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28. 11. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Die souveräne Beherrschung der deutschen Sprache ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Unterrichtsteilnahme in allen Fächern.“

KMK-Projekt „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule“ zur Verbesserung der Lesekompetenz an Schulen gestartet

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Hermann Ruch, Leiter des Projektes „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule“

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat das zweijährige Projekt „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule“ initiiert und die Federführung dem Freistaat Bayern übertragen. Bis zum Jahr 2010 erarbeiten Lehrkräfte an fast 100 Projektschulen bundesweit Materialien und Konzepte, mit denen sowohl der Aufbau und die Sicherung basaler Lesekompetenzen in allen Fächern verbessert, aber auch fortgeschrittene Leserinnen und Leser entsprechend ihrer Fähigkeiten gefördert werden sollen. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB) wurde beauftragt, dieses Projekt, an dem alle Länder teilnehmen, zu koordinieren und zu betreuen. Die Online-Redaktion sprach mit dem Projektleiter Hermann Ruch vom ISB über die Arbeit an den Schulen und warum Leseförderung eine Aufgabe aller Fächer ist.


Online-Redaktion: Im Juni 2008 ging das zweijährige KMK-Projekt „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule“ an den Start. Welche Ziele werden mit dem Projekt verfolgt?

Ruch: Das KMK-Projekt „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule“ ist eine Antwort auf die mäßigen Leseleistungen deutscher Schülerinnen und Schüler, die unter anderem durch die PISA-Studien in den Jahren 2000, 2003 und 2006 deutlich wurden. Ziel des Projektes ist die Erarbeitung von Konzepten und Materialien zur Leseförderung als Aufgabe aller Fächer. Es geht darum, Beispiele guter Praxis in Kernbereichen der Leseförderung zu sammeln, zu sichten, zu überarbeiten, gegebenenfalls neu zu entwickeln und nach einheitlichem Muster zu publizieren. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Förderung der in den PISA-Studien identifizierten Risikogruppen — Jungen, Schülerinnen und Schüler aus sozial schwachem und bildungsfernem Milieu sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund. Gleichzeitig wird die Anhebung des allgemeinen Leistungsniveaus und die Ausweitung der Leistung in den höheren Kompetenzstufen angestrebt. In seiner umfassenden Struktur ist das Projekt ein Beitrag zur Schulentwicklung und Profilbildung im Sinne des Mottos: „Mehr lesen – mehr verstehen“.

Online-Redaktion: Bis 2010 sollen ausgewählte Schulen die Konzepte und Materialien für insgesamt elf Module erarbeiten. Wie kann man sich die Arbeit an den Schulen vorstellen?

Ruch: In den ca. 100 Projektschulen bundesweit wurden fachschaftsübergreifende Teams gebildet, die sich mit dem Thema „Lesen“ auseinandersetzen und die Ziele von „ProLesen“ in der jeweiligen Schule kommunizieren. Die Projektschulen setzen sich aus allen Schularten zusammen und konzentrieren sich auf mehrere Fächer bzw. Module ihrer Wahl. So bearbeiten die Grundschulen das Modul 2 „Lesen in der Grundschule“, die weiterführenden Schulen wählen einzelne Fächer aus den Modulen 3 bis 9. Dazu gehören: Deutsch, Religion/Ethik, Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Mathematik, Gesellschaftswissenschaften, Musik und Kunst. Modul 11 fokussiert die Schnittstelle Hauptschule/Berufsschule und widmet sich dabei besonders auch jenen Jugendlichen, die noch keine Lehrstelle gefunden haben. Modul 1 ist das sogenannte Basismodul, das die anderen Module fundiert. Es enthält Aussagen zu prinzipiellen Intentionen des Projektes sowie zu modulübergreifenden Schwerpunkten und Aspekten der Leseförderung und wird von der Projektleitung gemeinsam mit anderen Ländern entwickelt. Grundlage hierfür ist eine von Frau Prof. Dr. Cordula Artelt von der Universität Bamberg erarbeitete Expertise.

Die Materialien und Konzepte erwachsen aus dem Unterricht und werden dort auch erprobt, wodurch sie äußerst praxisnah und sehr breit gefächert sind. Dabei haben die Schulen die Freiheit, Bewährtes zu optimieren und ihre jeweiligen Schwerpunkte in Bezug auf Leseförderung zu vertiefen. Die Materialien sollen zeigen, wie man den Schülerinnen und Schülern helfen kann, kontinuierliche und diskontinuierliche Texte (Graphiken, Diagramme etc.) zu lesen und zu verstehen. In Mathematik und Physik zum Beispiel kann es sich dabei auch um Textaufgaben handeln.

