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07. 04. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

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Interkulturelle Elternarbeit verhilft jugendlichen Migranten zum gelingenden Berufsstart

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Mütter beim Elterntreff

Neue Ideen sind gefragt, wenn Arbeitslosigkeit und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt bekämpft werden sollen. Die aus dem Europäischen Sozialfonds kofinanzierte Gemeinschaftsinitiative Equal hat sich zum Ziel gesetzt, diese neuen Wege zu erproben. Zugleich möchte die Initiative lebensbegleitendes Lernen fördern und neue Arbeitsplätze schaffen. Equal ist eingebettet in die Europäische Beschäftigungsstrategie.

Equal auf Entdeckungsreise 
In diesem Rahmen fördert die Initiative innovative Modelle, mit denen versucht wird, die Ungleichheiten und Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt zu beseitigen. Sie sieht sich selbst auch als ein "arbeitsmarktpolitisches Laboratorium". Die Umsetzung der Projekte im Rahmen von Equal geschieht in Form von Netzwerken, so genannten Entwicklungspartnerschaften, in denen Arbeitsmarktakteure zusammenarbeiten, um integrative Konzepte gegen Diskriminierung und Ungleichheiten in Beruf und Ausbildung zu entwickeln. Insgesamt nehmen 109 Entwicklungspartner an der Umsetzung von Equal teil. Die Entwicklungspartnerschaft Köln hat sich inhaltlich dem Schwerpunkt "Übergangsmanagement Schule-Beruf" gewidmet, der sich gegen die Jugendarbeitslosigkeit richtet. Zu den betroffenen Menschen gehören häufig Menschen mit Migrationshintergrund. Mitglieder der Steuergruppe sind beispielsweise das Schulamt der Stadt Köln, die Handwerkskammer und die Fachhochschule Köln.

Das im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft umgesetzte Projekt "Übergangsmanagement Schule-Beruf" besteht aus zwölf Teilprojekten. Diese tragen Titel wie "Sprachförderung Deutsch", "Internationale Förderklassen an Berufkollegs" oder "Berufliche Mädchenförderung" und "Interkulturelle Elternarbeit". Das Teilprojekt "Interkulturelle Elternarbeit" wird von zwei Kölner Migrantenzentren umgesetzt, wobei das Klaus-Novy-Institut das Projekt wissenschaftlich begleitet und evaluiert. 

Eltern zu guten Beratern machen
"Um Mädchen und Jungen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern, ist es wichtig, die Eltern der Heranwachsenden zu guten Beraterinnen und Beratern für die Zukunft ihrer Töchter und Söhne zu machen", sagt der Sozialpädagoge Alaaddin Erden vom Deutsch-Türkischen Verein. Familienbezogene Faktoren seien häufig eine Ursache der zu geringen Ausbildungsbeteiligung. Zu solchen familienbezogenen Ursachen gehöre "ein zu wenig an Information über die Wichtigkeit einer Ausbildung und auseinander gehende familiäre Zukunftsentwürfe wie Rückkehrorientierungen von Familien mit Migrationshintergrund". Auch zu eng gefasste Berufsvorstellungen der Eltern oder geschlechtsspezifisches Berufswahlverhalten der Jugendlichen hemmen den erfolgreichen Eintritt ins Berufsleben. Oft würden die Eltern sich zu stark an jenen Berufen orientieren, die lediglich im Herkunftsland gute Chancen hätten. Ebenso seien die Vorstellung vom "schnellen Geldverdienen" oder entmutigende Erfahrungen mögliche Gründe für weniger gelungene Berufseingangsphasen. So versteht der Deutsch-Türkische Verein Köln e.V. die Einbeziehung von Migranteneltern in den Prozess der Berufsorientierung und Berufsfindung als einen Schlüssel auf dem Weg zur erfolgreichen Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Das Projekt "interkulturelle Elternarbeit" zielt räumlich vorrangig auf Stadtteile, mit sozialen Problemlagen. Wie können die Migrantenzentren die Eltern erreichen? Das Arbeitslosen- und Bürgerzentrum "Vingster Treff" sowie der "Deutsch-Türkische Verein Köln" organisieren Familienbesuche, sprechen Multiplikatoren an, richten Sprechstunden für Eltern ein, veranstalten thematische Elternabende in Schulen und Betriebsbesichtigungen. Die Migrantenzentren machen in Form von Informationsveranstaltungen das Bildungssystem für Eltern und deren heranwachsende Kinder transparent. Die Eltern sollen auf diesem Wege kompetente Unterstützer für die Zukunft ihrer Kinder werden.

Mütter und Väter auf die Schulbank
Die Migrantenzentren organisieren an Schulen Elternabende mit Müttern und Vätern von Schülern der fünften Klasse. "Sie sind dafür gedacht, die Eltern frühzeitig zu informieren und für Themen wie Berufswahl, Ausbildungs- und Schulsystem oder den Arbeitsmarkt sensibel zu machen", so Alaaddin Erden. Da das deutsche Schulsystem sehr kompliziert und sehr verschieden vom türkischen Schulsystem ist, werden die Eltern auch hierüber unterrichtet" erklärt Alaaddin Erden, der selbst über einen türkischen Migrationshintergrund verfügt. Mit aufsteigenden Klassen wird das Thema "Berufswahl" immer konkreter, da viele Schulen gleichzeitig Berufspraktika und Berufsorientierungen für Schüler im Unterricht anbieten. Solche Themenabende finden mit den achten Klassen in der Henry-Ford-Realschule und mit den siebten und achten Klassen der Realschule im Hasental statt. Die zentralen Thema der Elternabende sind das unterschiedliche Rollenverständnis von Eltern und Schule im Erziehungsprozess und die praktischen Möglichkeiten der Eltern, den Schulerfolg ihrer Kinder aktiv zu unterstützen. Hier bestünden oft interkulturell geprägte auseinander gehende Erwartungen, die Anlass zu Konflikten zwischen den Eltern und der Schule sein können.

