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06. 09. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir brauchen ein anderes Lernen"

Schulforscher fordert Wandel von der Belehrungsanstalt zur Lernwerkstatt

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Forum Bildung: Warum tun wir uns in Deutschland so schwer mit Veränderungen in der Schule?

Struck: Das liegt zum einen an einer ideologisierten Schuldebatte - zwischen den großen Parteien, den Kirchen und den Lehrerverbänden. Zum anderen bremst aber auch die Kulturhoheit der Länder den Reformwillen, da alle 16 Länder ihre eigene Spielwiese haben.

Forum Bildung: Steht die Kulturhoheit der Länder einer modernen Schule im Wege?

Struck: Die Kulturhoheit der Länder hat natürlich den Vorteil, dass Schulen einen regionalen Bezug haben, andererseits aber den Nachteil, dass wir die Schulsysteme weder in Deutschland noch international vergleichen können. Auf lange Sicht werden aber europaweite Regelungen diese Einheitlichkeit zustande bringen, wie wir gerade mit der ersten Fremdsprache in Klasse 3 sehen. Die Schulbesuchszeit wird ebenfalls vereinheitlicht werden, und zwar in Richtung 12 Jahre vom fünften Lebensjahr an. Europa gibt den Rahmen vor und die Schulen füllen ihn mit ihrer Autonomie, ihrem Profil oder ihren Schulprogrammen aus.

Forum Bildung: Das Forum Bildung, bei dem Bund und Länder sowie die Sozialpartner an einem Tisch sitzen, versucht, - um bei der Metapher zu bleiben - Lösungen auf einer gemeinsamen Spielwiese zu finden. Ist das der richtige Ansatz?

Struck: Ja. Die Kultusministerkonferenz und das Forum Bildung haben die Aufgabe, die ideologischen Verfestigungen aufzubrechen und weiterführende Lösungen in der Mitte zu finden.

Forum Bildung: Sie kritisieren die Schulleistungsvergleichsstudien TIMSS und PISA. Warum?

Struck: Die Schulleistungsvergleichsstudien messen im Wesentlichen in alten Parametern wie Rechenfertigkeit und Orthographie. Das sagt nicht sehr viel über das aus, was Schule in Zukunft leisten muss. Es ist ja bekannt, dass Unternehmen heute mit den Abschlusszeugnissen ihrer Bewerber nicht mehr viel anfangen können, weil diese nicht aussagekräftig genug sind. Deshalb müssen sie eigene Aufnahmetests durchführen. Die wichtigen Schlüsselqualifikationen sind heute eben Selbstständigkeit, Teamfähigkeit, Erkundungs-, Handlungs- und Konflitfähigkeit, Kreativität und die Fähigkeit zu vernetztem Denken. Schule muss daher über den herkömmlichen Fächerkanon hinaus noch mehr leisten.

Forum Bildung: Bedeutet das die Wiederkehr der Kopfnoten, die in machen Bundesländern schon wieder im Zeugnis auftauchen?

Struck: Da ist die Bandbreite ja sehr groß - in Brandenburg werden zum Beispiel die neuen Schlüsselqualifikationen bewertet und in Sachsen dagegen die klassischen Tugenden wie Fleiß, Ordnung, Betragen und Mitarbeit. Natürlich sind auch die letztgenannten Schlüsselqualifikationen, aber nicht so sehr diejenigen, auf die es in Zukunft ankommen wird. Es geht aber nicht um "entweder/oder", sondern um die sinnvolle Verknüpfung des Alten mit dem Zeitgemäßen.

Forum Bildung: Die südlichen Bundesländer schneiden im Bildungstest auch immer besser ab als alle anderen. Sie behaupten, dass sich dieses Nord-Süd-Gefälle umkehren würde, wenn TIMSS und PISA die neuen Schlüsselqualifikationen testen würden?

Struck: Ja. Im Ansatz hat das einmal ´Geo-Wissen´ für die 16 Bundesländer gemacht. Das Ergebnis war, dass plötzlich nicht mehr Bayern und Baden-Württemberg vorneweg marschierten, sondern Schleswig-Holstein den Spitzenplatz einnahm.

Forum Bildung: Weniger Fachwissen und mehr allgemeine Kompetenzen - sieht so die Schule von morgen aus?

Struck: Das Wissen muss natürlich vermittelt werden, aber es muss weniger werden im Sinne eines Grundwissens. Natürlich sollten die Schüler wissen, wie die Hauptstadt von Italien heißt, aber nicht unbedingt die von Burkina Faso, denn das brauchen sie maximal einmal im Leben. Aber wenn der Fall Burkina Faso eintritt, sollte ein Schüler fähig sein, es schnell herauszufinden. Im Grunde brauchen wir mehr Informationskompetenz und weniger Grundwissen.

Forum Bildung: Fachwissen und Schlüsselqualifikationen müssen ja auch vermittelt werden - eine neue Lern- und Lehrkultur soll das leisten. Wie sieht diese aus?

Struck: Wir brauchen ein anderes Lernen in der Schule. Ein Lernen, bei dem es nicht um Ideologien, sondern um den Nutzen geht. Wir müssen die Schule von einer Belehrungsanstalt zu einer Lernwerkstatt umbauen. Kinder lernen am besten, wenn sie selbst lernen, wenn sie das zu Lernende zu erklären haben und durch Handeln. Ganz wichtig ist auch eine neue Fehlerkultur, denn Kinder lernen am besten über Um- und Irrwege. Deshalb macht es keinen Sinn, wenn man Fehler 13 Jahre lang mit dem Rotstift bestraft. Es gehören auch viele begleitende Dinge zu einem anderen Lernen: So lernen Grundschüler zum Beispiel besser auf dem Teppich als auf dem Stuhl und in jahrgangsübergreifenden Klassen wie in der Peter-Petersen-Schule in Köln sind in kürzerer Zeit größere Lernerfolge sichtbar.

Forum Bildung: Ist der klassische Fächerkanon überholt?

Struck: Vernetztes Denken lässt sich zum Beispiel nur lernen, wenn der klassische Fächerkanon aufgehoben wird zugunsten von Bildungsplänen wie in Hamburg. Dort sind die 16 Fächer in sechs Lernbereiche umgewandelt worden - nämlich in Natur, Gesellschaft, Deutsch, Künste, Mathematik und Fremdsprachen.

Forum Bildung: Sie schreiben, dass es gut sei, dass Schule den Kindern nicht das Sprechen und Laufen beibringt. Warum?

Struck: Das Wichtigste, dass Kinder lernen, ist Laufen und Sprechen. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Zum Glück lernen sie das, bevor sie in die Schule kommen, denn die Schule würde versuchen, ihnen das Laufen im Sitzen beizubringen.


Vita: Prof. Dr. Peter Struck, geb. 1942, war zehn Jahre Volks- und Realschullehrer und danach vier Jahre lang Schulgestalter in der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung in Hamburg. Seit 1979 hat er eine Professur für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Sozial- und Schulpädagogik, Bildungspolitik, Jugendforschung, Familienerziehung und Medienpädagogik. Bei der Zeitschrift Familie & Co sitzt er als Experte seit vier Jahren am Sorgentelefon.

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 06.09.2001
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