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13. 10. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Eine Hörbrille hilft beim Lernen

Beim Landeskongress für Musikpädagogik dreht sich nicht alles um Musik

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Zuhören ist wieder in Mode...



Die Gesichter sind angespannt. Keiner der zwölf Erwachsenen, die im Kreis stehen, gibt einen Laut von sich. Das einzige, das sich bewegt, ist ein Blatt Papier, das vorsichtig von Hand zu Hand weitergegeben wird. Jeder ist dabei bemüht, möglichst kein Geräusch zu machen. Das erfordert höchste Konzentration. Die meisten der Teilnehmer sind Lehrerinnen und Lehrer, die hier keine gemeinsame Meditationserfahrung suchen, sondern Anregungen für den Unterricht. Im Kurs "Hör-Spielen" der Stiftung Hören auf dem achten Landeskongress der Musikpädagogik in Stuttgart geht es darum, das aktive Zuhören der Schülerinnen und Schüler als Kulturtechnik zu fördern. Volker Bernius, Fachbeirat bei der Stiftung Hören, weiß aus Erfahrung, dass Kinder das erste Mal in einem Hörclub "manchmal sogar Angst haben, weil es so still ist". In der reizüberfluteten Welt von heute will neben dem Schreiben, Rechnen und Lesen auch das aktive und sinnerschließende Zuhören wieder neu gelernt sein.

Die Veranstalter des Landeskongresses der Musikpädagogik, der vom 6. - 9. Oktober 20005 an der Musikhochschule in Stuttgart stattfand, konnten sich über mangelndes Interesse nicht beklagen: Zu den Konzerten, Vorträgen, Workshops und Ausstellungen kamen weit über tausend Besucher. In seiner Eröffnungsrede warnte der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog vor einer "Rationalisierung der Musikvermittlung". Unisono betonten alle Redner bei der Eröffnung die Bedeutung der Musik für die Persönlichkeitsbildung von jungen Menschen. Wo sonst, wenn nicht beim gemeinsamen Musizieren würden Kinder Schlüsselqualifikationen wie Teamgeist, kreative Zusammenarbeit und sozialen Umgang auf spielerische Art und Weise lernen?

Geräusche sind ein Fundus für die Phantasie
Das Zuhören stand im Programmheft zwar nicht in der prominenten ersten Reihe, doch tauchte es an verschiedenen Orten und Zusammenhängen auf: Zum Beispiel bei den Hörclubs und dem musikalischen Mathematikunterricht.
Die zwölf Lehrerinnen und Lehrer des Kurses "Hör-Spielen" haben es nicht geschafft, das Papier völlig geräuschlos weiterzugeben. Eine Teilnehmerin, die in einer Realschule unterrichtet, erklärte ihren Kolleginnen und Kollegen, dass es ihr mit einem ähnlichen Spiel gelinge, den Lärmpegel in ihrer Klasse nach der Pause um einige Dezibel zu senken und die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler deutlich zu erhöhen. Die Stiftung Hören hat sich zur Aufgabe gemacht, an Deutschlands Schulen Hörclubs einzurichten. Über 550 sind es bereits.