Die Arbeit in den Fächern findet durch das Modul 10 - „Lesen im gesamt- und außerschulischen Kontext“ - eine sinnvolle Ergänzung. Außerschulische Veranstaltungen wie Lesenächte, Autorenlesungen oder Vorlese- und Schreibwettbewerbe stellen häufig eine wesentliche und prägende Bereicherung des Schullebens dar und sind der Verbesserung der Lesekompetenz sehr förderlich. Gleiches leistet die Arbeit in und mit der Schulbibliothek bzw. die Kooperation mit öffentlichen Bibliotheken.

Online-Redaktion: Warum ist die Förderung der Lesekompetenz eine Aufgabe aller Unterrichtsfächer?

Ruch: Bisher war es so, dass eine bewusste Leseförderung an den meisten Schulen ausschließlich als Aufgabe des Deutschunterrichts wahrgenommen wurde. Angesichts der zentralen Bedeutung des Lesens als Schlüsselqualifikation für den Erfolg in Schule und Beruf sowie für die Teilnahme am politisch-kulturellen Leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft muss das Fach Deutsch aber von anderen Fächern unterstützt werden. Ausgeprägte Lesekompetenzen sind unabdingbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche Unterrichtsteilnahme in allen Fächern. Betreibt man Leseförderung auch in anderen Fächern, erhöht man die Aussichten auf Erfolg gravierend. Dem Fach Deutsch kommt jedoch bei der Leseförderung nach wie vor die Rolle eines Leitfaches zu, die anderen Fächer werden es ihm danken. Hier kann man eine Analogie sehen zur Förderung der Muttersprache, die idealerweise ja auch nicht alleinige Aufgabe des Deutschunterrichts ist, sondern eine Aufgabe aller Fächer.

Online-Redaktion: Welche Unterstützung bekommen die Schulen bei ihrer Arbeit?

Ruch: Hier sind aufgrund schulorganisatorischer Besonderheiten und jeweiliger Traditionen länderspezifische Unterschiede festzustellen, so dass man keine generelle Aussage machen kann. In einigen Ländern erhalten die Projektschulen materielle Unterstützung in Form von Finanzmitteln zur Einrichtung von Leseecken, zur Anschaffung von Bücherkisten, Fachliteratur etc. In anderen werden die am Projekt teilnehmenden Lehrkräfte durch eine Verringerung ihres Stundendeputats entlastet. Vielfach ist auch beides der Fall.

Darüber hinaus besteht ein umfangreiches, teilweise länderübergreifendes Fortbildungsangebot, das Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer mit den Grundlagen und Methoden einer nachhaltigen Leseförderung vertraut macht. In Bayern beispielsweise haben wir die Projektteilnehmer zu einer dreitägigen Klausur eingeladen, um systematisch das Wissen zu vermitteln, das notwendig ist, um reflektiert Materialien und Konzepte an der Schule zu entwerfen.

Wichtig ist auch, dass die Lehrkräfte in zunehmendem Maße einen Blick auf die Ergebnisse der anderen Länder werfen können. Hierzu wurde vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung ein Internet-Portal mit BSCW-Server eingerichtet, auf dem man alle Ansprechpartner, alle Projektschulen und alle Arbeitsergebnisse findet. Zu jedem Modul gehört ein Ordner, den der Modulverantwortliche mit Basisliteratur zur Leseförderung, mit Fachinformationen und Ergebnissen der Fachtagungen versorgt. Für jedes Modul werden im Projektverlauf Tagungen unter Einbeziehung einschlägig ausgewiesener Fachwissenschaftler und Fachdidaktiker angeboten. Den Anfang macht im nächsten März Berlin/Brandenburg mit den Naturwissenschaften, Bayern wird im September 2009 eine Tagung zu den Gesellschaftswissenschaften ausrichten.

Online-Redaktion: Wie werden die Ergebnisse im Verlauf des Projekts erfasst und am Ende des Projekts zusammengefügt?

Ruch: Die Schulen wurden gebeten, erste Arbeitsergebnisse bereits zum Halbjahreszeugnis 2009 vorzulegen und auf dem BSCW-Server einzustellen, um eine rechtzeitige Nachsteuerung zu ermöglichen. Von Anfang an soll dabei auch Rechenschaft über die jeweils favorisierten Methoden der Vermittlung von Lesekompetenz abgelegt werden, um die Reflexivität und Professionalität der Lehrkräfte zu erhöhen. In diesem Zusammenhang spielt die Definition von Teilkompetenzen eine wichtige Rolle. Als Referenzrahmen können die KMK-Bildungsstandards dienen. Greifen diese zu kurz oder wurden für das jeweilige Fach keine Bildungsstandards beschlossen, steht es den Projektschulen frei, auch andere Kompetenzmodelle aufzugreifen.

