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05. 12. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Vom Schulteich zum Dekadeprojekt

UN-Dekade-Schule "Bildung für nachhaltige Entwicklung" des Jahres 2005

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Jürgen Marek, Schulleiter des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Harburg

Online-Redaktion: Wann haben Sie das Modethema "nachhaltige Bildung" für Ihre Schule entdeckt?                           
 
Marek: Das ist ein langer Prozess, den wir schon mit dem Projekt "Umweltschule in Europa" vor vielen Jahren begonnen haben. Da waren wir eher ökologisch orientiert. Ökologische und ökonomische Perspektiven haben wir im Hamburger "fifty-fifty-Projekt" aufgegriffen. Mit dem fifty-fifty-Projekt verringern wir und andere Hamburger Schulen den Verbrauch von Energie und Wasser sowie der Abfälle merklich. Das umweltbewusste Verbraucherverhalten der Schulen wird damit belohnt, dass die Schulen die Hälfte des eingesparten Geldes selbst einstecken können.  

Zudem haben wir an unserer Schule eine starke Sozialorientierung. Der soziale Gedanke ist kein Stiefkind der ökologischen und ökonomischen Orientierung. In den elften Klassen steht ein Sozialpraktikum auf dem Stundenplan, wobei die Schülerinnen und Schüler Erfahrungen in sozialen Einrichtungen sammeln. Wir haben festgestellt, dass unsere vielfältigen Projekte doch zu wenig zusammen hingen. Wir haben deswegen ein Leitbild "Bildung für nachhaltige Entwicklung" gesucht, um ökologische, ökonomische und soziale Aspekte zu bündeln. Auch die verstärkte Partizipation von Schülerinnen und Schülern gehörte zu diesem Leitbild.   

Online-Redaktion: Reicht es nicht aus, einfach Lehrkräfte der Fächer Biologie, Wirtschaft und Sozialkunde zusammenzubringen, um das Verständnis für nachhaltige Bildung im Unterricht zu festigen?

Marek: "Bildung für nachhaltige Entwicklung" weist über den Unterricht hinaus. Schule muss leben, was sie lehrt. Sehen Sie etwa unser Schulleben. Weihnachtsfeste stehen bei uns traditionell immer unter dem Aspekt: "Wir sind eine Welt". In der Schule selbst verankern wir nachhaltige Projekte wie Energiesparprojekte, Wassersparprojekte, Müllvermeidung aber auch Projekte zu gesunder Ernährung und aktiver Pause. Dies alles betrachten wir auch unter dem Gesichtspunkt der Partizipation, also der Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an der Entwicklung der Projekte.  

So decken wir auch in unseren Schülerfirmen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte ab. Wir betreiben eine eigene Solaranlage und speisen Strom ins Netz. Dafür bekommen wir eine Einspeisevergütung. Mit diesem Geld finanzieren wir unseren Jahresbericht, mit dem wir dokumentieren, was alles an der Schule im laufenden Jahr passiert ist. Aktivität allein reicht aber nicht hin. Man muss Schulprojekte für nachhaltige Entwicklung auch bewerten.   

Eine unserer Schülerfirmen hat sich mit "Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht befasst. Mit der Schulleitung hat diese Beratungsfirma einen Vertrag abgeschlossen. Auf der Grundlage dieses Vertrages haben die Schülerinnen und Schüler ein Gutachten erstellt, das Aussagen darüber macht, was qualitativ hochwertiger Unterricht aus der Sicht von Schülerschaft, Eltern, Lehrkräften und Betrieben eigentlich sei. Die Ergebnisse der empirischen Überprüfungen haben die Schülerinnen und Schüler vor allen schulischen Gremien präsentiert, was auch Teil des Vertrages war - vor Schülerrat, Elternrat, Schulkonferenz, Lehrerkonferenz. An diesem Projekt haben die Schüler ein Jahr lang gearbeitet und auch etwas Geld verdient.

Online-Redaktion: Wie gehen Sie bei der Bewertung Ihrer vielen Projekte vor?   

Marek: Neben der internen Evaluation holen wir uns auch externe Inspektoren ins Haus. Wir haben uns schon vor vielen Jahren durch externe Gutachter zertifizieren lassen. Bei dem ersten Öko-Audit-Prozess begleitete uns eine Moderatorin, die sonst Firmen begutachtet. Sie untersuchte die Managementprozesse an unserer Schule sowie die Partizipation der Schülerinnen und Schüler an den Projekten zur nachhaltigen Entwicklung.   

Das schulische Öko-Audit besagt, dass es in einer Schule bestimmte Strukturen und Standards geben muss, etwa ein Schulmanagement, das sich mit der kontinuierlichen Verbesserung von nachhaltigen Strategien beschäftigt. Wir waren eine der ersten Schulen in Deutschland mit professionellem Öko-Audit. Die Standards des Audits betreffen den Fluss der Stoffe, der Energie und der Kommunikation, sie machen Aussagen zu Partizipation und stellen Anforderungen an die Lieferanten. Betriebe und Schulen formulieren vor der Begehung durch die Gutachter eine Umwelterklärung. In dieser der Öffentlichkeit zugänglichen Erklärung werden alle Fakten der Schule mit Blick auf den Umweltschutz, Zahlen über eingesetzte Rohstoffe und anfallende Reststoffe und ähnliches detailliert aufgeführt. Daraus entsteht ein Maßnahmenkatalog in Form eines "Wer-macht-was-bis-wann-Programms", den die Gutachter bei ihrem Besuch Punkt für Punkt abhaken.   

