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02. 01. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Feuerwehr, zweite pädagogische Instanz oder Bindeglied?

Schulsozialarbeit: Sie erfüllt viele Querschnittsaufgaben und birgt auch für die Zukunft ein großes Potenzial.

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Zusammengekauerter Jugendlicher, Quelle: Photocase

Angesichts der zunehmenden Komplexität von Erziehung und Bildung im schulischen Kontext wird die Forderung nach einer Ausweitung von Angeboten der Schulsozialarbeit gerade in der vergangenen Zeit in Medien und Fachkreisen immer häufiger geäußert. In Deutschland wird Schulsozialarbeit seit cirka drei Jahrzehnten praktiziert. Und dennoch herrscht in der Öffentlichkeit und teils an Schulen ein unklares Bild davon, was Schulsozialarbeit ist oder sein sollte. Mit den stärker werdenden Phänomenen wie Gewalt an Schulen und Schulmüdigkeit aber auch mit Konzepten einer lebensweltorientierten Schule wurde sie in der vergangenen Zeit einerseits wieder in ihrer zwingenden Notwendigkeit erkannt und ringt andererseits um ihre Existenzberechtigung.

Bei den Diskussionen um die Schulsozialarbeit ist Gewaltprävention genauso ein Thema, wie gesundheitsfördernde Schulen oder die Frage, wie Lehrer am besten auf problembelastete Schülerinnen und Schüler reagieren können. Andererseits besuchen Lehrer Seminarreihen wie "Burnout", reden von der Unerträglichkeit ihres Berufsalltags und zudem nimmt die gesellschaftliche Anerkennung des Lehrerberufs tendenziell weiterhin ab.

Schule und Jugendhilfe begegnen neuen Lebenswelten: "Zwischen 25 und 30 Prozent  aller Jugendlichen von psychosozialen Problemen betroffen"
Das Problem von Lehrerinnen und Lehrern ist ein kollektives, kein individuelles. Matthias Drilling schreibt hierzu im Buch "Schulsozialarbeit. Antwort auf veränderte Lebenswelten": "Diese Individualisierung und Delegation von Verantwortung an einzelne Lehrkräfte ist eigentlich unverantwortlich. Hier ist die Institution Schule gefordert, umsetzungsorientierte Konzepte und konkrete Hilfestellungen zu entwickeln und so Herausforderungen, die aus dem gesellschaftlichen Wandel heraus entstehen, zu beantworten."

Die Schule sucht mit lebensweltorientierten Konzepten wie "Haus des Lernens und Lebens" oder auch mit Ganztagsschulen, sozialpädagogische Aspekte einfließen zu lassen und so Schülerinnen und Schülern mit problematischen Hintergründen und auffälligem Verhalten Angebote zu machen.

Und auch die Sozialarbeit, genauer die Jugendhilfe, sucht nach Lösungswegen, um den veränderten und konfliktgeladeneren Lebenswelten von Jugendlichen zu begegnen. Drilling schreibt hierzu: "Schätzungen gehen davon aus, dass heute zwischen 25 und 30 Prozent aller Jugendlichen sind von psychosozialen Belastungen betroffen sind." Das sei umso besorgniserregender, wenn man bedenke, dass "das Jugendalter, als wichtigstes Eintrittsalter in das Problemverhalten" gilt, so Helmut Fend, Psychologieprofessor an der Universität Zürich.

Vielgestaltige Phänomene: Verwahrlosung, Vandalismus, Drogenkonsum ...
Oft reagieren Kinder und Jugendliche auf die steigenden Belastungen und fehlenden stützenden Strukturen im Elternhaus mit Schulversagen oder Schulverdrossenheit. Dabei sind sowohl Armutsfamilien,  so genannte Wohlstandsverwahrloste und Familien mit Migrationshintergrund betroffen.

Meist sind es echte "Problemfälle", mit denen sich die Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter von Trägern wie der Arbeiterwohlfahrt oder der freien Jugendhilfe befassen. Es handelt sich ebenso um das Einzelkind, dessen Eltern berufstätig sind und das Tendenzen zum Rechtsradikalismus zeigt, wie um ein Mädchen mit Migrationshintergrund, das schon zum sechsten Mal beim Klauen erwischt wurde oder unpünktlich war. Auch eine Schülerin, Tochter einer allein erziehenden Sozialhilfe-Empfängerin, gehört zum typischen Klientel. Sie muss oft auf die jüngeren Geschwister aufpassen und kommt daher nur unregelmäßig zum Unterricht.
              