Die von den Lehrkräften im Unterricht erprobten Materialien und Konzepte durchlaufen im Verlauf des Projekts vier Qualitätsfilter: Jede Projektschule hat einen Projektverantwortlichen, der die von seinen Kolleginnen und Kollegen vorgelegten Arbeitsergebnisse durchsieht und gegebenenfalls optimiert, bevor er sie im jeweiligen Landesordner des BSCW-Servers ablegt. Dort entscheidet der Landeskoordinator, ob die Beiträge in den Ordner des Gesamtprojekts übernommen werden oder nochmaliger Überarbeitung bedürfen. Im Gesamtordner überwachen die jeweiligen Modulverantwortlichen die Qualität der Materialien und Konzepte aus den Ländern und optimieren wo nötig. Am Ende des Projekts (April/Mai 2010) werden die Qualität und die Einheitlichkeit der Darstellung durch eine abschließende Redaktionskonferenz sichergestellt. Hier wird wie während der Projektlaufzeit von der Projektleitung darauf geachtet, größtmögliche Transparenz und Mitwirkung über die Ländergrenzen hinweg zu ermöglichen.

Online-Redaktion: Wie ist „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule“ mit dem rheinland-pfälzischen KMK-Projekt „Bereitstellung von Fortbildungskonzeptionen und -materialien zur kompetenz- bzw. standardbasierten Unterrichtsentwicklung (For.mat)“ verknüpft?

Ruch: Die beiden Projekte der KMK „For.mat“ und „ProLesen“ werden durch eine Steuerungsgruppe begleitet, in der jedes Land und die beiden Projektleitungen vertreten sind. Die Projektleitung „Prolesen“ ist außerdem Mitglied der Projektgruppe „For.mat“, um strukturell sicherzustellen, dass die Ergebnisse von „For.mat“ in das Projekt „ProLesen“ einfließen. Anfang Dezember 2008 werden die Ergebnisse von „For.mat“, das bereits im Jahr 2006 begonnen hat und nun seinen Abschluss findet, in Speyer vorgestellt. „For.mat“ besteht aus mehreren Teilprojekten, von denen für „ProLesen“ insbesondere das Teilprojekt „Deutsch“ von Interesse ist. Auch hier geht es darum, Materialien und Konzepte zur kompetenz- und standardbasierten Unterrichtsentwicklung bereitzustellen. Zielgruppe sind allerdings nicht die Schüler, sondern die Lehrkräfte, da „For.mat“ Fortbildungskonzepte und -materialien für die schulinterne Arbeit von Fachkonferenzen und Fachgruppen in den Bildungsstandardfächern erarbeitete. Wir sind jetzt sehr gespannt auf die Ergebnisse und werden sie beim nächsten Länderworkshop diskutieren und in unser Projekt mit aufnehmen.

Berücksichtigung finden werden auch die Ergebnisse des dritten KMK-Projektes, das nunmehr beginnt und bei dem Nordrhein-Westfalen die Federführung hat. Denn das Thema „Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte im Hinblick auf Verbesserung der Diagnosefähigkeit, Umgang mit Heterogenität, Individuelle Förderung“ ist natürlich auch für „ProLesen“ von großer Bedeutung.

Online-Redaktion: Wie wird im Anschluss an die Projektlaufzeit die nachhaltige Wirkung der Module für möglichst viele Schulen sichergestellt?

Ruch: Von Anfang an wurden die Nachhaltigkeit und die Implementierung der Ergebnisse von „ProLesen“ mitbedacht. Dabei machten wir uns auch die Erfahrungen aus dem SINUS-Modellprogramm im Bereich der Mathematik zunutze. In Analogie zu dem Vorgehen von „For.mat“ werden im Anschluss an das Projekt die Ergebnisse von „ProLesen“ sowohl in Printform veröffentlicht als auch im Innovationsportal des Deutschen Bildungsservers abgelegt, der vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) betreut wird.

Alle Projektschulen von „ProLesen“ haben sich dazu verpflichtet, nach Ablauf des Projekts Patenschulen zu werden, um ihre Erfahrungen auch anderen Schulen zur Verfügung zu stellen. Außerdem sollen die Ergebnisse von „ProLesen“ mit exemplarischen Beispielen in die Lehrerfortbildung einfließen. Aufgabe der Projektleitung ist es, die Fortbildungsinstitute der einzelnen Länder auf die Ergebnisse von „ProLesen“ aufmerksam zu machen und ihre Einbindung in die Lehrerfortbildung zu ermöglichen und zu forcieren.


Hermann Ruch ist Referent für Leseförderung und Schulbibliotheken am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) in München, Grundsatzabteilung. Er leitet das LESEFORUM BAYERN sowie das KMK-Projekt „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule. Konzepte und Materialien zur Leseförderung als Aufgabe aller Fächer“.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 28.11.2008
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