Die Hörkoffer, die zur Grundausstattung eines Hörclubs gehören, kosten natürlich etwas, sind aber auch vollgestopft mit Hörspielen für verschiedene Altersgruppen, Geräusch- und Klang-CDs, Spielen rund ums Hören und ausführlichen Unterrichtsmaterialien. Trotz dieses reichhaltigen auditiven Angebots beschränkt sich Volker Bernius in Stuttgart bei seinem Vortrag auf die Geräusche. Denn die faszinierende Welt der Geräusche zeigt am eindrucksvollsten, mit welch einfachen Mitteln sich Kindern zum Staunen und konzentrierten Mitmachen animieren lassen. Manche Hörclubs, so erfahren die Teilnehmer, gehen mit Mikrofon und Recorder in die Natur und fangen Geräusche ein, setzen sich Hörbrillen auf um in der Natur ganz Ohr zu sein oder bekommen ein unbekanntes Geräusch vorgespielt, das sie dann mit ihrer Phantasie einfangen und zu Papier bringen sollen. Danach, so berichtet Volker Bernius, kommen in einer Klasse gerne mal zwanzig verschiedene Entwürfe zustande. Viele Lehrerinnen und Lehrer, die schon Erfahrungen mit einem Hörclub haben, berichten, dass die Schülerinnen und Schüler nach einigen Wochen teilweise wie ausgewechselt seien: Motivierter, konzentrierter und ausgeglichener. Auch die Fähigkeit, Entfernungen richtig einzuschätzen, lassen sich durch das Hören trainieren. Die Klasse bildet einen Kreis um einen Schüler, dem die Augen verbunden werden und der im Besitz des imaginären "Glitzersteins" ist. Dieser soll ihm gestohlen werden, aber er weiß nicht aus welcher Richtung der Dieb kommt. Er kann sich nur auf sein Gehör verlassen. Die Tatsache, dass Kinder dieses Spiel lieben, zeigt einmal mehr, dass es nicht auf das Spektakel ankommt. 

Mit Musik lernt sich Mathematik einfacher
Geräusche, Töne und Zuhören spielen auch ein paar Räume weiter eine große Rolle: Die Teilnehmer des schulpraktischen Kurses "Mathe macht Musik" müssen am Klang von fallenden Münzen ihren Wert erkennen. Das ist eine Möglichkeit, Kindern den Mathematikunterricht über das Hören schmackhaft zu machen. Sie lernen in einer Art Quiz zu subtrahieren, zu addieren und nebenbei erfahren sie noch Nützliches über das Zahlungsmittel Geld. Für den Referenten Markus Cslovjecsek, Professor für Fach- und Bereichsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule der FHA Nordwestschweiz, sind Klang und Bewegung wichtige Werkzeuge im Unterricht, um die aktiven Lernwege der Kinder zu fördern: Entfernungen werden über die Lautstärke oder über die Länge der Töne eingeschätzt, beim Thema Zufall und Kombinatorik kommen Würfelspiele zum Einsatz, bei denen die Kinder die Augenzahl mitklopfen oder mitklatschen und auf diese Art sogar komplexe Reihenfolgen reproduzieren lernen.

Mehr als Musik - der Musikunterricht
Im Musikunterricht selbst lässt sich auch fächerübergreifender Unterricht realisieren. So kann der Musikunterricht auch zu einer intensiven historischen Lehrstunde werden. Die Musik- und Geschichtslehrerin Wiebke Reichardt stellte in Stuttgart die Unterrichtseinheit "Musik im Dritten Reich" für die gymnasiale Oberstufe vor. Keine Frage, dass die Musik selbst in dieser Unterrichtseinheit im Vordergrund stand - die Lieder der Täter, die Lieder der Opfer, der Missbrauch deutscher Komponisten am Beispiel von Bruckner und Liszt, über Hitlers Wagner, bis hin zu "entartete Musik" und der Musikkultur im KZ Theresienstadt. Doch hinter der rein musikalischen Ebene spielen sich Lernprozesse ab, die weit über die Instrumentation eines Musikstückes hinausgehen. Eine Erfahrung, die auch die Teilnehmer in Stuttgart machten. Eine Unterrichtsstunde in Echtzeit, unterbrochen von Analyse und Reflexion. Der Vergleich der Hörerwartungen und Höreindrücke von der "Arie des Todes" geriet zu einer besonders intensiven Diskussion - schließlich hatte der jüdische Komponist Victor Ullmann das Musikstück im KZ Theresienstadt geschrieben.

Der Landeskongress für Musikpädagogik in Stuttgart hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Musik sich gerade auch außerhalb ihres Kernbereiches, der Musik an sich, auf vielerlei Art und Weise positiv auswirken kann. Eine fächerübergreifende Entwicklung, die hoffentlich Schule macht.

 

 

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 13.10.2005
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