Die Schulsozialarbeiter greifen meistens dann ein, wenn Schülerinnen und Schüler solche Verhaltensauffälligkeiten zeigen, wenn sie Leistung verweigern oder unentschuldigt fehlen.
Manchmal suchen Jugendliche aber auch von selber das Gespräch, beispielsweise wenn es um familiäre Probleme geht oder es Fragen zur Sexualität gibt.

Schulsozialarbeit heute: Zwischen Jugendhilfe und Schule
Die Schulsozialarbeit in Deutschland hat eine relativ kurze Geschichte von cirka 30 Jahren. Der Begriff "Schulsozialarbeit" wird erstmals im Jahre 1971 von dem Soziologie-Professor Abels verwendet. Zu dieser Zeit konnte in den USA die "School Social Work" bereits auf eine lange Tradition verweisen. Die Geschichte der Schulsozialarbeit kann durch zwei Phasen unterschieden werden: Das beginnende Interesse Ende der 60er Jahre sowie die erneute Auseinandersetzung mit dem Thema "soziale Arbeit an der Schule" zum Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre.

Im Rahmen eines Modellprogramms wurde Schulsozialarbeit erstmals in den 70er Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft gefördert. Neben der Zunahme an sozialpädagogisch relevanten Problemlagen im schulischen Kontext war für eine erneute Auseinandersetzung Anfang der 90er vor allem die Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) 1990 von grundlegender Bedeutung. Im zehnten Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung wird zudem darauf hingewiesen, dass die historisch gewachsene Abkoppelung der pädagogischen Arbeitsfelder "Schule" und "Jugendhilfe" den Erfordernissen nicht mehr gerecht wird und dass sowohl Schule als auch Jugendhilfe zunehmend systematisch aufeinander verwiesen werden.

So ist die Schulsozialarbeit ein eigenständiges Handlungsfeld der Jugendhilfe. Unter Jugendhilfe kann wiederum ein komplexes System bereitgestellter Leistungen, Dienste und Einrichtungen außerhalb von Elternhaus, Schule und betrieblicher Ausbildung von der Gesellschaft verstanden werden. Dieses System soll der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen sowie ihrer individuellen und sozialen Entwicklung dienlich sein. Dabei nimmt die Sozialarbeit den Begriff der "Jugendhilfe" wörtlich, denn sie hat einen stark unterstützenden und anwaltlichen Auftrag für Kinder und Jugendliche und schützt die Schulsozialarbeit vor einer zu starken Inanspruchnahme für rein schulische Leistungsaspekte.

Die Trägerschaft, die konzeptionelle Einbindung und die arbeitsrechtlichen Konstrukte in Deutschland sind nicht einheitlich und oft nicht hinreichend abgesichert. "Wenn Stellen gestrichen oder die Arbeitsbedingungen verschlechtert werden, betrifft es meist die Schulsozialarbeit", heißt es in einem Bericht zur "Bundesfachtagung: Niemanden zurücklassen! Integration durch Schulsozialarbeit an Ganztagsschulen".

Schulsozialarbeit als Schnittstellentätigkeit: Methoden, Arbeitsfelder, Einsatzorte und Kooperationspartner
Wenn nötig, nehmen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder Diplom-Pädagogen die an Schulen im Einsatz sind, auch Kontakt mit der Polizei, dem Jugendamt, Beratungsstellen oder Jugendpsychiatern auf. Die Schulsozialarbeiter versuchen das Familienleben der Kinder und Jugendlichen ins Blickfeld zu nehmen. Bei Bedarf besuchen sie die Eltern, um sie in bestimmte Prozesse einzubinden - wenn es zum Beispiel darum geht, dass Jugendliche lernen sollen, bestimmte Verhaltensregeln einzuhalten. Auf diesem Wege schaffen es so manche Sozialarbeiter, dass notorische Schulschwänzer nach Gesprächen regelmäßiger zum Unterricht erscheinen als vorher.

Die Schulsozialarbeit beteiligt sich mit ihren Methoden und Arbeitsfeldern unter Berücksichtigung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes gemeinsam mit der Schule und weiteren Kooperationspartnern an der
- Kinder- und Jugendarbeit am Ort und im Umfeld der Schule (Jugendberatung, Früh- und Nachmittagsbetreuung, Stadtteilarbeit)
- schulbezogenen Jugendsozialarbeit (Beratung von Jugendlichen, Eltern und Lehrern bei verhaltensauffälligen Kindern in Schule und Elternhaus)
- Jugendberufshilfe und Berufsvorbereitung (berufsbezogene Beratung, Orientierungshilfen, Bewerbungs- und Vermittlungshilfen)

Um diese Aufgaben auch in die Tat umzusetzen, greifen Schulsozialarbeiter auf das gesamte Repertoire sozialpädagogischer Handlungsmöglichkeiten zurück. Dazu gehört die Einzelfallhilfe, die auf eine individuelle Beratung und Unterstützung setzt, aber auch die Gruppenarbeit ist wichtig. Häufig werden Hausaufgabengruppen, Interessensgruppen, Freizeit- und Projektgruppen ins Leben gerufen.

