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26. 05. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Alles, worauf es in der Schule ankommt, braucht Ruhe und Zeit"

Schule - wie sie ist und wie sie sein könnte

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Marga Bayerwaltes, Autorin und Lehrerin

Schule macht krank. Viele Lehrer fühlen sich ausgebrannt und frustriert und quittieren weit vor dem Pensionsalter den Dienst. Als sich Marga Bayerwaltes so fühlte, nahm sie ein "Sabbatjahr", in dem sie einfach "leben, lesen und nachdenken wollte, wie alles so weit gekommen war." Herausgekommen ist ein sehr streitbares Buch über Schule. In "Große Pause!" berichtet sie von den unzumutbaren Zuständen, die sie an Schulen erlebt hat: Von Unterricht in Massenbetrieben, von jährlich wechselnden Reformen, sinnloser Bürokratie, dreisten Kindern und kranken Lehrern. Doch hinter all diesen bitteren Erkenntnissen offenbart sich ihr ein Bild von Schule, wie sie sein könnte und wie sie sein müsste.
(Marga Bayerwaltes: "Große Pause!", Kunstmann, 320 Seiten, 21.90 Euro)


Bildung Plus: Frau Bayerwaltes, Sie haben sich vom Schuldienst beurlauben lassen und bekommen Schweißausbrüche bei dem Gedanken, dorthin zurück zu kehren. Was ist so schrecklich an der Schule?

Bayerwaltes: Für mich war es die gleichzeitige Erfahrung von Überanstrengung und Sinnlosigkeit. Die Schule, die ich erlebt habe, war ein fünfzügiges Gymnasium mit weit über tausend Menschen. In so einem Massenbetrieb gibt es ständig Störungen, Einbrüche von Chaos und viel Lärm, was bei den Lehrern zu andauernder Anspannung, Gereiztheit und Nervosität führte. Alle Anstrengungen der Schulleitung waren darauf gerichtet, das Ganze zumindest organisatorisch in den Griff zu kriegen. Für die Lehrer bedeutete das in jeder freien Minute Aufsicht und Vertretungsunterricht, also pausenloses Herumgerenne und Gehetze von einer Klasse in die andere, von einem Gebäude zum anderen. Dazu der Zeit- und Stoffdruck im Unterricht, die Berge an Klassenarbeiten und Klausuren, nachmittags Konferenzen, Arbeitsgruppen und Teamsitzungen, also ständiger Einsatz, ohne dass sich irgendetwas zum Besseren gewendet hätte. Eines Tages kam dann der Absturz, ich wurde krank. Der Gedanke an Rückkehr in diesen trostlosen Zustand löst bei mir immer noch Panik aus.

Bildung Plus: Führungslose Schulen, kranke Lehrer, unglückliche Kinder - was muss sich ändern, damit Schule für alle Beteiligten wieder lebenswert wird? Wie sieht eine gute Schule aus?

Bayerwaltes: Gute Schulen sind pädagogische Schulen, die sich an dem orientieren, was Kindern und dem Lernen gut tut. Also keine anonymen Großbetriebe, in denen der einzelne untergeht, sondern Schulen von einer überschaubaren Größe, wo jeder jeden kennt, wo Abwesenheit auffällt und wo jeder spürt: Ich bin hier wichtig, auf mich kommt es an. So können persönliche Beziehungen und ein Gefühl der Zugehörigkeit und Gemeinschaft entstehen. Wo diese Basis fehlt, wo es nur noch um das störungsfreie Funktionieren eines Systems geht, da laufen alle Erziehungs- und Bildungsanstrengungen ins Leere.

Bildung Plus: Warum gefallen Ihnen keine hoffnungsfrohen, Optimismus verbreitenden Lobeshymnen auf einzelne Reformschulen und -gedanken. Brauchen wir keine guten Beispiele?

Bayerwaltes: Doch, die brauchen wir. Aber eine Handvoll leuchtender Ausnahmen reicht ja nicht. Es muss doch für alle besser werden. Die idealen Sonderbedingungen, unter denen die Vorzeigeschulen meist arbeiten, lösen bei vielen Lehrern, die sich mit dem Normalfall Schule abplagen, oft eher Verärgerung und Verbitterung aus als den Ansporn, dem guten Beispiel nachzueifern.

Bildung Plus: Wie beurteilen Sie die Reformdiskussion seit PISA?

