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16. 03. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Gefährten gegen Gefahren

Schüler einer Duisburger Hauptschule gewannen den "Buddy-Wettbewerb".

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Die Landesgewinner "Brandenburg" des Buddy-Wettbewerbs

Auch Taucher verwenden den Begriff "Buddy-System". Hier werden Grüppchen gebildet, in denen die einzelnen Taucherinnen und Taucher sich gegenseitig in gefährlichen Situationen helfen. Dieser Grundgedanke steckt hinter dem Buddy-Projekt der Vodafone Stiftung Deutschland. Dass diese soziale Unterstützung von Jugendlichen auch an Schulen von Nöten ist, wurde schon Anfang der 90er Jahre erkannt. Die Enquete-Kommission "Gewalt" benennt in ihrem Endgutachten einige Gründe, die Gewalt an den Schulen begünstigen: "Ein gleichgültiges Verhältnis von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrenden zur Schule, die Frustration schulmüder und leistungsschwacher Schüler und den Vorrang der Wissensvermittlung gegenüber dem Erziehungsaspekt."

Handeln, bevor die Kinder abgleiten
Einen erzieherischen Ansatz bietet der Buddy e.V.. Er setzt sich seit 1999 für soziales Lernen von Jugendlichen im schulischen und außerschulischen Rahmen ein. Der Verein schwört auf Selbstorganisation und das Vertrauen von Jugendlichen gegenüber Gleichaltrigen, die mit Erwachsenen oft schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das gesamte Buddy-Programm soll die Jungendlichen zur Eigeninitiative ermuntern und ihre soziale Handlungskompetenz stärken. Das Projekt richtet sich an Schüler und Lehrer und ist nicht an bestimmte Themen gebunden. Es kann sowohl ein Thema als auch mehrere soziale Ziele und Aktionen beinhalten. Neben Streitschlichtung ist beispielhaft, dass Buddys Schülerinnen und Schülern mit Lernproblemen helfen oder auf den Pausenhöfen darauf achten, dass die Schülerinnen und Schüler gewaltfrei bleiben. Einige engagieren sich aber auch für Senioren im Altersheim. Diese Aktionen stehen unter dem Motto "Aufeinander achten - füreinander da sein".

Das bundesweite Buddy-Projekt entstand ursprünglich aus der Zusammenarbeit des Straßenkinder-Hilfevereins Off-Road-Kids und des Düsseldorfer Mobilfunknetzbetreibers Vodafone. Bei der Entstehung des Projektes machte man sich eigentlich Gedanken darüber, wie man verhindern könnte, dass Kinder und Jugendliche auf der Straße landen. Durch die konkreten Umstände an den Schulen hat sich daraus ein Projekt inklusive eines Konzeptes entwickelt, das soziale Themen allgemein in und außerhalb der Schulen, zum Beispiel in Jugendeinrichtungen ins Blickfeld rückt. Inzwischen gibt es Schwerpunkte wie "Streit", "Gewalt" und "Schulverweigerung", zu denen es Präventionspakete gibt, die der Buddy e.V. für Schulen und Jugendeinrichtungen zusammengestellt hat. Diese Hilfen für den praktischen Einsatz sollen es ermöglichen, das Buddy-Projekt den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen entsprechend in Schule und Unterricht zu integrieren.

Die sozialsten Schüler kommen aus Duisburg
Kürzlich organisierte der Buddy e.V. einen bundesweiten Schulwettbewerbes "Mach mit! Verantwortung leben". Die 16 Landessieger, welche die überzeugendsten Aktionen ins Leben gerufen haben, fuhren Anfang Februar mit einer je zehnköpfigen Delegation nach Hannover. Gewinner des Wettbewerbs ist die Hauptschule Lange Straße aus Duisburg:Zu diesem Anlass überreichten kürzlich die Buddy-Schirmherrin Doris Schröder-Köpf und der Fußball-Bundesligatrainer Peter Neururer einer Schülerdelegation aus Duisburg in Hannover einen Siegerpokal sowie einen Scheck über 5000 Euro. Doris Schröder-Köpf, die das Projekt seit 1999 als Schirmherrin unterstützt, zeigte sich begeistert: "Das große Engagement aller beteiligten Schüler und die Vielzahl der initiierten und verwirklichten sozialen Projekten ist großartig", sagte sie während der Preisverleihung. "Die Hauptschule Lange Straße lebt soziale Verantwortung an ihrer Schule."