Kooperations- statt Additionsmodell: Zusammenarbeit von Schulsozialarbeitern und Lehrenden
Während die strukturellen Randbedingungen für die schulische Sozialarbeit als Schnittstellentätigkeit sehr unterschiedlich sind, ist die Problemlage der Schulen, welche sich zum Handeln veranlasst sehen, ähnlich: Gewalt in allen Formen, Bandenwesen, Drohungen, provokantes Verhalten im Unterricht, Schulmüdigkeit, Alkohol- Drogen- und Medikamentenkonsum. Viele Lehrer berichten, sie hätten den Eindruck, sich nicht mehr dem schulischen Kerngeschäft widmen zu können.

So geht es im konkreten Alltag darum, dass auch Lehrerinnen und Lehrer erfolgreich mit den Schulsozialarbeitern kooperieren und umgekehrt. Die Schulsozialarbeit darf nicht als Fachpersonal zur Wiederherstellung der "Unterrichtsfähigkeit" von problematischen Schülerinnen und Schülern gesehen werden. Stattdessen sollten bei Schulschwierigkeiten  Lösungen von Lehrerinnen und Fachpersonal der Schulsozialarbeit gemeinsam gesucht werden und Schulsozialarbeit als sinnvolle, fachliche Ergänzung des Arbeitsfeldes gesehen werden.

Scharnier-Funktion der Schulsozialarbeit wird immer wichtiger, auch und vor allem an Ganztagschulen
Die Entwicklungen und Erfahrungen zeigen, dass Schulsozialarbeit eine notwendige zweite professionelle Kompetenz innerhalb der Schule ist. Sie wirkt als eine Instanz wirkt, die niedrigschwellige Angebote schafft, eigene Räume anbieten kann, an der Organisationsentwicklung von Schule mitwirkt und sozialpädagogische Methoden einbringt.
Da der besondere Ansatz von Schulsozialarbeit darin besteht, Arbeitsansätze, Handlungsformen und Ziele der Jugendhilfe zu realisieren, geht die Schulsozialarbeit über den Regelauftrag von Schule und Lehrerinnen und Lehrern hinaus. So verstanden, nimmt sie eine wichtige Schanierfunktion zwischen Schule und Gemeinwesen wahr. Durch ihre Kooperation mit vielen Verbänden, Vereinen, Institutionen wird sie sogar "zu einer Agentur neuer Formen der Kooperation und Vernetzung im sozialräumlichen Umfeld der Schule", heißt es in einem Fachartikel zur Schulsozialarbeit.

Dieses intergrationsorientierte Konzept erfordert Anpassungsleistungen von beiden Seiten: So trägt die Schulsozialarbeit ein großes Repertoire an Methodenwissen mit sich, an dem auch die Lehrer wachsen könnten. Allerdings bedeutet Schulsozialarbeit nicht einfach Sozialarbeit an der Schule und so müssen auch die Fachpersonen der Schulsozialarbeit an einem gemeinsamen pädagogischen Konzept und der Definition von Zielen mit Schulgemeinden arbeiten. "Die Methodendiskussion der Schulsozialarbeit ist erst im Entstehen. Eine der zukünftigen Aufgaben gerade auch in der Forschung ist es somit, zur Professionalisierung der Schulsozialarbeit beizutragen", schreibt Matthias Drilling in dem Artikel "Was ist Schulsozialarbeit?".

Seit fünf Jahren gibt es eine intensive fachpolitische Diskussion über eine verbesserte Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule. Im Juni 2004 haben schließlich die Jugend- und Kultusminister die gemeinsamen Arbeitsfelder und Vorhaben in einem Beschluss zusammengetragen. Daraus ergeben sich Hinweise für die Weiterentwicklung und Intensivierung der Schulsozialarbeit. Auch durch den Ausbau von Ganztagsschulen weitet sich das Arbeitsfeld der Schulsozialarbeit aus. Denn mehr noch als Halbtagsschulen brauchen Ganztagsschulen sozialpädagogische Fachkräfte.

 

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 02.01.2006
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