Bayerwaltes: Schon seit dem ersten TIMSS-Schock 1997 und Roman Herzogs "Ruck-Rede" geistern bei uns zwei Begriffe durch die Reformdebatte, die seit PISA fast zu einer ideologischen Spaltung geführt haben. Auf der einen Seite haben wir die Verfechter einer neuen Kultur der Anstrengung, die mehr Leistung und Effizienz durch mehr Druck und Kontrolle fordern, auf der anderen Seite die Vertreter der abschätzig so genannten Kuschelpädagogik, die eher an Motivation durch Anerkennung glauben und eine an den Bedürfnissen der Kinder anknüpfende Schule wollen. Überall, wo man hinkommt, lähmt dieser unselige Streit die Debatte. Dabei zeigen uns die erfolgreichen Schulen im In- und Ausland, wie unsinnig diese Alternative ist. Gerade an Schulen, in denen ein freundliches und angstfreies Klima herrscht, in dem Kinder sich sicher, akzeptiert und wohl fühlen, werden deutlich bessere Leistungen erzielt. Hier bräuchten wir dringend eine Reform in den Köpfen, einen Wandel der Mentalität, vor allem auch bei Lehrern, sonst bringen uns die strukturellen und organisatorischen Reformen gar nichts.

Bildung Plus: Lehrer sprechen meist nicht über ihre berufliche Misere. Wie kann man das resignierte Schweigen der Lehrer durchbrechen?

Bayerwaltes: Lehrer sprechen nicht, weil das, was sie zu sagen haben, immer wieder als larmoyantes Gejammer notorischer Faulpelze abgetan wird. Und wenn sie sprechen, sprechen sie über die Probleme, die ihnen Kinder und Eltern, Schulleitung und Schulaufsicht machen. Um diese Themen kreisen nahezu sämtliche Lehrerzimmergespräche. Aber über sich selbst und ihren eigenen Unterricht sprechen Lehrer nicht, auch nicht miteinander. Das ist ein allgemein anerkanntes Tabu. Unterricht ist ja in erster Linie Beziehungsarbeit, eine Aufgabe, an der viele Lehrer scheitern. Wenn es einem Lehrer nicht gelingt, einen Herzenskontakt zu seinen Schülern herzustellen, für Ruhe und Aufmerksamkeit zu sorgen und Interesse zu wecken, dann erleidet er im Unterricht nicht selten Höllenqualen. Kinder können ja sehr grausam sein. Was es da auszuhalten gilt an Kränkungen, Misserfolgen, Niederlagen, und wie viel Affektkontrolle und Selbstbeherrschung es erfordert, diese Situation jeden Vormittag fünf, sechs Stunden lang durchzustehen, davon macht sich außerhalb der Schule kaum jemand eine Vorstellung. Über dieses Elend zu sprechen käme einer Bankrotterklärung gleich. Der hat die Klasse nicht im Griff, heißt es dann. Und so halten alle aus Angst und Scham die Fassade aufrecht, bis sie zusammenbrechen.

Bildung Plus: Sie sagen, ein guter Lehrer sollte zwei Sachen mitbringen: die Liebe zu Kindern und die Begeisterung für eine Sache. Wie lassen sich diese Qualitäten, vorausgesetzt ein Lehrer bringt sie mit, auf Dauer aufrechterhalten, damit er auch nach zehn Jahren noch ein guter Lehrer ist?

Bayerwaltes: Zum Beispiel durch Pausen. Im Idealfall wäre das alle sieben Jahre ein Sabbatjahr. Das zur Weiterbildung genutzt werden könnte, zur Hospitation an einer Auslandsschule oder zur Tätigkeit in einem anderen Beruf. Zu allem, was den begrenzten Schulhorizont erweitert. Viel geholfen wäre aber auch schon, wenn Schulen keine Orte mehr wären, an denen auch gute Lehrer durch ein Übermaß an Anforderungen systematisch entmutigt und verschlissen werden. Schule heißt ja im ursprünglichen Wortsinn Muße. Denn alles, worauf es in der Schule ankommt, braucht Ruhe und Zeit.

Bildung Plus: Wie haben ihre ehemaligen Kollegen auf ihr Buch "Große Pause" reagiert?

Bayerwaltes: Sehr verschieden. Manche waren begeistert, haben sich bedankt und mich beglückwünscht. Andere waren beleidigt und halten mich für eine böse Nestbeschmutzerin.