Letztendlich war uns dieser Ansatz dann aber zu ökologisch, zu wenig auf soziale Strukturen und auf das Kerngeschäft von Schule, den Lernprozess, bezogen. Ich betrachte die einseitige Orientierung auf Ökologie auch als Hemmnis für "Bildung als nachhaltige Entwicklung", weil die Fokussierung auf Ökologie diese zu einem Nischendasein verdammen würde. Der entscheidende Punkt, der die Entwicklungsstrukturen im Lokalen und im Globalen bestimmt, ist die Trias aus Ökologie, Ökonomie und Soziales.   

Online-Redaktion: Nun sind Sie nicht nur von Fachleuten bewertet worden. Denn von den Vereinten Nationen haben Sie als erste Hamburger Schule die Auszeichnung des internationalen UN-Dekade-Projektes "Bildung für nachhaltige Entwicklung" erhalten. Das ist doch kein Zufall, dass wieder einmal ein Gymnasium ausgezeichnet wurde?

Marek: Bei den UN-Dekade-Projekten gibt es auch Schulen, die keine Gymnasien sind: Es gibt Hauptschulen und Gesamtschulen und andere Schultypen - der Schultyp spielt eigentlich keine Rolle. Worauf es ankommt ist, dass die Schulen einen langen Atem haben, denn man kann eine Schulentwicklung mit der Zielrichtung nachhaltiger Entwicklung nicht so einfach aus dem Boden stampfen. Und vor allem kann man solche Projekte nicht von oben herab in die Wege leiten. Am besten fängt man mosaikartig mit kleinen ökologischen, ökonomischen oder sozialen Projekten an und schreitet dann allmählich weiter. Wir selbst haben vor rund 20 Jahren mit einem einfachen Schulteich angefangen. Ab einem gewissen Punkt jedoch muss man die verstreuten Projekte unter einer Leitstrategie bündeln. Diese muss allerdings auch personell unterstützt werden, von der Lehrkraft über die Sekretärin bis zum Hausmeister, von der Papierbeschaffung und dem Energiesparen bis zu Veränderungen der Unterrichtsinhalte und -methoden -  Sie brauchen alle Beteiligten in einem Boot. Wir haben für diese Entwicklung rund zwölf Jahre gebraucht.  

Online-Redaktion: "Bildung für nachhaltige Entwicklung" - klingt gut. Doch ist dies nicht wieder nur eine von vielen modischen Erscheinungen, die periodisch das Bildungswesen heimsuchen. Ist nachhaltige Bildung selbst auch nachhaltig?

Marek: Ich sehe das nicht als Modeerscheinung. "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ist natürlich eine ziemlich sperrige Sache. Es ist eine pädagogische Leitidee mit normativem Charakter, die sich auf das gesamte Schulleben und den Unterricht auswirkt. Es ist ein tragfähiges Leitbild, weil - das muss man sehen - viele Schulen fern eines Leitbildes oder einer stimmigen Strategie arbeiten. Der Ansatz "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ist aus zweierlei Gründen tragfähig.   

Erstens geht es darum, zwischen den Generationen zu vermitteln. Es geht um die Gestaltung von lebenswerten Räumen in der Zukunft in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht. Generationengerechtigkeit ist ein außerordentlich wichtiger Gesichtspunkt. Zweitens müssen wir alle Entwicklungen auch aus globaler Hinsicht wahrnehmen. Ohne diese globale Sichtweise kann man langfristig überhaupt keinen Fuß mehr auf den Boden bringen.   

Online-Redaktion:
Die Globalisierung überfordert viele Menschen. Warum sollen gerade Schulen die Globalisierung noch forcieren?  

Marek:
Globalisierung überfordert viele Menschen, gewiss. Aber in der Schule geht es uns nicht um den abstrakten Begriff  der nachhaltigen Bildung, sondern darum, diesen Begriff mit Leben zu füllen und zu illustrieren. Nehmen Sie unser Projekt "Gambia unter Strom": Dort haben wir 2002  in einem Partnerdorf in Gambia eine Solaranlage gemeinsam mit Schülern, Lehrern und unserem Hausmeister installiert. Zudem haben wir im Jahr 2005 neue Technologien entwickelt, so genannte "Powerboxen", die man an der Station aufladen kann und mobil an verschiedene Haushalte bringen kann. Das sind intelligente Technologien, die man nicht in den Industriegesellschaften entwickelt, sondern mit den Partnern im Ausland. Auf diese Weise erfährt man nicht nur etwas über nachhaltige Bildung, sondern wird in nachhaltigem Denken und Handeln geschult. 


Jürgen Marek, geb. 1950, seit 4 Jahren Schulleiter des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Hamburg-Harburg. Lehrer für die Fächer Biologie, Chemie und Erziehungswissenschaften. Aktuelle Projekte: 1. Umsetzung des Leitbildes "Bildung für nachhaltige Entwicklung". 2. Systemische Fortbildung des Kollegiums in einem vierjährigen Fortbildungsprojekt mit der Hauptthematik "Entwicklung kooperativen Lernens und Umgang mit Heterogenität". 3. Teilnahme am Schulversuch "Selbstverantwortete Schule in Hamburg".

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 05.12.2005
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