis Kassel unterstützt. Ziel ist es, den Mädchen durch praktisches Ausprobieren und Experimentieren die Scheu vor Naturwissenschaft und Technik zu nehmen. Die Schülerinnen erleben Neugier und Begeisterung und können so über die Tätigkeiten der naturwissenschaftlichen Studiengänge und Ausbildungsberufe, in denen Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert sind, informiert und motiviert werden. Die Veranstaltungen im Rahmen des Projektes dienen darüber hinaus auch der kritischen Reflexion des eigenen Selbstbildes. Die Einübung sozialer Kompetenzen, der sogenannten „soft-skills“ (Teamfähigkeit, Eigenverantwortung, freie Rede) werden in den Workshops zusätzlich gefördert, da die Schülerinnen ihre Experimente in der Gruppe besprechen, teilweise die Versuche verändern oder ganz im Sinne der Erkenntnisgewinnung neu entwickeln und diese später dem Plenum präsentieren.

Das Problem, das Mädchen nicht aktiv und selbstständig im Experimentalunterricht arbeiten, tritt sehr häufig in Migrationsklassen auf. Mädchen sind hier eher zuständig für das Abwaschen der Glasgeräte oder für den Aufbau, eher für den Abbau, wenn die Versuche bereits durchgeführt wurden.
Jungen, die sehr gut sind, übernehmen sehr schnell „das Ruder“ und lassen sich dieses auch nicht mehr aus der Hand nehmen.
Die Nawi-LoLa-Workshops bieten verstärkt die Möglichkeit, den Experimentalunterricht lebendig, kompetenzorientiert, individualisiert und geschlechtersensibel zu gestalten, um damit das Berufswahlspektrum für Schülerinnen zu erweitern.

Online-Redaktion: Wissen sie, ob die Kurse die Mädchen in ihrer Studien- oder Berufswahl bzw. in ihrer Fächerwahl beeinflussen?

Sauerwein: Nein – aber der Frage würde ich empirisch gern nachgehen!
Nach Ende der Kurse füllen die Mädchen immer einen Evaluationsbogen aus. Sie werden gefragt, ob ihnen die Themen Freude bereitet haben, und ob sie Interesse haben, daran weiterzuarbeiten. Diese Fragen werden immer sehr positiv beantwortet. Ob die Mädchen später einen Berufsschwerpunkt in den Naturwissenschaften suchen, kann ich nicht beurteilen. Es gibt einige, von denen ich weiß, dass sie später ins Schülerforschungszentrum übergesiedelt sind und sehr engagiert auch bei Jugend forscht mitgemacht haben. Was ich aber auf jeden Fall sagen kann, ist, dass die Mädchen Freude am Experimentieren haben, sie mutiger beim Experimentieren werden und selbstständig Versuche aufbauen und durchführen. Sie wissen, dass sie etwas Positives geleistet haben, selbst wenn der Versuch misslungen ist! Die Schülerinnen sind anschließend motivierter, andere Fragestellungen im Unterricht wie auch in anderen Kursen einzubringen.

Online-Redaktion: Was macht Ihnen am meisten Spaß an den Mädchenkursen?

Sauerwein: Fantastisch und am besten ist, wenn ich den Mädchen eine Idee für eine Versuchsdurchführung vorschlage und die Schülerinnen so kreativ sind und das Experiment nach ihren Vorstellungen verändern. Dann wird aus einem Versuch, der schon ganz kniffelig ist ein weiterer richtig toller Versuch und das begeistert mich.
Ich finde es auch sehr spannend, wenn die Mädchen eine Fehleranalyse durchführen und sich überlegen, woran es liegen könnte, dass ein Versuch nicht das gewünschte Ergebnis zeigt. Die Schülerinnen sind dabei hoch konzentriert. Das könnte man in 45 Minuten Unterrichtszeit, die man in der Schule zur Verfügung hat, nie schaffen. In meinen Workshops hat man zwei bis drei Stunden Zeit, wenn es sein muss, an drei folgenden Workshop–Nachmittagen, um knifflige Versuche zu planen, durchzuführen und zu reflektieren. Die Mädchen können den Versuch so umbauen, bis er nach ihren Vorstellungen funktioniert. Da ist forschendes Lernen einfach toll!

Online-Redaktion: Wie viele Schülerinnen sind in einem Kurs?

Sauerwein: Das ist ganz unterschiedlich, in der Regel sind es 15. Bei den Genetik-Workshops und natürlich am Girls´ Day gibt es so viele Anmeldungen, dass es 20 bis 25 Schülerinnen sind und wir den Kurs dann schließen müssen. Aufgrund einer solchen Gruppengröße sind dann aber auch Mentorinnen oder Lehrerinnen während des Kurses dabei, die mich unterstützen. Die Mentorinnen haben bei mir selbst sehr erfolgreich Kurse absolviert, sie haben kreative Ideen und können gut mit Kindern umgehen. Da die naturwissenschaftlichen Fächer besonders im Oberstufenbereich von Männern unterrichtet werden, setze ich gerne Lehrerinnen oder Mentorinnen, die zum Beispiel einen Physikleistungskurs besucht haben, ein, weil sie die Mädchen gut motivieren können.

Online-Redaktion: Haben Sie vor, das Projekt noch weiter auszudehnen?

Sauerwein: Ja! Nur allein schaffe ich das nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich Mentorinnen ausbilde und ich /wir mehrere Kurse anbieten können. Man könnte sich regelmäßig zum Austausch und zur Fortbildung treffen, die Kurse führen die Mentorinnen dann aber ganz eigenständig vor Ort durch. Ich würde die Kurse koordinieren - das wäre meine Wunschvorstellung für Hessen.
Viele Lehrerinnen, die bei mir waren, bieten ja auch schon an ihrer eigenen Schule Workshops an. Das ist ja das Tolle daran, dass man mit Kolleginnen gemeinsam arbeitet, etwas zeigt und sie dieses Know-how mit in ihre eigene Schule nehmen und es anwenden. Das hat einen superguten Multiplikationseffekt. Es gibt so viele andere toughe junge Frauen, Mentorinnen und erfahrene Kolleginnen, die ein gemeinsames Ziel haben.
Für Fragen, Workshops und Fortbildungen in diesem Bereich stehe ich aber gern zur Verfügung.


Sabine Sauerwein, Studium an der Universität Kassel, Referendariat am Friedrichsgymnasium Kassel, Lehrbeauftragte an der Universität Kassel, Studienrätin an der Wilhelm-Leuschner-Schule in Wiesbaden, Set-Leiterin für Naturwissenschaften am Staatlichen Schulamt Wiesbaden, Teilprojektleiterin der landesweiten SINUS-Konzeptgruppe: „Kompetenzorientiert Unterrichten in Naturwissenschaften“ Amt für Lehrerbildung, zertifizierte Schulentwicklungsberaterin für die Begleitung vom Kern- zum Schulcurriculum Hessisches Kultusministerium, MINT-Botschafterin, Fachbeisitzerin im MNU-Landesvorstand Hessen, Leiterin für Schul- und Unterrichtsentwicklung an der Dr.-Georg-August-Zinn-Schule sowie Initiatorin und Leiterin des Projektes „Nawi–LoLa Lernort Labor, Förderung von Mädchen und jungen Frauen in Naturwissenschaft und Technik“, Hessen.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.04.2012
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