Die Elternabende finden auf türkisch oder zumindest auch zweisprachig statt. Alle Eltern werden zu Anfang telefonisch eingeladen. Laut Zwischenbericht des Klaus-Novy-Institutes (KNI) helfe es auch, in Kooperation mit den muttersprachlichen Lehrenden - wenn vorhanden - den Kontakt zu den Eltern von Schülern mit Migrationshintergrund zu suchen. An den Elternabenden nehmen Vertreterinnen und Vertreter der IHK, der Handwerkskammer, der Arbeitsagentur oder aus bestimmten Berufsgruppen und der Lehrerschaft teil. Zu den verschiedenen Aspekten der Berufswahl laden die Migrantenvereine fast immer Referentinnen und Referenten ein, um Gelegenheiten für differenzierte Rückfragen und weitere Terminvereinbarungen zu ermöglichen. Dabei ist laut KNI wichtig, zweisprachige Referentinnen und Referenten zu gewinnen. "Diese Suche kann sich als schwierig erweisen, da die interkulturelle Öffnung vieler Organisationen noch sehr in den Anfängen liegt."

Die Luft der Arbeitswelt schnuppern
Berufsorientierung kann keine rein theoretische Angelegenheit sein. Aus diesem Grund sind Betriebsbesichtungen ein wichtiger Bestandteil des Teilprojektes "Interkulturelle Elternarbeit". Auch Bildungseinrichtungen, Berufsinformationszentren der Agentur für Arbeit, Selbstlernzentren, Kammern und Innungen gehören zu den Orten, die Eltern auf jeden Fall aufsuchen sollten. Oft haben die Migranteneltern keinerlei Vorerfahrungen im Umgang mit diesen Einrichtungen und Organisationen. Mit diesen Kontakten sollen die Vorstellungen über das Spektrum an Berufen erweitert und Zugangsvoraussetzungen zu Firmen und Berufskarrieren aufklären. Dabei ist Zweisprachigkeit durch die Projektmitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Migrantenzentren gewährleistet. Diese Exkursionen zu Bayer, Ford oder zum WDR bieten der Vingster Treff und der Deutsch-Türkische Verein Köln regelmäßig den Müttern und Vätern an, die die Elternabende besuchen.
Viele Firmen und Handwerksbetriebe haben erkannt, dass sie dem absehbaren Facharbeitermangel nur über das gezielte Anwerben und die Ausbildung von Migrantenjugendlichen decken können. "Nach neuesten Zahlen des Schulamtes für die Stadt Köln wachsen etwa 40 Prozent der Schulabgänger nicht mit der Muttersprache Deutsch auf - Tendenz steigend" ist dem Zwischenbericht des Projektes zu entnehmen. Die Betriebe reagieren erfreut auf das Interesse der Migranteneltern, da sie mit ihnen sonst nicht in direkten Kontakt kommen. Auf der anderen Seite nutzen Eltern die Gelegenheit, um direkt nach Praktikumsplätzen für ihre Kinder zu fragen.

Bei einer Tasse Kaffee Zukunftspläne schmieden
Der Deutsch-Türkische Verein Köln und der Vingster Treff halten auch die Gründung und Begleitung von Elterninitiativen für einen wichtigen Bestandteil des Projektes. Dabei möchten sie einen festen Kreis von aktiven Eltern bilden, der sich permanent zum Thema Berufsorientierung weiterbildet und die Anbindung an die Schule sucht. Besonders die Mütter sollten unterstützt werden, da sie oftmals über ein geringes institutionelles Vorwissen verfügten, aber innerhalb der Familie bei der Berufswahl eine entscheidende Rolle spielten, so Erden. So gründete sich im Vingster Treff ein Gesprächskreis von 15 türkischsprachigen Müttern, die dort regelmäßig an wöchentlichen Infoveranstaltungen teilnehmen. Die Frauen treffen sich wöchentlich und sprechen über Themen der Berufsorientierung, unternehmen Exkursionen in das Berufsbildungszentrum, zu Weiterbildungseinrichtungen, zu Kammern und einzelnen Betrieben. Auf diese Weise können Möglichkeiten für Berufspraktika ihrer Kinder erkundet oder Vertreter zu Vorträgen eingeladen werden, an denen dann auch Jugendliche teilnehmen. Dr. Jürgen Bärsch vom Klaus-Novy- Institut sieht schon jetzt das Projekt als "überwältigenden Erfolg, ohne Wenn und Aber."

In der Tat ist der erfolgreiche Übergang von der Schule in die Arbeitswelt der Indikator schlechthin für eine gelungene Integration der nächsten Generation. Es wäre erfreulich, den Blick mehr auf familienbezogene Ursachen der geringen Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu richten und entsprechenden Aktionen Rückenwind zu geben.

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.04.2005
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