Die achtköpfige Jury entschied sich für diese Schule, da sie von der Bandbreite und Bedeutung der umgesetzten Projekte beeindruckt war. So haben praktisch alle Schülerinnen und Schüler während der vergangenen vier Jahre an Buddy-Projekten mitgewirkt. Sie engagieren sich in Projekten wie "Schule ohne Rassismus", kümmern sich um die Pflege der Ehrenfelder russischer Soldaten und ukrainischer Zwangsarbeiter und um alte Menschen im Seniorenheim. Das antirassistische Engagement entwickelte sich als Antwort auf die Anschläge in New York vor fünf Jahren. In erster Linie traten muslimische Kinder für das Projekt "Schulen ohne Rassismus" ein. Denn sie hatten Angst, mit Fundamentalisten über einen Kamm geschert zu werden. Für diesen Einsatz erhielt die Schule bereits den Titel "Schule mit Courage".

Der Austausch der Kulturen wird an der Hauptschule Lange Straße mit einem Migrantenanteil von über 40 Prozent auch auf anderer Ebene gefördert: So werden die jeweiligen Schüler der Klasse 5 mit Rücksicht auf ihren religiösen Hintergrund eingeschult. Evangelische, katholische oder islamische Religionsvertreter begleiten die Einschulung mit jeweils einer Textstelle, die in der Bibel oder im Koran vorkommt. Als im vergangen Jahr in der Vorweihnachtszeit Neonaziaufmärsche im Ruhrgebiet zunahmen, starteten die Schüler eine Aktion zu der Frage "Woran erkennen wir die Rechten überhaupt?" Symbole und Kleidungsstil der Neonazis wurden recherchiert und in der Schule ausgestellt.

 "Buddys" kümmern sich um ihre Mitschüler
Die Initiatoren zielten mit dem Wettbewerb darauf, Schüler und Lehrer zu motivieren sowie soziale Verantwortung an den Schulen ernst zu nehmen. Hierzu sagte Bernhard Lorentz, Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung Deutschland: "PISA hat neben Defiziten bei der Vermittlung klassischer Fachinhalte auch Nachholbedarf im sozialen Umgang der Schüler untereinander aufgezeigt. Wir wollen die Schulen ermutigen, uns das Gegenteil zu beweisen oder sich künftig zu engagieren, etwa über das Buddy-Prinzip." Die Schülerinnen und Schüler aller weiterführenden Schulen konnten für den Buddy-Schülerwettbewerb Berichte über ihre sozialen Aktivitäten an der Schule einreichen. Mehr als 1.500 Jugendliche beteiligten sich daran.

Wo es früher an der Schule zu Handgreiflichkeiten kam, wird heute an der Hauptschule Lange Straße vor allem mit Worten gefochten. So gibt es in jedem Jahrgang zwei bis drei Streitschlichter, die bei kleineren Konflikten zwischen den Mitschülern vermitteln. Zwar mangelt es hier und da an der Akzeptanz, doch Projektleiterin Hannelore Denskus ist zuversichtlich, dass auch dieses Projekt noch besser fruchtet, wenn die Schlichter bald ihr eigenes Büro am Pausenhof beziehen werden. Die Streitschlichter haben im Zuge ihrer Lehrgänge sogar ein Theaterstück zum Thema "Gesicht zeigen" geschrieben, das von anderen Schülern aufgeführt wurde. Durch die soziale Umtriebigkeit der Schule hat sich ihr Image im Stadtteil Rheinhausen über die Jahre positiv gewandelt, das Selbstbewusstsein der Hauptschüler ist gestiegen. Besonders, "wenn in der Cafeteria die vielen Zeitungsberichte hängen. Das ist für sie eine tolle Bestätigung", sagte die Projektleiterin.

Experten in eigener Sache
Das Konzept der so genannten "Peergroup-Education" ist die Grundlage des Buddy-Projekts. Es geht davon aus, dass Jugendliche Experten in eigener Sache sind. Die Peergroup-Education berücksichtigt, dass neben den Eltern für die meisten Jugendlichen gleichaltrige Freundeskreise und Gruppen an Bedeutung gewinnen. In jeder Peergroup gibt es Menschen, die besondere Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit der anderen Jugendlichen genießen. An dieser Stelle setzt die Peergroup-Education an. Die Kooperation mit diesen "Peers" soll es ermöglichen, Jugendliche durch Gleichaltrige zu informieren.

Die Vorteile dieses selbstständigen Agierens überzeugen: "Mit dem Buddy-Prinzip gewinnen alle: Jugendliche, denen geholfen wird, erfahren Solidarität und lernen, dass Integration Basis für das Zusammenleben einer Gruppe ist", betonen die Initiatoren des Projekts. So erwerben die "Buddys" Qualifikationen für ihr Leben. Sie lernen Probleme zu analysieren, Strategien zu entwickeln und aktiv umzusetzen. Die Pädagogen wiederum spürten eine Entlastung sowie eine "natürliche" Veränderung ihrer Rolle: Vom allein verantwortlichen "Instruktor" hin zum lediglich begleitenden Coach. So erfahren die Schulen eine Bereicherung des Schullebens, "eine veränderte Schulkultur des Förderns und des Forderns".

Autor(in): Katja Haug
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Datum: 16.03.2006
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