Bildung Plus: "Nicht allen das Gleiche. Jedem das, was er braucht". Wie können Schulen diesem individuellen Bedürfnis von Kindern am besten entsprechen und wie nicht?

Bayerwaltes: Unsere Schulen können diesem Bedürfnis zurzeit überhaupt nicht entsprechen. Individuelle Förderung ist im deutschen Schulsystem nicht vorgesehen. Die ganze Organisation von Schule und Unterricht ist bei uns bis ins kleinste Detail auf Gleichmaß und Gleichschritt hin angelegt. Wer nicht mitkommt, muss sehen, wo er bleibt. Dass die Schule oder gar der Lehrer für den Lernerfolg der Schüler verantwortlich sein könnten, war hier noch bis vor kurzem ein völlig abwegiger Gedanke und ist es für viele immer noch. Es wird eine Weile dauern, bis sich da bei uns ein neues Denken einstellt. Kein Kind beschämen, kein Kind zurücklassen, jedes Kind bis an die Grenze seiner Möglichkeiten fördern, das ist, wie uns die skandinavischen Schulen zeigen, ja nicht nur eine menschenfreundliche Haltung, sondern auch ein Erfolgsrezept, das bessere Ergebnisse und mehr Kinder zu qualifizierten Abschlüssen bringt. Individualisierung und innere Differenzierung sind aber sehr zeit- und personalintensiv. Ein einzelner Lehrer, der mit 30 Kindern denselben Stoff im selben Tempo bis zur nächsten Klassenarbeit durchzupauken hat und anstatt die Kinder in ihren Bemühungen zu bestätigen und zu ermuntern, sie andauernd vergleichen und benoten muss, kann dem Anspruch auf individuelle Förderung selbst beim besten Willen nicht gerecht werden.

Bildung Plus: Die soziale Herkunft spielt für die Leistung der Schüler in Deutschland eine große Rolle. Die verstärkte Einführung von Ganztagsschulen wird gern als neues Allheilmittel herangezogen, um diese Unterschiede zu verringern. Wie denken Sie darüber?

Bayerwaltes: Schule liefert immer ein Abbild dessen, was ist. Und es ist so, dass wir uns seit Beginn der 90er Jahre auf dem Weg in eine neue Klassengesellschaft befinden, und der Zusammenhang von Herkunft und Schulerfolg schlägt wieder voll durch. Wenn man gegen diese Tendenz ansteuern will, müsste man sich an die heilige Kuh dreigliedriges Schulsystem heranwagen. Ganztagsschulen brauchen wir, nicht nur für die Kinder der sozial Benachteiligten, auch für die Kinder der Berufstätigen. Das dürften aber keine Lernfabriken mit ein paar Freizeitangeboten sein, sondern Aufenthaltsorte mit einer familiären Atmosphäre, wo Kinder all das bekämen, was ihnen zu Hause oft fehlt: Stallwärme, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Anerkennung und eine Vielfalt von Bildungsangeboten. Solche Schulen brauchen wir überall dort, wo sie nötig sind. Ein Allheilmittel sind sie aber nicht, ein gutes Elternhaus können sie kaum ersetzen.

Bildung Plus: Sie äußern sich in Ihrem Buch positiv über die Waldorfschulen. Können Sie sich vorstellen, dort als Lehrerin zu arbeiten und damit wieder in den Schulbetrieb zurückzukehren?

Bayerwaltes: Waldorfschulen sind meist sehr schöne Schulen und vieles gefällt mir dort sehr. Unsere jüngste Tochter entfaltet sich da ganz prächtig, vor allem dank einer begnadeten Klassenlehrerin. Es kommt eben immer alles auf den Lehrer an. Die gemeinsame Weltanschauung an Waldorfschulen hat den Vorteil, dass es einen pädagogischen Konsens gibt und alle im Großen und Ganzen an einem Strang ziehen, aber den Nachteil, dass sie dazu neigen, alles Fremde, Nichtanthroposophische abzustoßen. Man muss da schon reinpassen, auch vom äußeren Habitus und Sprachgebaren her, und ich passe da leider überhaupt nicht rein.

 

Marga Bayerwaltes, geb. 1948, studierte Romanistik, Erziehungswissenschaft, Germanistik und Philosophie und arbeitete 25 Jahre lang als Lehrerin am Gymnasium. 1999 ließ sie sich nach einem "Sabbatjahr" vom Schuldienst beurlauben. Sie lebt in der Nähe von Aachen.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 26.05.2003
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